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von Michael Klein

Viele Darstellungen aus der kultur- und sozialhistorischen Hitler-Forschung lassen den Schluss zu, dass Adolf Hitler Kind eines Alkoholikers war, ohne dass dies jedoch tiefer fokussiert und auf die Implikationen hin untersucht wurde. Meistens wird dieser Zusammenhang aus der Kindheit des späteren Diktators wenig oder gar nicht beachtet, teilweise auch schlichtweg negiert. Die Quellenlage ist inzwischen jedoch so überwältigend, dass von einem chronischen Alkoholproblem bei Hitlers Vater Alois auszugehen ist und es unwahrscheinlich ist, dass es sich um ein exkulpierendes Schutznarrativ der Hitler-Biografik handelt.

Hitler-Biografik und klinische Familienpsychologie

In der bisherigen umfangreichen Forschung zu Kindheit und Jugend von Adolf Hitler dominieren psychoanalytische Betrachtungen, ohne dass moderne klinisch psychologische und familienpsychologische Aspekte ausreichend gewürdigt werden. In der Konsequenz würde das zu einem Weniger an Spekulationen und einem Mehr an psychologisch fundierten Interpretationen führen. In der familienorientierten Suchtforschung ist unbestritten (Klein, 2018), dass das Aufwachsen in einer suchtbelasteten Familie schwerwiegende Schädigungen für die exponierten Kinder mit sich bringen kann. Wenn die Exposition gegenüber dem verhaltensveränderten, suchtkranken Elternteil lange andauert, mit Gewaltverhalten einhergeht und besonders von Unberechenbarkeit gekennzeichnet ist, sind die Folgen für die kindliche Entwicklung in der Mehrzahl der Fälle schwerwiegend. Insofern könnte dieser Tatbestand, wenn er denn als gesichert gelten kann, einiges – aber nicht alles – in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung des jungen Adolf und die späteren inneren und äußeren Verwüstungen erklären. Seine Entwicklung vor dem Hintergrund der überwiegend dystopischen Familienverhältnisse führte nicht geradewegs in das Maximum der Dystopie, die er anrichtete. Aber – wie manche Kinder aus sucht- und gewaltbelasteten Kontexten – können diese kindlichen Erfahrungswelten ein relevanter Baustein ihrer narzisstischen, psychopathischen und dissoziativen Phantasiewelten oder, wenn sie die Gelegenheit bekommen, eine Grundlage der zerstörerischen Realitäten sein.

Der historische Dissens um die Kindheitsbedingungen des Adolf Hitler

In der historischen Hitler-Forschung gibt es einen Dissens, klein aber fein, wie dies in der Wissenschaft ja durchaus üblich ist. Für die meisten Historiker, die sich mit der Hitler-Biografie befassen, ist dieser Dissens so unbedeutend, dass sie ihn gar nicht beachten oder gar nicht kennen. Es geht dabei darum, ob Hitlers Vater Alois Alkoholiker war oder nicht. Die Hauptsymptome des Alkoholismus – damals wie heute – sind Entzugssymptome, Toleranzerhöhung, Kontrollverlust, zwanghaftes regelmäßiges Konsumieren, unbezwingbares Verlangen, Wesensveränderungen, langfristige gesundheitliche und soziale Schäden sowie die Vernachlässigung von Arbeit, Familie und sich selbst.

Ob Alois Hitler nun wenigstens einen Teil dieser Symptome aufwies, gilt es anhand der Quellenlage zu beurteilen. Was hat dies für eine Relevanz für unser Heute? Die Konsequenzen der Verbrechen des Sohnes für die Welt sind nicht mehr rückgängig zu machen. Letztens wurde auch in ähnlicher Weise diskutiert, wie der Weltenlauf gewesen wäre, wenn der kleine Adolf nicht im Alter von 4 Jahren von einem Spielkameraden vorm Ertrinken nach dem Einbrechen aus dem zugefrorenen Inn in Passau gerettet worden wäre. Es handelt sich dabei um eine überlieferte Passauer Legende, die letzten Endes nie mehr zu beweisen sein wird (https://www.sueddeutsche.de/politik/adolf-hitler-legende-kindheit-1.5188453).

Die Tatsache der Unumkehrbarkeit von Geschichte ist trivial. Aber die Überlegungen zu den Ursachen und Implikationen des ›Geworden-Seins‹ eines so extrem manipulativen wie auch zerstörerischen Menschen wie Adolf Hitler sind auf jeden Fall relevant. Es soll auch die Wichtigkeit frühzeitiger Prävention in familialen Dystopien und Katastrophenfällen (selektive Prävention) aufgezeigt werden. Ob ein heutiger junger Adolf den Hilfe- und Präventionssystemen auffallen würde, darf jedoch bezweifelt werden. Zum einen weil Familie immer mehr zu einem Gegenstand des abgeschirmten Privatlebens von Menschen geworden ist, zum anderen weil die Sensibilität für psychisch-emotionale Problemlagen von Kindern oft noch in den Hilfesystemen fehlt. Mit diesem Beitrag will ich auf einen wenig bekannten, aber aus Sicht der klinisch psychologischen und familienpsychologischen Suchtforschung bedeutsamen Aspekt aus der Hitler-Biografie hinweisen.

Schwierige Familienverhältnisse und ein kleinkrimineller, alkoholischer Halbbruder

