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von Steffen Dietzsch

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Ein erster Blick auf diesen voluminösen Band könnte Missverständnisse aufkommen lassen über Umfang und Intensität des Fachs ›Philosophie‹ in der ehemaligen DDR.

Der Blick aber, der diesem Band wirklich angemessen wäre, kann nicht monovisual, sondern muß stereoskopisch sein: Was heißt das? – Mit dem stereoskopischen Blick erweitere ich das Gesehene über eine vordergründige Fläche hinaus in einen Hintergrund. Erst das macht es möglich, die Personen dieses Verzeichnisses als je verschieden in einen historisch-geistigen Raum hinein vernetzt zu lesen und zu verstehen. Und das würde auch vor jenem ersten Missverständnis bewahren, in diesem Band etwa ein Philosophenlexikon zu vermuten. Rauh hatte den schönen, gestalterischen Einfall, die philosophische Arbeit in der DDR zusammen mit den extra-philosophischen Bedingungen ihrer Möglichkeit als ein personales Geflecht vorzustellen. Das erst lässt die nicht-kognitiven Konstellationen im DDR-Philosophie Betrieb sichtbar werden.

von Helmut Roewer

I Zar Peter III. rettet die zentraleuropäische Großmacht Preußen – einige Bemerkungen zum Kriegsjahr 1762

In diesem kurzen Beitrag behandle ich ein Ereignis, das vor 260 Jahren stattfand und als das Mirakel des Hauses Brandenburg in die preußisch-deutsche Geschichtsmythen eingegangen ist. Im Klartext: Es war ein russischer Herrscher, Zar Peter III., der sich entschloss, den Koalitions-Krieg gegen Preußen zu beenden, das in eben jenen Tagen, Anfang 1762, vor dem militärischen und politischen Aus stand. Was war geschehen?

von Peter Brandt

Häftling Nr. 1935 – das Verfolgungsschicksal des Zeugen Jehovas Ernst Reiter

Die Geschichtswissenschaft kennt seit über drei Jahrzehnten den Begriff der ›vergessenen Opfer‹ des Nationalsozialismus. Genau betrachtet, wurde fast jede Gruppe der im Nationalsozialismus Verfolgten und Ermordeten nach 1945 Opfer eines gesellschaftlichen Verdrängungs- und Verleugnungsprozesses, für den ›Vergessen‹ manchmal auch ein Euphemismus war. Maßgeblich für eine Überwindung dieses ›Vergessens‹ der Opfergruppen waren in allen Fällen aus den Opfergruppen selbst kommende Initiativen.

Zunächst waren es jüdische Überlebende und jüdische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – zumeist beides in einer Person –, die den Holocaust dokumentierten und erforschten, lange bevor die Ermordung der europäischen Juden zu einem zentralen Thema der Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde. Doch bei den meisten Opfergruppen bestand keine eigene wissenschaftliche Tradition, die diesen Aufarbeitungs- und kollektiven Erinnerungsprozess tragen konnte. Nicht-fachliches Engagement aus den Opfergruppen war entscheidend für die Erinnerung, Erforschung und Anerkennung. Wachsende, zwangsläufig nicht immer konfliktfrei verlaufende Unterstützung aus der Fachwissenschaft trat hinzu; heute gibt es auch eine wissenschaftliche Forschung, an der Nachkommen der Überlebenden oder spätere Generationen der einstigen Opfergruppen teilhaben.