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III Was sind die Ursachen für die gewaltigen Migrationsströme?

1. Man möchte an erster Stelle Bürgerkriege verantwortlich machen. Das ist nicht falsch. Aber die meisten Bürgerkriegsflüchtlinge suchen Sicherheit im eigenen Land oder in Nachbarländern, weil sie sich dort besser zurecht finden als in fernen Ländern, deren Sprache sie nicht kennen, aber auch deshalb, weil viele kein Geld für Fernreisen haben – und Visa auch nicht. Denn Flüchtlinge haben zwar das Recht, ohne Genehmigung die Grenze zu überschreiten, die sie vor Verfolgung rettet. Sie haben aber kein Recht auf visafreies Reisen weltweit. Überall in der Welt ist ungenehmigte Einreise strafbar. Der Migrationsstrom des vorigen Jahres nach Europa lässt sich so aber nicht erklären. Denn jene Bürgerkriege, namentlich der in Syrien, waren gar nicht plötzlich heftiger geworden. Die Flüchtlinge kamen überwiegend aus Lagern in für sie sicheren Nachbarländern. Es ist deshalb auch nicht korrekt, wenn behauptet wird, wir hätten Flüchtlingen das Leben gerettet, indem wir sie aufnahmen. Ihres Lebens waren sie bereits in den Nachbarländern sicher. Wir sollten uns keine Lebensrettungsmedaillen an die Brust heften, die wir uns gar nicht verdient haben. Es muss ja auch nicht immer gleich um Leben oder Tod gehen. Wenn wir Flüchtlingen Schutz für die Dauer der Gefahr bieten, ist das Grund genug, sie aufzunehmen.

Der Grund für den Flüchtlingsstrom von 2015 war ein zwiefacher: da einige reiche Länder ihre Beiträge für das UN-Flüchtlingshilfswerk, das die Lager in den Nachbarländern Syriens unterhält, nicht geleistet hatten, mussten die Nahrungsmittelrationen gekürzt werden, nämlich von 1,60 Euro pro Tag und Person auf 0,80 Euro (zum Vergleich: bei uns bekommen Flüchtlinge bei freier Kost und Unterkunft täglich 4 Euro Taschengeld). Das löste den Flüchtlingsstrom aus. Ein bisschen erinnert das an den Februar 1990, als Leipziger Demonstranten drohten: ›kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr‹. Es waren die Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit, von wohlhabenden Ländern leichtfertig in Kauf genommen, die diesen Flüchtlingsstrom nach Europa ausgelöst haben. Nicht der niedrige Lebensstandard, nicht einmal das Leben in einem Flüchtlingslager allein löste Massenmigration aus, sondern die Hoffnungslosigkeit. So war es auch im Herbst 1989. Der Lebensstandard war in der DDR gar nicht akut gesunken, aber die Absage der SED-Führung an Gorbatschows Kurs löste Endzeitstimmung aus.

2. Als weitere Fluchtursache werden zumeist Hunger und Elend genannt. Auch das stimmt so nicht ganz. Bis zu uns gelangen nicht die Ärmsten. Denen kann, nota bene, nur vor Ort geholfen werden. Sie können die tausende Euro, die Schlepper verlangen, gar nicht aufbringen. Die zu uns kommen, sind sichtlich nicht unterernährt. Aus Afrika kommen vorwiegend Angehörige der (unteren) Mittelschicht, aus Nahost auch Besserverdienende. Oft legen Großfamilien zusammen, um einen Residenten in Europa zu haben, der sie unterstützt. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden, wenn er seinen Lebensunterhalt hier selbst verdient. Es gibt erfreulicherweise Erfolge im Kampf gegen die lähmende Armut der Unterernährung. Das wird aber den Migrationsdruck nicht mindern, sondern die Zahl derer erhöhen, die sich die Reise nach Europa leisten können.

Die moderne Kommunikation zeigt auch dem hintersten Winkel dieser Welt, wie wir im nördlichen Westen leben. Und erfolgreiche Migranten in Europa telefonieren reichlich mit ihren fernen Verwandten. Dabei entstehen auch übertriebene Erwartungen an das, was Migranten hier erwartet. Schlepper streuen zudem Gerüchte. Jeder, der herkomme, bekomme ein Haus und 3000 Euro Begrüßungsgeld, so in Afghanistan, im Kosovo, in Tschetschenien und über den arabischen Sender Al Dschasira. Das erklärt die Enttäuschung mancher Migranten, die sich vom deutschen Staat betrogen fühlen, wenn sie das fälschlich Versprochene nicht bekommen. Menschenschmuggel ist übrigens heute für die organisierte Kriminalität einträglicher als Drogen- und Waffenschmuggel. Diese menschenverachtende Geldgier ist die Hauptursache für das massenhafte Ertrinken im Mittelmeer auf hochseeuntüchtigen Booten. Den Schleppern könnte das Handwerk gelegt werden, wenn alle Schlepperboote an die afrikanische Küste zurückgebracht würden und dort Lager existierten, in denen Anträge auf Asyl oder Einreise gestellt werden können. Die müssten unter der Regie des UN-Flüchtlingswerks stehen und vor örtlicher Willkür geschützt sein.

Im Hintergrund der Migrationsströme dürfte als mächtiger Motor die Bevölkerungsexplosion stehen. Die Kindersterblichkeit ist in den Herkunftsländern gesunken, nicht aber die Kinderzahl. Die Familienplanung hat noch nicht spürbar eingesetzt. Sie wird oft auch prinzipiell abgelehnt, manchmal mit machtpolitischen Begründungen: Geburtenüberschuss als Waffe. Es gab 1950 70 Mio. Araber. 2050 werden es 650 Mio. sein. Für die zweiten, dritten, fünften Söhne hinterlässt aber die Elterngeneration keine Arbeitsplätze. Sie müssten neu geschaffen werden. Das dürfte auch ein Grund dafür sein, dass aus Syrien, Irak und Afghanistan über siebzig Prozent der Migranten alleinstehende junge Männer sind.

Europa hatte im 19. Jahrhundert dasselbe demographische Problem. Viele junge Männer, die den elterlichen Hof nicht erben konnten, gingen in die entstehende Industrie, andere wanderten in die USA aus. Dort wurden sie zwar willkommen geheißen, aber nicht vom Staat mit Geld unterstützt. Sie mussten Ackerland im Wilden Westen urbar machen oder als Tellerwäscher anfangen. In Europa hat jeder Quadratmeter bereits einen Eigentümer und Maschinen waschen die Teller.

Schröder Richard

Richard Schröder, Professor emeritus für Philosophie und Systematische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin, MdB a.D. Von April bis August 1990 war er Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokratischen Partei in der DDR-Volkskammer, von 1993 bis 2009 Verfassungsrichter des Landes Brandenburg.

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