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von Ulrich Siebgeber

In den neuerdings sittsam gewordenen deutschen Medien konnte man gegen Ende des abgelaufenen Jahres lesen, die deutsche Kanzlerin habe in der angelsächsisch sprechenden Welt einen Sturm der Entrüstung entfacht. Warum? Weil sie in öffentlicher Rede das Wort ›shitstorm‹ verwendete. Ach du liebes bisschen. Haben die keine anderen Probleme? Andererseits, es ist ihre Sprache, sie besitzen also eine Art erstes Zugriffsrecht, sobald es um Verfehlungen auf diesem kniffligen Terrain geht. Das gesprochene, sich alsbald ins geschriebene verwandelnde Wort hat eine magische Kraft. Wer den Sinn dafür verloren hat, sich in einer anderen Sprache zu bewegen, die eigenen Regeln unterliegt, wird bald auch den Sinn für die weitere Wirklichkeit verlieren. Scheinbar bewegt er sich in einem Raum ohne Grenzen. In Wahrheit – falls hier von Wahrheit gesprochen werden kann – verharrt er schwebend in einer Verfassung, der mit dem Raum und seinen Begrenzungen auch Vergangenheit und Zukunft abhanden gekommen sind. Die neuen Deutschen, mit ihrer robusten Aneignung des Weltstoffs Sprache, wirken wie aus Zeit und Raum gefallen, sie sind Jetztwesen, die der Wind der Ereignisse hierhin und dorthin bläst. Manchen wurde die Verblasenheit zur Signatur.

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Diese zwanghafte Verwendung von Floskeln der untersten Artikulationsebene, sobald sie irgendwo in der Welt auftauchen, der Faulheit und teils wirklichen Unfähigkeit geschuldet, in der eigenen Sprache den angemessenen Ausdruck dafür zu finden (oder, falls Not am Mann ist, zu erfinden), wurzelt tief im magischen Weltbild der meisten Öffentlichkeitsarbeiter und ihrer dilettierenden Nachahmer, in dem ein Wort für die Sache steht und sie oft genug von ihrem angestammten Platz verdrängt, so dass sie fast vollständig verschwindet, sobald das Wort in den allgemeinen Sprachfluss zurückfällt und nur ein verschwommener Fleck bleibt, wo vorher ein Leuchten war: Seht, das ist heute, nein, es ist das Heute, von dem ihr anderen keine Ahnung habt. Man kann, aus der Wissenschaft kommend, die Mehrzahl dieser Wörter ›Zauberwörter‹ nennen. Natürlich handelt es sich um faulen Zauber. Eben deshalb darf man sie, unter keinen Umständen, übersetzen. Der Zauber flöge im gleichen Moment auf und übrig bliebe der Eindruck einer unendlichen Seichtheit des Betriebs. Soweit käme es noch.

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Eine Frau hat Deutschlands Grenzöffung 2015 verursacht und damit das mühsam austarierte Gebäude europäischer Interdependenzen in jenen Trümmerhaufen verwandelt, der Europas Bürger aus jeder öffentlichen Erklärung entgegenblickt, so forsch, so gewunden oder so halbseiden sie sich auch anhört. In der Folge haben einige Feministinnen, meist aus Angst vor dem islamischen Weltbild und seinen Exekutoren, ihr die Gefolgschaft verweigert. Die meisten hingegen haben erst damals die Wonnen der Gefolgschaft für sich entdeckt. Seither gilt: wer brav ist, bekommt den gewohnten Frauenbonus, wer ausschert, steckt im falschen Körper oder in der falschen Psyche oder in der falschen Partei – ›Sie ist keine von uns. Identitätsbilder, die das werte Selbst in eine mentale Festung verwandeln, kommen ohne Verrat und Spaltung nicht aus, das weiß jeder, das hat man immer gewusst, nur die Pointe hat noch gefehlt. Dass Frausein ›irgendwie progressiv‹ sei, diese Ausgeburt ideologischen Schwachsinns, endet hinter den Türen wirklicher Macht. Wer nicht aufpasst, dem verwandelt sie sich in Allmachtsattitüde und leeres Sendungsbewusstsein, das dazu verleitet, auf der Orgel der allgemeinen Interessen zu spielen, als handle es sich um Bachs Toccata und Fuge in d-Moll: Wer widersteht dieser Frau? ›Reifeprüfung‹ titelte eine griechische Zeitung anzüglich, als der Grieche Tsipras seinerzeit an der Spree seine Aufwartung machte. Reif wofür? Wer die heutige Lage Griechenlands und die Ungleichgewichte des Euro betrachtet, fühlt sich verleitet zu behaupten: Reif fürs … Halt! Das würde der Situation nicht gerecht. Gerechterweise müsste man sagen: An diesem Gender-Spiel nehmen alle teil und es ist kein Spiel.

