Felicitas Söhner
1. Einleitung: NS-Vergangenheit und Psychiatriereform
1967, zwei Jahrzehnte nach Kriegsende, erscheint in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte ein Aufsatz, der sich kaum mit einem psychiatrischen Thema befassen lässt, ohne die bundesdeutsche Fachwelt zu irritieren: Klaus Dörner schreibt über „Nationalsozialismus und Lebensvernichtung" (Dörner 1967). Zwei Jahre zuvor legt eine Denkschrift von Walter von Baeyer, Heinz Häfner und Karl Peter Kisker die Missstände der psychiatrischen Krankenversorgung offen (Häfner et al. 1965) – und geriert binnen weniger Jahre zum Auslöser jener Entwicklung, die 1975 in den Bericht der Psychiatrie-Enquete mündet (Deutscher Bundestag 1975). Beide Texte, der historische wie der reformerische, gehören zusammen. Genau dieser Zusammenhang steht im Zentrum des vorliegenden Beitrags.
Denn die Geschichte der bundesdeutschen Psychiatrie ist keine national isolierte Erfolgs- oder Versagensgeschichte. Sie verläuft in den 1960er- und 1970er-Jahren in einem dichten transnationalen Raum: Britische und amerikanische Reformmodelle, sozialpsychiatrische Konzepte aus dem europäischen Ausland, studentische Protestbewegungen und der Ausbau des Sozialstaats wirken zusammen – und ausgerechnet diese Internationalisierung verweist zurück auf die nationalsozialistische Vergangenheit, die die deutsche Psychiatrie zuvor in die wissenschaftliche Isolation geführt hatte. Die Psychiatrie-Enquete von 1975 ist daher nicht allein Ausdruck medizinischer Modernisierung, sondern Verdichtung eines breiteren Feldes gesellschaftlicher, sozialpolitischer und erinnerungskultureller Verschiebungen.
Die nationalsozialistische Psychiatrie war durch die Verbindung medizinisch-psychiatrischer Wissensbestände mit erbbiologischen, rassenhygienischen und bevölkerungspolitischen Vorstellungen geprägt. Psychiatrische Fachvertreter beteiligten sich an Zwangssterilisationen, an der systematischen Ermordung psychisch erkrankter und behinderter Menschen – der zentral organisierten Aktion T4 und den anschließenden dezentralen Krankenmorden – sowie an Forschungspraktiken jenseits jeder ethischen Grenze. Diese Verbrechen beruhten nicht allein auf staatlichen Anordnungen, sondern auf der Mitwirkung medizinischer Experten und auf fachlichen Deutungsmustern, die Menschen nach vermeintlichem gesellschaftlichem Nutzen und biologischem Wert kategorisierten (Gisjwit-Hofstra et al. 2005; Roelcke 2007; Baader 2016).
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