Die Herkunftsfamilie des jungen Adolf Hitler weist viele Besonderheiten auf. Viele Biografen bezeichnen diese als kompliziert, bisweilen tauchen auch Bestimmungen wie ›unklar‹ und ›diffus‹ oder ›inzestuös‹ auf. Klar ist zumindest, dass beide Elternteile genetisch verwandt waren. Die Herkunft des Vaters war lange unklar bzw. wurde gezielt verschleiert. Nach heutiger Betrachtung handelt es sich durch den Tod der beiden ersten Ehefrauen von Alois Hitler um eine komplexe Stieffamilie. Der älteste Sohn Alois jun. (1882-1956) hatte besonders intensive Konflikte mit dem oft unbeherrschten Vater und verließ die Familie noch vor dem Tod des Vaters 1903, letztlich um dann ein noch unsteteres Leben zu führen als dieser. Mit dem Abbruch der Lehre begann der Abstieg des Alois Hitler jun., des Stiefbruders von Adolf Hitler. Im Jahr 1900 wurde er wegen Diebstahls zu einer fünfmonatigen Haftstrafe verurteilt. Im Jahre 1902 musste er für weitere acht Monate ins Gefängnis. Schließlich wanderte er 1905 nach Verbüßen der Haftstrafe nach London aus, wo er noch einmal eine Lehre begann und 1909 die irischstämmige Bridget Dowling heiratete. 1911 wurde ihr Sohn William Patrick in Liverpool geboren. Die folgenden vier Jahre waren von familiären Spannungen gekennzeichnet. Alois jun. war ein Trinker und verprügelte so regelmäßig wie er trank seine Frau und wohl auch das kleine Kind. Nach nur wenigen Jahren verließ er 1915 Frau und Kind und kehrte nach Österreich zurück. Später zog es ihn nach Hamburg, wo er wegen Bigamie erneut verurteilt wurde und in Haft musste, und dann nach Berlin, wo er in den 30er-Jahren eine Kneipe führte, die stark von SA-Männern und Parteigängern der NSDAP besucht wurde. Sein jüngerer Halbbruder Adolf, der zu der Zeit schon Reichskanzler in Berlin war, ignorierte ihn vollständig. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs übersiedelte er nach Hamburg, wo er 1956 verstarb. Er hatte sich inzwischen in Alois Hiller umbenannt.

Alois Hitler heiratet dreimal und zeugt viele Kinder

In der Betrachtung der Familie Hitler nun zum zentralen Aspekt: Adolf Hitler. Die psychosoziale Entwicklung des Adolf Hitler ist ohne seine komplizierten Familienverhältnisse nicht zu verstehen. Allerdings kann auch – vor dem Hintergrund der Entwicklung des Halbbruders Alois jun. – ein genetisch transmittierter Hang zur Antisozialität und Psychopathie nicht ausgeschlossen werden. Zunächst soll jedoch der Blick auf die Mutter des späteren Diktators gelenkt werden. Wie bei jedem Menschen steht die Mutter, was Entstehung, Geburt und Bindung angeht, in einer einzigartigen Position. Von zentraler Bedeutung für den Lebensweg Adolf Hitlers sind die Ereignisse seiner Kinderjahre rund um Mutter Klara (1860–1907) und Vater Alois (1837–1903). Klara war die dritte Ehefrau des Zollbeamten Alois, der als Kind aus unehelichen Verhältnissen eine respektable Karriere im k.u.k.-Zolldienst erreicht hat. Der nahezu kometenhafte Aufstieg des Vaters in der feudalistisch dominierten, rigiden k.u.k.-Beamtenhierarchie ist ohne Günstlinge und Protektion kaum vorstellbar. Darüber ist leider bis heute wenig bekannt. Alois war insgesamt dreimal verheiratet, dürfte aber wegen vieler sexueller Affären mit Dienst- und Hausmädchen neben acht Kindern in den drei Ehen weitere Kinder gezeugt haben. Klara war 23 Jahre jünger als der Kindsvater und im Übrigen mit dem späteren Ehemann blutsverwandt. Da sich die Verwandtschaftsbeziehungen in der Herkunftsfamilie, die aus dem abgelegenen niederösterreichischen Waldviertel stammt, nicht mehr vollständig aufklären lassen, war sie entweder die Tochter eines Cousins von Alois Hitler (bei Vaterschaft Johann Georg Hiedlers), oder aber dessen Nichte (bei Vaterschaft Johann Nepomuk Hüttlers). Letzteres gilt als wahrscheinlicher. In diesem Fall wäre Adolf Hitlers Mutter zugleich seine Cousine gewesen. Die Erlaubnis zur Eheschließung erfolgte nach Einholung eines kirchlichen Dispenses – wohl unter teilweise falschen Angaben – wegen der engen Verwandtschaftsverhältnisse. Dabei war Klara schon zu Lebzeiten der zweiten Ehefrau Franziska Matzelsberger (1861–1884), die am Ende schwer erkrankte, von Alois Hitler schwanger.

Adolf Hitler – ein Muttersöhnchen?

Nach dem frühen Tod der zweiten Ehefrau Alois Hitlers heiratete er Klara, die schon von ihm schwanger war, noch vor der Geburt ihres ersten Kindes. Aus der Ehe entstammten sechs Kinder, von denen aber nur zwei (Adolf und Paula) die Kindheit überlebten.

Hitlers Mutter Klara hat ihren Sohn Adolf vergöttert und verwöhnt. Seine zwei älteren Geschwister starben kurz vor seiner Geburt, so dass er in der realen Geschwisterreihenfolge der Älteste war. Aufgrund der Todesfälle bei den Kindern hat die Mutter wohl stets gefürchtet, auch ihn, ihr drittes Kind, zu verlieren. Sie hat mit ihrer dependenten, überprotektiven Liebe zu Adolf außerdem eine komplementäre Beziehung zu dem strengen, oft tyrannischen und gewalttätigen Vater Alois gebildet. Dieses Spannungsverhältnis zwischen den Elternteilen habe einen prägenden Einfluss auf Hitlers Persönlichkeitsentwicklung gehabt, glaubt der Psychoanalytiker Arno Gruen (2002). Letztlich ist Adolf zwischen den extrem unterschiedlichen Bedürfnissen der Eltern trianguliert worden. Beim Vater Disziplin: absoluter Gehorsam, Gefühlskälte. Bei der Mutter: Grenzenlosigkeit, Verwöhnung, Abhängigkeit. Die Mutter habe den Sohn nicht vor den Züchtigungen des Vaters schützen können, ihn aber zum Ausgleich und aus schlechtem Gewissen für ihre Ohnmacht gegenüber dem gewalttätigen Vater überhöht und idealisiert.

Vater Alois – ein brutaler Schläger?

Die meisten Quellen zeigen Einigkeit, dass der Vater oft heftiger zugeschlagen hat, als dies zu jener Zeit in der väterlichen Erziehung üblich war. Dadurch, dass körperliche Züchtigung der Kinder zu dieser Zeit üblich war, sind manche Zeugenaussagen und Quellen wahrscheinlich noch insofern gefärbt, als dass sie die väterliche Gewalttätigkeit in der Kindererziehung wohl nicht ernst genug nehmen. Umso mehr zählen die Aussagen, welche die besondere Brutalität des Vaters betonen.

