von Christoph Jünke

Vorbemerkung: Vor vierzig Jahren, im Jahre 1978, erschien im Wagenbach-Verlag Peter Brückners »Versuch, uns und anderen die Bundesrepublik zu erklären«. Das Buch wurde damals, wie viele andere Werke desselben Autors, stark beachtet, ist heute jedoch weitgehend vergessen. Christoph Jünke hat einen neuen Blick auf das Buch geworfen.

Wer über Deutschland nachdenkt, braucht viele »aber…«.
Peter Brückner 1978

I

Eine Geschichte linker Opposition und kritischer Intelligenz in der alten Bundesrepublik Deutschland wird kaum an jenem zentralen Befund vorbeikommen können, von dem der politische Sozialpsychologe Peter Brückner vor nun 40 Jahren paradigmatisch gesprochen hat, als er gleich zu Beginn seines in hohen Auflagen vertriebenen Werkes über Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse formulierte, dass es »in uns Oppositionellen allerdings ein überdauerndes, wenig veränderliches Element« gebe: »unsere kritische Haltung nicht nur gegenüber der Despotie der Warenproduktion, sondern gegenüber dem Schrecken deutsch-bürgerlicher Kontinuität«. Wie lässt sich aber, analytisch betrachtet, die Kritik des Warencharakters mit der Kritik des Nationalcharakters verbinden, wie kommen eigentlich Deutschlandkritik und Gesellschaftskritik zusammen? Das ist leichter gefragt als beantwortet. Insofern Gesellschaft immer eine historisch gewordene, eine allgemein-individuelle ist, kommen natürlich Gesellschaftskritik und Deutschlandkritik im konkreten Falle zusammen – aber dies ist eben allzu oft mehr Programm als Realität.

So weit verbreitet der linke Anspruch auch ist, ebenso Deutschland wie den Kapitalismus zu kritisieren, so selten sind die Versuche, beides als Ganzes zu denken. Eine der wenigen Ausnahmen bildet hier der besagte Peter Brückner (1922-1982). Als einer der wichtigsten Vordenker dessen, was einmal die Neue Linke war, hatte er sich, wie er 1980 selbst schreibt, eine »lebenslange Abneigung gegen Deutschtümelei« bewahrt. Und dass er sich dabei gegen ›Volk‹ oder ›Nation‹ explizit »gleichgültig oder kritisch, manchmal zynisch verhielt und noch heute als Linker und als Intellektueller mit ihnen nicht viel anfangen kann«, schrieb er zwar jener Lebensgesinnung zu, die er in seiner Kindheit im deutschen Nazi-Faschismus kritisch erworben hatte. Nichtsdestotrotz stand er mit dieser Haltung stellvertretend für mehrere Generationen deutscher Linker – und wurde nicht selten auch stellvertretend für diese dafür angegriffen, dass er sich, so einer seiner frühen Kritiker, »mit subtilen Assoziationen in einen Faschismuswahn hineinzusteigern versteht«, »um sich die legitime Angst vor einer Wiedererstehung des Nationalsozialismus hintergründig zur Untergrabung des Vertrauens in die bestehende Demokratie zunutze zu machen«.

Eine ebenso zusammenhängende wie angemessene Darstellung und Interpretation von Leben und Werk Brückners, die auch auf solche Vorwürfe einzugehen hätte, existiert leider bis heute nicht – und wird auch hier nicht anvisiert. Gleichwohl soll es im Folgenden um eine exemplarische Lektüre eines seiner zentralen Werke gehen. Brückners 1978 erstmals veröffentlichter Versuch, uns und anderen die Bundesrepublik zu erklären versucht nicht nur explizit, Gesellschaftskritik und Deutschlandkritik zusammenzudenken. Es widmet sich auch intensiv der Diskussion das Nazi-Faschismus und seiner fortwirkenden Tendenzen in der zeitgenössischen Demokratie.

Nicht nur im Titel spielt dabei das Werk auf das Genre des politisch-historischen Essays an, auch als solches offenbart es alle Stärken und Schwächen der Essayform. Es lässt sich flüssig elegant und überaus anregend lesen, verbirgt hinter der offenen, mäanderenden Form aber sachliche Unbestimmtheiten und Ambivalenzen, die im historischen Rückblick auf unser Thema von besonderem Interesse sind. Geschrieben wurde es, das darf hier nicht unberücksichtigt bleiben, in einer Zeit des ebenso historischen wie lebensgeschichtlichen Übergangs. Die Terroristenhatz des ›deutschen Herbstes‹ 1977, die den unmittelbaren Anlass für die Arbeit an dem Buch bot, war gerade dabei, nicht nur den gesellschaftspolitischen Aufbruch der ›roten Siebziger‹ zu beenden, sondern auch Brückners Hochschultätigkeit: als vermeintlicher Sympathisant der ›Baader-Meinhof-Bande‹ war er von einem Berufsverbot betroffen, das ihn auch unter befreundeten Linken zunehmend isolieren sollte. Die aus beidem resultierende objektive und subjektive Verunsicherung über den weltgeschichtlichen Gang der Dinge dürfte nicht unwesentlich mitverantwortlich gewesen sein für den offenen Essay-Charakter des Werkes.

II

Deutschland im Jahre 1978, das war für Brückner eine seit dem Ende von Faschismus und Krieg geteilte und entsprechend empfindliche Nation. Mit der Teilung sei es in Ost und West zu einer tiefgreifenden »Verschiebung in der psychischen Geografie« gekommen: »Thüringen etwa rückte von Frankfurt weit weg, obwohl es eher nahe liegt.« (S.11) Beide deutschen Staaten hätten sich »nach dem Prinzip der wechselseitigen Ausschließung« (ebd.) organisiert und die innergesellschaftliche Opposition, den inneren Klassenfeind, geradezu externalisiert, indem sozialistisch-kommunistische Opposition zum expliziten Landesverrat im Westen, demokratische Opposition zum expliziten Landesverrat im Osten erklärt wurde. Was den einen der Schießbefehl an der Mauer sei den anderen der finale Rettungsschuss gegen Terroristen. Und die besondere Betonung von Grenzen (nach außen wie nach innen) führe zu einem Verlust an Welt- und Weitläufigkeit, zu einem spezifisch deutschen Provinzialismus. Es herrsche ein »Narzissmus der kleinsten Differenzen« (S.13), bei dem auch die kleinste Differenz propagandistisch vergrößert, emotional besetzt und engstirnig verteidigt werde. All dies sei aber nicht die Konsequenz eines umfassenden Bedürfnisses nach nationaler Wiedervereinigung, denn ein solches Bedürfnis sei bei der Bevölkerung interessanterweise schlicht nicht festzustellen: »Die westdeutsche Bevölkerung hat die Teilung Deutschlands schon wenige Jahre nach Kriegsende erst hingenommen, dann vergessen – oder begrüßt; jedenfalls in ihrer Mehrheit.« (S.16) Dass aber in Deutschland die Teilung des Vaterlandes und der Hauptstadt hingenommen wird, »ohne dass die Bevölkerung in viel massiveren Formen aufbegehrt und klagt, als sie es tatsächlich getan hat (…); dies zu verstehen, ist eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis unseres Heute, der BRD im Jahre 1978.« (S.16)

Die Erklärung für diesen Befund eines mangelnden Nationalismus in großen Teilen der westdeutschen Bevölkerung findet Brückner in den Bedingungen der postfaschistischen Nachkriegszeit, in den späten 1940er und 1950er Jahren also. Die umfassenden Zerstörungen und Verheerungen des Zweiten Weltkriegs, die materiellen und geistigen, die politischen und sozialen Zerrüttungen des NS-Regimes und seines Krieges seien nach 1945 noch fortgeführt worden durch riesige Ströme von Flüchtlingen, Vertriebenen, Umsiedlern und Spätheimkehrern – »eine der größten Bevölkerungsbewegungen der neueren europäischen Geschichte« (S.17). Alte Traditionen und Nachbarschaftsbedingungen, die ganze soziale Geografie einer Gesellschaft, hätten sich aufgelöst (»ein Volk wurde in Kleinfamilien, in Einzelne und in private Grüppchen parzelliert«; S.18). Auch eine politisch-moralische Erneuerung sei verhindert worden durch die Verdrängung der eigenen Taten und den Ausschluss der breiten Massen aus der politischen Diskussion und Steuerung: »Honoratioren der bürgerlichen Demokratie, in Weimar groß geworden, sahen in der Begeisterung, mit der Hitler ›vom Volk‹ bejubelt worden war, nunmehr nach 1945 noch ein zusätzliches Motiv für seinen Ausschluss aus der Politik. ›Das Volk‹ war unkalkulierbar, gefährdet, ja gegebenenfalls gefährlich. So wird, was eine herrschaftliche Tradition der Bevölkerung geschichtlich antut, ihr vom aufgeklärt-demokratischen Bewusstsein als ›Schuld‹ vorgehalten und angerechnet.« (S.19). Und verfestigen konnte sich diese gesellschaftliche Fragmentierung, Privatisierung und Entpolitisierung schließlich mit dem ökonomischen Boom der fünfziger Jahre zu einer nachhaltigen Ökonomisierung auch der deutschen Frage. Die Grundlagen des westdeutschen DM-Nationalismus, um den Sachverhalt mit einem späteren Begriff zu versehen, wurden im Wirtschaftsboom der fünfziger Jahre gelegt, und sie bedienten sich einer deutschen Mentalität des Respektes vor den herrschenden Verhältnissen, einer seelischen Struktur »im Sinne der Bereitschaft zur Hinnahme, zur Überanpassung, zur Identifikation mit ›dem‹ Staat« (S.22).

