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Eine Kritik der antiwestlichen Kulturrevolution

Herbert Ammon

I.

Der Begriff ›Cancel Culture‹ (›Kultur des Streichens‹) kann als klassisches Oxymoron, Begriff für einen zugespitzten sprachlich-gedanklichen Widerspruch, gelten: Mit Kultur, Aufklärung und Demokratie, hat die Praxis, die freie Rede zu unterdrücken, nichts zu tun. In Deutschland fand der Terminus im Gefolge einer medialen Empörungskampagne gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr und dessen Kollegin Lisa Eckhart Verbreitung. In den USA, wo das Recht auf ›free speech‹ im ersten Verfassungszusatz verankert ist, sowie allgemein im angloamerikanischen Raum wird die in den Hochschulen und in den Medien grassierende Einschränkung der Meinungs- und Redefreiheit ergänzt durch Begriffe wie ›Call-out Culture‹ und ›Deplatforming‹. Gemeint ist die nicht selten von gewaltsamen Angriffen auf Personen begleitete Methode ›linker‹ Aktivisten, Vorträge zu unliebsamen Themen zu verhindern oder abzubrechen. Eine weitere Zuspitzung erfährt die Cancel Culture im Zeichen von ›wokeness‹ bei unfriedlichen Protesten und spektakulären Aktionen wie dem Abriss oder der Verunstaltung historischer Denkmäler – von Christopher Columbus über Robert E. Lee bis hin zu Abraham Lincoln.

Cancel Culture kann die berufliche Existenz von Künstlern, Journalisten und Wissenschaftlern gefährden, »sobald sie vom Konsens abweichen und nicht mit den Wölfen heulen«, wie es in einem 2020 in Harper´s Magazine veröffentlichten Brief, unterzeichnet von 153 Intellektuellen und Künstlern, konstatiert wird. (49) Im ersten Teil seines Buches zählt Kolja Zydatiss, Autor auf der Achse des Guten und Mitglied des Vereins Freiblickinstitut, eine ganze Reihe von Fällen auf, die seit etwa zehn Jahren das politische Klima im ›Westen‹ – ein im Zeichen der ›decolonization‹ zusehends verpönter Begriff –, insbesondere in den USA, in Großbritannien und in diesem unserem Lande kennzeichnen.

II.

Zydatiss beginnt seine »kleine Chronik der Ausgestoßenen« mit dem englischen Biologie-Nobelpreisträger Tim Hunt, der 2015 wegen eines harmlosen, nicht sehr geistreichen Witzes seine Professur und die Mitgliedschaft in mehreren wissenschaftlichen Organisationen verlor. Ein Jahr später verhinderte der AStA der Universität Bremen mit wahrheitswidrigen Behauptungen einen Vortrag des Osteuropa-Historikers und hoch anerkannten Gewaltforschers Jörg Baberowski. Der an der Universität Hamburg lehrende Ökonom Bernd Lucke, ehedem Gründer der AfD, wurde als »Nazi-Schwein« beschimpft und zu Boden gestoßen. Die Uni-Leitung sprach von einer »diskursiven Auseinandersetzung«, die »insbesondere vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte« zu erklären sei. (28) Am King´s College London operierten ›Antifa‹-Anhänger mit Nebelbomben und Feueralarm gegen eine Podiumsdiskussion zwischen einem sich als »liberal« bezeichnenden Youtuber und dem für Israel eintretenden Vorsitzenden des libertären Ayn Rand Institute. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Als »mildes« Beispiel erwähnt sei noch die »erfolgreiche« Kritik der Grünen im Landkreis Aichach-Friedberg an dem Epidemiologen und Leiter des dortigen Gesundheitsamtes Friedrich Pürner, der wegen seiner differenzierenden Stellungnahmen zur Corona-Politik als »nicht länger tragbar« versetzt wurde. (37)

Cancel Culture kann man als Steigerungsform der ›political correctness‹ definieren. Sie manifestiert sich in der faktischen Einschränkung der Meinungsfreiheit in der veröffentlichten Meinung. Eine solche Feststellung weisen Apologeten und Nutznießer des ideologischen Konformismus – obenan mit entsprechender Aussage die Bundeskanzlerin Angela Merkel (63, Fn.76) – mit dem Standardargument »Meinungsfreiheit ist nicht gleich Widerspruchsfreiheit« zurück. (63) Es gebe keine Zensur in unserem freien Land. In realem Widerspruch dazu steht nicht nur der digitale Usus der in den ›sozialen Medien‹ dominierenden Mega-Unternehmen, zusammenhanglos im Netz nach ›falschen‹ Vokabeln zu fahnden und Autoren für eine Zeitlang – oder dauerhaft – zu sperren. Seit 2017 gibt es in Deutschland überdies ein – nomen teutonicum – Netzwerkdurchsuchungsgesetz, das nicht juristisch ausgebildeten Demokratiewächtern ein berufliches Betätigungsfeld eröffnet.