Selbst der schon erwähnte Halbbruder Alois jun., der auch selbst sehr unter der Gewalt des Vaters gelitten hat und der ein schlechtes Verhältnis zu dem sieben Jahre jüngeren Adolf hatte, berichtete, dass der jähzornige Vater Alois den Adolf in der Kindheit einmal so heftig geschlagen habe, dass er gefürchtet habe, der Knabe sei tot.

Hitlers Vater habe wohl einmal nach den Erinnerungen des Hitler-Biografen Jetzinger gesagt: »Der Mistbub, der elende, derschlagen tu ich ihn noch« (zit. n. Sandgruber, 2021, 199 – Derschlagen hat im Oberösterreichischen die Bedeutung von ›totschlagen‹.). Dieser Ausruf, dessen Wahrheitsgehalt alleine schon aufgrund der obigen Aussage des ältesten Sohnes Alois jun., dass der Vater wenigstens einmal befürchtet habe, dass er den Knaben tatsächlich totgeschlagen habe, kaum zu bezweifeln ist, verdeutlicht den jähzornigen, impulskontrollgestörten Charakter Alois Hitlers. Im starren k.u.k-Beamtensystem der Zollbehörden fand der psychisch labile Alois Hitler einen gewissen Halt. Dort verhielt er sich pedantisch und überkorrekt, so dass seine Unruhe und Umtriebigkeit wenigstens teilweise gedämpft wurden. Im Familienleben, wo er aufgrund seines Status der formale Herrscher war, zeigte er seine unkontrollierte, affektiv unkontrollierte Seite. Auch Hitlers jüngere Schwester Paula berichtete in den Nachkriegsverhören (1945/46) gegenüber den Alliierten von der Gewalttätigkeit des Vaters, nicht ohne den Sohn mit in die Schuld zu nehmen: »Mein Bruder Adolf forderte meinen Vater zu extremer Strenge heraus und erhielt dafür jeden Tag eine richtige Tracht Prügel« (zit. n. Sandgruber, 2021, 199).

Die Härte und Brutalität des Vaters hinterlässt Spuren

Adolf hat die Brutalität des Vaters in den Züchtigungssituationen nie vergessen dies auch gegenüber seiner Sekretärin Christa Schroeder (1908-1984) in der Reichskanzlei bestätigt, indem er einmal sagte: »Meinen Vater habe ich nicht geliebt, dafür aber umso mehr gefürchtet. Er war jähzornig und schlug sofort zu« (zit. n. Sandgruber, 2021, 199). So gibt es eine ganze Reihe von Zeugen aus der Familie und dem sozialen Umfeld, die die besondere Härte und Brutalität des Vaters in der Erziehung bestätigen. Und diese Brutalität geht offenbar über das in jener Zeit übliche Maß an Gewalt hinaus. Ob dies letzten Endes Ausdruck einer sadistischen, dissozialen und psychopathischen Persönlichkeit war, wird nicht letztendlich zu beantworten sein, kann aber durchaus angenommen werden. Für das Ausüben einer auf Dominanz und Herrschaft abzielenden Vaterschaft erscheinen die schweren Exzesse bei der Gewaltausübung nicht passend. Alois Hitler zeigte darüber hinaus auch durch zahlreiche Liebschaften über viele Jahre hinweg die Züge eines narzisstischen, wenig bindungsfähigen Mannes. Dabei hatte er offenbar auch wenig moralische Skrupel, indem er etwa Klara Pölzl, seine spätere dritte Ehefrau, schwängerte, als seine zweite Ehefrau schwer an Tbc erkrankt und dem Tode geweiht war.

Die Triangulation des Kindes durch die extremen Verhaltensweisen der Eltern

Durch die sehr unterschiedlichen Charaktere und Verhaltensweisen der Eltern ist Adolf letztlich auch in einer Art Machtspiel gegen den Vater durch die Mutter narzisstisch funktionalisiert worden. Es kann durchaus eine Triangulation zwischen den Gewaltexzessen des Vaters und dem Wunsch nach Geliebtwerden durch ihn einerseits und den übertriebenen, letztlich selbstwertdienlichen Liebesbekundungen der Mutter entstanden sein. Das Kind habe die Mutter mit den Augen des Vaters als schwach und dependent erlebt und den Vater mit den Augen der Mutter als gewalttätig, unbeherrscht und brutal. Gleichzeitig habe er die Liebe und Zuneigung der Mutter aus Angst vor dem übermächtigen Vater nicht missen wollen. Auch wenn sie ihn nicht vor der Brutalität des Vaters schützen konnte, habe sie ihm durch ihre grenzenlose Liebe gezeigt, dass er ›der bessere Mann‹ sei. Aus dieser ödipal überspitzten Motivlage habe der Sohn die Mutter gegen den Vater beschützen wollen, was in den frühen Kindertagen natürlich misslang. Diese Situation, so Arno Gruen weiter, habe das Kind in innere Konflikte gestürzt, denen es nur durch Entfremdung von sich selbst und seinen Bedürfnissen habe ausweichen können. Durch diese Entfremdung hat sich nur eine schwache, ambivalente und möglicherweise auch sexuell diffuse Identität mit homosexuellen Tendenzen entwickelt. Die innere Leere und Ohnmachtsgefühle habe er durch gewalttätige Fantasien und aufgesetzte dominante und später martialische Posen kompensiert. Auch habe er versucht, die Mitschüler zu dominieren und zu beherrschen, was letztlich misslang.

Hitler – ein emotional verwahrlostes Kind eines alkoholischen Vaters?

Der Vater Alois wird – wie schon beschrieben – in vielen Quellen als streng, oft tyrannisch und unnahbar beschrieben. Er sei unduldsam, unbeherrscht und unstet gewesen. Die offene Frage ist nun, inwieweit diese Gewaltexzesse durch den Alkoholkonsum gedämpft oder verstärkt worden sind. Beides ist aus der Alkohol- und Suchtforschung bekannt. In seinem teils autobiografischen, teils politisch hetzerischen Buch Mein Kampf schreibt der Sohn ausführlich über den Vater und den Alkohol. »Übel aber endet es, wenn der Mann von Anfang an seine eigenen Wege geht und das Weib, den Kindern zuliebe, dagegen auftritt. Dann gibt es Streit und Hader, und in dem Maße, in dem der Mann der Frau nun fremder wird, kommt er dem Alkohol näher. Kommt er endlich Sonntag oder Montag nachts selber nach Hause, betrunken und brutal, immer aber befreit vom letzten Heller und Pfennig, dann spielen sich oft Szenen ab, dass Gott erbarm. In Hunderten von Beispielen habe ich dies alles erlebt, anfangs angewidert oder wohl auch empört, um später die ganze Tragik dieses Leidens zu begreifen, die tieferen Ursachen zu verstehen. Unglückliche Opfer schlechter Verhältnisse.« (Mein Kampf, S. 30 ff.; zit. nach Sandgruber, 2021, 200). In diesem Abschnitt generalisiert Adolf Hitler seine Erfahrungen und spricht aus einer allgemein belehrenden Perspektive. Letzten Endes dürften diese Meinungen aber nicht aus einem abstrakten Wissen über Alkoholwirkung, sondern aus den eigenen Vater-Sohn-Erfahrungen entstammen. Schließlich erwähnt er an anderer Stelle diese persönlichen Erfahrungen.