Aber – wer über Deutschland nachdenke, brauche viele »aber«, so Brückner (S.42) – auch wenn sich nach 1945 viel verändert habe, sei doch manches auch gleich geblieben: »Noch immer sind viele Deutsche ›staatsvermittelt‹, sie verinnern, subjektivieren den Staat – wo ihre Freiheit mit der Ordnung, wo Auflehnung mit Obrigkeit zusammenstoßen, finden sie sich immer erst einmal auf der Seite der Macht. Das eben ist verinnerter, Instinkt gewordener Staat.« (Ebd.) Auf der einen Seite gebe man sich ganz modern und werbe, wie es damals hieß, für das ›Modell Deutschland‹, auf der anderen Seite knüpfe man an alte obrigkeitsstaatliche Traditionen an: »Doch welcher Staat, gebe ich zu bedenken, vereinigte schon so wie die Bundesrepublik ökonomische Modernität und Wirtschaftsmacht mit einem historischen Defizit an Demokratie? Eine sich verselbstständigende Exekutive mit einer schwachen Arbeiterbewegung? Wo sonst, als in der BRD, gäbe es so viel politische Abstinenz in der Mittelschicht, eine Linke im Ghetto und einen mit Blinzeln bedachten Neofaschismus? Wo eine mehrheitlich staatsbezogene Bevölkerung und Regierungen, die die technische Lösung aller Probleme einer politischen allemal vorziehen?« (S.43) »Warum hat W. Benjamin gerade in Deutschland den ›allesverschlingenden Konformismus‹ entdeckt? Dies ist mein Thema.« (S.62) Und so müsse, wer dieses nahe Deutschland verstehen wolle, historisch weit ausholen – was Brückner dann auch tat und entsprechend ausführlich an die Gründung des deutschen Reiches von 1871ff. erinnerte.

III

Es ist die Geschichte einer mangelnden bürgerlichen Reife, die Brückner in den beiden mittleren Kapiteln seines Buches erzählt, eine Geschichte der politischen Schwäche des deutschen Bürgertums und der spiegelbildlichen Stärke des grundbesitzenden Adels: »Im kaiserlichen Deutschland wurde ein feudaler Obrigkeitsstaat zum Gehäuse des sich rasch entfaltenden Kapitalismus« (S.49), schreibt er und erinnert an den sich nationalliberal wendenden deutschen Liberalismus, an die Dominanz von Thron und Altar, Generalstab und Gymnasialerziehung, an das soziale Leitbild des Reserveoffiziers und die militaristische Anti-Humanitätsduselei. »Was den Bürger angeht, wie er im Kaiserreich entstand – leistungskräftig, unternehmerisch, väterlich-streng, tüchtig als Chemiker, Arzt oder Ingenieur, politisch war wenig von ihm zu erhoffen. Bei aller naturwissenschaftlichen und/oder klassischen Bildung blieb er zivilisatorisch ein Kleinbürger, ein Untertan; wurde eine Koryphäe in seiner Spezialität und blieb der Idiot fürs Allgemeine. Rationalität und Privatwahn gingen eine für die Gesellschaft sehr unglückliche Ehe ein. Mit dieser Klasse konnte man nur Staat machen, sonst nichts.« (S.52f.) Den typischen deutschen Intellektuellen (als sozialgeschichtlichen Teil des Bürgertums) charakterisierte ein spezifisch enges Verhältnis von Geist und Macht und selbst die oppositionelle Arbeiterbewegung sei »staatsvermittelt« gewesen. »Der Industrielle trug den Bart kaisertreu«, doch wer lehrte den Arbeiter selbstständig zu gehen, fragt Brückner (S.64). Die (von Lassalle inspirierte) sozialdemokratische Arbeiterbewegung habe früh »eine Art innerer Verpreußung« (S.57) erlitten, eine Form psychischer Verbeamtung, die »zu hohen Anteilen Integration war« (S.54). Nicht nur ihre Organisationspraxis sei staatsvermittelt, d.h. auf den Staat und seine politischen Institutionen gerichtet, und legalistisch, d.h. an den (gegen sie selbst gerichteten) Gesetzen orientiert gewesen. Brückner bestreitet gar ihren proletarischen Charakter, seien ihre Kader doch vor allem aus dem Handwerk und dem Kleingewerbe gekommen, ihre Intellektuellen so bürgerlich wie die Arbeiterbildungspolitik als Ganze. Mit wirklichem Marxismus habe all dies nichts zu tun gehabt und die seiner Meinung nach bürgerliche Trennung von Ökonomie und Politik habe sich in der deutschen Arbeiterbewegung entsprechend reproduzieren können: »So wie im Bürger der citoyen sich vom bourgeois getrennt hatte, so musste sich nun der ökonomische Kampf der Arbeiter vom politischen trennen.« (S.55)

Die Situation der Deutschen sei also aufs Ganze gesehen eine traurige gewesen. Und sie wurde noch schlimmer, denn es habe, »so viele Einwände heute auch gegen diese These erhoben werden, im NS-Staat, nach 1933, eine ›Faschisierung‹ der Deutschen gegeben. Die Zustimmung zum Nationalsozialismus war Sache der Bevölkerung.« (S.72) Aus »der Gemeinschaft der Deutschen« sei ein neues, hartes Geschlecht hervorgetreten, »mittelständisches Krethi und Plethi« (S.74f.). Demokratie und Sozialismus hatten für zwölf Jahre ihre öffentliche Stimme verloren und »nur ein Narr kann davon träumen, sie hätten dennoch in Deutschland ›weitergelebt‹. (Der Kommunismus wurde zur ungefähr gleichen Zeit auch in der UdSSR liquidiert. Nichts blieb, wie es war.) (…) Nur ein Narr kann sich einbilden, dergleichen Operationen blieben bloß organisatorische: als gäbe es keine Beziehung von Organisation und Bewusstsein! Ja, es gab Widerstand, aber er hatte wenig zu bestellen.« (S.71)

Diese barbarische Regression sei aber nur die eine Seite der braunen Medaille gewesen, denn der Nazi-Faschismus habe die deutsche Ökonomie im Weltmaßstab vorangebracht, indem er die deutschen Verhältnisse mit Blut und Eisen grundlegend modernisierte. Der Nationalsozialismus habe gleichsam nachgeholt, »was Weimar versäumt oder nicht bewältigt hatte (und was für den ›Weltmaßstab‹ doch zu bewältigen wichtig war): er räumte mit ungleichzeitigen ständischen Elementen auf – der Adel, der Oberlehrer, der Akademiker verloren Prestige und, im Falle des Agraradels, politische und soziale Macht.« (S.87) Das, was in den 1950er Jahren die nivellierte Mittelstandsgesellschaft genannt werden sollte, die »weitgehend ›homogene‹, in der Klassenstruktur möglichst schwach profilierte« moderne Gesellschaft, findet sich für ihn bereits hier, in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaftsideologie: »›wir‹ fanden damit nicht nur den Anschluss an den Maßstab der Industrienationen, wir haben den ›Weltmaßstab‹ überholt. Erneut zeigt sich der NS-Staat als Erfüllungsgehilfe von Zielen, die nicht die seinen waren; die – unbewussten – Hersteller der Modernität wurden in Nürnberg gehängt, oder starben von eigener Hand.« (Ebd.) Und so wurde Hitler, die Inkarnation des Bösen, für Brückner »einer der Staffelträger zwischen dem ausgehenden Mittelalter, dem kaiserlichen Berlin und dem demokratischen Bonn« (S.88).

