Aufnahme: ©rs

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne des Berliner Philosophen Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache. 

 

… neulich – auf dem Weg zum Einstein

fand ich in meiner Buchhandlung, Knesebeck Elf, einen Band mit dem irritierenden Titel Also sprach Sarah Tustra … Das verweist lautmalerisch auf jenen berühmten Nietzschetext, dem diese skurrile Variante durch DDR-Geheimpolizisten beim Transkribieren eines Abhörprotokolls zuteil wurde (… who the fuck is Sarah T.?).

Der Band macht die Widerfahrnis des Philosophen durch vierzig Jahre eines Deutschland sichtbar, dessen Traditionen kulturell und politisch zu überwinden sowohl einst der Philosoph als auch dann seine ›linken‹ Verächter versuchten. Der Röckener diagnostizierte aber, dass die geistig-politisch Therapie, die die Linke den Deutschen verordnete, nun den ›Teufel mit Beelzebub auszutreiben‹ versprach: vom Nationalsozialismus zum Sozialismus-in-einem (geteilten)-Land. Dass es dabei einen freien Geist zu entdecken gäbe, einen »der anders denkt, als man von ihm auf Grund seiner Herkunft, Umgebung, seines Standes und Amtes oder auf Grund der herrschenden Zeitansichten erwartet«, blieb der stillgelegten Urteilskraft jener neulinken Weltverbesserer verborgen.

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... neulich im Einstein

erinnerte mich Freund Ulrich – suffix-überladen als ›LiteraturprofessorIn‹ und ›AutorIn‹ ausgewiesen – an einen Satz von Heinrich Heine, demzufolge die deutsche Sprache sehr reich sei, in Form und Wort, dass wir aber für unsere Konversation nur ein Zehntel dieses Reichtums aufwendeten, also faktisch spracharm seien. Darin scheint man sich überall einzurichten, und verfällt – um diese Armut zu kaschieren – auf (armselige) sprachliche Pirouetten, die einen Reichtum imitieren sollen: So soll neu diversity in Erscheinung treten. Überall in der administrativen Kommunikation dominiert bereits dieser ›Gender‹-Einbruch in die orthografische und lexikalische Formkultur des Deutschen.

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 … neulich im Einstein

musste ich lange auf Freund Miloš (aus Prag) warten – aber er hatte mir schon eine ›E-Mail‹ geschickt: sein Zug sei gecancelt worden … Das war der seit langem einzig korrekte Gebrauch dieses Verbs, soviel ich hörte. Aber ›abgekanzelt‹ zu werden, ist eine gegenwärtig überall und von ›den Vielen‹ auszuhaltende demokratie-pädagogische Zumutung: how dare you!, Du gehst ungerührt die Mohrenstrasse entlang? Trägst keine Maske? Liest Shakespeare oder George? Isst Fleisch? Kaufst ›rechte‹ Bücher? Vergisst mit ›man‹ die ›Frau‹? Unsereins lässt das – nolens volens – gern gelten als eine Meinung neben anderen, gedeckt durch den – unbedingten! – Wert: Meinungsfreiheit.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.