Scham und Angst prägen das innere Bild des Vaters

Wie die Wiener Historikerin Brigitte Hamann in ihrer Hitlerbiografie der späten Jugendtage Hitlers Wien 1998 aus eigenen Quellenrecherchen berichtete, hatte Adolf Hitlers Vater Alois wohl ein ernsthaftes Alkoholproblem. Zu seinem Vertrauten, dem Juristen und späteren Generalgouverneur in Polen, Hans Frank, soll Hitler gesagt haben: »Da musste ich als zehn- bis zwölfjähriger Bub immer spätabends in diese stinkende, rauchige Kneipe gehen. Ich trat dann immer ohne jede Schonung auf, trat an den Tisch, wo mein Vater saß, und mich stier anschaute, und rüttelte ihn. Dann sagte ich: ›Vater, du musst jetzt heim! Komm jetzt, wir müssen gehen‹. Und oft musste ich gleich eine viertel oder halbe Stunde betteln, schimpfen, bis ich ihn endlich so weit hatte. Dann stützte ich ihn und brachte ihn heim. Das war die gräßlichste Scham, die ich je empfunden habe. Oh, Frank, ich weiß, was für ein Teufel der Alkohol ist! Er war – über meinen Vater – eigentlich mein größter Feind in meiner Jugend« (Frank 1953, 322). Der stark betrunkene Vater scheint also seine aggressiven – und wie später noch aufgezeigt wird auch sexuellen – Impulse mit Alkohol gedämpft zu haben. Ohne oder mit weniger Alkohol – so lehren es viele klinische Fälle aus der Suchtforschung – war er dann hinsichtlich seiner Aggressivität gefährlicher.

Alkoholische Abwehr auch bei den Hitler-Biografen

Dennoch hält der Historiker Roman Sandgruber, der unlängst ein umfangreiches Werk auf der Basis neu gefundener Briefe von Alois Hitler herausgegeben hat, den Vater nicht für einen notorischen Trinker und Alkoholiker. Er tut dies mit Verweis darauf, dass Alois seine beruflichen Pflichten korrekt erfüllt habe, seine Handschrift stets akkurat gewesen sei und dass er auch nach der frühen Pensionierung seine Hobbys beibehalten habe. Diese Argumentation verkennt jedoch das grundsätzliche Wesen der Alkoholabhängigkeit, unter der Menschen oft sehr lange in der Lage sind, ihren Pflichten nachzukommen und nach außen eine perfekte Fassade aufrechtzuerhalten. Oft ist der fortgesetzte, kontinuierliche Alkoholkonsum gerade dazu geeignet, durch Vermeidung von Entzugserscheinungen und anderen negativen Konsequenzen, die Alltagsfunktionsfähigkeit zu erhalten. Der Absturz und der Verlust der Selbstkontrollfähigkeiten, verbunden mit körperlichem Abbau und Verlust der Sozialbezüge, kommt meist erst später. Die unbestrittenen aufgetretenen gewalttätigen Durchbrüche und Impulskontrollprobleme im Verhalten des Vaters könnten durch den Alkohol ab einer höheren Dosis sogar gedämpft worden sein. Hinzu kommt, dass die Erscheinungsformen der Alkoholsucht so heterogen sind, dass diese sich oft intensiv kaschiert. Auch sind die kognitiven Abwehrmechanismen hinsichtlich der Selbstakzeptanz der Sucht so stark, dass sie meist auch die Umwelt lange täuschen können (https://www.addiction.de/kognitive-abwehr/). Oft werden die durchaus augenfälligen Merkmale einer Suchterkrankung auch von Experten nicht wahrgenommen. Möglicherweise lässt sich diese psychologische Erkenntnis auch auf die Historiker, die sich mit der Wesensart und dem Verhalten von Hitlers Vater beschäftigen, übertragen, dass sie nämlich die Symptome exzessiven, suchtartigen Verhaltens bei Alois Hitler und – wie später noch gezeigt wird – bei Adolf Hitler übersehen oder geringschätzen.

Adolf Hitler – geprägt von Scham und Angst gegenüber dem tyrannischen Vater

Allerdings sprechen die genauen und sehr lebendigen Schilderungen des jungen Adolf, wiedergegeben von einem Vertrauten nach vielen Jahrzehnten, dafür, dass sich hier tiefe Spuren in die Erinnerungen eines Kindes gegraben haben. Die Schilderungen ähneln darüber hinaus denen anderer betroffener Kinder so sehr, dass es unwahrscheinlich ist, dass sie der Phantasie des Knaben oder später des erwachsenen Mannes entsprungen sind. Phantasiewelten bauen sich erfahrungsgemäß oft erst als Reaktion auf Traumatisierung und Beschämung in den kindlichen mentalen Erlebenswelten auf. Der intensive Konflikt zwischen Liebe und Hass für den Vater wird durch die Wesensveränderung unter Alkoholeinfluss gerade erst geschürt. Die Verhaltensweisen des Vaters dürften unberechenbar, schnell veränderlich und instabil, also alles in allem in hohem Maße volatil, gewesen sein.