IV

Nach 1945 sei also nicht viel geblieben von diesem deutschen Sonderweg: »Ja, ›wir‹ waren nach der Machtübernahme ein Ensemble von Mördern. [Aber:] Die Opfer leben nicht einmal mehr in unserer Erinnerung: Wie 1933 von Weimar, haben wir uns 1945 fast unvermittelt vom NS-Staat getrennt. Wie damals show, Arbeit und Terror, halfen uns nach dem Ende des 2. Weltkriegs fremde Armeen, Umerzieher aus den USA und der Wiederaufbau dabei.« (S.90; Obwohl Brückner selbst so treffend betonte, dass, wer über Deutschland nachdenke, viele ›Aber‹ brauche, fällt auf, dass er selbst diese an zentralen Stellen seiner Argumentation, wie in diesem Falle, nur denkt, aber nicht schreibt.) Geblieben sei jedoch die im NS eingeübte psychische Struktur vermeintlich deutscher Rechtschaffenheit, die von oben verfestigt wurde mittels des Fortlebens bestimmter obrigkeitsstaatlicher Traditionen wie dem Beamtenrecht: »Nur in Deutschland war es als ein Massenphänomen im großen Stile machbar, Schuldgefühle oder Strafängste der Bürger daran zu binden, dass einer – vielleicht! – seine Pflicht nicht getan habe, und nicht etwa an die mangelnde Bereitschaft, inhaltlich zu prüfen, was denn Pflicht uns zu tun gebiete.« (S.95) Schon im Nationalsozialismus hätte sich ein sich auf die deutsche Idee von Rechtschaffenheit stützendes und mit rechtsstaatlichem Denken unvereinbares Gesinnungsstrafrecht verbreitet, das durch Gesetze brechende Ordnungshüter erst hergestellt und dann entsprechend abgesichert wurde. »Das Messer geht mir in der Tasche auf, wenn ich sehe, dass in heutigen Prozessen noch immer der Mörder als einer in Erscheinung treten kann, der seine Pflicht getan hat. Gerade darum hätte er an den Galgen gehört – damals, nach dem 8.Mai 1945. Wenn auch die heroischen Feste des Nationalsozialismus verklungen sind, der consumerism und die veränderten sozialen Imperative der BRD solche überlieferte Mentalitäten entschärfen – sie bleiben doch aktualisierbar.« (S.96)

Der in Deutschland endemischen Morallosigkeit – Brückner nennt sie immerhin »das eigentliche Herz der Deutschen«, den »Kern der deutschen Mentalität« (S.96) – setzt er deswegen die angstfreie Prüfung jedweder gelebter Moral entgegen, die Abschaffung des verinnerten Staates als dem »Zwang, in der Konformität rechtschaffen zu sein – auch in der Konformität von Gruppenzwängen und vor allem im ésprit du corps [Korpsgeist; CJ]. Die ›Autonomie‹, die uns später als Prinzip einer revolutionären Opposition in Westdeutschland begegnen wird, auch als ›republikanischer Protest‹, hat eine gerade in Deutschland oft vergessene Seite: autonom sind wir dank der Kraft unserer Reflexion, die es uns ermöglicht, nicht mitzumachen. Eben die Angst vor letzterem gehört mit in die Entstehungsgeschichte der KZs.« (S.97)

Solch Erziehung zum zivilen Ungehorsam habe es in Deutschland aber traditionell schwer und werde zusätzlich erschwert durch ein neuartiges, aus den historischen Zerfallsprozessen von Gesellschaftlichkeit herrührendes, sozialpsychologisches Bedürfnis. Der Bürger, auch der arbeitende, wolle endlich seine Ruhe haben, denn dieses »die sozialistische Politik – noch heute! – so beschwerende Bedürfnis nach Ruhe antwortet in den arbeitenden und abhängigen Klassen auf die alles revolutionierende, umstürzende ›Natur‹ der kapitalistischen Produktionsweise: endlich soll einmal alles so bleiben, wie es ist. Das Neue, dessen viele bedürfen, ist eben dies – relativer Stillstand. Sie haben es noch nie gehabt.« (S.92) Auch wenn es die deutsche Tradition ist, die hier eine ermöglichende Rolle spielte, so ist es doch vor allem dieses historisch neuartige Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung, dass den neuen Staatsbürger zum Handlungsgehilfen von Polizei, Staatsanwaltschaft und Obrigkeit werden lässt. Ansonsten blieb dieser neu-deutsche Staatsbürger seinem Inneren verpflichtet, d.h. dem Gemüt und seinem schönen Heim: »Deutsch war die gemütvolle Liebe zur Musik – zielsicher alle Musik ausschließend, die sich dem bloßen Gemüt widersetzt.« (S.90)

Unter den von ihm behaupteten Bedingungen einer staatsvermittelten preußischen Arbeiterbewegung in Deutschland hatten nicht nur die Bürger, sondern auch die arbeitenden und abhängigen Klassen in Deutschland diesen politischen Minderwertigkeitskomplex erworben und hielten nach 1945 (mit der verstaatlichten KPD im Osten und der staatstragenden SPD im Westen) an ihrer Staatsbezogenheit fest: »Längst ist der Sozialismus, ist die historische Alternative zum gegenwärtigen System auf Mündigkeit, tätige Aufklärung, Politisierung, kurz: auf Bewusstsein der Bevölkerung angewiesen; die Sozialisten wissen es nur nicht alle.« (S.114) So konnten sich Verdrängung und Entpolitisierung in jenen konservativen Konformismus übersetzen, an dem sich die kritischen Intellektuellen und Humanisten der fünfziger und sechziger Jahre ihre Zähne ausgebissen haben. Es seien deswegen nicht die oppositionellen Linken und Intellektuellen, aus denen sich gesellschaftliche Bewegung speise, sondern die vorherrschende Angst vor den Krisenentwicklungen und einem möglichen Ende des ›deutschen Wirtschaftswunders‹. Es ist die Angst vor dem Versiegen ökonomischer Prosperität, aus der Brückner die Gefahr einer zunehmenden Brüchigkeit des sozialen Friedens in der Bundesrepublik ableitet. Entsprechend gebe es eine tiefe Angst der Herrschenden und eine entsprechende Hoffnung der Oppositionellen, dass das Ende des langen Wirtschaftsbooms die in Westdeutschland scheinbar endemische Staatstreue erodiere und zu einer Rückkehr alter Klassenkampflinien führe. Mit dem in den 1950ern vollzogenen Übergang zum Konsumkapitalismus sei eine innere Kolonialisierung einhergegangen: »die fortschreitende Vermarktung menschlicher Bedürfnisse und Träume, Bewusstsein als Rohstoff für die Gewinnproduktion« (S.111) mit entsprechenden körperlichen und psychischen Krankheiten. Doch: »Kann eine parlamentarische Demokratie auch in Zeiten überleben und funktionieren, in denen der Konsens der Bürger nicht mehr materiell, d.h. durch die Erträge aus ökonomischem Wachstum, hergestellt werden kann? Nicht die Linke ist es allein, die solche Fragen stellt, nein: die Bourgeoisie selbst stellt sich solche – verfassungsfeindlichen – Fragen. Nicht nur der Kommunist, auch der Demokrat zweifelt an der gegenwärtigen Demokratie.« (S.113)

Wo aber Reichtum und Armut, Sättigung und Not gesetzesmäßig verbunden sind (eine Frage nicht des Nationalcharakters, sondern des Gesellschaftssystems), da drohe ebenso permanent die Gefahr des Aufruhrs, bedürfe es ebenso permanent der Polizei und Justiz. Mit den ersten Zeichen einer möglichen Wirtschaftskrise seien deswegen Rufe nach einer formierten Gesellschaft und nach Notstandsgesetzen aufgekommen, sei das Parlament als demokratisches Instrument von Teilen der Bourgeoisie zur Disposition gestellt worden, weil mit der anhaltenden Wirtschaftskrise die zunehmende Auflösung des sozialen Zusammenhaltes der Gesellschaft, die Desintegration drohe. Der in der Desintegration aufscheinenden Herrschaftskrise wiederum werde begegnet mit einer Mischung aus Vergeistigung und Militarisierung der Gesellschaft. Da sei zum einen die »sekundäre Analphabetisierung der subalternen Klassen« (S.166), sprich: ihre Entpolitisierung von oben als Privatisierung und Verlust zivilen Bürgersinns, als Verinnerlichung von Herrschaft in den individuellen Köpfen. Begleitet werde diese zunehmende staatspolitische Erzeugung von Sinn und Konsens zum anderen durch neue sicherheitsstaatliche Strategien wie security risk und counter-insurgency, durch »die legale Abtragung von Legalität, die einer politischen Sensibilität längst wie ein latenter Bürgerkrieg erscheint (…) Die Freiheit des Bürgers soll gewährleistet sein durch die Freiheit des Staates, mit der dieser sie ihm nimmt« (S.162 und 176). Veränderungen in Judikative und Exekutive werden dabei ergänzt von strukturbildenden Inquisitionspraktiken, von einem »Mischsystem von strafrechtlicher Sanktion und moralischer Achtung des kritischen Denkens und Redens« (S.162).

Der Staat emanzipiert sich in der transformierten Demokratie von seiner Bevölkerung. Und er tut dies nicht nur, um den sozialen Frieden zwischen Lohnarbeit und Kapital besser sichern zu können, um sich gegen die Aktualisierung latenter Klassenkonflikte besser schützen zu können. Er tut dies auch, um aufbrechende Ansprüche ziviler, bürgerlich-demokratischer Art, Ansprüche auf gleichberechtigte Partizipation abzuwehren – bspw. in Form jener nicht nur in Deutschland so einflussreichen außerparlamentarischen Opposition der End-Sechziger und Siebziger Jahre. »Die große Unordnung, die den sozialen Frieden in vielen Staaten bedroht, geht aus der Überschichtung und wechselseitigen Berührung zweier fundamentaler Konflikte hervor: der Auseinandersetzung von Lohnarbeit und Kapital, die in der BRD, die in Deutschland noch nie ihre reife Form gefunden hatte, und der Entmischung der einen Nation in Gesellschaft und Gegengesellschaft.« (S.150)

Im sozialdemokratischen Modell Deutschland der siebziger Jahre und mehr noch in den damals wieder regen Diskursen rechtskonservativer Kreise sieht Brückner entsprechend den Versuch, diese gesellschaftlich aufbrechenden Strukturkonflikte in den herrschaftlichen Griff zu bekommen. Der sich emanzipierende Staat ziele darauf ab, die Demokratisierung der Gesellschaft und des politischen Systems ebenso zu blockieren und rückgängig zu machen wie die expansive Entfaltung des Bildungs- und Volksbildungswesens und den durch Ausdehnung des individuellen Konsums bedingten hohen Lebensstandard breiter Teile der Bevölkerung. Und sein zentrales Mittel sei der Versuch einer polizeilichen und militärischen Absicherung und Erweiterung einer primär ökonomisch expandierenden Handelsmacht. Teile der westdeutschen Bourgeoisie wollten das mit diktatorischen Impulsen ausmerzen, was die auf Demokratisierung sinnenden Minderheiten propagierten: »Demokratisierungsprozesse in der (Bevölkerungs-)Basis und Selbstverwaltung, mit jenen Umwälzungen in Produktion und Alltag, die dafür erforderlich sind« (S.140).