Den Beleg für Meinungsdruck und Selbstzensur liefern Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach, wonach eine Mehrheit der Befragten – anno 2019 zwei Drittel – sich in ihrer Meinungsäußerung eingeschränkt sah. Bei der jüngsten Umfrage 2021 gaben 55 Prozent an, es sei ratsam, die eigene Meinung lieber nicht frei zu äußern. Eine tonangebende Minderheit diktiere die ›richtige‹ Meinung. Bestätigung findet diese subjektive Wahrnehmung in der Proklamation des Menschheitsbarden Herbert Grönemeyer in seinem Kampf gegen ›rechts‹: »[Es] liegt an uns, zu diktieren, wie ein Gesellschaft auszusehen hat.« (130) Zydatiss ironisiert die herrschende Praxis mit dem Ausspruch des ugandischen Diktators Idi Amin: » There is freedom of speech, but I cannot guarantee freedom after speech.« (65)

III.

Der Gehalt des schmalen, flüssig geschriebenen Buches liegt vor allem im zweiten und dritten Teil (übertitelt »Die Treiber der Cancel Culture« und »Demokratie in Gefahr«). Zydatiss verfällt nicht in kulturkritischen Pessimismus, wenn er die im Westen vordringende »noch namenlose Ideologie« zurückweist. In Anlehnung an den amerikanischen Autor Wesley Yang spricht er von einer »Nachfolger-Ideologie« (successor ideology, 144) – mit Recht könnte man auch von einer Perversion sprechen – des aus der Aufklärung hervorgegangenen ›klassischen‹ Liberalismus. Der alte Liberalismus gründete auf einem Gesellschaftsbegriff von freien, vernunftbegabten gleichberechtigten Individuen und/oder – im politischen Kontext – Bürgern. Die neueste ›linke‹ Ideologie, d.h. die vom zeitgenössischen Linksliberalismus (begrifflich genauer im amerikanischen Original: leftist-liberalism) beförderte Cancel Culture, setzt sich zusammen aus Postmodernismus, Postkolonialismus, Identitätspolitik, Critical Race Theory, ›Intersektionalität‹ – und Pseudo-Marxismus.

Zu Recht distanziert sich Zydatiss von dem in liberalen, konservativen oder ›rechten‹ Kreisen populären Begriff ›Kulturmarxismus‹. Mit marxistischer, auf materialistischer Analyse gegründeten Methoden und deren Zielsetzung einer umfassend emanzipierten Gesellschaft hat die neueste ›linke‹ Ideologie wenig oder nichts zu tun. Anstelle herkömmlicher Kapitalismuskritik betreibt die heutige ›Linke‹ eine Kulturrevolution von oben zur Durchsetzung ihrer Ideologie, die in sich – in der Verquickung von kollektiven Identitäten (überdies angeordnet nach separaten, hierarchisch angeordneten Opfergruppen) und vermeintlichem Universalismus – voller Widersprüche steckt. Anders als der verblasste historische Sozialismus lebt die »Lifestyle-Linke« (Sahra Wagenknecht) von der Verachtung der ›Massen‹, der einfachen Leute oder ›Normalos‹. Den narzisstischen Hochmut der Eliten beklagte bereits in den 1960er Jahren als linker Außenseiter der Historiker Christopher Lasch (1932-1994). Die Aushöhlung der Demokratie in ihrem Mutterland USA ist auch das Thema seines posthum veröffentlichten Buches The Revolt of the Elites and the Betrayal of Democracy (1995) (90).

Zydatiss führt die Cancel Culture auf die Ideologie der ›Neuen Linken‹ der 1960er Jahre zurück. Was die Verlagerung der Kritik von der ökonomisch-sozialen ›Basis‹ in die Psyche des fremdgesteuerten Subjekts betrifft, so liegt er mit dieser Diagnose nicht falsch. Theodor W. Adorno fand die Wurzel des Faschismus nicht mehr in den gegebenen Herrschaftsverhältnissen, sondern in der ›autoritären Persönlichkeit‹. Herbert Marcuse bereitete mit seinem Angriff auf die ›repressive Toleranz‹ der liberalen Gesellschaft der Ideologie befreiender Gewalt den Weg. Die ›Faschismus‹-Formel wurde zum moralisch legitimierenden Passepartout für je eigene Machtansprüche. Vermutlich dürfte Marcuse, ehedem Mentor der kommunistischen Afroamerikanerin Angela Davis, heute den Parolen der Black-Lives-Matter-Bewegung beipflichten. Andererseits würden die intellektuell dürftigen Attacken identitätspolitischer Aktivisten auf ›weiße alte Männer‹ bei allen anderen Vertretern der alten kulturkritischen Frankfurter Schule nur auf degoutierte Ablehnung treffen.