In all diesen Hinsichten wäre Adolf Hitler ein nicht untypisches Kind eines alkoholischen Vaters: Schamgefühle, Abscheu, Ängste, viele ambivalente Emotionen zwischen Hass und Liebe. Auch auffällig in diesem Zusammenhang ist die spätere Alkoholabstinenz Hitlers, was für Männer der damaligen Zeit ein sicher ungewöhnliches Merkmal war. Zunächst scheint er jedoch in den Wiener Jahren, die von Bindungs- und Ruhelosigkeit geprägt waren, durchaus Alkohol und Tabak konsumiert zu haben. Dass er selbst dann ab 1937 drogenabhängig wurde, ist in diesem Zusammenhang nicht ungewöhnlich. Typisch wären dann auch die Anzeichen emotionaler Verwahrlosung und Orientierungslosigkeit beim jungen Adolf und die Suche nach männlichen Identifikationsfiguren und Männerfreunden.

Die Wesensarten des tyrannischen Vaters perfektionieren sich im Sohn

Die immer wieder angenommenen homoerotischen Tendenzen des jungen Adolf, so auch von Pilgrim (2018) beschrieben, können als Zeichen einer frühen, durch den volatil agierenden Vater und dessen dependenter Ehefrau Klara, geschürten Identitätsstörung gedeutet werden. Erst in späteren Jahren, durch die Traumatisierung im 1. Weltkrieg und die sich wiederholenden Ohnmachtserfahrungen im Lazarett in Pasewalk und in den ersten Nachkriegsjahren, hat sich in dem überlebenden Kind mehr und mehr eine monströse Erwachsenenpersönlichkeit entwickelt. Diese baute jedoch auf den Anlagen aus Kindheits- und Jugendtagen auf. So wurde er mindestens ebenso tyrannisch, narzisstisch und psychopathisch wie der Vater, und konnte als ein durch Scham und Anpassungsgeschick sozialisiertes Kind eines Alkoholikers die Chancen der chaotischen Nachkriegsjahre instinktsicher und intuitiv nutzen. Insofern baut die in den 30er Jahren zutage getretene Persönlichkeit des Adolf Hitler bis zu seinem Suizid 1945 klar auf den Wesenszügen des Vaters (Narzissmus, Psychopathie, Gewissenlosigkeit) auf, aber vertieft und perfektioniert diese obendrein noch. Die immer wieder beschriebene Alkoholgegnerschaft von Adolf Hitler mag ihre Wurzeln in den beschämenden Situationen mit dem betrunkenen Vater gehabt haben. Dabei hat er, wie Sandgruber (2021) mit Verweis auf entsprechende Quellen berichtet, in seinen frühen Wiener Jahren durchaus Alkohol getrunken und Tabak geraucht, aber ohne, dass exzessive Verhaltensmuster überliefert sind. Er hat vielmehr nach und nach die Fähigkeit entwickelt, sich an sich selbst, seinen Reden und später den verbrecherischen Taten zu berauschen. Die Zustände in den frühen Jahren der Weimarer Republik waren systemisch passgenaue Äquivalente zu den chaotischen, volatilen und brutalen Zuständen aus seinen frühen Familienjahren.

Die Domestizierung des ruhelosen Vaters Alois durch die Mutter Klara

Nach den Recherchen des Hitler-Biografen Volker Elis Pilgrim (2018) war der Vater Alois nicht nur unstet, tyrannisch und nach heutigen Maßstäben hyperaktiv, sondern in Bezug auf Frauen ein polyamouröser Abenteurer. Dies hängt natürlich eng mit seiner hyperaktiven, psychopathischen Persönlichkeit zusammen. Er »begehrte am laufenden Band jüngste Frauen und ging am liebsten Verhältnisse mit zwei gleichzeitig in einer sogenannten Triangel ein« (Pilgrim 2018, 530). Dies ist keine klassische ménage à trois,< sondern ein erotisches Liebesverhältnis mit zwei Frauen, die jeweils nicht voneinander wissen, also eher ein Dreiecksverhältnis. Weiter Pilgrim: »Er geriet in selbstzerstörerische Resignation, als ihm dieser Lebensborn mit Mitte 50 abgeschnitten wurde…« (Pilgrim 2018, 530). Dies geschah vor allem dadurch, dass die dritte Ehefrau Klara, selbst um 23 Jahre jünger als Alois, ihre ›buckelige‹ Schwester Johanna als Hausmädchen installierte, so dass ihrem Mann jegliche Lust auf ein erotisches Abenteuer verging. Hinsichtlich seiner sexuellen Vorlieben für jüngere Frauen konnte sie ihm wohl durch ihre vergleichsweise jugendliche Ausstrahlung einiges bieten. Auch andere Auswege verstellte sie ihm wohl durch ihre wohlmeinende feminine Belagerung. So musste Alois seinen Hang zum Küchen- und Hauswirtschaftspersonal wohl so weit unterdrücken, dass er andere Kompensationsmittel für Unruhe und Getriebensein entwickelte.

Aus dem üblichen Wirtshaustrinken wird ein fremdbeschämendes Exzesssaufen

Eine kurze Zeit lang versuchte er sich nach der frühen Pensionierung erfolglos als Großbauer. Pilgrim bezeichnet die Zeit ab ca. 1877 im Leben des Alois Hitler als seine »Zwangs-Monogamisierung«. Für die Betrachtung des Alkoholproblems besteht hier eine ganz entscheidende Wendung. Alois entwickelt eine wohl noch stärkere Vorliebe für den Alkohol, wird zum Gewohnheitstrinker, und später wohl, wie sein Sohn Adolf dann später berichtet, zum Gewohnheits-Exzesstrinker, der sich beinahe allabendlich dem Alkohol hingab. In dieser Zeit zeugte er auch sein letztes Kind (Paula *1896). Der viele Alkohol mag in dieser Phase seines Lebens die Rolle gespielt haben, sowohl seine aggressiven als auch seine sexuellen Impulse entscheidend zu dämpfen. Er war dann 1895 körperlich schon so angeschlagen, dass er sich frühpensionieren lassen musste und acht Jahre später im Alter von 65 Jahren verstarb. Der körperliche Abbau kann durchaus als eine Folge des übermäßigen Alkoholtrinkens und sicher auch Rauchens gewesen sein. Zumindest ist eine der Hauptfolgen des kontinuierlichen starken Trinkens die Verschlechterung des Immunsystems und der Abwehrkräfte. In diesem Lichte lohnt es sich durchaus, die Alois-Hitler-Biografik zu betrachten.