Um den ökonomischen Wohlstand zu sichern, praktiziere Westdeutschland in der Tat eine auf Expansion setzende, semi-imperialistische Außen- und Wirtschaftspolitik (S.111). Und »(n)och immer befindet sich die Bundesrepublik Deutschland im Gravitationsfeld faschistischer Lösungen« (S.117). Brückner postuliert hiermit aber keine Aktualität eines neuen deutschen Faschismus, sondern etwas anderes: Es seien nicht die Nazis, nicht die Hitlers, die bleiben, es bleibe vielmehr die Erinnerung an die faschistischen Lösungen der einstmaligen kapitalistischen Strukturkrise (S.107). Es gäbe deswegen eine kleine Gruppe der herrschenden BRD-Elite – Brückner nennt sie »aus einer gewissen Verlegenheit« (S.140) und auf eine Hitler-Rede Bezug nehmend, die »Neo-Karthager« (nach der alten Handelsmacht Karthago als vermeintlich reaktionärem Gegner der auf Demokratisierung drängenden ›Römer‹) –, die im staatlichen Sicherheitsapparat verankert seien und auf einen den Nazis vergleichbaren aggressiven Expansionismus drängen würden, weil auch sie wie die Nazis ein imperialistisches Programm der Krisenlösung präferierten. Doch noch sei deren Einfluss recht begrenzt! Wer deswegen den bundesdeutschen Staat als einen ›faschistischen‹ bezeichne, sei ein terrible implificateur, ein schrecklicher Vereinfacherer, der in seinen Gedanken »eine bestehende Tendenz verwirkliche, die sich in der Realität gerade nicht verwirklichen kann – und sei es ›noch nicht‹« (S.178). Die Bezeichnung der BRD als einer faschistischen sei falsch, hatte er bereits in seinem Ulrike Meinhof-Buch explizit geschrieben: »hoffentlich bleibt sie auch falsch (…) Wir finden in der BRD keine genuinen Einrichtungen faschistischer Gewaltherrschaft, die Bundesrepublik ist nicht Chile (…) Wir leben in einer Gesellschaft, die den Faschismus hervorbringen kann (und in Deutschland schon einmal hervorgebracht hat), aber deswegen ist sie nicht ›faschistisch‹. Gewalt ist nicht Faschismus, Gewalt ist das Fundament der bürgerlichen Gesellschaft.«

»Was also tun?«, fragt er mit einem prägnanten, aber historisch fragwürdigen historischen Vergleich: »Karthago muss zerstört werden, ehe es sich selbst zerstört – aber wo sind die Römer?« (S.125) Das tief Unversöhnliche, das sich dem aufmerksamen Beobachter als Kern auch des bundesdeutschen sozialen Friedens enthülle, impliziere »immer die Möglichkeit des Massenausbruchs aus der Form, in der Deutschland Klassen- und Integrationskämpfe regelt. Nach unserer Theorie der Gesellschaft sind es die Arbeiter, deren ›Massenausbruch‹ zu verhüten den tieferen Sinn des bürgerlichen Staats ausmacht.« (S.135) Die Möglichkeit einer Politisierung des Verhältnisses von Lohnarbeit und Kapital sei ebenso prinzipiell gegeben wie es immer Möglichkeiten gebe, dass sich Arbeiter ihren Arbeitsprozess im subversiven Sinne aneignen. Doch wer in der Arbeiterklasse den inneren Hauptfeind der bürgerlichen Gesellschaft sieht, dem werde die bundesdeutsche Entwicklung vollends unverständlich. Noch immer gebe es Arbeiterwiderstand gegen ökonomische Lage, Betriebsdisziplin und Lohnsklaverei, noch immer gebe es auch bei den Arbeitern Wünsche und Träume von einem anderen, einem besseren Leben. Doch den gesellschaftlichen Bestand gefährden diese nicht mehr oder noch nicht.

Der Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit erscheine so nur als eine der Quellen sozialer Unruhe und »lebendiger Negation«, und neben diesem vom Klassenkampf bestimmten Revolutionsparadigma erheben sich die davon analytisch zu unterscheidenden Probleme der gesellschaftlichen Desintegration, »also die Selbst-Zerstörung der Homogenität, der Grundordnungen einer Gesellschaft« (S.146). Beide, das sozialistische Revolutionsparadigma wie das sich im letzteren entfaltende, radikal-demokratische Aneignungsparadigma hätten »ihr fundamentum in re, ihre materielle Basis in der Wirklichkeit« (ebd.). Doch die »für Deutschland historisch befestigte Fremdheit gerade zwischen Intellektuellen, ›Gebildeten‹ und Arbeitern« sorge dafür, »dass die Identität beider Tendenzen nur schwer erkannt wird und noch schwerer praktisch werden kann. Wie beide ja überhaupt in Westdeutschland an relativ eng gezogene Grenzen stoßen. Einerseits kann die Desintegration in Deutschland ›republikanische‹ Kräfte nur zögernd freisetzen, weil sie immer schwach geblieben waren – die Tradition fehlt; Tradition, die ja in den Individuen, nicht nur in Büchern aufbewahrt wird. Andererseits ist auch die Arbeiterautonomie – und die ihre alten Formen sprengende Entritualisierung der Fabrik- oder Stadtteilkämpfe – in Westdeutschland ein eher seltenes Ereignis. Und warum? Weil die Politisierung der Arbeiterschaft, ihr Durchdringungsgrad mit ›Klassenbewusstsein‹ von großen Kommunistischen Parteien, von Linkssozialisten und radikalen Gewerkschaftern befördert wird. Die aber gab es in diesem Jahrhundert fast nur in den kurzen Jahren der Weimarer Republik.« (S.146f.)

So bleiben die industriegesellschaftlichen Klassen und Klassenschicksale zwar im Bewusstsein und Protest der subalternen Klassen und ihrer Feinde präsent, »aber sie sind doch in den Schatten einer neuen Version des ›two-nations‹-Problems getreten (d.h. der Spaltung der einen Nation in zwei einander entgegengesetzte Klassen): der Entmischung der ›einen‹ Nation in Gesellschaft und Gegengesellschaft. So bezieht sich der Protest in den kulturrevolutionären Strömungen der Gegenwart auf jene kulturelle Verelendung des Menschen, die sich seiner in den vergangenen Jahrzehnten bemächtigt hat. Was da verelendet, was da herrschafts- und kapitalkonform verändert wurde, ist die menschliche ›Natur‹; Kultur, mit der Macht unauflösbar verwoben, hat Menschen zerstörerisch integriert, hat ihre Beziehungen zugunsten einer abstrakt gewordenen Waren- und Geldwelt entsinnlicht.« (S.137)

Am Ende seines intellektuellen Selbstverständigungsversuchs steht bei Brückner ein klares Ergebnis: »Wo stehen wir also, wohin fallen wir? Unser Versuch, die BRD uns und anderen zu erklären, hat uns über ihre Provinzialität hinaus auf Umschichtungsprozesse bürgerlicher Herrschaft geführt, die ›globalen‹ Charakter haben. Sie sind in der industrialisierten Welt universal. Wahrscheinlich sind es säkulare Veränderungen im komplexen Gefüge der industrialisierten Welt, deren Verschränkungen Demokratisierungsprozesse bedrohen und totalitäre bzw. autoritäre Wendungen auslösen: die metaökonomische Krise des Kapitals (= Gefährdung der äußeren und ›inneren‹ Natur), das Überflüssigwerden von menschlicher Arbeitskraft im Zeitalter hochentwickelter Technologie (= das Schrumpfen des Arbeitsmarkts, die Dequalifikation menschlicher Arbeit), die metapolitische Krise des sozialen Zusammenhangs und Zusammenhalts (= als Ausdruck der Selbstzerstörung unserer Kultur und ihres homogenen Mediums). In der BRD trifft dieser Prozess, der die Struktur bürgerlicher Herrschaft verändert, ja zerstören wird, auf besondere, in ihrer Geschichte und Vorgeschichte begründete Bedingungen. Da Deutschland bürgerlich in strengem Sinne höchstens in der Weimarer Republik gewesen ist, bleibt der Widerstand gegen solche säkularen Umschichtungen und deren ›totalitäre‹ Tendenz schwach.« (S.174f.)

