Aufnahme: Johannes R. Kandel

von Ulrich Siebgeber

Nirgendwo wird so viel gelogen wie auf dem Feld der Moral und nirgendwo so ausdauernd wie auf dem der Sexualmoral – jedenfalls dann, wenn man der allgemeinen Auffassung folgt. Ob’s stimmt? Der Gedanke, man könnte die sexuellen Aktivitäten der Leute per Fragebogen erfassen, hat seit dem ersten Kinsey-Report von 1948 die Gemüter bewegt, wenngleich mit nachlassender Intensität. Und siehe da, im gleichen Zeitraum scheint auch die sexuelle Aktivität der Bevölkerung von Erhebung zu Erhebung nachzulassen, als lohne es nicht mehr, sich für ein bisschen bedrucktes Papier hübsch verwegen zu lügen. Ein ähnliches Phänomen verrät die Plakatierung im aktuellen Europa-Wahlkampf: Für Europa? Ja sicher. Warum das Blaue vom Himmel herunter erzählen? Warum der Aufwand, wenn die Leute sich die Kandidaten nicht merken – nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil sie es einfach nicht wollen. EU – was ist das? Wer beim Gang durch die Stadt auf die Plakate schielt, stellt fest: eine EU gibt es dort nicht. Alle sind Europäer; die Union – ja sicher, die Union, klar, reden wir von etwas anderem. Sollte die Europäische Union mitsamt ihren Normen und Diäten und Brexits und Targets einmal in Gefahr geraten vergessen zu werden, dann deshalb, weil die Parteien zu viele Europawahlkämpfe führen.

1.

Nun zum Platzhirschen. »Offene Grenzen nach innen und sichere Grenzen nach außen«; ein Klassiker. Gemeint ist natürlich: nach innen offen und nach außen … abgeschirmt – vermutlich, damit nicht allzu viel Gelächter aus der Parteizentrale nach außen dringt. Dass die Partei der Kanzlerin, 30 Jahre danach, das DDR-Grenzregime als Blaupause nach Brüssel transferieren würde, war nicht zu erwarten, obgleich es doch so nahe lag, zu nahe für den Geschmack vieler, die an Satire vor allem die Unbotmäßigkeit stört, das Selbsternannte, kurz, das Quäntchen Wahrheit, das ihr trotz allem gelegentlich innewohnt. Sicher nach außen … darauf muss man erst einmal verfallen. Die Innenseite der Außenseite Europas ist ein vielgestaltiges Thema, man sollte es als Promotionsthema für alle ausgeben, denen in letzter Zeit der Titel aberkannt wurde, bevor der eine oder andere damit anfängt, sich für die äußere Sicherheit zu erwärmen. Apropos Erwärmen…

2.

»Wer den Planeten retten will, fängt mit diesem Kontinent an« – wer sonst als die Grünen? So sollte man denken, sicher sollte man es, das ist doch der Trick hinter der Aussage, ein heiteres Parteienraten, Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich … heiß. Wie eigentlich, ganz unter uns? Für die Blöden, die ganz Blöden, die man angeblich in dieser Partei als Klientel nicht schätzt, steht die Auflösung unten angeschrieben. Doch im Zentrum der Aussage steht natürlich der Kontinent: der kleinste? Der weißeste? Der schmutzigste? Der geheimste? Als Zeitungsleser weiß man, dass manche Vertreter dieser Partei Schwierigkeiten damit haben, das Wort ›Deutschland‹ zu artikulieren. Greift das jetzt auf Europa über? Ist das ein Virus? Dazu die Frage aller Fragen: Ist der unaussprechliche Kontinent noch zu retten? Anfangen mit den Rettungsarbeiten kann jeder, das Werk zu vollenden wäre die Aufgabe. Das ist ein weites Feld, am besten glyphosatfrei zu bearbeiten, gleich dort hinterm Plakat geht es in die Büsche. Und sonst? Sonst nichts? Nun, ich vergaß die abgebildete Kandidatin: Wie bei jeder ordentlichen Drogeriewerbung zeigt sie der Kundschaft im Bilde, wo’s drückt und wo die Hilfe ansetzen soll: demnach an den Hüften und direkt unterm Herzen. Das also war’s. Warum erst jetzt? Warum nicht gleich? Warum so – verhalten?

3.