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Islam-Europas Moscheekultur ist, wie man liest, auf Sand gebaut, genauer: auf Öl und den steten Dollarfluss, den seine Förderung mit sich bringt. Das ist nichts Besonderes. Der Westen finanziert aus seinen Überflüssen den Reichtum derer, die aus ihren Überflüssen genügend Mittel abzweigen, um in aller Welt den Glauben geschmeidig zu halten – den rechten natürlich, wenn’s beliebt. Das soll, wie es heißt, nach dem Willen einiger Parteidenker nun anders werden. Ökonomisch selbständig sollen sie werden, die Moscheegemeinden, damit sie auch selbständig glauben können, und das nicht etwa dadurch, dass man ihnen den auswärtigen Geldhahn zudreht, sondern dadurch, dass man ihnen im Lande neue Finanzquellen erschließt, zum Beispiel eine ordentliche Kirchensteuer, von der, wie es heißt, am Ende alle profitieren – allem voran, wie könnte es anders sein, das rechtgläubige, alles Renegatentum hartnäckig verabscheuende Vereinswesen und seine Monumente. Warum nicht? Wenn sie dadurch schöner werden? Abhängig ist, wer sich abhängig macht. Unabhängig ist, wer sich unabhängig macht. Unabhängig macht sich, wer unabhängig sein will. Das ist das ganze Einmaleins der Abhängigkeit in Glaubenssachen.

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Die Gesellschaft zerfällt, folgt man den Analysen des mainstreams, zusehends in identitäre Lager. Politik und Medien sehen sich aufgefordert, dieser Entwicklung zu steuern – vornehmlich durch Ausgrenzung derer, die sie dafür verantwortlich machen, allen voran das Häuflein der Identitären, die das Unheil schon im Namen tragen. Doch der Vorwurf trägt weit. Eine Gesellschaft, bestehend aus Gruppen-Identitäten, kann nichts anderes wollen als eine identitäre Politik, soll heißen eine Politik der Selbstbedienung, bei der das Gemeinwohl, klassischer Gegenstand republikanischen Denkens, auf der Strecke bleibt. Letztlich, so die daraus erwachsende Angst, zerstört die Verrechnung von Identitäten das Repräsentationsprinzip und damit die verfassungskonforme Ordnung. Diese Angst ist eitel. Es gibt eine Verfassungsfrömmigkeit, die vergisst, dass Verfassungen nicht dazu da sind, den idealen Staat zu modellieren. Das Gegenteil ist der Fall. Es sind die gewählten Repräsentanten des Landes, die Identitätspolitik praktizieren, ohne im Traum daran zu denken, den Repräsentantenstatus und den Mechanismus der Repräsentation, der sie trägt, aufzukündigen. Nebenbei: Ein wenig mehr direkte Demokratie würde das Identitätsspektakel rasch in seine Schranken verweisen, vorausgesetzt, die Medien begreifen, dass sie den Stoff der Mündigkeit liefern: Information.

