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von Ulrich Schödlbauer

1.

Empathielose Scham: So lautet der Terminus technicus für das routinierte Absondern von Sprechblasen nach einem terroristischen Vorfall, unverzüglich von Erschütterungsarbeitern unter die Lupe genommen und auf die Frage hin untersucht, inwieweit es sich um das Absondern von Sprechblasen handelt und was dabei als verbaler Fehltritt aufs Strengste geahndet gehört. Und siehe: Untersuchung und Ahndung fließen ineinander, als seien sie seit unvordenklichen Zeiten ein und dasselbe. Ja, es gibt Betroffene diesseits der Betroffenheitsrede: die Mordopfer, die sich nicht mehr äußern können, die ›Gemeinten‹, durch Zufall entronnen, die Angehörigen der Ermordeten, schließlich alle, die noch nachträglich in einer Wiederholungsschleife aus Erschrecken und Erleichterung um ihre Liebsten bangen oder nüchtern den gestiegenen Gefahrenpegel für die eigene soziale Gruppe ins Auge fassen. Mehr oder weniger passiv, mehr oder weniger hilflos sind alle der rituellen Bekundungsmaschine ausgesetzt – es sei denn, einem von ihnen platzt unversehens der Kragen und er erfährt, wie schnell er selbst Teil dieser Maschine wird. Die Angst eines Landes ist unvergleichbar der Angst eines Einzelnen: ›Schiss‹, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden, mischt sich darin mit der bangen Erwartung, als Gesellschaft am Beginn einer ›neuen‹ Gewaltserie zu stehen, die alle noch teuer zu stehen kommen wird. Trauer und Zorn bilden die Wände eines Kraters, in dem die zirkulierenden diffusen Ängste, mit Ärger und Wutreflexen angereichert, nach oben drücken und zu brodeln beginnen: Was ist hier geschehen? Was muss noch alles geschehen, damit das sich nicht wiederholt? Wer sind die Schuldigen? ›Neu‹ heißt bei alledem nur das Vergessen des Letzten, des Vorletzten und so weiter, die Überlagerung des Erinnerungsstoffs durch das nachdrückende Geschehen: da erweist sich Statistik als hilfreich und dennoch als das Kälteste, das der Augenblick gebiert.

2.

Über Täter, so scheint es, kann man nie genug erfahren. Die Frage: »Wie konnte das passieren?« bricht sich an der Psyche und dem beschränkten Horizont derer, die da in Rede stehen. Man nennt diese Ablenkung ›Abscheu‹, vermischt mit Irritation über den Menschen, der da unwiderruflich verlorenging: eine blickverändernde Barriere aus Distanz, Unverständnis und klammer Not-Wendigkeit. Unter der Regie des Abscheus geraten die Opfer rasch aus dem Visier (oder die Beschäftigung mit ihnen wird zum Beiwerk eines Affekts, unter dessen Regie Mitgefühl, Mitempfinden, Mitleid zwar bezeugt, aber nicht wirklich empfunden wird). Menschlich bleiben ist schwer und beschränkt sich nicht auf humanitäre Handreichungen. Dabei legen sie, zu Gesten geronnen, noch vom Geschehenen Zeugnis ab, während alle Welt bereits dabei ist, es mit Gedanken, Worten und Werken zuzudecken. Gesten retten die Welt. Jedenfalls helfen sie ihr, vom schmalen Grat des Erträglichen zum nächsten zu gelangen und den Blick in den Abgrund nicht zum Fiasko geraten zu lassen. Trotzdem bezeichnet alle Welt als ›Welt‹ gerade das, was fühllos einem phantasmagorischen Ende entgegenrast, ohne sich durch irgendetwas aufhalten zu lassen, sei es eine wohlmeinende Symbolik oder die erwähnte Geste. Deshalb haftet dem Erschrecken über die Menschheit etwas Wohlfeiles an: Es zieht sich leicht in die Grenzen der Gruppe, des Staates, der Nation oder der Kultur zurück, in denen es sich zur Raserei steigern kann. Doch steigert es sich nicht wirklich, eher arbeitet es sich an ihnen ab wie an einem Stein.

3.