Das ›Faschismus‹-Geschrei gehört nach wie vor zum politischen Alltag, auch wenn »die politischen Schablonen der 1920er und -30er Jahre« (128) längst nicht zur Abbildung der politisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts taugen. Im Gefolge von digitaler Revolution, Globalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte ist in den kapitalistischen Industrieländern eine gänzlich andere Klassengesellschaft entstanden: Die ›neue Klasse‹ – die Eliten – besteht aus zwei eng verflochtenen Teilen, dem Spitzenpersonal der Großunternehmen und deren Pendant im staatlichen Bereich sowie im Non-Profit-Sektor, nicht zuletzt in den – oft staatlich subventionierten – NGOs. Mit den Superreichen an der Spitze umfasst die wohlhabende Ober- und/oder gut situierte neue Mittelschicht eine Gruppe von etwa 20 Prozent. Darunter steht die große Mehrheit, von den traditionellen Mittelschichten bis hinunter zum Prekariat. Die Bruchlinien in der Gesellschaft verlaufen dabei nicht mehr primär ökonomisch-sozial, sondern kulturell. Der englische Journalist David Goodhart unterscheidet die ›weltoffene‹ Minderheit von kosmopolitisch orientierten und global agierenden »anywheres‹ und die weniger gebildeten, an der gewohnten Lebenswelt festhaltenden ›somewheres‹. (Die deutsche Übersetzung »Irgendwo-Menschen« verfehlt die Pointe. [96])

In den hoch entwickelten Gesellschaften des Westens erleben wir das Bündnis der Eliten – auch die sind heute mehrheitlich »irgendwie links« (131) – sowie der gut situierten, auf ihre bessere Bildung pochenden Gesellschaftsgruppen mit den Protagonisten der antiliberalen und antiwestlichen Ideologie der Cancel Culture. »Die identitätspolitischen Aktivisten werden also von der Unternehmenswelt hofiert, gerade weil sie kapitalistische Interessen stützen.« (117f.) Zutreffend lokalisiert Zydatiss das Zentrum des kulturrevolutionären, ›progressiven‹ Kapitalismus – mit Seattle als derzeitiger ›Hauptstadt‹ – an der amerikanischen Westküste.

Zu den Merkmalen des »Oligarch Socialism« – eine Begriffsprägung des amerikanischen Autors Joel Kotkin (119) – gehört die Praxis von Doppelmoral. Der zum Unilever-Konzern gehörende Eiscreme-Hersteller Ben & Jerry propagiert unter dem Motto ›Menschen können nicht illegal sein‹ die Aufnahme von Flüchtlingen, interessiert sich indes nicht für die migrant workers, die in erbärmlichen Unterkünften von Milchbetrieben untergebracht sind. Starbucks hisst die Regenbogenflagge, kündigt jedoch Gewerkschaftsaktivisten. Amazon – das Imperium von Jeff Bezos, dem Alleinbesitzer der Washington Post – wirbt auf seiner Webseite mit einem Banner von Black-Lives–Matter und stiftet 10 Millionen Dollar für »soziale und rassische Gerechtigkeit«, lässt aber – zeitökonomisch, gewinnbringend – seine Mitarbeiter in Flaschen urinieren. (113-115)

IV.

In abgemilderter Version wird die Ideologie der Cancel Culture auf höchster Ebene kultiviert. Das Weltwirtschaftsform (WWF) in Davos propagiert auf Twitter »Internationalität, Diversität, Inklusion.« (116) Auch die von der EU begrifflich etablierten – und zuletzt im Streit mit Viktor Orbán von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verfochtenen – ›fundamentalen Werte‹ der Staatengemeinschaft fügen sich in die besagte Kategorie ein. Der britische Soziologe Frank Furedi bringt die Praxis auf den Begriff: »The EU now wants to colonize our minds«. (135f., Fn.162).

Zydatiss beklagt die das Vordringen der Ideologie begünstigende Erosion der Demokratie. Er zitiert dazu den ›linken‹, in Harvard lehrenden deutsch-amerikanischen Politikwissenschaftler Yascha Mounk: »Deutschland ist teilweise ein System von Recht ohne Demokratie […] Die Macht des Bundestags ist in vielerlei Hinsicht eingegrenzt.« (109) Was die kulturelle Gefährdung der Demokratie angeht, so warnt Zydatiss vor der ›linken‹ Verharmlosung des politischen Islam. Dagegen stellt er das Credo: »The West is best«. Er plädiert für den »„klassischen bürgerlichen Nationalstaat« als »einem recht guten Rahmen sowohl für gesellschaftliche Solidarität … als auch für eine moderne, nicht ethnisch-tribale, sondern eben (staats)bürgerliche Identität.« (153f.)

Ob sein Plädoyer die mit ›progressiver‹ Ideologie operierenden, vom Volk abgeschotteten Eliten, beeindrucken kann, ist fraglich. Das gilt desgleichen für die links-grüne Intelligenzija. Vornehmlich auf diese zielt Zydatiss mit ›altlinker‹ Hoffnung auf die Renaissance »einer im weitesten Sinne dialektischen Geschichtsauffassung« und einer erneuerten, von »Hysterie und Cancel Culture« geheilten »politischen Linken«. (162f.) Dass er damit bei der »Linken (was immer man heute noch darunter verstehen mag)«, (124) – ankommt, scheint er selbst zu bezweifeln.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.