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von Peter Brandt

Im osteuropäisch-slawischen Bereich, der lange zwischen den imperialen Mächten Russland, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich, in geringerem Maß auch Preußen bzw. Deutschland aufgeteilt war, vollzog sich die Nationbildung, verstanden als sozialer und kultureller Vorgang, gegenüber anderen Teilen Europas mit teilweise erheblicher Verzögerung: Die autochthonen Sprachen existierten teilweise nur oder nur noch als Bauern- und Unterschichtendialekte. Ferner waren die ethnographischen und linguistischen Verhältnisse im östlichen Teil des Kontinents dadurch gekennzeichnet, dass bis zu den großen Umsiedlungen und Vertreibungen der 1940er Jahre eine ausgeprägte Gemengelage ebenso charakteristisch war wie das Vorhandensein sogenannten ›schwebenden‹, national kaum zuordenbaren ›Volkstums‹.

Unter den diversen national-kulturellen und national-politischen Bestrebungen im östlichen Europa waren die der Ukrainer im Hinblick auf deren Existenz als Ethnonation in besonderer Weise problematisch: Die ukrainische Nationalidee ist in mehrfacher Hinsicht eng verbunden mit der russischen. Dabei geht es nicht allein um die sprachliche Verwandtschaft (beides, wie auch das Weißrussische, ostslawische Sprachen, geschrieben in kyrillischen Buchstaben) und die Nähe der religiösen Konfessionen: in der Ukraine heute drei konkurrierende orthodoxe Kirchen sowie die mit dem römischen Katholizismus verbundene, ›unierte‹ Kirche mit ebenfalls ostkirchlichem Ritus. Gemeinsam ist Russen und Ukrainern der auf die Kiewer Rus des 9. bis 12. Jahrhunderts zurückgehende nationalstaatliche Ursprungsmythos.

von Lutz Götze

Alle Welt spekuliert darüber, was wohl der Herr im Kreml plane. Sogenannte Russlandexperten werden nicht müde, ihre Erklärungen über die Absichten des Wladimir Putin in die Welt zu posaunen. Oft beträgt deren Halbwertzeit nicht einmal einen Tag. Daher erstaunt es keineswegs, wenn jetzt, nach der völkerrechtswidrigen Anerkennung der Separatistenregime in Donezk und Luhansk durch Putin, der Westen in toto erschüttert ist und, in völliger Selbstüberschätzung wie Außenministerin Baerbock, den Rückzug der russischen Invasionstruppen fordert. Vollkommen überrascht sind auch Kanzler Scholz und der französische Präsident Macron, die nach ihren Gesprächen mit Putin vor einer Woche optimistisch gestimmt nach Haus zurückkehrten. Haben sie Putin nicht zugehört? Oder haben sie ihn lediglich nicht verstanden?

Dabei sind Putins Gedankengänge leicht zu begreifen. Sie resultieren aus einer sehr einseitigen Sicht auf die russische und osteuropäische Geschichte, gepaart mit Großmannssucht und einem Inferioritätsgefühl, das nach Rache verlangt.

von Lutz Götze

Die Beziehungen zwischen der Nordatlantikpakt-Organisation (NATO) und Russland sind zu Beginn des Jahres 2022 auf einem Tiefpunkt angelangt, jene zwischen der Europäischen Union (EU) und Russland gleichermaßen. Auch das Verhältnis zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten der Union und Russland befindet sich in Gefrierpunktnähe. Zwar haben Gespräche – etwa im NATO-Russland-Rat, stattgefunden –, doch sie verharrten beim Austausch der unterschiedlichen Standpunkte. Der Antrittsbesuch der deutschen Außenministerin Baerbock bei ihrem russischen Amtskollegen Lawrow brachte keinerlei inhaltliche Annäherung. Das einzig Positive ist, dass miteinander gesprochen wird: getreu der alten Weisheit, dass die Waffen schweigen, solange man miteinander redet. Dennoch bleibt die Gefahr eines russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine bestehen, möglicherweise gegen weitere Staaten: Schweden zieht bereits auf der Ostseeinsel Gotland Abwehrtruppen zusammen, ukrainische und baltische Politiker sprechen offen von einer Kriegsgefahr.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.