Die Umstände rund um den Tod des Vaters

Der Hitler-Biograf und Freund aus Schulzeiten August Kubizek (1888 – 1956), der während der gemeinsamen Schuljahre von 1904 bis 1908 eng mit Adolf Hitler befreundet war, schrieb in seiner Hitler-Biografie (2002), dass Hitlers Vater Alois streng, sprunghaft und oft unberechenbar gewesen sei. Zum großen Teil entstammt dies sicher der Schilderung durch den Knaben Adolf. Über seine Alltagsroutinen berichtet er, dass Alois auch am 3. Jänner 1903 –wie an jedem Tag – »pünktlich um zehn Uhr in das benachbarte Gasthaus« (S. 54) gegangen sei, »um seinen Frühschoppen zu trinken«. Ganz entgegen den üblichen Abläufen geschah dann aber das Überraschende: »Plötzlich sank er lautlos vom Stuhl. Ehe ein Arzt oder Priester kommen konnte, war er tot« (S. 54). Der Vater ist somit im Alter von 65 Jahren, äußerlich rüstig, plötzlich und überraschend gestorben. Dass die innerliche Konstitution schon längst nicht mehr rüstig war, erschließt sich erst bei Berücksichtigung der pneumologischen Komplikationen aus den Vorjahren und des erheblichen psychophysiologischen Abbaus infolge des chronischen Alkoholmissbrauchs.

In der auf Kindheit und Jugend fokussierten Hitlerbiografie (Leidinger & Rapp, 2020) wird der Vater Alois ebenfalls als unberechenbar, aufbrausend und diktatorisch beschrieben. Es bleibt jedoch offen, ob Adolfs Vater sich hinsichtlich dieser Merkmale vom Durchschnitt des Zeitgeistes deutlich unterschieden hat. Hauptsächlich von anderen Männern scheint das Merkmal des unsteten und selbstbezogenen Verhaltens hervorzustechen. Alois hatte in puncto Unstetigkeit neben seinen drei Ehefrauen etliche Wohnsitzwechsel aufzuweisen, die nicht unbedingt immer durch Versetzungen im k.u.k-Zolldienst veranlasst gewesen seien. Nach heutiger psychologischer Sichtweise sind dies Züge einer Hyperaktivität und einer narzisstischen Persönlichkeit. Konstanten in seinem Leben seien aber seine Liebe für die Imkerei und Wirtshäuser gewesen.

Tod im Wirtshaus: Alois Hitler stirbt überraschend an seinem Lieblingsort

Dies bestätigt auch der Sohn des Bäckermeisters Hagmüller aus Leonding bei Linz in seinen Memoiren. Pilgrim (2018, 62) fasst die Inhalte der Memoiren von Hagmüller jun. wie folgt zusammen: Die Hitlers lebten dort zwischen 1898 bis 1904. Nach dem Tod des Vaters verzog die Witwe Klara dann in das nahegelegene Linz. Vater Hagmüller war nach den Ausführungen des Sohnes ein regelmäßiger Mit-Zecher von Adolfs Vater Alois. Beide Väter trafen sich regelmäßig in der örtlichen Kneipe, dem Wirtshaus Stiefler. Hagmüller jun. spricht in seinen Erinnerungen an diese Zeit seiner Kindheit von ›fast täglichen‹ allabendlichen Besuchen der Väter in dem nahegelegenen Wirtshaus Stiefler, Michaelsbergstraße 1. Hagmüller sen. war auch Zeuge des plötzlichen Todes von Alois Hitler in dem örtlichen Wirtshaus. Wie der Sohn Adolf gegenüber seinem Vertrauten Hans Frank berichtete, war dies der Ort, von dem er mindestens zwei Jahre lang den schwer betrunkenen Vater spätabends abholen und nach Hause bringen musste.

Tod durch Lungenblutung: Genaue Ursache bis heute unklar

Nach den von Leidinger & Rapp (2020) eruierten Quellen sei der dominante Vater aber schon seit 1901 kränklich und anfällig gewesen. Genaue Diagnosen fehlen jedoch. Es ist die Rede von wiederkehrenden Influenza-Infektionen, Wirbelsäulenproblemen und vor allem von Lungenblutungen (Hämoptoe). Am 28. Dezember 1902 schreibt Alois auf einer Postkarte, dass er im August desselben Jahres einen Lungenblutsturz erlitten habe. Auf dem Totenschein nach dem plötzlichen Tot im Wirtshaus wird ›Lungenblutung‹ notiert. Die Ursachen für Lungenblutungen sind vielfältig, so dass keine genaue Verursachung angegeben werden kann.

Hämoptyse oder Hämoptoe ist der medizinische Fachbegriff für blutigen Auswurf, der aus den Atemwegen gehustet oder ausgestoßen wird. Dieser tritt häufig bei einer Lungenblutung auf. Eine solche Lungenblutung kann viele mögliche Ursachen haben und im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein. Sie kann wiederkehrend sein oder im begrenzten Umfang vorkommen. Manchmal kann die Hämoptoe auch mit bis zu 600 ml Blutauswurf innerhalb eines Tages einhergehen und damit lebensbedrohlich sein. Auch wenn der Blutverlust gefährlich ist, ist Ersticken die häufigste Todesursache bei der Hämoptyse. Häufige, in der damaligen Zeit zur Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert übliche Ursachen, können eine Tuberkulose, ein Lungenkarzinom, eine Legionellose oder eine chronische Bronchitis sein. Ein direkter Zusammenhang mit einer chronischen Alkoholerkrankung ist unwahrscheinlich. Jedoch kann eine Schwächung des Immunsystems durch chronischen Alkoholismus für mehr Vulnerabilität sorgen.

