Aufnahme: ©rs

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne des Berliner Philosophen Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache. 

 

... neulich im Einstein

erinnerte mich Freund Ulrich – suffix-überladen als ›LiteraturprofessorIn‹ und ›AutorIn‹ ausgewiesen – an einen Satz von Heinrich Heine, demzufolge die deutsche Sprache sehr reich sei, in Form und Wort, dass wir aber für unsere Konversation nur ein Zehntel dieses Reichtums aufwendeten, also faktisch spracharm seien. Darin scheint man sich überall einzurichten, und verfällt – um diese Armut zu kaschieren – auf (armselige) sprachliche Pirouetten, die einen Reichtum imitieren sollen: So soll neu diversity in Erscheinung treten. Überall in der administrativen Kommunikation dominiert bereits dieser ›Gender‹-Einbruch in die orthografische und lexikalische Formkultur des Deutschen.

Einen (sprach)wissenschaftlichen Grund, in der Theorie der Deutschen Standardsprache einen Mangel (gar seit Grimm’s Zeiten!) beseitigen zu müssen, gibt es nicht. Wohl aber gibt es ein aktivistisches (feministisches?) Gefühl, in verallgemeinender Rede (und Ansprache) nicht als empirisches (physisches) Faktum vorzukommen. Das Gefühl mag (auch physisch) überwältigend sein – so wie der Eindruck, dass bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt... Doch beides ist wissenschaftlich grundlos, vulgo: Blödsinn (hier wird Planetarisches nicht gesehen, dort nicht die generische (und nicht die physisch-empirische) Kompetenz der Sprache.

Die ›Genderisten‹ verhindern durch das canceln von Standards der Deutschen Sprache deren (im sprachgeschichtlichen Prozess erreichte) Fähigkeit, Allgemeinheiten und Generalisierungen geregelt auszudrücken. So canceln sie das generische Maskulinum! – Weil sie etwas ›sichtbar‹ machen wollen, also sprachlich eine physische Leistung erbringen wollen. Aber: das generische Maskulinum macht auf nichts Physisches, gar nichts Sexuelles aufmerksam, sondern sprachlich auf etwas Allgemeines! – Was wird aber nun ›genderesk‹ sichtbar?  Wieder die einzelnen Elemente, die man in einer verallgemeinernden Operation gerade eben generalisiert (synthetisiert) hatte! Denn was passiert durch die ›…innen‹, ›*‹- oder ›_‹- Formen? Es erfolgt eine Re-Empirisierung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten. Es bilden sich ›Sprach-Ungetüme‹ aus, die alle diversen Elemente (die im Allgemeinbegriff gebündelt waren), und die man mit dem Wort oder Satz – als generell – ausdrücken will, sozusagen ›hintereinander‹ zu Wort kommen lassen muss. – Seit Hegel sollten wir wissen: Ein getrenntes Allgemeines ist nicht mehr allgemein, sondern abermals etwas Besonderes. Und das hat paradoxerweise (oder gewollt?) eine Feminisierung/Sexualisierung der Sprache zur Folge, – und eine Trivialisierung und Redundanz, die das Lesen, Schreiben und Hören zur Qual machen können. Damit rückt diese Sprachpraxis in die Nähe von suburban-slang. Ist das wirklich bald die Sprache der Demokratie? Ist das der neue kommunikative Alltag der Emanzipation? Neue ›Ingenieure der Sprache‹ machen dabei ihre ›Social Media‹ Karrieren, die zur Virtualisierung der Wirklichkeit beitragen (so wie im ›Sozialismus-in-Einem-Lande‹ die Schriftsteller als ›Ingenieure der Seele‹)! Wohin das politisch führen kann, hat neuerdings Ji Fengyuan (2004) – in der Nachfolge von George Orwell, Aldous Huxley oder Czesɬaw Miɬosz – mit seinem Buch Linguistic Engineering: Language and Politics in Mao's China dargestellt. Die Standard-Sprache des Deutschen aber sollte – vorpolitisch! – inklusiv sein, geschlechtsneutral und alle gleichnah zu ihr. – Mein suffix-beladener Ulrich hoffte lange – sprachwissenschaftlich intern – auf Occam's Razor jener uneleganten und sprechakt-unökonomischen Bauchrednerei; doch er unterschätzt wohl die ›Öffentliche Meinung‹, von der Johannes Gross vermutete: ›Öffentliche Meinung, d.i. falsche Perlen vor echte Säue werfen.‹

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.