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von Boris Blaha

Im Unterschied zu einem rechtlichen Schuldvorwurf, der die Verletzung eines weltlichen Gesetzes oder Gewohnheitsrechtes angeben muss, bezieht der moralische Schuldvorwurf seine Legitimation aus einem, nur bestimmten auserwählten Medien geoffenbarten Universalgesetz. Anders als das Tatsachenereignis, das gewöhnlich von mehreren wahrgenommen, erfahren und in seinen Auswirkungen gemeinsam gedeutet werden kann, erleuchteten die das abendländische Denken prägenden Offenbarungen jeweils nur Einen, das gilt für den Mann am brennenden Dornbusch (Mose), wie für den, der die Höhle der gefesselten anderen verließ, um die Idee, nicht nur ihren Schatten mit seinem geistigen Auge zu schauen (Platons Höhlengleichnis). Was der eine gehört haben soll, soll der andere erblickt haben, aber von weiteren Beteiligten, gar unabhängigen Zeugen ist bislang nichts bekannt, ein Indiz für die merklichen gedanklichen Defizite der Metaphysik gegenüber den öffentlichen Angelegenheiten, in denen stets die gemeinsame Sache Vieler auf dem Spiel steht. Die traditionelle Philosophie hat immer nur den Menschen gedacht, zu einer politischen Leistung wie der antiken Tragödie war sie nicht in der Lage. Auch die monotheistische Gottesvorstellung kennt immer nur den Einen als Ebenbild und die anderen als bloße Wiederholung des Einen.

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von Herbert Ammon

Für den Historiker bestehen wenig Zweifel über den Schuldanteil des deutschen Protestantismus am Aufkommen des ›Dritten Reiches‹ und am weitgehenden Versagen der Kirchenführer, auch der Bekennenden Kirche, an den Wegstationen der im Holocaust gipfelnden Verbrechen des NS-Regimes. Das ist nicht identisch mit Haupt- oder Alleinschuld. Es gehört indes zur Ironie der Geschichte, dass in einem längeren Prozess der Nachkriegszeit innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die deutsche Schuldthematik – mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945 als Ausgangsdatum – wenn nicht zum Kern des christlichen Credo, so zu einem zentralen Dogma erhoben wurde. Den tonangebenden Protestanten geht es nicht mehr um das Seelenheil der Gläubigen, sondern um den aus der Schulderkenntnis – de facto ein Bekenntnis zur deutschen Kollektivschuld an den Nazi-Verbrechen – abgeleiteten Anspruch auf Anleitung zu ›richtigem‹ politischem Handeln zum Heil der Menschheit.

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von Herbert Ammon

Der 6. Januar 2021 wird als Merkdatum in die amerikanische Geschichte eingehen. An jenem winterkalten Donnerstag gipfelte die von dem Wahlverlierer Donald Trump nach den Präsidentschaftswahlen am 3. November 2020 angefachte Kampagne gegen die ›gestohlene Wahl‹ in den Sturm radikaler Aktivisten auf das Kapitol, das legislative Zentrum der Republik. Die Gewaltszenen, die fünf Menschen das Leben kosteten, sowie der massenhafte Protest von Trump-Anhängern machten vor aller Welt die seit langem bestehende – und nicht erst wegen der Persönlichkeit und des Regierungsstils des 2016 als republikanischer Außenseiter ins Weiße Haus gelangten Donald Trump aufgebrochene – Spaltung der amerikanischen Gesellschaft sichtbar.

Wie tief die Kluft zwischen alten, gemäßigt konservativen und neuen ›progressiven‹ Eliten, zwischen conservatives und liberals ist, ob die im Zeichen von French theory, identity, LGBTQ, wokeness, etc. zunehmend ideologisierte, am linken und rechten Rand radikalisierte amerikanische Gesellschaft sich tiefer in ethnisch-sozial und kulturell-religiös getrennte Lager aufspaltet, wird sich in den kommenden Jahre erweisen.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.