Ich sah das Plakat und ich war entzückt. Dazu muss ich erwähnen, dass ich immer ein Faible für die Piraten hatte, diesen als Partei maskierten Haufen anpolitisierter twittersüchtiger Alltagsexhibitionisten. Abgesehen davon, dass sie Wählbarkeit (»ohne 5%-Hürde«!) für ein Wahlargument halten, das zu ihren Gunsten spricht: dieser auf Rosen oder dergleichen gebettete Totenschädel in Verbindung mit dem Epitheton ornans »UNBESTECHLICH« erfüllt alle Kriterien eines Champions. Du verstehst’s nicht, raunt mir mein zermartertes Arbeitergehirn zu, was will dir dieses Bild sagen? Allein das Geflatter: Sind das jetzt Vektoren oder Vögel oder vögelnde Vektoren oder geheime Kopfschmerz-Abzeichen an einem ansonsten makellos freigeräumten Eventschuppen? Diese Menschen verständigen sich mit Hilfe von Symbolen, welche dir fremd sind. Sie wollen unter sich bleiben, das verstehst du, sie nehmen nicht jeden Wähler, nur Eingeweihte, auch das verstehst du zur Not. Was du nicht verstehst, ist das Bekenntnis zur offenen Hirnlosigkeit, vor der andere Parteien, bei denen man ein Faible dafür vermuten müsste, dann doch zurückschrecken. Ist das noch Mut? Hirnloser Mut? Kann Mut so hirnlos sein?

4.

Mut, man las darüber, erwarten die Grünen von ihren Wählern. Richtigen Mut hingegen bewies die SPD, als sie den Eiffelturm als ihr neues Wahrzeichen in den Himmel über Berlin schob, allerdings nicht ohne den mahnenden Hinweis: »Europa ist die Antwort.« Kommentatoren haben darüber gerätselt, wie wohl die Frage gelautet haben mag – dabei liegt sie doch auf der Hand. Der Eiffelturm, das ist die klassische Frage an alle, die ganz nach oben wollen: Könnt ihr es auch? Und wenn ihr es könnt – traut ihr es euch zu? Und wenn ihr es euch zutraut – habt ihr Veranlassung, es euch zuzutrauen? Nicht zu vergessen, wie lange dieser einsame Turm bereits in den Himmel ragt – abgestandenstes 19. Jahrhundert! Wehe dem, der im 21. daran noch zu rühren wagt. So erklärt sich auch das Rätselwort »MITEINANDER«, das auf so vielen Plakaten der Genossen prangt. Erst wenn alle Fragen miteinander beantwortet sind, springt die Tür auf und das Märchen nimmt seinen wundersamen Lauf.

5.

Die Linke … wer ist die Linke? Sie ist vor allem eines: mit sich identisch. Mag gewählt werden, was will – wer von der Parole abweicht, der wird … ja was denn? Entlinkt? Selbst die Reichen hängt sie nicht mehr an die Laternen, bloß Geldsäcke, zwecks Umverteilung, da weiß man doch um die Macht der Metapher. Betrachter mögen so etwas plump finden, aber Abnehmer findet es immer. Dabei fällt auf, dass der optischen Aussage die rechte Aggressivität fehlt, manche würden sagen: der Biss der frühen Jahre, als sich noch der Verfassungsschutz seine Gedanken machte – und man selbst auch, um sie zu zerstreuen. Good times! Nach Brüssel mit Biss? Das wäre einmal etwas ganz Neues, das will, angesichts all der Diäten, gut überlegt sein. Besser, man macht von der Sache nicht so viel Aufhebens. Was man hierzulande schon nicht erreicht, das erreicht man in Brüssel erst recht nicht. Auch braucht es Zuständigkeiten, aber wer will das wissen? Ein Wahlkampf für Leute, die nichts wissen wollen, lässt sich bequem aus der Reserve führen, dafür muss man sie nicht erst verlassen. Die Linke bleibt reserviert: Das Europa der Geldsäcke, das nicht das ihre ist, darf sie nicht kritisieren – das darf nur die AfD und die ärgern wir blau.

6.

Wer einmal einen Käfer fuhr… Das mögen sich die Genossen von der antikapitalistischen Kaltwetterfront, die sich MLPD nennt, auch gedacht haben und fordern das Schicksal mit einem merkwürdig starren Rechtsverständnis heraus: »VW, RAG, … Umweltverbrecher strafrechtlich verfolgen!« Jawoll! »Konsequent.« Ja wie denn sonst? Andererseits … einerseits … das Bürgerliche Gesetzbuch als neue Mao-Bibel, ist das der Weg, den Europa geht? Geht Europa so? Wo streben sie hin, die Kinder des egalitären Olymp? Wie gesagt, der Käfer-Auspuff als Symbol des verbrecherischen marktradikalen, finanzgesteuerten, kriegstreiberischen, rassistischen Turbokapitalismus, darauf muss einer erst kommen. Und nicht nur einer! Man nennt das Nachdenken, eine verschärfte Form des Nachsitzens, nachdem die Aufsichtsperson nach Hause gegangen ist, obwohl der Staat niemals schläft, denn die Gedanken sind frei, auch die der Andersdenkenden, die natürlich besonders.

7.