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Die radikale Linke will, von der taumelnden SPD törichter- und selbstmörderischerweise assistiert und von der Merkel-CDU toleriert, die kulturelle Hoheit im Lande. Ob ihr das gelingt, hängt auch davon ab, wie sich die CDU nach Merkel ›aufstellt‹. Die Merkel-Medien haben sich, nachdem die entsprechenden Parolen ausgegeben worden waren, in herzlicher Naivität vor den Antifa-Karren spannen lassen. Ökonomisch bekommen ist es ihnen nicht und die alternativen Netzmedien haben sich auf ihre Kosten herausgemacht. Nun sind sie, wie es im Kanzler*innen-Jargon heißt, halt da und blasen Sturm. Die Wahl AKKs zur Parteivorsitzenden hat den Getreuen eine mentale Atempause verschafft, während es mit den Medien wirtschaftlich weiter bergab geht. Das, wozu Teile der alten Garde die Automobilunternehmen am liebsten per Gesetz zwingen wollen, die Umstellung auf ein neues Antriebskonzept (das so alt ist wie die Branche selbst), fällt ihr, wie es scheint, unendlich schwer und, sofern sie nicht aufpasst, über kurz oder lang auf die Füße, vielleicht, wer weiß, auch auf den Kopf. Das neue Antriebskonzept der Medien, es könnte heißen: Wir.Berichten.Alles. – vorausgesetzt, es stimmt oder es gehorcht zumindest den Gesetzen elementarer Recherche-Logik, auch wenn das Gesinnungsstammhirn dabei gelegentlich rebelliert. Ganz recht, öffentliche Medien sind Bringmedien, sie haben eine Bringschuld gegenüber ihren Lesern und wenn sie es nicht bringen, sind sie über kurz oder lang perdü. Was die kulturelle Hoheit im Lande angeht, so lautet die Bringschuld: Das werden wir uns mal ansehen. Hoheit leben zu gut. Das macht Löcher im Kopf. Im übrigen: Hoh(l)heiten lehnen wir ab.

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Relotius ein Fälscher? Was hat er denn gefälscht? Die echten Relotiusse? Was unterscheidet eine echte Relotius-Reportage von einer gefälschten? Dass die echte echt ist und die gefälschte gefälscht? Ist ihr Urheber dann ein Echter oder ein Fälscher? Was soll das, so jemanden einen Betrüger zu nennen? Mag sein, er hat seinen Arbeitgeber, den Spiegel, betrogen. Das lässt sich klären. Seine Leser hat er mit Fehlinformationen versorgt, mit ›Fake news, um es in der Sprache der Medien auszudrücken. Man sollte also annehmen, er habe das Publikum hinters Licht geführt. Aber sicher doch: Er hat es belogen. Warum fürchtet die Branche das Wort? Da hat sie ein Wort stigmatisiert, weil es vom ›Feind‹ kam, und jetzt holt es sie ein. Was holt sie ein? Ein selbstverhängtes Tabu, das dergleichen Leute wenn nicht möglich gemacht, so ermutigt hat. Ist das jetzt vorbei? Ist das jetzt vorbei? Die Frage stellen heißt sie verneinen. – »Das ist eine Lüge!« Reden Sie so mit ihrem Richter? Haben Sie jemals einen, der durch öffentlichen Zuruf zum Richter über die Tugenden und Laster seiner Mitmenschen ernannt wurde, kennengelernt, der gesagt hätte: ›Ich weigere mich zu richten, meine Aufgabe besteht darin, Fakten zu sammeln und mitzuteilen, was ich herausgefunden habe – nach bestem Wissen und Gewissen?‹ Dergleichen gibt es nicht. Enthebe einen solchen von seinem Posten und er wird bis an sein Lebensende weiterhin Richter spielen, aber im Modus des Ressentiments. Wir werden saure Medien bekommen, nachdem die aufgetischten Süßlichkeiten aufgebraucht sind.

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Kannegießers Neujahrsprognose: Die Spannungen in der Gesellschaft werden sich weiter verschärfen. Die Fronten werden unübersichtlich und das Duckmäusertum wird beide Hände voll zu tun haben, um nicht anzuecken. Das liberale Deutschland wird schwächer und der kämpferische Liberalismus eine Notwendigkeit. Die neuen politischen Pole heißen Populismus von rechts und Populismus von links. Das Land wird schwache und autoritäre Regierungen bekommen, gekaufte Medien, eine stärker segmentierte Gesellschaft, mehr offene plus sedimentierte Gewalt und einen ordentlichen Maulkorb. Die Deutschen werden mit dem Maulkorb machen, was sie immer damit machten: die einen werden ihn freudestrahlend tragen, die anderen mit ihm herumprobieren, die dritten ihn kommentieren und die vierten ihn als Kotzbeutel benützen. Beiläufig und auf Dauer gesehen werden sie mehr und mehr erfahren, was es heißt, zur Minderheit im eigenen Land zu werden: erst in ausgesuchten Stadtvierteln, dann in einzelnen Städten usw. Das geschieht nicht im großen Stil, nicht von heute auf morgen, sondern jahrgangsweise, peu à peu, so dass sich immer Gelegenheit findet, das Straßenkundige mit Statistiken zu bestreiten. Schließlich: Wer ist schon Deutscher? Wer ist schon freiwillig Deutscher? Es wird den unfreiwilligen nicht gefallen, stärker noch den freiwilligen, die sich heute schon fürchten, von dem Gesellschaftstypus eingeholt zu werden, dem sie entronnen zu sein glaubten, und sie werden sich damit arrangieren. Die Alten gelten als Nazis und die Jungen sind es so oder so. Der Rest muss arbeiten und ist der Karriere verpflichtet. Nur die Karriere ist zu nichts verpflichtet, sie kommt und geht, wie es ihr passt, sie erledigt klaglos die miesesten Jobs und ist doch Herr im Haus.