V

Soviel zum Buch und seinen wesentlichen Thesen. Fragen wir nun erneut nach dem spezifischen Zusammenhang von Deutschlandkritik und Gesellschaftskritik in Brückners Versuch, uns und anderen die Bundesrepublik zu erklären, dann ist das Ergebnis ebenso einfach wie es Fragen aufwirft. Für ihn besteht der Zusammenhang beider Kritiken in den Kontinuitäten verfestigter Bildungs- und Affekttraditionen. Es sind einerseits die sozialpsychologischen Traditionslinien einer durch obrigkeitsstaatliches Denken lange eingeübten Untertanen-Gesinnung, die Geschichte einer mangelnden bürgerlichen Reife also, die hier erzählt wird. Andererseits jedoch macht er im Laufe seines Buches deutlich, dass und wie diese Bildungs- und Affekttraditionen ihr historisches Gewicht ebenso generationell wie ökonomisch bedingt zunehmend verloren haben. So politisch erwünscht Untertanen-Gesinnung und obrigkeitsstaatliches Denken auch nach 1945 noch gewesen seien, so sehr hätten sie im Wirtschaftswunder des Konsumkapitalismus »ökonomisch an Bedeutung (verloren)« und seien partiell sogar in Widerspruch zur weiteren Entfaltung der Wirtschaft geraten: »Es ließ sich nicht umgehen, in den neuen Mittelschichten den partiellen Abbau von strikter Untertanen-Gesinnung zu fördern. Ein wenig sogar in den unteren Schichten: würde der ›asketische, produzierende Knecht‹ jene Steigerung und Aktualisierung aller Bedürfnisse zulassen, die zu reichlichen Marktentnahmen führen?« (S.132f.) Zwar habe es auch personelle und institutionelle Kontinuitäten vom Nazi-Faschismus zur Bundesrepublik gegeben (bspw. im Beamtenrecht), doch Brückner schreibt diese, genauer betrachtet, bemerkenswert klein in seinem Buch. Mit Bestimmtheit betont er stattdessen: »Wer die Bundesrepublik verstehen will, muss also verstehen, dass auch sie ein kapitalistischer Staat ist.« (S.111)

Wir sind hier also auf die Kritik der Despotie der Warenproduktion verwiesen, auf Kapitalismuskritik. Der Schrecken deutsch-bürgerlicher Kontinuität dürfe zwar auch weiterhin nicht vergessen werden, doch bleibt er in der Gegenwartsbetrachtung fast gänzlich im Reiche des sozialpsychologisch Moralischen. Was haben die von Brückner betonte Emanzipation des Staates und die von diesem Staat angewandten Methoden einer ›präventiven Konterrevolution‹ mit der deutschen Geschichte, mit dem Kaiserreich und dem Hitler-Faschismus ursächlich zu tun, wenn wir es hier mit gesamteuropäischen Tendenzen des Neokapitalismus zu tun haben? In der Tat lassen sich alle für seine Gesellschaftsanalyse so zentralen Aspekte (der Konsumismus und die innere Kolonisierung, die Angst vor der Wirtschaftskrise und vor sozialer Desintegration, die Legitimitätskrise und die Vergeistigung von Herrschaft, die permanente Gefahr eines Aufruhrs und die Notwendigkeit von Polizei und Justiz, die Integration/Verstaatlichung der Arbeiterbewegung und das Aufkommen einer spezifischen Sicht gesellschaftlicher Dissidenz, die legale Abtragung von Legalität ebenso wie die Methoden präventiver Konterrevolution) schlüssig auch ohne den Bezug auf die spezifisch deutsche Geschichte erklären. Und damit das gegenwärtige westliche Europa dieselben gesellschaftspolitischen Phänomene zeitige, bedürfe es keiner Germanisierung, so Brückner selbst: »Wir sind ihnen allerdings ein großes Stück voraus. Das immerhin.« (S.103).

Ein solcher Befund wirft nun doch eine weitgehende Frage auf, denn welche Erklärungskraft hat dann die deutsche Geschichte eigentlich noch – außer dem eines sozialkulturellen Apercu? Auch und gerade dieses Brückner-Buch durchzieht jedoch eine so extensive wie leidenschaftliche Thematisierung des Schreckens deutsch-bürgerlicher Kontinuität – und kommt am Ende trotzdem dahin festzustellen, dass diese Vergangenheit deutlich vergangener sei, als vom kritischen Zeitgeist der ›roten Siebziger‹ immer wieder gerne behauptet. Hatte Brückner zu Beginn seines historischen Exkurses betont, dass, wer das nahe Deutschland verstehen möchte, in Deutschland weit ausholen müsse (S.45), kommt er am Ende dieses umfangreichen (immerhin zwei der insgesamt vier Buchkapitel ausmachenden) Exkurses auf diese Feststellung wörtlich zurück – bevor er sich dann unmittelbar selbst widerspricht: »Wer das Nahe verstehen will, muss manchmal weit ausholen. Was an den neueren Entwicklungen der BRD rätselhaft erscheinen mag, löst sich nur auf, wenn wir uns wieder einmal gemeinsamer Bedingungen des ›modernen Lebens‹ in allen Industriestaaten vergewissern.« (S.118) Auch diese beiden Sätze sind, analytisch betrachtet, nicht wirklich miteinander verbunden, widersprechen sich sogar, denn was haben die modernen Lebensbedingungen aller anderen Industriestaaten mit der deutschen Geschichte zu tun? Beide Sätze machen nur Sinn, wenn zwischen sie ein ›Aber:‹ gesetzt wird. Würde hier aber ein solches ›Aber‹ gesetzt werden, würde dies unmittelbar deutlich machen, dass und wie hier zwei sich latent widersprechende Erzählungen gleichzeitig auftreten und unverbunden nebeneinander existieren – zum einen die Vorstellung einer Kontinuität der Geschichte, zum anderen das Verständnis eines Bruchs in der Geschichte.

Brückners Versuch, uns und anderen die Bundesrepublik zu erklären ist durchzogen von den Kontinuitäten deutscher Geschichte und kommt doch faktisch zum Verständnis eines tiefgreifenden und nachhaltigen Bruchs in der Geschichte. Das Deutschland der Jahre nach 1945 hat nicht mehr viel zu tun mit dem Deutschland vor 1933, womit sich auch die Gefahr einer solchen Faschisierung relativiert.

Einer seiner zeitgenössischen Rezensenten hat diese ambivalente Spannung zwischen zwei Narrativen zwar aufmerksam registriert, konnte sie sich aber offensichtlich nicht erklären. Zu kritisieren sei nämlich, schrieb damals Knut Nevermann in der Zeit, »dass beispielsweise die historische Darstellung mit späteren Analysen der aktuellen Entwicklungen und Probleme kaum zusammengebracht werden«. In der Tat beginnt mit dem vierten und letzten Buchkapitel Brückners eine Gegenwartserzählung über die nachfaschistische Bundesrepublik, die zwar häufig und gern auf die Bezüge zum Kaiserreich, zu Weimar und zum Nazi-Faschismus rekurriert, die jedoch ebenso immer wieder betont, dass diesen historischen Bezügen keine wirkliche Erklärungskraft mehr zukommt. In diesem letzten Kapitel knüpft Brückner vielmehr an jenem ersten Kapitel wieder an, in welchem er die offensichtlichen Grenzen eines deutschen Nationalismus betont und aufzeigt, dass des Westdeutschen Identität am Ende der 1970er Jahre weder historisch noch nationalistisch, sondern wesentlich national-ökonomisch bestimmt sei. Entpolitisierung und Privatisierung als Grundlage zeitgenössischer Herrschaftsmethoden finden für ihn ihre materialistische Grundlage im ökonomischen Boom der fünfziger und sechziger Jahre, darin, dass die nationale Frage eine zutiefst soziale Frage sei. Entsprechend betont Brückner die Vergänglichkeit einstmals deutscher Mentalität und kommt faktisch zu dem Ergebnis, dass diese Vergangenheit im Wesentlichen auch wirklich vergangen ist.

Noch einmal: Dieses gleichzeitige Auftreten zweier latent sich widersprechender Erzählungen wird von Brückner zwar analytisch aufgelöst zugunsten der deutsch-europäischen Gegenwart. Auf der beschreibenden und erörternden Ebene der Essay-Form jedoch bleibt die spezifisch deutsche Geschichte als Schrecken deutsch-bürgerlicher Kontinuität auch in diesem Buch dominant.

VI

Wie steht es nun aber mit dem sachlichen Gehalt des Werkes? Peter Brückners Versuch, uns und anderen die Bundesrepublik zu erklären ist ohne jeden Zweifel ein reichhaltiges und überaus anregendes Werk marxistischer Klassengeschichtsschreibung, in dessen dynamischem Zentrum die sozialpsychologische Klassenanalyse von deutschem Bürgertum und deutscher Arbeiterbewegung stehen. In beiden Bereichen sind jedoch ernsthafte Einwände gegen Brückners große Erzählung zu machen, die sich v.a. auf die Ebene theoretischer Verallgemeinerungen beziehen.

