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von Steffen Dietzsch

Als Meinungen schon justiziabel wurden
Eine diskurs-polizeiliche Episode aus der DDR-Philosophie

Die vorliegende Dokumentation führt hinein in die Frühgeschichte der Agonie sozialistisch-kommunistischer Machtkultur in Deutschland, – als 1958 an der (Ost)Berliner Philosophischen Fakultät eine studentische Diskussionsveranstaltung nicht rhetorisch mit einem quod erat demonstrandum endete, sondern in einem Alles-was-sie-ab-jetzt-sagen-kann-gegen-sie-verwendet-werden. Statt Lorbeer aufs Haupt klickten im Forum die Handschellen; für die Betroffenen momentan unerwartet, aber eben doch bloß ein weiterer Fall in der Universalgeschichte politischer Niedertracht.

In der kommunistischen Zeitrechnung galt die zweite Hälfte der Fünfziger Jahre als eine – hoffnungsfrohe – Periode des technischen, wissenschaftlichen und auch politischen Umbruchs. Man beschrieb das Belebende jener Zeit in meteorologischen oder floristischen Metaphern, – als Tauwetter oder (maoistisch) Lasst-hundert-Blumen-blühen.

Eine Art Kompass im digitalen Zeitalter

von Herbert Ammon

Bereits um die Jahrtausendwende sprachen Soziologen wie Anthony Giddens und Ralf Dahrendorf (Auf der Suche nach einer neuen Ordnung.Vorlesungen zur Politik der Freiheit im 21. Jahrhundert, 2003) von der ›runaway world‹. Die digitale Revolution war in vollem Gange, unter neoliberalen Vorzeichen forcierten die westlichen Industrieländer die Globalisierung, der rapide soziale Wandel ging einher mit dem ›Wertewandel‹ unter dem Oberbegriff ›Individualisierung‹.

Die seither in offenbar noch schnellerem Rhythmus ablaufende Beschleunigung des historischen Prozesses (im umfassenden Sinne von Technik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Machtverhältnissen und Politik), ist das Leitmotiv des anno 2013 erstmals erschienenen Buches des Mainzer Historikers Andreas Rödder. Für die vorliegende vierte Auflage – bezogen auf das Jahr 2017 – hat der Autor das Manuskript aktualisiert, ohne allerdings über die denkbaren Folgen des Brexit für EU-Europa und die immer deutlicheren Machtprojektionen Chinas unter dem seit 2013 regierenden Präsidenten Xi Jinping zu reflektieren. Die Corona-Pandemie und ihre Konsequenzen lagen noch außerhalb des zeitgeschichtlichen Horizonts.

Anmerkungen zu Erinnerungskultur und Geschichtspolitik

von Johannes R. Kandel

Geschichte, ›Political Correctness‹ und ›Cancel-Culture‹

In unserem geistigen und politischen Leben hat sich die transnationale Bewegung der ›Political Correctness‹ nachhaltig etabliert und definiert mit einem ständig erweiterten ›Kanon‹ von Sprachanordnungen und gesellschaftlich ›korrekten‹ Verhaltensvorschriften die öffentliche Kommunikation und das soziale Leben. Ursprünglich in den siebziger Jahren an amerikanischen Universitäten als Instrument zur Verbesserung von Bildungschancen ›unterprivilegierter‹ Gruppen entwickelt (›affirmative action‹), hat sich die Bewegung zu einem veritablen gesellschaftlichen »Tugendterror« (Thilo Sarrazin) entwickelt. Angefeuert und bedrängt von zahllosen – meist linksorientierten NGOs – folgt die Politik längst den Leitlinien einer immer uferloser und grotesker werdenden ›Political Correctness« (PC). Der tragische Tod des farbigen US-Amerikaners George Floyd im Mai 2020 löste eine neue, geradezu hysterische Welle der PC aus, die sich inzwischen zu einer gewalttätigen ›Cancel-Culture‹ gesteigert hat, die der Psychologe Kolja Zydatiss treffend als »die neue Kultur des Ausgrenzens und Stummschaltens« bezeichnet und die die Demokratie massiv gefährdet. Er bietet dafür zahlreiche Beispiele und gute Hintergrundanalysen. (Zydatiss, Cancel Culture, 2021, S. 17ff.). Gegenwärtiger Hauptprotagonist dieser ›Kultur‹ in den USA ist die gewalttätige Bewegung ›Black Lives Matter‹ (BLM), die aber auch in Deutschland einige öffentliche Auftritte zu verzeichnen hatte. ›Ge-cancelt‹ werden soll alles, was den ›antirassistischen‹, ›antifaschistischen‹ und ›post-kolonialistischen‹ Ideologen nicht passt. Die Zielobjekte des politisch korrekten Furors betreffen in starkem Maße auch die Geschichte und somit die Vergangenheitspolitik. Staatlich erwünschte Geschichtsbilder werden in Wissenschaft, Bildung und öffentlichem Diskurs durchgesetzt, was sich sowohl durch Personalpolitik, inhaltliche Vorgaben als auch qua Zuweisung bzw. Verweigerung von Finanzmitteln befördern lässt (›State-Sponsored History‹).