Als ›Terror‹ werden gemeinhin todbringende Handlungen bezeichnet, begangen gegen den Staat und die von ihm garantierte Ordnung: Das verdeckt ein Stück weit, dass sie jeweils zugleich gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe gerichtet sind. Dem Staat erwächst daraus die Möglichkeit der Differenzierung. Er kann bei Bedarf alle Register ziehen oder die Sache herunterspielen und sogar vertuschen, auch wenn er damit nicht besonders gut abschneidet. Das Staatsinteresse rangiert über allem Terror, selbst dem von Staats wegen geübten, den es im strikten Wortsinn nicht geben darf, obwohl er in bestimmten Weltgegenden als endemisch gilt und in anderen als offenes Geheimnis gehandelt wird. Demgegenüber ist der ›Terror eines Einzelnen‹ ein hölzernes Eisen: Vermutlich handelt ein Terrorist nie ohne ›Stimmen im Ohr‹ und bleibt selbst dann auf sein radikales Anderssein zurückgeworfen, wenn er glaubt, er könne sich auf die Gruppe der Mitverschwörer verlassen – und sie mit Auszeichnungen um sich wirft. Das Internet hilft den terribles simplificateurs unter den Kommentatoren (zu denen sich, nach Maßgabe der Unbedarftheit, gern auch Politiker gesellen), die Tat – und ihre Motive – zu verdinglichen. Als feindliche Macht, in deren Auftrag der Terrorist unterwegs ist, wird dann schnell ›das Darknet‹ ausgerufen oder irgendein ›Channel‹, auf dem sich, keine Frage, eine gewisse Anzahl Perverser tummeln mag, die dennoch als Täter nicht unbedingt in Betracht kommen, es sei denn, man lässt die Tat per Rückwärtsansteckung zirkulieren. Woher kommen die Stimmen? Ohne Kenntnis der menschlichen Psyche lässt sich das selten beantworten. Manchmal allerdings ist alles ganz einfach und ein sofort nach der Tat geäußerter Verdacht ›verdichtet sich‹ eilig zur Gewissheit – was die notorischen Menschenkenner unter den Verächtern der Staatsmacht dazu bringt, beim nächsten Mal gleich mit der Gewissheit zu beginnen und die Ermittler-Arbeit in eine Aura der Vertuschung zu tauchen. Ein fundamentum in re besitzt auch das: Nichts geben Staaten widerwilliger preis als Detailwissen über ihre Feinde. Die Naiven unter ihren verbalen Verteidigern folgern daraus, sie würden ›die Augen verschließen‹ – ob willentlich oder nicht, fällt in den Ermessensspielraum des rabulierenden Einzelnen, der sich am öffentlichen Unglück… gesund stößt.

4.

Wie verhält sich eine terrorisierte Bevölkerungsgruppe? Das kommt darauf an, wie homogen sie sich darstellt. Ein Anschlag auf eine Synagoge ist ein Anschlag auf eine Synagoge und die Betroffenen wissen Bescheid. Das liegt daran, dass Fremdzuschreibung ohne eigene Wahrnehmung hier praktisch nicht möglich ist: dafür sorgt das historische Wissen ebenso wie die Schrecken und Scham einflößende Allgegenwart des antijüdischen Stereotyps. Hingegen lässt sich über Herkunft und Größe der Gefahr immer streiten und gewöhnlich geht die Diskussion nach wenigen Zügen über den Anlass hinweg ins Allgemeine: Woher kommen die Täter (heute)? Wie lassen sich Anschläge (besser) verhindern? Wie sicher ist das Land (noch)? Ein Anschlag auf eine christliche Kirche, begangen in Burkina Faso, in Syrien oder auf den Philippinen, rangiert, jedenfalls aus europäischer Sicht, weit unterhalb dieser Bedrohungslage – unter anderem auch deshalb, weil Angehörige der postchristlichen europäischen Gesellschaften sich in der Regel weder als Betroffene noch als Nichtbetroffene sehen. Sie verweigern die Kenntnis darüber, worum es sich ›vor Ort‹ handelt und wie man damit ›ideell‹ umgehen soll. Dagegen kann eine Stadt sehr wohl in Aufruhr geraten, wenn in ihr ein Täter oder eine Gruppe von Tätern umgeht, deren Handlungsmuster von den Leuten als Terror empfunden wird. Eine Behörde, eine Regierung gar, deren Reaktion sich darauf beschränkt, das Publikum zu spalten und den ›Guten‹ das Ersatzobjekt ›Fremdenhass‹ anzubieten, um des befürchteten oder bereits eingetretenen Tumults Herr zu werden, sollte sorgfältig auf die Signale achten, die ihr aus der gespaltenen Bürgerschaft entgegenkommen. Auch demokratische Herrschaft kann schnell als unstatthafter Zwang wahrgenommen werden, wenn den Regierten der Respekt versagt wird. Ansonsten gelten die allgemeinen Regeln der Positionierung. Wer sich aufregt, wird früher oder später zum Spießer gestempelt und verliert an sozialem Prestige, während der Ideologisierungsschub all jene bedient, deren dezidierte Ansichten gewöhnlich hinter den Auffassungen des täglichen Gebrauchs zurückstehen müssen. Entscheidend ist die Nähe zur Tat bzw. den Tatorten. Die Menschen reagieren heikel bei Einbrüchen in ihr Biotop.

