Ein satirischer Bericht zum Festakt der Universität Tübingen (2. Juli 2026) anlässlich der Verleihung des Preises "Rede des Jahres 2025" an Christian Drosten
von Heinrich Brian Mann
Es gibt am Neckar ein kleines Universitätsstädtchen. Wie so viele Orte mit einer Universität besitzt es die Fähigkeit, sich zugleich für den Mittelpunkt der Welt und für ihre letzte Bastion zu halten. An manchen Abenden liegt über den Gassen eine eigentümliche Feierlichkeit. Die Neckarwellen flüstern leise gegen das Mauerwerk, die Fassaden tragen ihr ehrwürdiges Grau wie einen alten akademischen Talar, und in den Sälen sammeln sich Menschen, deren größte Sorge darin besteht, rechtzeitig von den richtigen Menschen gesehen zu werden.
Man kommt nicht zu früh. Man erscheint. Ich war aus purer Neugier hineingeraten. Schon nach wenigen Minuten fragte ich mich, ob ich fehl am Platze sei. Dann sah ich mich um und war erleichtert: Ich war es tatsächlich.
Die Herren tragen jene Mienen, mit denen sie gewöhnlich historische Verantwortung übernehmen, ohne dabei ihr Weinglas wegzustellen. Die Damen begrüßen sich mit einer Herzlichkeit, die so dosiert ist, dass sie niemals in Wärme ausartet. Man nickt einander zu. Man erkennt sich. Wer niemanden erkennt, erkennt wenigstens die Bedeutung des Augenblicks. Es ist eine Welt, deren Grenzen weniger aus Mauern als aus Übereinstimmung bestehen. Man könnte sie „Blase“ nennen.
Der Verfall der Wissenschaftsfreiheit und seine Ursachen
von Henrieke Stahl
1. Deutschlands Absturz in der Wissenschaftsfreiheit
Irene Khan, die Sonderberichterstatterin der UN, vermerkt in ihrem Bericht vom 11. Juni 2026, dass es besorgniserregende Anzeichen für eine Erosion der akademischen Freiheit in Deutschland gebe, auch wenn es nach wie vor ein hohes Niveau halte. Anlass für Khans Einstufung sind der überraschend steile Absturz Deutschlands von Platz 1 in 2022 auf Platz 27 und der Wechsel aus der ersten in die zweitbeste Kategorie im Bericht des Academic Freedom Index 2025.
Deutschland steht mit seiner Erosion der Wissenschaftsfreiheit nicht allein. Alle westlichen Demokratien, die eine mehr, die andere weniger, folgen dem ungefähr 2012 weltweit einsetzenden Trend zum Abbau der Wissenschaftsfreiheit. Die westlichen Demokratien hatten am Ende des Kalten Kriegs 1990 ihr höchstes Level der Wissenschaftsfreiheit seit 1960 erreicht und waren dort mehr oder weniger konstant bis 2020 geblieben, um sich dann dem globalen Abwärtstrend anzuschließen und umso steiler abzufallen. Der Abstieg setzt sich auch heute fort.
Wie sieht die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit in Deutschland aus: was ist alt, was ist neu?
von Helmut Roewer
Das jüngste Gemetzel in Nahost begann am 28. Februar 2026. Dieser Krieg beruht, so wie es in der Weltpolitik nur zu häufig zu beobachten ist, auf zwei einander feindseligen, unversöhnlichen Standpunkten, die dann schließlich in einen heißen Krieg einmünden. Mit anderen Worten: Der Gewaltausbruch kam nicht aus dem Nichts, sondern er hat eine lange Vorgeschichte. Genau genommen hat er deren zwei. Es geht um zwei miteinander unvereinbare Geschichtserzählungen, zum einen um die Persiens und zum andern um die der Juden und – hiervon unentwirrbar – die des Staates Israel.