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Eine offene Gesellschaft, die rechts- und institutionenfremde Strukturen auf ihrem Territorium duldet und unter der Hand fördert, verwandelt sich in eine Hybridgesellschaft, in der lokal und regional, zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten das Recht des jeweils Stärkeren gilt. Das wird ›ausgemittelt‹ – auf der Straße, in den Familien, in den Cafés, in den Freibädern, in den Schulen, wo auch immer, wie auch immer. Die, denen es nicht passt, meckern hinter vorgehaltener Hand, hören sich Vorträge an oder schreiben sich auf Facebook ins Abseits. Andere rennen zu Parteien, die Remedur versprechen, aber nicht bieten, wieder andere werden unvermittelt fromm. Wer eine klare Sicht auf die Dinge ›zu hart‹ findet, signalisiert damit, dass er seine Nische in der Hybridgesellschaft gefunden hat und hofft, in ihr in Ruhe gelassen zu werden. Wer ›keinem mehr‹ glaubt, zeigt damit, dass er erst wieder zum Vorschein zu kommen wünscht, wenn das Problem ausgestanden ist (also nie). Wer behauptet, man müsse ›jetzt endlich‹ stärker aufeinander zugehen, als es ›früher‹ der Fall gewesen ist, strebt in die Politik oder ins Betreuungsgewerbe.

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So oder so: Eine Erwachsene, die das Kopftuch nimmt, entscheidet sich für das Kopftuch. Es ist ihre Wahl. Man kann den Clan wählen, man kann die Großfamilie wählen, man kann das dicke Auto wählen, man kann den Typ mit dem dicken Auto wählen, man kann die Freiheit wählen, man kann die Unfreiheit wählen. Das liegt an der Wahl (und an der Freiheit). Mehr Positivität gibt es nicht. Das fällt unter den maliziösen Satz: Wenn die Freiheit da ist, ist sie weg. (Körner) Was haben wir in Freiheit Geborenen getan, sie zu erhalten? Wir haben, zu unserer Zeit, eins drauflegen wollen, das ist richtig. Wir hatten und haben Forderungen an die Gesellschaft. Heute sehen die Post-68er sich Menschen gegenüber, die zur Generation ihrer Studenten zählen könnten, und ihr Freiheitsmaß für andere ist die Sozialarbeit. Nichts gegen Sozialarbeit, aber sie erzeugt keine Freien und sie erhält uns, d.h. den Kindern der Freiheit und ihren Kindern, die Freiheit nicht.

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Wer will, kann die Zukunft als Projektionsraum für Wetten auf unterschiedliche Lebensentwürfe betrachten. Wie hoch stehen die Chancen für jeden einzelnen? Wer wettet hier gegen wen? Wie verändert sich ein Raum, wenn einer eine Knarre auf den Tisch legt? Da liegt sie nun. Die unbewaffneten anderen, wenn sie mutig sind und genügend Zeit bleibt, rufen die Polizei. Die Polizei kontrolliert den Inhaber und siehe da, er hat einen Waffenschein: Alles in Ordnung. Und sie zieht wieder ab. Der Waffenschein lautet auf ›Kultur‹: Herkunft, Religion, Heiratssystem, Geschlecht, Ehre, Scharia, Ehrfurcht vor diesem, vor jenem, was auch immer. Da liegt sie, die Waffe, weithin sichtbar. Das ist die Situation. Wo bleibt die Wette? Was bleibt von der Wette? Was bleibt von den Lebensentwürfen?

 

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Mag sein, das Volk ist eine irrationale Größe. Doch daraus auf die Rationalität der Eliten zu schließen wäre, sagen wir ... nicht in Ordnung.

Und doch, man geht wie auf Strickleitern durch Ihre Texte. Immer mit einem Anflug von Höhenangst. Das strengt ganz schön an.
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Ulrich Siebgeber: Der Stand des Vergessens

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.