5.

Nach jedem Attentat werden Statistiken herumgereicht: Dienen sie der Deeskalation im Bereich der Volksseele oder werden sie gebraucht, um Alarm zu schlagen? Das ist bereits Teil der allseits mit Verachtung bedachten ›Instrumentalisierung‹, aber es enthält auch eine Wasserstandsmeldung über das Verhältnis von Gesellschaft und Staat. Deeskalation bedeutet: Der Staat zieht sich auf seine primäre Ordnungsfunktion zurück und wünscht keine Diskussion, in der seine Vertreter nur verlieren könnten, so heroisch sie sich auch gebärden. Alarmismus bedeutet: Der Staat sieht sich in der Pflicht, aber nicht in Gefahr. Als Sonderform gibt es den deeskalierenden Alarmismus, bei dem die Vertreter des Staates sich bei den Opfern und ihren Verbänden die Klinke in die Hand drücken, um beruhigt wieder in ihre Büros zurückzukehren. ›Wir haben nichts falsch gemacht‹ heißt das und: ›Wir wollen uns da nichts vorwerfen lassen.‹ Was wollen sie sich nicht vorwerfen lassen? Insgeheime Komplizenschaft mit den Tätern? Ein absurder Gedanke, und dennoch… Im Zeitalter der Twitter-Erregungen will alles bedacht sein. Nichtstun? Aber darum geht’s doch. Für Polizei und Justiz sind Terror-Zeiten Hoch-Zeiten der Betriebsamkeit. Da kann ein wenig Abschirmung nicht verkehrt sein. Oder doch? Ein Attentat bringt die Gesellschaft nicht aus den Fugen, aber eine aus den Fugen geratene Gesellschaft trägt schwer an der Vorstellung, mit durchritualisierten Akten und Floskeln sediert zu werden, selbst wenn das Mittel wirkt: In schweren Träumen befangen fingert sie nach dem Rechten, das sich ihr auf allen Seiten entzieht. Die Waffe des Terroristen zielt auf das Opfer, sie meint den Staat und sie lehrt die Gesellschaft das Fürchten. Denn was immer die Leute von ihm halten, es ist ihr Staat. Man spürt aus den schnittigen Gefahrenanalysen die Unruhe des Grübelns heraus: Was wäre, wenn… Wenn was? Wenn eines Tages die Dämme brächen? Dabei sind sie, den Alarmisten zufolge, doch bereits gebrochen. Das bringt die Grübler in die Lage, sich in zwei Richtungen zu sorgen … was nur heißen kann, sich über den Geisteszustand der Mitmenschen Gedanken zu machen, die man gerne den Fachleuten überlassen hätte. Wo sind die Fachleute, wenn man sie braucht? Vermutlich machen auch sie sich Sorgen.

 

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Ulrich Schödlbauer lehrte bis 2015 als Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der FernUniversität in Hagen. Er schreibt Gedichte, Prosa, Essays. Netzprojekte: Die versiegelte Welt und Das Alphazet. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen auf den Gebieten der Kultur- und Kunsttheorie. Er ist Herausgeber des Jahrbuchs für europäische Prozesse Iablis.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.