»Deutschland war nie eine bürgerliche Gesellschaft« (S.128) – dieser Gedanke durchzieht in verschiedenen Variationen Brückners Werk und verrät doch mehr über ihren Autor als über die von ihm beschriebene Realität. Brückners große Erzählung von der mangelnden bürgerlichen Reife der deutschen Verhältnisse gehört zum fast schon ehernen Bestand kritischer Intellektueller seiner Zeit, und ist doch seit den achtziger Jahren – also nach seinem Buch! – nachhaltig in Frage gestellt worden. In Frage gestellt wurde dabei weniger ihre Beschreibungskraft – zu offensichtlich ist die verheerende Rolle, die das obrigkeitsstaatliche Denken deutscher Untertanen in der Geschichte spielte – als vielmehr ihre analytische Erklärungskraft. Denn was ist eine spezifisch ›bürgerliche‹ Gesellschaft eigentlich? Auch dies ist leichter gefragt als beantwortet. Die berühmt-berüchtigte These vom deutschen Sonderweg relativierte sich jedenfalls, als man einen genaueren Blick auf die anderen europäischen und außereuropäischen Wege in den herrschenden Kapitalismus und ihre bürgerlichen Klassen warf. Man merkte, dass es überaus verzerrend ist, normativ von einem bestimmten Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus auszugehen, und dass es eher der lange als normatives Vorbild geltende englische Weg gewesen ist, der die historische Ausnahme bildet. Wo es jedoch viele Sonderwege gibt, verliert die spezifische Rede von einem deutschen Sonderweg einen Gutteil ihrer analytischen und moralischen Kraft, und man beginnt den Blick zu öffnen für die Fallstricke einer solchen Erzählung.

Stimmen denn die von Brückner v.a. implizit gezeichneten Idealbilder des Bürgertums und der Arbeiterbewegung wirklich mit der historischen Wirklichkeit überein? Ist das historische Bürgertum, ist die bürgerliche Klasse wirklich der Träger des historischen Fortschritts gewesen? Brückner selbst beschreibt recht eindringlich, dass in Deutschland Sozialdemokratie und Gewerkschaften die einzigen politischen und sozialen Institutionen gewesen sind, »die jemals so etwas wie bürgerlich-demokratische Tradition für uns hergestellt haben« (S.60). Wirklich nur in Deutschland – oder ist dies nicht vielmehr ein allgemeinerer Befund? Das Bürgertum ist kein einheitliches, da gibt es konservative, liberale und demokratische Strömungen und man sollte tunlichst unterscheiden zwischen Wirtschaftsbürgern und Bildungsbürgern, Großbürgern und Kleinbürgern u.a. Je genauer man in die sozial- und ideengeschichtliche Tiefe geht, desto deutlicher wird, dass der Bürger als Ganzer, bzw. in seiner Mehrheit eben nicht der von Brückner sehnsüchtig erwartete Citoyen gewesen ist. Je genauer man in den historischen Vergleich eintaucht, desto deutlicher wird, dass es auch in England, Frankreich und anderswo vergleichbar reaktionäre und aristokratisch daherkommende Bürgerschichten gegeben hat wie in Deutschland, und dass das deutsche Bürgertum vergleichbar demokratische Strömungen aufzuweisen hat. Das deutsche Bürgertum war sicherlich nicht besser als sein traditioneller Ruf, aber das von Brückner implizit vertretene Idealbild eines kulturell aufgeklärten, politisch selbstbewussten und emanzipativ handlungswilligen Bürgers transportiert doch eine gehörige Portion Mythos, gleichsam ein linksliberales (Selbst-)Missverständnis. Das Bürgertum als Ganzes, bzw. in seiner Mehrheit, ist nicht demokratisch, sondern liberal – und dies sind zwei durchaus unterschiedliche Dinge, wie man nicht zuletzt am deutschen Beispiel treffend studieren kann.

Noch einmal: das heißt nicht, dass es die spezifischen, auch von Brückner so intensiv thematisierten Eigenarten des deutschen Weges nicht gibt, sondern dass es zu Recht mittlerweile umstritten ist, welche analytische Reichweite und Erklärungskraft diese Eigenarten haben. Diente die große Erzählung eines deutschen Sonderwegs bis zum Nazi-Faschismus vor allem als Apologie der Alt-Konservativen und Neu-Reaktionäre, änderte sie nach 1945 – nach jenem Geschichtsbruch, den auch Brückner so eindringlich darstellt – ihre Richtung und wurde (vor allem seit den 1970ern) zum Jungbrunnen eines neuen deutschen Linksliberalismus auf seinem langen Weg nach Westen.

Die Schwächen eines Menschen liegen oftmals nah bei seinen Stärken. Und so geriet des Bürgers Brückner Stärke, sein Verständnis für den radikaldemokratischen Gehalt sowohl der bürgerlichen Freiheitsversprechen wie der sozialistischen Emanzipationsperspektiven zum gelegentlich linksliberalen Selbstmissverständnis.

Auch Brückners Darstellung der deutschen Arbeiterbewegung und ihrer politischen Linken ist nicht vor Untiefen gefeit. Hat die deutsche Arbeiterbewegung wirklich »eine Art innerer Verpreußung« (S.57) erlitten, unfähig zur sozialrevolutionären Überwindung der Trennung von Ökonomie und Politik und verdammt zur Integration in die herrschenden Verhältnisse? Oder ist diese von Brückner so vehement als ›Staatsvermitteltheit‹ beklagte Integration in spätbürgerliche Verhältnisse nicht vielmehr ein objektiver Trend aller kapitalistischen Industriegesellschaften? Findet die Trennung der Arbeiterbewegung in einen (oder mehrere) sozial-ökonomischen und einen (bzw. mehrere) politische Flügel nicht ihr fundamentum in re in der Tatsache, dass sich bürgerliche Gesellschaften strukturell in Ökonomie und Politik trennen, trennen müssen, und dass Politik, gerade auch eine Politik der Reform und Transformation derselben, zwangsläufig über den Staat als politische Organisationsform des historisch spezifischen Gemeinwesens vonstattengeht? Vermischt hier Brückner nicht (wie so viele andere radikale Linke auch) die nüchterne Gesellschaftsanalyse mit seinen linkssozialistischen politischen Wünschen? Nachdem er 150 Seiten lang kaum ein gutes Haar an der deutschen Arbeiterbewegung und ihren Gewerkschaften gelassen hat, räumt er auf den letzten Seiten seines Buches selbst ein, dass man die Gewerkschaften und ihren Widerstand gegen den autoritären Etatismus leicht unterschätzen könne, wenn man sie ausschließlich unter dem Aspekt der politischen und ökonomischen, sprich: sozialistischen Emanzipation betrachte (S.171) – wenn man also zu linke Erwartungen hege und diese unzulässiger Weise in die Analyse einfließen lasse. Aber trifft dies nicht auch ihn selbst? Was bei ihm als Produkt einer spezifisch deutschen Geschichte und eines spezifischen deutschen Geistes erscheint, lässt sich mindestens ebenso gut mit jener vermaledeiten Dialektik von Reform und Revolution in bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsformen erklären, auf die die deutsche Linke im 20. Jahrhundert keine wirklich überzeugende politische Antwort gefunden hat. Seine neu-linke Distanz zur verbürokratisierten Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung scheint also gelegentlich dazu zu neigen, deren strukturelle Probleme zu ihren Ungunsten zu unterschätzen.

So wie Brückner in seinem Buch zur Unterschätzung der ›alten Linken‹ neigt, neigt er zur Überschätzung der ›neuen Linken‹. Seine originelle Version der ›two-nations‹-These, der Entmischung der ›einen‹ Nation in Gesellschaft und Gegengesellschaft, atmet in vielem den Geist des damaligen grün-alternativen Aufbruchs – und es zeichnet Brückner aus, schon früh versucht zu haben, diesen Aufbruch politisch-theoretisch zu historisieren. Im Laufe der achtziger Jahre wurde allerdings deutlich, dass die alternativen Gegengesellschaften keine lange Dauer hatten und denselben Integrationstendenzen unterworfen waren wie alle anderen Reformbewegungen auch. Brückner findet sich in diesen Passagen, wie ich bereits an anderem Ort formuliert habe (siehe hier), bemerkenswert nah am postmodernen Denken, wenn er das alte, sozialistische Revolutionsparadigma und die sich in diesem spiegelnde Dialektik von Demokratie und Sozialismus zugunsten eines auf die demokratische Überwindung des Schreckens deutsch-bürgerlicher Kontinuität zielenden, alternativen Aneignungsparadigmas infrage zu stellen scheint. Zu seiner Verteidigung muss jedoch betont werden, dass er diese Infragestellung gleichsam nur spieltheoretisch vornimmt, um sie sodann von sich und uns zu weisen. Denn so sehr sie in der historischen Realität auch auseinanderzudriften scheinen, so wenig könne man beide Paradigmen wirklich trennen, betont er (bspw. auf S.146). Vielmehr sei auch der demokratische Kampf um Anerkennung ein Kampf gegen das unser Leben bestimmende und deformierende Wertgesetz. Beide Kämpfe, der demokratische Kampf gegen die bürokratische Verwaltung unserer Lebensbedingungen und der sozialistische Kampf gegen das Wertgesetz und seine Ausbeutungs- und Entfremdungskonsequenzen, sind Aneignungskämpfe und tragen, konsequent betrieben, einen revolutionären Charakter. Beide Kämpfe haben aber auch ihre eigenen Kampfformen und Logiken, sind also als Kampfparadigmen Teil einer widersprüchlichen Einheit, die man als Ganzes nur zu fassen bekommt in der historischen Bewegung selbst – also nur dialektisch.