Adolf Hitler – Ein Meister der Täuschung

Wie insbesondere der Hitler-Biograf Volker Elis Pilgrim (2018) aufzeigt, war Hitler ein Meister der Täuschung und chamäleonhaften Anpassung. Dies passt zur narzisstischen ebenso wie zur antisozialen Persönlichkeit, ist aber auch ein typisches Merkmal von Kindern aus gewalttätigen und suchtbelasteten Familien. Aber er wurde wohl vor allem durch die beschämende Familiengeschichte, die Kriegsereignisse und die verdrängte Homosexualität zum genial-manipulativen Täuscher und Blender. Historisch zeigt sich dies an vielen Stellen – in seinen vielen Reden ab den frühen 20er-Jahren, 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin, 1938 beim Münchner Vertrag und vor allem in den Kriegsjahren. Im privaten Bereich wird diese Tendenz nicht minder groß gewesen sein. So sind die Aussagen Hitlers gegenüber anderen mit Vorsicht zu genießen, auch seine Einlassung bezüglich seines Vaters Alois gegenüber Hans Frank, der diese Sichtweisen Hitlers dann in seinem Tagebuch dann sehr detailliert wiedergab. Und obendrein wird es immer schwieriger, neue Quellen aufzutun. Inzwischen wird die Quellenlage immer schwieriger: Zeitzeugen leben nicht mehr und es kursieren Fälschungen und Verzerrungen. Daher soll mit diesem Beitrag ein relevanter Aspekt aus der Kindheitsgeschichte des späteren Diktators akzentuiert werden. Dies soll einen bislang wenig gewürdigten, aber aus den vorhandenen Quellen deutlich ableitbaren, Sachverhalt psychologisch mit der inzwischen reichhaltig vorhandenen Studienlage aus dem Bereich der klinischen Familienpsychologie ergänzen und interpretieren: Adolf Hitler als Sohn eines hyperaggressiven, alkoholabhängigen Vaters.

Hat die Hitler-Forschung etwas Wichtiges übersehen?

Bei der inzwischen vorliegenden Flut von Hitler-Biografien erscheint es müßig, all dem noch etwas hinzufügen zu wollen, zumal mir keine neuen Quellen zur Verfügung stehen. Ich meine dennoch, dass etwas Wichtiges in der Frühgeschichte des Knaben Adolf bislang hinsichtlich seiner Relevanz übersehen bzw. vernachlässigt wurde. Aus der Forschung zu Kindern in alkohol- und gewaltbelasteten Familien ist bekannt, dass diese – ganz im Sinne einer psychischen Anpassung und eines Bewältigungsversuchs – zu Spaltungen, Tagträumereien, narzisstischen Größenphantasien und manipulativem Verhalten neigen. Wie stark diese einzelnen Verhaltensmuster sich ausprägen, hängt von den genetischen Vorgaben und stark von den realen Lebensbedingungen und -ereignissen ab. Hier dürften die inneren und äußeren Bedingungen der Jahre 1907 (Klara Hitlers Tod) bis 1918 (Kriegsende) neben den frühen Kindheitserfahrungen eine wichtige, verstärkende Rolle gespielt haben.

Bindungstheorie und Hitlers Entwicklung

Der Lebensweg Adolf Hitlers ist in keiner Weise vorbestimmt gewesen. Er hat selbst Entscheidungen getroffen, die größtes Unheil über die Menschheit brachten und bis heute unser Leben beeinflussen. In vielerlei Hinsicht war er Treiber und nicht Getriebener. Bedenkt man jedoch die Wichtigkeit frühkindlicher Prägungen, unbewusster Handlungen und psychischer Prozesse, so sollten die jeweiligen Einflüsse gewürdigt werden. Die Bindung zur Mutter war – nach allem was bekannt ist – eng und intensiv. Dies spricht aber nicht unbedingt für eine sichere Bindung. Durch die häuslichen Abläufe, die verstorbenen Geschwister, die Gewalttätigkeit des Vaters, die vielen Umzüge, kann die Sicherheit der Bindung auch fragil oder unsicher geworden sein. Auch die anklammernde Liebe der Mutter spricht dafür, dass ihre Zuneigung nicht selbstlos und frei war, sondern von ihren eigenen Dependenz- und Kontrollbedürfnissen getrieben war. Noch problematischer dürfte die Bindung zum Vater gewesen sein, der – mit viel Angst vor Nähe – den Knaben nicht ins Herz schließen konnte, sondern auf disziplinierter Distanz hielt. Nähe wurde oft in Schlägen und Gewalt ausgeübt. Die verdrängten homoerotischen Tendenzen aus der Jugend und der Adoleszenz sprechen für eine nicht bewältigte Vaterbeziehung.

Der Junge hat früh gelernt, sich äußerlich anzupassen, punktuell zu provozieren, z.B. in Streichen gegenüber dem Vater, zu lügen, seine homoerotischen Impulse zu verstecken oder umzulenken und sich nahezu perfekt martialisch und protomännlich zu inszenieren. Der Rausch an sich selbst spielte eine besonders wichtige Rolle.

Ein gegebener Anlass, wie die traumatisierende Kindheit, kann zu vielen möglichen Entwicklungen führen.

Die amerikanische Suchttherapeutin Janet Woititz, die sich in ihrem Lebenswerk intensiv mit erwachsenen Kindern suchtkranker Eltern befasst hat, betont, dass diese oft ein vorauseilend-angepasstes Verhalten an ihre Umwelt zeigen, ein intensives Phantasieleben entwickeln können, voller Selbst- und Fremdhass sind und die Emotionen und Nonverbalität anderer sehr gut und intuitiv clever dechiffrieren können. In ihren Kindheitskontexten sind dies Überlebensmechanismen gegenüber Gewalt und Unberechenbarkeit. Im Erwachsenenalter können diese Fähigkeiten auf Irrwege und zu chronischen Fehlentwicklungen führen. Bei Kindern gewalttätiger Eltern sind ähnliche Folgen bekannt. Die Koinzidenz von Sucht und Gewalt ist häufig und erschwert die gesunde psychische Entwicklung von Kindern in hohem Maße.

