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von Ulrich Siebgeber

Siehst du den Mond über Soho?
Ich sehe ihn, Lieber
Brecht, Dreigroschenoper

Wäre ich nicht Siebgeber, ich wäre gern Moralist. Moralist sein ist einfach. Man folgt den Wegen der Einfalt, zumindest in Gedanken, und sagt: So machen’s alle. Man sagt es nicht im Tonfall der Überzeugung, sondern des Zweifels, und schon ist man ein gemachter Kritiker: Schaut, wie er’s macht! Man könnte sich, als kritischer Zeitgenosse, natürlich fragen, warum die Wege der Einfalt so ausgetreten und so vorhersehbar sind. Doch diese Frage bleibt besser unterdrückt, erstens, weil sie dem Gähnen so ähnelt, das erst als unterdrücktes kulturell etwas hermacht, zweitens, weil sie nicht ohne Tücke ist, denn nicht immer darf als ausgemacht gelten, was sie voraussetzt. Auch Einfalt liebt das Unerwartete.

Niemand dürfte zum Beispiel behaupten, das amtierende schwedische Klimawunder Greta sei schließlich vorauszusehen gewesen. Es wäre einfach nicht wahr. Kein Mensch außer den Beteiligten konnte wissen, was sich da am Rande des Feinstaub-Pokers zusammenbraute. Die Logik solcher Schau-Ereignisse drängt sich erst nachträglich auf. Der eine oder andere Macher wird an dieser Stelle denken: Und das ist gut so. Solange die allzu menschlichen Umstände nicht geklärt sind, denen sie ihre Entstehung verdanken, brummt das Öffentlichkeitsgewerbe, das bekanntlich von der Devotionalie über die fromme Litanei und die dreiste Aufmerksamkeitsabzocke der Medienpreisverleiher bis zum Gesang der Spottdrosseln alles im Angebot hat, dessen der Mensch bedarf, um sich in seinem zivilisatorischen Umfeld wohlzufühlen.

Denn darauf kommt es an.

*

Einer der Schlüsseltexte der zivilgesellschaftlich gewendeten Kulturindustrie ist nach wie vor die Dreigroschenoper, in welcher der Bettlerausstatter und -organisator Jonathan Peachum dem Sheriff von London die Folgen erläutert, die eine Nichtberücksichtigung seines Wunsches, den ungeliebten Schwiegersohn Macheath hinter Gittern zu sehen, nach sich zöge: »Ich darf Sie da wohl an einen historischen Vorfall erinnern... Als der ägyptische König Ramses II. gestorben war, ließ sich der Polizeihauptmann ... irgendeine Kleinigkeit gegen die untersten Schichten der Bevölkerung zu Schulden kommen. Die Folgen waren schon damals furchtbar. Der Krönungszug der Thronfolgerin Semiramis wurde, wie es in den Geschichtsbüchern heißt: ›durch die allzu lebhafte Beteiligung der untersten Schichten der Bevölkerung zu einer Kette von Katastrophen‹. Die Historiker sind außer sich vor Entsetzen, wie furchtbar sich Semiramis ihrem Polizeihauptmann gegenüber benahm.«

Es müssen nicht immer Krönungsfeierlichkeiten sein, um den Unmut der Herrscherin herauszufordern. Wie man weiß, reicht manchmal auch eine Pressemitteilung des Geheimdienstchefs. Vor allem ist es in den saturierten Gesellschaften nicht länger nötig, die Ärmsten der Armen zu mobilisieren, um sich die Organe des Staates gefügig zu machen. Es genügen die Armen im evangelischen Geiste, die Kindlein sowie alle, die gut drauf sind und meinen, mit ein paar Mausklicks und einer fröhlichen Demo das Schicksal der Welt zu wenden, um Druck zu machen, wirklichen Druck, vor allem, wenn die Sache gut organisiert ist, so dass die Spontaneität der Vielen wie Manna vom Himmel zu fallen scheint. Die heutigen Bettlerkönige sind züchtig vernetzte Kampagnen-Dirigenten, sie verfügen fast nach Belieben über die Fanatiker-Geschwader der gefühlten Wahrheit und genießen den voreilenden Beifall regierungsnaher Partei-Establishments, denen die schiere Angst vor der nächsten Wahl in den Knochen steckt.