Peter Brückner wird hier, und gelegentlich auch anderswo, ein Opfer seiner analytischen Methode, denn was analytisch durchaus auseinanderzuhalten ist, um politische Sensibilität zu erzeugen, kann im realen historischen Gesamtprozess kaum gleichermaßen getrennt werden, ohne schwerwiegende politische Konsequenzen zu zeitigen. Die Unterscheidung von demokratischem und sozialistischem Kampf ist in der Tat von zentraler analytischer Bedeutung. In der politisch-historischen Realität jedoch bedeutet eine Trennung der beiden die liberale Abwendung vom sozialistischen Ziel auf der einen, die autoritär-despotische Abwendung von demokratischen Grundätzen auf der anderen Seite der linken Medaille.

Brückners konzeptionelle Offenheit, auch dies eine seiner großen Stärken, ließ ihn schwanken in Zeiten des historischen wie persönlichen Übergangs. Und die von ihm so lange Zeit erhoffte und vertretene Dialektik von demokratischem und sozialistischem Kampf schien ihm geschichtsphilosophisch unsicher geworden am Ende jener ›roten siebziger‹ Jahre und ihrer Neuen Linken.

VII

Brückners Suchbewegungen in der ›neuen Unübersichtlichkeit‹ des Jahrzehntwechsels zu den Achtzigern blieben unvollendet, weil er bereits 1982, mit gerade einmal sechzig Jahren, einem alten Herzleiden erlag. Wie er diese achtziger Jahre begleitet hätte, lässt sich nur spekulierend formulieren. Und doch ist ein Blick auf das ihm folgende Jahrzehnt von besonderem Interesse auch für unser Thema.

In der Retrospektive und unter der Fragestellung nach dem Schrecken deutsch-bürgerlicher Kontinuität wurden die achtziger Jahre zu einem Jahrzehnt kulturrevolutionärer Erinnerungspolitik. Eine ganze Generation junger und älterer Menschen widmete sich, gegen massive Widerstände des ›bürgerlichen‹ Establishments (und indirekt ermuntert vielleicht auch durch Brückners Werk, bzw. den Geist, der es durchzieht), der Aufarbeitung nazistischer Kontinuitäten in Geschichte und Gegenwart. Und was am Anfang des Jahrzehnts noch eine fast staatsfeindliche Tat im Guerillakampf gegen das Establishment gewesen ist, entwickelte sich im Laufe des folgenden Jahrzehnts zum geradezu staatspolitischen Akt. Seit dem Übergang zu den Neunzigern gilt die Aufarbeitung der eigenen faschistischen Vergangenheit in nicht wenigen Kommunen und Städten, in Schulen, Universitäten und auch außerhalb derselben geradezu als (ebenso kultureller wie ökonomischer) Standortfaktor. Der Sozialpsychologe Brückner mit seinem Imperativ des Erinnerns und Durcharbeitens dürfte an solcher Erinnerungspolitik seine Freude gefunden haben. »Alte Geschichten?« fragte er in seinem Versuch…: »Wir, heute, agieren noch unter ihrem Einfluss. Und so lange werden wir eben nicht wirklich ›Gegenwart‹. Das Neue, wo immer es warten mag, entzieht sich uns, soweit die unbewusste Herrschaft des Vergangenen reicht.« (S.61)

Der linkssozialistische Intellektuelle Brückner dagegen dürfte das weitere Schicksal der deutschen Linken mit Befremden beobachtet haben. In der Tat lösten seit Ende der siebziger Jahre die sogenannten neuen sozialen Bewegungen die Neue Linke hegemonial ab. Der lautstarke Abschied vom Proletariat machte einem subversiven Postmodernismus in grün-alternativen Farben Platz und die sozialistische Linke verlor dabei in ihrer ganzen Breite wie Tiefe zunehmend an Zugkraft und Überzeugung. Als Ende der achtziger Jahre, mit dem reformatorischen Aufbrechen des Realsozialismus und einer neuen internationalistischen Welle, neue Bewegung auch in die deutsche Linke kam, wurden jedoch ihre zarten Pflänzchen auf eine allzu harte Probe gestellt. Gerade hatte man sich im Herbst 1989 zu einer Radikalen Linken formiert, die den Erbantritt der sich zunehmend integrierenden grünen Partei beanspruchte, da brachte die ostdeutsche Herbstrevolution erneut alles durcheinander.

Betrachtet man sich die alten Diskussionen und Papiere dieses grausam in sich wieder zusammenfallenden Aufbruchs, fällt interessanterweise auf, dass gerade die frühen Texte dieser sich so nennenden Radikalen Linken von der gleichen Ambivalenz von Deutschlandkritik und Gesellschaftskritik durchzogen sind, wie wir sie in Brückners Versuch… finden. Gesellschaftskritische Einsichten in den damals gerade mächtig durchstartenden Neoliberalismus finden sich hier ebenso wie der traditionell linke Schrecken vor den deutsch-bürgerlichen Kontinuitäten. Und als im Dezember/Januar 1989/90 deutlich wurde, dass es zu einer deutschen Wiedervereinigung kommen würde, verdrängten diese alten Ängste jede politische Vernunft. Die Gefahr eines Vierten Reiches wurde an die öffentliche Wand gemalt und gleichsam aus dem deutschen Nationalcharakter abgeleitet. Aus der zuerst nur übertriebenen Gefahr wurde unvermittelt die vollendete Realität und dem vermeintlichen ›Deutschland über alles‹ ein trotzig-hilfloses ›Deutschland ohne uns‹ entgegengeschleudert. Jede Form des politischen Umgangs mit den neuen Realitäten wurde zur Kapitulation vor dem imperialistischen Deutschtum erklärt, und die erneut aufbrechenden alten Trennungslinien auf der Linken wurden ausdrücklich begrüßt. Wer da nicht mitmachen wollte, der wurde kurzerhand als vaterländischer Gesell denunziert. Linke Politik reduzierte sich fortan auf die Entlarvung reaktionärer, vermeintlich faschistischer Tendenzen im neuen Deutschland und auf die Denunziation linker politischer Ansätze, die nicht auf dem Standpunkt prinzipieller und radikaler Negation stehen.

Die Ambivalenzen einer am Kaiserreich und am Nazi-Faschismus sich orientierenden linken Deutschlandkritik erfuhren in jener Zeit einen vielsagenden historischen Praxistest. Und die deutsche Rest-Linke hat sich an ihnen tiefgreifend und nachhaltig nicht nur gespalten, sondern selbst zerstört. Der von ihr als ehernes Gepäck wesentlich mitgetragene Faschismusverdacht hat hierbei seinen immanenten Pferdefuß offenbart. Angetreten als letzte Ausflucht wider die deutschen Verhältnisse machten sich die alle Linken und die Bevölkerung unter Generalverdacht stellenden Antideutschen zu Komplizen deutscher Herrschaftspolitik. »Das Volk« wurde nun auch von ihnen geradezu hemmungslos als »unkalkulierbar, gefährdet, ja gegebenenfalls gefährlich [betrachtet]. So wird, was eine herrschaftliche Tradition der Bevölkerung geschichtlich antut, ihr vom aufgeklärt-demokratischen Bewusstsein als ‚Schuld‘ vorgehalten und angerechnet.« (Brückner)

Dass und wie solch linksradikaler Bellizismus sogar zum Stichwortgeber eines neu-liberalen deutschen Imperialismus mutieren konnte, ist nicht nur eine tragische Ironie der Geschichte, sondern verdeutlicht, dass und wie eine unaufgeklärte, ressentimentgeladene Angst vor dem Weiterwirken des Faschismus in der Demokratie unter veränderten historischen Bedingungen auch und gerade dem vorherrschenden Liberalismus zu dienen vermag. Was wäre mehr Konsens auf der deutschen Linken als jener Imperativ, sein Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe? Was wäre dagegen weniger Konsens auf der Linken als die Antwort auf die Frage, was dies eigentlich heißen kann und soll? Seit den Antideutschen muss dieser Imperativ sogar herhalten zur Rechtfertigung von neo-imperialer Aggressionspolitik und einer auch militärisch durchgesetzten Politik ethnischer Vertreibung. Und der historische Dienst, den der ›Linke‹ Joschka Fischer 1999 seinen Herrschenden leistete, als er die ersten militärischen Interventionen der deutschen Bundeswehr erfolgreich mit dem Auschwitz-Imperativ begründete, wurde Jahre zuvor vorbereitet durch die Propaganda antideutscher ›linker‹ Sturmtruppen.