»Klimaschutz kennt keine Grenzen«, schreiben die Grünen. Man glaubt ihnen gern, wie jedem, der die Maßlosigkeit im Wappen führt. Wohin grenzenloser Klimaschutz führt, weiß Europa so wenig wie die übrige Welt. Aber es bemüht sich, die Wissenslücke zu füllen, vor allem, indem es immer neue Symposien finanziert. Symposien sind tätiger Klimaschutz, die Ausgaben bleiben überschaubar und das Abschalten kann man den Hausmeistern überlassen. Wer maßlos denkt, denkt gern, wie bereits erwähnt, höher hinaus. Der seitens der SPD plakatierte Eiffelturm mag nach oben zeigen, doch wer es nicht wagt, den Blick in die oberen Regionen des innerstädtischen Stangengewirrs zu heben, dem entgeht leicht die Parole, die insgeheim diesen Wahlkampf beherrscht, sofern man den Albtraumforschern unter den Fachleuten glauben darf: »Grün ärgern? Blau wählen!« So einfach geht das. Besser noch: sich grün und blau wählen. Wer sich über linken Populismus ärgert, wählt dann eben den rechten. Et vice versa. So sind alle zufrieden und gehen nach Haus, außer denen natürlich, die leer ausgehen, weil ihr Populismus von gestern ist und die Leute das Gähnen unterdrücken müssen, wenn einer unter ihnen versehentlich vom Leder zieht.

8.

Es baumelt noch mehr an den Laternen, das meiste davon lohnt den Aufblick nicht. Allein die Tierschutzpartei hat Schwein und trifft, Pamela Andersons optischer Assistenz sei Dank, das Gewissen dort, wo es zuckt. Die Sau rauslassen – auch dieser Wahlspruch weist den Weg ins Brüsseler Parlament. Ob er dort ankommt, weiß keine… Selbst schuld, wenn du uns nicht wählst: Es pfeift ein bitterer Wind zwischen den Plakaten durch, wer ein Ohr dafür hat, der hört sie klappern und keifen. Ja, sie keifen leise, die Wegweiser nach Europa, die jetzt überall in Europa verstreut auf Kundschaft lauern, sie weisen nirgendwohin und weisen sich, wenn man’s genau nimmt, nicht einmal aus: Woher, wohin, wozu, wen juckt’s? Die einen wollen Klimaschutz jetzt! und die anderen schreien Europa! Wer daraus folgert, Europa sei Klimaschutz plus Geschrei, der begreift zwar weder das eine noch das andere, aber er hat endlich kapiert. »Ideen sind nachhaltiger als Verbote« titelt die FDP. Da hat sie recht, wiewohl nicht ganz. Einmal in der Welt, sind beide, die Ideen wie die Verbote, nur schwer aus ihr zu entfernen. Doch einen gewaltigen Unterschied gibt es: Verbote verschaffen sich leichter Geltung. Dafür tragen die Menschen noch schwer an Ideen, wenn schon der Geist aus ihnen entwichen ist und die Hand, die sie einst beschützte, sich zur Ohnmachtsfaust ballt. Wer weiß schon, was kommt? Keiner weiß es, daher ist das Geschrei so groß.

9.

Ein Kontinent geht wählen und wieder geht keiner hin. Die Meinungsforscher haben Hochkonjunktur, es geht schließlich um die Macht zu Hause, dort, wo es in die Regierungsdächer hineinregnet, als sei die DDR unbemerkt zurückgekehrt und sorge für gerechte Verhältnisse. Man schickt die Verantwortung nach Europa – wo das liegt, weiß niemand und hinter dem Ural mag niemand nachsehen. Macrons Gelbwesten hält man hierzulande für ein Spektakel und den brexitierten Farage … hören Sie auf mit Farage! Als ob wir nicht genug Scherereien am Hals hätten. Schon wieder eine Partei aus dem Nichts – das gehört sich nicht, in unserem Europa nicht und ein anderes lassen wir nicht zu. Ein böses Wort macht die Runde: ›Union der Versager‹. Wer dazu nickt, der wird frikassiert. In unserem Europa sind schon die Liberalen eine Partei zuviel. Wann immer einer von ihnen den Mund aufmacht, donnern wir: Hatten wir schon! oder Selber! Man nennt das ›Glaubwürdigkeit‹ – ein Wort aus dem Wörterbuch der Scheinheiligkeit, bei dem der Glaube sicherheitshalber vor der Würdigkeit kommt, damit er nicht rückwärts vom Stuhl fällt. Wer würde nicht gern an Europa glauben? Bloß den Wir-Sagern glaubt man nichts und das ist gut so, denn jedes ihrer Plakate plärrt Europas Bürger an: Geht weiter! Hier gibt’s nichts zu glauben.

 

Aufnahmen: Johannes R. Kandel, Ulrich Siebgeber

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Mag sein, das Volk ist eine irrationale Größe. Doch daraus auf die Rationalität der Eliten zu schließen wäre, sagen wir ... nicht in Ordnung.

Und doch, man geht wie auf Strickleitern durch Ihre Texte. Immer mit einem Anflug von Höhenangst. Das strengt ganz schön an.
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Ulrich Siebgeber: Der Stand des Vergessens

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