*

Wer hier wen abzockt, ist im Ganzen nicht zu ergründen. Der Klimateufel, auch er, steckt im Detail. Während der ›Klimapolitik‹ genannte Verschiebebahnhof für Steuergelder und Investitionen auf die globale Wette hinausläuft, dass sie irgendwem irgendwann irgendwie hilft, ist bereits jetzt klar, wie überaus hilfreich sie Arme und Beine in Bewegung bringt, um, wie es so schön heißt, Wasser auf vielerlei Mühlen fließen zu lassen. Die Zivilgesellschaft macht der Politik Beine – so stellt es sich nach außen hin dar, so soll es wohl aussehen. Wo immer der Untertan sich angesichts zweifelhafter Erfolge der Politik bockig verhält, sei es im Gelbwesten-Format, sei es im Unmut verschaukelter Dieselfahrer oder im Grollen abgezockter Stromkonsumenten, schwillt der Simultanprotest medial gut aufgestellter Weltretter an, bis der einfache Verstandesmensch, der glaubte, Demokratie bestehe unter anderem darin, Alltagsprobleme zu Gehör zu bringen, sich resigniert wieder nach Hause begibt. Im Spiegel konnte man lesen, das Kommunikationsgenie Macron habe die Gelbwesten praktisch im Alleingang kleingeredet – das ist, unter Medienprofis, eine lustige Bemerkung, fast so lustig wie die heteroverdächtige Empfehlung gleich nebenan, das Paar Macron/Merkel müsse jetzt miteinander Europa machen und Merkel solle sich nicht so zieren. Wenn die ausgebufften Medienleute nicht mehr in den Medien sitzen, sondern als Puppenspieler im Rücken derer, die hinterher fragen: »Wie habe ich ausgesehen?«, dann braucht einem um die Zukunft der Informationsgesellschaft nicht bange zu sein. Sie hat keine.

Europa braucht eine Mission. Der Mond gehört den Amerikanern, den Russen und neuerdings den Chinesen, der Mars ist vorderhand noch zu weit weg für Besitzansprüche und Elon Musk bereits unterwegs, was läge da näher, als dem eigenen Kontinent Flügel wachsen zu lassen? In allen wesentlichen Ressourcenfragen haben sich, zum Leidwesen ihrer Kritiker, die auf ›Autopoiesis‹, auf Wachstum und Selbstreproduktion angelegten Konzerne bisher als die überlegenen Planer erwiesen. Das schmerzt das Weltgewissen und seine Träger. Da kommt die Ressource ›Klima‹ überaus gelegen, um Europas Planstrategen einen beeindruckenden Hebel in die Hand zu drücken, auch auf die Gefahr hin, es handle sich um einen Joystick. Wer immer glaubt, Windräder dienten der Produktion von Strom, wird vielleicht irgendwann feststellen, dass er sich irrte und nicht der Strom, sondern die Illusion die Hauptsache dabei war. Wer sich auf Windmühlenflügeln über die Erde erhebt, in der Hoffnung, ihr irgendwann nicht länger den Stoff entziehen zu müssen, hinter dem alle her sind, der erhebt sich zuallererst über die Bedenken der Zeitgenossen, welche die eine oder andere praktische Schwierigkeit kommen sehen und sich nichts sehnlicher wünschen, als dass sie beizeiten gelöst wird. Beizeiten! Peachum jedenfalls, soviel ist sicher, wird sie nicht lösen. Warum? Weil sie ihn nichts angeht.

 

Abb.: A mural by by danish street art artist Miki Pau Otkjær. The artwork title is »Save the planet now«. The mural is located in Hillerød, Denmark. Mural was made and finish in march 2019. Neogeografen [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

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Mag sein, das Volk ist eine irrationale Größe. Doch daraus auf die Rationalität der Eliten zu schließen wäre, sagen wir ... nicht in Ordnung.

Und doch, man geht wie auf Strickleitern durch Ihre Texte. Immer mit einem Anflug von Höhenangst. Das strengt ganz schön an.
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Ulrich Siebgeber: Der Stand des Vergessens

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.