Peter Brückner dagegen hatte ein feines Gespür für die Fallstricke solch linksradikaler ›Kraft der Negation‹. In einer Passage seines Versuchs… verdeutlicht er bspw. den in Deutschland endemischen Mangel an tiefem Misstrauen gegenüber Obrigkeit und staatlicher Regierungsgewalt, indem er auf die damals noch ganz präsenten Stammheimer Tode von 1977 zu sprechen kommt. Bemerkenswert, so Brückner, sei der Vertrauensvorschuss der Bevölkerung, dass diese Tode von Stammheim Selbstmorde waren und dass alle Zweifler an dieser These reflexartig-affektiv auszugrenzen seien. Bemerkenswerter noch sei allerdings jene oppositionelle, linke Minderheit, die den herrschenden Spieß einfach umdrehe und (aus derselben Unfähigkeit, an der eigenen Auffassung zu zweifeln) ebenso bestimmt von einem staatlichen Mord ausgehe: »Wer aber wiederum auch diese Gläubigkeit nicht teilt, wird von der Fundamental-Opposition gegen den Staat nicht anders behandelt als der Zweifler von diesen. Dass auch noch die radikale Opposition ruiniert wird, wenn sie sich von jeder Staatsgläubigkeit befreit; dass sie den Herren austauscht; Idealismus seitenverkehrt, ist wiederum ein Moment (und eine Konsequenz) des in Deutschland seit langem endemisch gewordenen Gehorsams. Irgendeinem autoritären Standpunkt sklavisch ergeben sind sie fast alle.« (S.65) Aus solcher Unfähigkeit, Unsicherheit und Ungewissheit zu ertragen, leitet der Sozialpsychologe Brückner übrigens auch seine Beobachtung einer spezifisch linken Härte gegen sich selbst ab, die gleichsam zwangsläufig zum Verdacht gegen andere führe. Wer die Zerfallsprozesse der deutschen Linken in den neunziger Jahren, mit ihrer Kultur der Verdächtigung und Denunziation, miterlebt hat und entsprechend aufmerksam auch die heutigen linken Diskussionen verfolgt, versteht sofort, was er meinte.

Dass dies alles etwas mit der spezifisch deutschen Situation einer geteilten Nation zu tun hatte, versteht besser, wer Brückners Buch liest. Die Deutschen, schreibt er, seien arm an Identitätsgeschichte und hätten die wiederholte Chance zum historischen Neubeginn auch nach 1945 nur bedingt genutzt. Die durch die je eigene Einbindung in die beiden weltpolitischen Machtblöcke vonstattengegangenen Veränderungen im politischen und ökonomischen System hätten zwar den traditionellen deutschen Militarismus und die typisch deutsche Bereitschaft, sich kollektiv über die Niederlage zu täuschen, zerstört. »Aber die Teilung Deutschlands – von Adenauer gewollt, von seinen Kabinetten verwirklicht und von der Bevölkerung erst hingenommen, dann bekräftigt und am Ende begrüßt – war ein Unglück des ›wiederholten Neuanfangs‹. Als ein Linker, für den das Wort Vaterland so viel nicht bedeutet, von der eigenen Nation zudem tief erschreckt, habe ich mehr als zwei Jahrzehnte gebraucht, um dies wirklich einzusehen. Ein Unglück erstens, weil die mit dieser Teilung – ohne Anlehnung an ›natürliche‹ (d.h. historisch entstandene) Binnengrenzen, bei so viel Nachbarschaft und Sprachgemeinschaft – unvermeidbar gesetzte besondere Thematik von Grenze, von Ab- und Ausgrenzung in der BRD zu einer Deformierung des inneren Zusammenhangs/Zusammenhalts der Bevölkerung und der staatlichen Wirklichkeit geführt hat; und weil die Anrainerschaft der Bundesrepublik es der DDR erleichtert hat, zu begründen, warum ihr Sozialismus so wenig befreit. (…) Die Stalinisierung des deutschen Kommunismus, wie sehr sie in ihm selbst auch angelegt gewesen sein mag, fand in der Teilung Deutschlands jedenfalls ihre ratio essendi, die Begründung, warum es eine Stalinisierung geben musste.« (S.40)

Weil die historisch nur unzureichend entstalinisierte deutsche Linke dies nicht verstehen konnte und wollte, wurde sie nach 1989/90, nach dem Ende dieser fatalen Spaltung der Nation, unfähig, eine angemessene Politik linker Wiedervereinigung zu begründen. An den politischen und sozialpsychologischen Folgen leidet sie noch heute. Das ist in der Tat sehr deutsch – und doch auch wieder nicht…

VIII

Deutschland, das bezeichnete für den deutschen linken Intellektuellen Peter Brückner »ebenso sehr einen objektiven Schuldzusammenhang, aus dem Antifaschismus und Dissidenz nicht entließen, wie einen Horizont künftiger gesellschaftlicher Praxis«. Das ist nicht nur schön formuliert, sondern noch immer treffend. Aber – wer über Deutschland nachdenkt, braucht viele ›aber…‹ – was ist, wenn der objektive Schuldzusammenhang beginnt, den Horizont künftiger gesellschaftlicher Praxis zu verdunkeln, indem er dafür instrumentalisiert wird, eine auf die Zukunft gerichtete emanzipative Praxis systematisch zu blockieren?

In Brückners Gesamtwerk ringen die großen Fragen linker Politik und Theorie um eine zeitgemäße Reformulierung und Beantwortung. Er war einer der originellsten und erfrischendsten Denker der deutschen Neuen Linken. Dass er heute mehr denn je zu den Vergessenen und Unbekannten gehört, dürfte nicht unwesentlich auch damit zusammenhängen, dass seine Antworten und Suchbewegungen sich so gänzlich gegen den Mainstream, auch den linken, positionierten. Als Seismograph eines großen heterogenen Milieus und seiner Bewegungen bleibt es gelegentlich nicht aus, dass man auch und gerade deren Ambivalenzen spiegelt. Nirgendwo scheint mir dies deutlicher als in Brückners Versuch, Gesellschaftskritik mit Deutschlandkritik zu verbinden. Liest man seinen Versuch, uns und anderen die Bundesrepublik zu erklären ernsthaft und aufmerksam, findet man jedoch fast alles, um die Fallstricke einer linken Deutschlandkritik zu verdeutlichen und zu vermeiden, die Deutschland nicht wegen seiner Gegenwart, sondern wegen seiner Vergangenheit kritisiert.

Die Gefahr eines deutschen Wesens – wenn es denn ein solches gibt – liegt aber nicht in seiner Vergangenheit, sondern in seiner Gegenwart. Es ist nicht die völkisch-faschistische Tradition, die Deutschlands Innen- und Außenpolitik prägt. Das war, wie Brückner Ende der siebziger Jahre aufgezeigt hat, schon in den Jahren nach 1945 nicht mehr wirklich der Fall. Weitere vierzig Jahre später gilt dies noch weniger. Deutschlands Innen- und Außenpolitik wird vielmehr von jener geopolitischen Rolle geprägt, die die größer und wichtiger gewordene Bundesrepublik als hegemoniale Führungsmacht des west- und mitteleuropäischen Neo-Imperialismus spielt. Dessen Eliten haben heute – anders als in den 1930er Jahren – keinen Bedarf mehr an einem Neo-Faschismus. Ihr staatstragender Antifaschismus ist deswegen auf bürgerliche (d.h. eben widersprüchliche) Weise durchaus echt.

Warum dies so ist, auch dies kann man schon bei Brückner lesen. »Noch immer«, schreibt er, »befindet sich die Bundesrepublik Deutschland im Gravitationsfeld faschistischer Lösungen.« (S.117) Das will wohl verstanden sein, denn »(n)icht die Hitlers bleiben. Was kommt und bleibt, ist mit der Strukturkrise, die das kapitalistische Wirtschaftssystem verkörpert, das Instrumentarium, mit dem Probleme gelöst, mit dem Unternehmen und Regierung vor ihren Folgen angeblich bewahrt bleiben können.« (S.107) Das neue Deutschland ist aber kein nachholender weltpolitischer Underdog mehr, der in einer Welt sich rivalisierender Imperialismen seinen bisher verweigerten Anteil gewaltsam zu erobern versucht und sich dabei einer der klassenbewusstesten Arbeiterbewegungen erwehren muss. Die Geschichte ist weitergegangen. Der neue deutsche Imperialismus ist außenpolitisch wie innenpolitisch besser verankert, und ihm stehen Krisenlösungsstrategien zur Verfügung, von der das Weimarer Bürgertum nur träumen konnte.

Wer die Bundesrepublik verstehen will, muss also verstehen, dass sie nicht nur ein durch und durch moderner bürgerlich-kapitalistischer Staat geworden ist, sondern mehr noch eine geopolitische Führungsmacht ersten Ranges. Der Horizont künftiger emanzipativer Praxis hat sich an dieser Gegenwart zu orientieren, nicht an den Geistern einer längst vergangenen Geschichte.

(Die Printfassung dieses Beitrages erschien 2015 in dem von Gerhard Hanloser herausgegebenen Band »Deutschland.Kritik« im Münsteraner Unrast-Verlag. Dort finden sich auch die Zitatnachweise und Literaturhinweise.)

(Bildquelle: wikimedia commons)

Jünke Christoph

Christoph Jünke ist Historiker und politischer Publizist. Seine Arbeitsgebiete liegen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der Zeitgeschichte, der Geschichte sozialer Bewegungen und der politischen Ideengeschichte.

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