von Herbert Ammon

 Der Pädagoge Micha Brumlik zielt mit seinem Essay auf um das von Erika Steinbach (CDU) und dem 2005 verstorbenen Peter Glotz (SPD) initiierte Zentrum gegen Vertreibungen. Anfangs gehörte er neben Persönlichkeiten wie György Konrad, Ralph Giordano und Alfred de Zayas zu den Befürwortern des Projekts. Er habe sich davon distanziert, als ihm »klar wurde, dass die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen nicht wirklich willens und in der Lage war, sich von ihrem nationalkonservativen und völkischen Umfeld zu lösen« (135). Ungeachtet des von den Initiatoren bekundeten Konzeptes vermutet Brumlik als »das heimliche Motiv vieler vielen (nicht aller) Betreiber der Zentrumsidee« eine »Konkurrenz mit dem Gedenken an die Opfer der Shoah« (117) und meint, jüdische Intellektuelle wie Ralph Giordano, Julius H. Schoeps und Michael Wolffsohn seien »von Steinbach letztlich düpiert worden« (125).

Micha Brumlik: Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen, Berlin (Aufbau Verlag) 2005, 300 S.
Helga Hirsch: Schweres Gepäck. Flucht und Vertreibung als Lebensthema, Hamburg (Edition Körber-Stiftung) 2004, 257 S.

 

Brumlik entwickelt seine Thesen in thematisch loser Argumentation. Er beginnt mit einer historischen Betrachtung über die im Buchtitel pointierte Kausalität, fährt mit einer Kritik der Charta der Vertriebenen von 1950 fort und fügt ein Kapitel über die um Schuld, schuldhaftes Wegsehen und erlittenes Grauen kreisende Kriegsliteratur ein. Es folgen begriffliche Erwägungen zu den Massenverbrechen - Genozide, Klassenmord und ethnische Säuberungen - im 20. Jahrhundert sowie philosophisch-psychologische Reflexionen über »Schuld und Versöhnung in der Geschichte«.

Im Schlusskapitel gibt Brumlik in Anlehnung an den israelischen ›Revisionisten‹ Benny Morris einen Abriss der Vertreibung der Palästinenser und präsentiert, auf das deutsche Beispiel gelungener Integration verweisend, eine anno 2000 geborene - realpolitisch chancenlose - Initiative zur Lösung des Palästina-Konfliktes. Am Ende mündet das Plädoyer gegen »ein halbiertes nationales Gedenken« in den Vorschlag für »eine auf den Menschenrechten gegründete, auf die globale Geschichte bezogene Dokumentationsstätte« (289), die ihren Ort in Lausanne finden soll. Das ist realitätsfern, wenngleich universal-ethisch gut gemeint.

Immerhin liegt Brumlik nichts daran, die deutschen Opferzahlen herunterzurechnen: »Rein quantitativ stellt die nach dem Zweiten Weltkrieg exekutierte Vertreibung von etwa 11,5 Millionen – 2,25 Millionen starben dabei – ethnischen Deutschen...das größte Verbrechen dieser Art dar« (189). Kritik verdienen historische Fehler und Ungereimtheiten, z.B.: Mustafa Kemal rechnet er als Chef der nationalistischen Regierung offensichtlich nicht zu den für den armenischen Völkermord verantwortlichen Jungtürken (S.188). Den Brand von Smyrna datiert er auf 1919 statt auf 1922 (187), spricht schon für 1919 von einem »blutigen Bevölkerungsaustausch« (247) und bezeichnet den Lausanner Vertrag (nicht ›Verträge‹) 1923 – ›Modell‹ für die Vertreibung der Deutschen – als »einen jener Pariser Vorortverträge«, wo er die Revision des Vertrags von Sèvres (1920, nicht 1919) meint (187f.). Er verwechselt die 1921 im Frieden von Riga gewonnene polnische Ostgrenze mit der Curzon-Linie (die »in den Pariser Vorortverträgen verabredete Linie«, 33), Oberschlesien mit Niederschlesien (39). Die Vertreibungen werden - nach gängigem Muster historisch verkürzt - ausschließlich aus der verbrecherischen NS-Praxis abgeleitet.

Gravierender sind die Fehlurteile: Gegen den Vorwurf, die Geschichte »letztlich doch [aus] deutsch-völkischem Blickwinkel« (53) gesehen zu haben, kann sich Peter Glotz nicht mehr wehren. Die Beneš-Dekrete seien als »politische Notwendigkeit» vertretbar gewesen – eine These, die nicht nur bei tschechischen Nationalisten Beifall finden dürfte, sondern, in der Vermengung von Kollektivschuldvorwurf, historischer Opportunität und »politischer Notwendigkeit« dem ethischen Anspruch des Autors den Boden entzieht. Völlig verfehlt ist die vom Ansatz diktierte These, Beneš sei gegenüber den an der Herderschen ›Herkunftsnation‹ orientierten Sudetendeutschen ein Vorkämpfer der »Willens- und Zukunftsnation« gewesen (54). Der tschechische Nationalismus stand in der Tradition der ›Jungtschechen‹. Diese waren inspiriert von Herder und Fichte, von der Jenenser Burschenschaft und dem Wartburgfest 1817 – zu dessen Teilnehmern zählte der Begründer der slowakischen Nationalbewegung und Vorkämpfer des Panslawismus Jan Kollár (1793-1852).

Die Publizistin Helga Hirsch, engagiert als Vorkämpferin des Vertreibungszentrums, bekannte sich als Alt-68erin erst spät zu ihrer Familiengeschichte, als sie das Schweigen ihres aus Breslau stammenden Vaters über Heimatverlust und Demütigungen als ›Flüchtling‹ ergründen suchte und dabei die Vertreibung als unbewältigtes Thema deutscher Geschichte entdeckte. In dem als ›Versöhnungs‹-Literatur gedachten Sammelband präsentiert sie im Stil der oral history aufbereitete Erinnerungen von Menschen, die durch Krieg, Flucht und Vertreibung entwurzelt wurden. In den vorgestellten Biographien berührt das Thema Phänomene wie in die nächste Generation hineinwirkende Traumatisierung, Anpassung und Selbstbehauptung sowie Fragen der Identität. Bedrückend anschaulich wird die Identitätsproblematik im wechselseitigen Unverständnis zweier Brüder, von denen der eine als Deutscher, der andere als Pole ›sozialisiert‹ wurde.

Die Frage, wie individuelles Erleiden als Objekt ›kollektiver Erinnerung‹ die Nationen Europas versöhnen statt entzweien könnte, dürfte weder mit Schulbuchpädagogik noch mit Sonntagsreden, schon gar nicht mit politisch-ideologischer Beflissenheit à la Westerwelle zu lösen sein.


Auch in: Jahrbuch Extremismus und Demokratie [E&D] 18/2006, S. 396-397). (leicht abweichende Version)

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