Die Entwicklung des intuitiven Manipulators der Massen: Allmacht statt Ohnmacht

Kein Mensch ist alleine in der Lage, die monströsen Verbrechen der Nazi-Diktatur anzuzetteln und durchzuführen. Gerade in der Verführung und Manipulation der Massen lag aber die besondere Fähigkeit des Adolf Hitler. Er muss bei seinen Menschenfänger-Aktionen in den frühen 20er Jahren extrem viel extrem schnell gelernt und internalisiert haben. Er hat dann die Dosis der adressierten Menschenzahlen schrittweise erhöht: Von Kleingruppen, Straßenansammlungen, zu Brauhausversammlungen, zu Parteitagsversammlungen auf dem riesigen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg bis zu den massenmedialen Radioansprachen im Volksempfänger. Dosissteigerung bis zur Berauschung! Wieder ein suchttypisches Phänomen. Aus seiner Familiengeschichte heraus blieb ihm nur der Weg zwischen Opferschaft und Täterschaft. Wenn der Hitlerbiograf Volker Ullrich (2019) meint, die Kindheitsgeschichte sei nicht außergewöhnlich für die damalige Zeit gewesen und die psychoanalytischen Erklärungsansätze zur Persönlichkeitsentwicklung des späteren Diktators seien irreführend, so gilt dies nur, wenn man die Dynamik von Ohnmacht und Macht, von Rausch und Ekstase außer Acht lässt. In der Hitler-Familie spielt neben dem Inzest die Sucht eine so exorbitant große Rolle, dass dies nicht übersehen werden sollte. Adolf Hitler erregte sich am Risiko, dem Zocken mit politisch-militärischen Abenteuern und nicht zuletzt dem Töten und Sterben der Massen. Es war eine extrem komplementäre Welt, der er entstammte. Vater und Mutter, Leben und Tod, Krieg und Frieden, arm und reich… all diesen Gegensätzen war er immer wieder aufs Schärfste ausgesetzt. Genauso war es mit der Wahl zwischen Ohnmacht und Allmacht. Nachdem er in allerlei Mikrosituationen mit jeweiliger Verstärkung immer intensiver seine Wirkung auf Menschen gespürt und die notwendigen Methoden, Intonationen, Gesten und Mimik perfektioniert hatte, konnte er seine – zunächst bis zu seinem Buch Mein Kampf geheimen – sadistischen und gewalttätigen Hass- und Vernichtungsphantasien immer weiter ausleben.

Adolf Hitler – der sich selbst berauschende Zocker und Narzisst

Seine eigenen Reden, die Aufmärsche, die anfänglichen militärischen Erfolge, die Macht über seine Opfer in den KZs, all das hat ihn immer wieder in rauschartige Zustände versetzt. Von Kleingruppen bis zu riesigen Massenaufmärschen entwickelte sich sein Rauschszenario. Hinzu kommt eine unübersehbare Spieler- und Zockermentalität. Die Besetzung der Tschechoslowakei 1938, der Überfall auf Polen 1939, der Feldzug gegen Frankreich 1940, der Überfall auf die Sowjetunion 1941, die Kriegserklärung an die USA 1941: Immer wieder waren es Risikospiele mit ungewissem Ausgang. Der Spieler, der anfangs viel gewinnt, wird häufiger zum riskanten Spieler als der, der anfangs schon verliert. So wurde er im Laufe der Zeit – noch viel mehr als sein Vater – ein Meister der Berauschung. Während der Vater sich mit der Beherrschung von Untergebenen, der Verführung von Dienst- und Hausmädchen und der Gewalt in der Familie und schließlich dem regelmäßigen Trinken berauschte, waren es bei Adolf zunächst die Männerbanden der Freicorps, dann der NSDAP, der SA und später der Reichswehr. Schließlich dienten auch die Emotionen der Selbstberauschung – vor allem intensive, immer unkontrolliertere Hassgefühle. Auf die Juden, Kommunisten, Andersdenkende und alles, was sich ihm in den Weg stellte.

Dosissteigerung und Toleranzerhöhung bei Risikoverhalten und Hassemotion

Der Einsatz musste immer höher und die Gefühle immer intensiver werden, um das Verlangen nach Berauschung zu erfüllen. Dieser Effekt ist als Toleranzerhöhung bzw. Dosissteigerung aus der Suchtforschung bekannt. Die Dosissteigerung bezieht sich auf Menschenmanipulation, Militäraufmärsche, Zockereien mit Risiken und schließlich Eroberungen, Zerstörungen und die Lust am millionenfachen Tod und der industriellen Ermordung der Juden und anderer Minderheiten und Gegner. In Filmszenen der Wochenschauen lässt sich die Freude an Manipulation, Zerstörung und Ermordung hervorragend nonverbal ablesen. Adolf Hitler ist insofern, wie auch Pilgrim argumentiert, eine neue Form des Massenmörders. Er legt nicht selbst Hand an, sondern lässt das Mordwerk ausführen. Er ist der industrielle Massenmörder. Die Vorstellung, der größte Menschenvernichter der Geschichte zu sein, muss ihn ekstatisch erregt haben.

Schluss: Rausch, Ekstase und Sucht sind wichtiger, als es die Hitler-Biografik bislang erkannt hat

Die Verbrechen, die Adolf Hitler mit seinen Schergen und Mitläufern begangen hat, sind monströs und wirken bis heute fort. Ob er unter anderen familiären und historischen Bedingungen des Aufwachsens eine andere Entwicklung genommen hätte, darf angenommen werden. Das Schicksal bietet viele Weggabelungen und Abzweige. Die Konstellationen in seinem Leben lassen sich im Nachhinein weitgehend rekonstruieren und plausibel erscheinen. In der Voraussicht hat kaum jemand bis zu seinem 30. Lebensjahr (1919) die spätere Entwicklung vorausgeahnt. Viele erst Jahre später. Dennoch sind die Spuren in der Kindheit deutlich, auch wenn sie noch viele weitere Entwicklungspfade zugelassen hätten. Mit dem vorliegenden Beitrag wird der Fokus erstmalig auf die Rolle von Rausch, Ekstase und Sucht in der Herkunftsfamilie und im Leben des Adolf Hitler gelenkt. Diese allzu menschlichen Phänomene sollten nicht übersehen oder geringgeschätzt werden. Sie sind oft zentrales Motiv und Triebfeder bei Sexualität, Gewalt und Zerstörung.

Literatur

FRANK, Hans (1953): Im Angesicht des Galgens, München (Friedrich Alfred Beck Verlag).
GRUEN, Arno (2002): Der Fremde in uns, München (dtv).
HAMANN, Brigitte (1998): Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München (Piper).
KLEIN, Michael (2018): Kinder im Kontext elterlicher Alkoholsucht. Suchtmedizin 20 (1), 52-62.
KUBIZEK, August (2002), (Erstausgabe 1953): Adolf Hitler, mein Jugendfreund, Graz (Leopold Stocker).
LEIDINGER, Hannes & Rapp, Christian (2020): Hitler. Prägende Jahre. Kindheit und Jugend 1889 – 1914.,Salzburg (Residenz).
PILGRIM, Volker Elis (2018): Hitler 1 und Hitler 2. Von der Männerliebe zur Lust am Töten, Hamburg (Osburg).
SANDGRUBER, Roman (2021): Hitlers Vater. Wie der Sohn zum Diktator wurde, Wien (Molden).
ULLRICH, Volker (2019): Hitler. Die 101 wichtigsten Fragen, München (C.H. Beck).

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.