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von Herbert Ammon

Karlheinz Weißmann: Der Nationale Sozialismus. Ideologie und Bewegung 1890 bis 1933, München (F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung) 1998, 368 Seiten.

Der Begriff ›Nationaler Sozialismus‹ steht hier einerseits für all jene politischen Strömungen, die gemeinhin im Begriff ›Faschismus‹ zusammenfließen, andererseits suggeriert er ideologische Verwandtschaft zum traditionellen, internationalistischen Sozialismus, dem historischen Erzfeind des Faschismus.

Durch derlei Begriffsassoziationen müssen sich nicht nur alle jene Linke herausgefordert fühlen, die nach wie vor am Begriff des humanistischen Sozialismus hängen, sondern auch linksliberale Verfechter des ›deutschen Sonderwegs‹.

Ehe Karlheinz Weißmann darangeht, die breitgefächerten Wurzeln jener Bewegungen und Parteien aufzudecken, die in fast allen industriell entwickelten Staaten Europas bereits vor dem Ersten Weltkrieg ein ideologisches Amalgam von nationalistischen und sozialistischen Ideen repräsentierten, hat er sich theoretisch abgesichert. Als konservatives Leitmotiv dient ihm ein Satz Max Horkheimers aus dem Jahre 1939: »Die Ordnung, die 1789 als fortschrittlich ihren Weg antrat, trug vom Anbeginn die Tendenz zum Nationalsozialismus in sich.«
Damit wird der Blick auf jene in Frankreich geborene Traditionslinie des nationalistischen Jakobinismus gelenkt, der ebensogut nach ›links‹ wie nach ›rechts‹ ausschlagen konnte.

Im April 1933 bezeichnete André Gide den Hitlerismus als einen »Boulangismus, der Erfolg hat«. General Boulanger war jener populäre General und Kriegsminister der III. Republik, der sich weigerte, auf Arbeiter schießen zu lassen, und der nach seiner Entlassung daranging, eine Massenbewegung aus widersprüchlichsten Gruppen, aus Royalisten, Bonapartisten, Linkssozialisten und Nationalisten zu organisieren. Zu seinen radikalsten Anhängern gehörte Paul Déroulède, der Held der Pariser Commune von 1871. Ein verbindendes Element der Bewegung Boulangers, der letztlich vor einem Staatsstreich zurückschreckte und 1891 Selbstmord beging, war der antikapitalistisch aufgeladene Antisemitismus.

 

Eine ähnliche Konstellation kehrte während der Dreyfus-Affäre wieder, wo sich unter den Anti-Dreyfusards nicht wenige linke Antisemiten befanden. Dem integralen Nationalismus eines Maurice Barrès und eines Charles Maurras, des Begründers der Action française, gelang also nicht zufällig die Liaison mit Elementen des Sozialradikalismus auf der republikanisch-jakobinischen Linken. Um die Jahrhundertwende trugen diverse Gruppierungen die Insignien eines ›socialisme nationaliste‹, im Cercle Proudhon verkehrten seit 1911 Nationalisten und Anarchisten. Zuvor schon hatte Georges Sorel mit seinen Réflections sur la violence (1906) den Mythos von der Gewalt als Säkularreligion des industriellen Massenzeitalters geschaffen.

Die sozialistischen Intellektuellen in den Parteien der II. Internationale blieben von den neuen Ideen, von Darwin, Nietzsche und Sorel durchaus nicht unberührt. Weißmann verweist zu Recht auf die ideologischen Berührungspunkte der europäischen Linken mit dem provokativen Amoralismus der darwinistischen, weithin atheistischen Rechten. Dass sich auch die Fabian Society, vorneweg George Bernard Shaw, um H. G. Wells, Beatrice und Sidney Webb für Eugenik als wissenschaftliche Grundlage des Sozialismus begeisterte, öffnet den Blick für jenen Wissenschaftspositivismus, den die ›Nazi doctors‹ auf den grauenhaften Höhepunkt brachten.

Unter den ›Fabians‹, genauer in dem von den Webbs gegründeten Intellektuellenzirkel Coefficients Club, diskutierten Sozialisten mit ›Liberalen Imperialisten‹ über Eugenik und ›Empire-Sozialismus‹ und unter Anleitung von Lord Alfred Milner und H. J. Mackinder über Fragen der Geopolitik. Milner, als Hochkommissar im Burenkrieg verantwortlich für die Zustände in den Konzentrationslagern, trat 1916 in das Kriegskabinett ein. Zu den Coefficients gehörte auch der spätere Außenminister Edward Grey. Von diesem kennt man gewöhnlich nur den Satz »Wir sind alle in den Krieg hineingeschliddert«. In Wirklichkeit gehörte Grey während der Julikrise 1914 im liberalen Kabinett zu den eifrigsten Befürwortern des Krieges.

Die Krise des alten Liberalismus, die Heraufkunft des demokratischen Massenzeitalters brachte ihre schillernden Ideologien hervor: Kulturpessimismus, Technokratismus, Dekadenz, Elitismus und darwinistisch eingefärbte Gewaltphantasien. Als Katalysator der europäischen Bewusstseinskrise wirkte der Erste Weltkrieg. Zugleich verdichtete die »totale Mobilmachung« im Großen Krieg in allen Ländern Nationalismus und Sozialismus zum National-Sozialismus, nach Weißmann eine originäre »dritte« Position zwischen den im »Weltrevolutionskrieg« seit 1917 konkurrierenden universalistischen Ideologien Wilsons und Lenins. Als Beleg dient hier an erster Stelle der italienische Faschismus. Als Träger der
Synthese sieht Weißmann aber allgemein den »Kriegssozialismus« in den verfeindeten Nationalstaaten, begründet durch den ›Burgfrieden‹ beziehungsweise die union sacrée im August 1914. Der Soziologe Johann Plenge sah in der Kriegswirtschaft die Grundlage für einen am Gesamtwohl ausgerichteten »organisatorischen Sozialismus«.

Weißmann führt all diese Fäden in seiner Interpretation des ›National-Sozialismus‹ als einer epochalen europäischen Ideologie und Bewegung zusammen. Am Ende des Buches verweist er noch auf die »zweite nationalsozialistische Welle« in den dreißiger Jahren. Nicht zufällig traten ab1940 nicht nur abtrünnige Sozialisten und Kommunisten, sondern auch Hendrik de
Man, Führer der belgischen Sozialisten, aus sozialistischer Überzeugung als Träger der Kollaboration hervor.

Hitler und der NS-Faschismus verlieren in dieser Darstellung viel von ihrer deutschen ›Singularität‹. Allein aufgrund dieser historisierenden Perspektive ist wieder allerlei geschichtspädagogische Kritik zu erwarten. Der Qualität des Buches, an der nur ein kleiner faktischer Fehler - die Oberpfalz wird als protestantische Region deklariert - zu vermerken ist, tut das keinen Abbruch.


Die obige Rezension erschien in der Frankurter Allgemeinen Zeitung vom 17. März 1999.

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Herbert Ammon ist Historiker und politischer Publizist. Bis 2003 lehrte er als Dozent für Geschichte und Soziologie am Studienkolleg für ausländische Studierende der Freien Universität Berlin. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen deutsche und amerikanische Geschichte, Ideengeschichte sowie politische Philosophie.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.