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Gedächtnistafel im Bendlerblock Berlinvon Herbert Ammon

I.

Kein Begriff als der Marxsche ›Überbau‹ scheint besser geeignet, um zu kennzeichnen, was man in der Bundesrepublik als ›Erinnerungskultur‹ bezeichnet. Von einigen unscharfen Impressionen der DDR, der ›zweiten Diktatur in Deutschland‹, abgesehen, handelt es sich – ungeachtet der faktisch fortschreitenden Entfernung von der NS-Ära – um die Vergegenwärtigung der Nazi-Verbrechen sowie der jubelnden Massen im ›Dritten Reich‹.

Dabei tritt hinter den Schreckensbildern die Erinnerung an den symbolhaft im Scheitern – am 20. Juli 1944 – hervorgetretenen deutschen Widerstand zurück. Keineswegs zufällig: Insofern ›vaterländische Gefühle‹, zu denen sich Peter Graf Yorck von Wartenburg, der Freund und Vertraute Moltkes im »Kreisauer Kreis« bekannte, insbesondere unter deutschen Intellektuellen verpönt und für deutsche Funktionseliten irrelevant geworden sind, entspricht das Verblassen des historisch-realen Horizonts, in dem die Widerständler des 20. Juli den Sturz des Nazi-Regimes aus eigenen Kräften anstrebten und – vergeblich – ihr Leben einsetzten, den ideellen, genauer: ideologischen Erfordernissen der politischen Gegenwart.

Der Befund wird durch Rituale wie die alljährliche Vereidigung von Bundeswehrsoldaten und -soldatinnen im Innenhof des Berliner Bendlerblocks am 20. Juli nicht widerlegt, sondern bestätigt. »Wir haben das Letzte gewagt für Deutschland« – ein solcher Satz wirkte heute, da es für die Bundeswehr weltweit – realiter selektiv – um nichts als Bündnistreue, Demokratie und Menschenrechte geht, wie eine peinliche Entgleisung.

Die Hintergründe, die Verzweigung und das Dilemma zielgerichteten Widerstandshandelns unter den Bedingungen von Diktatur und Terror verschwinden im historischen Irgendwo, stoßen auf Desinteresse oder werden durch vorgefertigte Moralschablonen versperrt. Die Machtrealitäten des 20. Jahrhunderts – vom August 1914 bis zum November 1989 – bleiben unberücksichtigt, der zur Abbildung von Komplexität so hilfreiche wie problematische Begriff ›Dialektik‹ ist verpönt, Empathie als hermeneutisches Prinzip weithin unbekannt.

»Widerstand wogegen?« Mit derlei Frage mokierte sich der heute in Bern lehrende Historiker Christian Gerlach (Jahrgang 1963) anno 1995 anlässlich der (ersten) Wehrmachtsausstellung über die Widerständler der Heeresgruppe Mitte um Henning von Tresckow. Von peinlichem Unwissen und ahistorischem, polit-didaktischen Umgang mit komplexer Thematik geprägt sind jüngere Publikationen zur Geschichte der »Weißen Rose«. (Siehe meinen Globkult-Betrag v. 21.02.2010.). Welche Resonanz bei ›westlichen‹ Intellektuellen erweckte die Nachricht, dass in diesem Jahr Alexander Schmorell (»Schurik«) von der Russisch-Orthodoxen Kirche als Märtyrer-Heiliger Александр Шморєль kanonisiert wurde? Keine (abgesehen von einem Artikel Lorenz Jägers in der FAZ. vom 06.02.2012).

Der »lange Weg zum 20. Juli« (Joachim Fest) erregt bei den Nachgeborenen kaum noch historische Leidenschaft. Folglich dürfte mit Ausnahme des jugendlich-charismatisch hervorstechenden, zuletzt im amerikanischen »Walküre«-Film popularisierten Stauffenberg, die Vielzahl von Protagonisten des Widerstands unbekannt sein, darunter Namen wie der des Generals Friedrich Olbricht (1888-1944) ), der noch in der Nacht des 20. Juli zusammen mit Stauffenberg, dessen Adjutanten Werner von Haeften und Mertz von Quirnheim auf Befehl des AHA-Chefs – und Mitwissers – Fromm erschossen wurde. Über Olbricht schrieb Joachim Fest: »Nach Art und Auftreten eher der Typus des besonnenen Verwaltungsgenerals, war er zugleich einer der unnachgiebigsten und entschiedensten Gegner des Regimes. Die Maxime, wonach ›Generalstabsoffiziere keine Namen haben‹, hat nicht nur ihn selber geleitet, sondern ihm auch die Beachtung vorenthalten, die seiner führenden Rolle in der Vorgeschichte des 20. Juli gebührt.« (Fest, 190)

II.

Unkenntnis über Komplexität und Tragik der deutschen Geschichtskatastrophe herrscht naturgemäß – außerhalb des Kreises von einigen Fachhistorikern – im europäischen Ausland. Erst recht gilt dies für die USA, wo im B.A.-Curriculum vieler Colleges europäische Geschichte kaum noch vorkommt, schon gar nicht die deutsche jenseits des Holocaust.

Es ist das Verdienst der Historikerin Helena Schrader (geb. H. P. Page), derzeit US-Konsulin in Leipzig, mit einem Buch über die lange Vorgeschichte des 20. Juli und die auch hierzulande wenig bekannte Rolle des Generals Friedrich Olbricht dem englischsprachigen Publikum, nicht zuletzt amerikanischen Lesern, die Geschichte des deutschen Widerstands nahegebracht zu haben. Ihr Buch Codename Valkyrie. General Friedrich Olbricht and the plot against Hitler, Sparkford, Somerset (J.H.Haynes Co. Ltd.) 2009, 288 Seiten, ist im selben Verlag auch in den USA erschienen. Historisch ausgeweitet und in den umfassenden Geschichtskontext von I. Weltkrieg, Weimar, NS-Diktatur und II. Weltkrieg gestellt, handelt es sich um die englische Aufbereitung ihres (aus einer Hamburger Dissertation hervorgegangenen) Buches über General Olbricht.

Nachfolgend stelle ich meine leicht gekürzte Besprechung (ungekürzt in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.07.1993, S. 7) des Buches von Helena P. Page, General Friedrich Olbricht. Ein Mann des 20. Juli (Bouvier Verlag Bonn-Berlin 1992, 301 Seiten, 35 Seiten Anhang) für Globkult ins Netz:

Am Spätabend des 20. Juli 1944 bat der Generalmajor Friedrich Olbricht, Chef des Allgemeinen Heeresamtes (AHA), seinen Schwiegersohn Friedrich Georgi, Major i. G. Der Luftwaffe, zu einer Aussprache in sein Büro der Bendlerstraße. Bei seinem Abschied geriet Georgi noch in die Schießerei zwischen Stauffenberg und hitlertreuen Offizieren, dennoch gelang es ihm, den Bendlerblock zu verlassen. Im Bewusstsein der drohenden Verhaftung notierte Georgi, seit seiner Hochzeit von Olbricht in die Verschwörung eingeweiht, die letzten Worte des Generals: »Ich werde dann hier als Soldat zu sterben wissen... Ich sterbe für Deutschland. Stauffenberg war der Têtenreiter, den kann ich jetzt nicht im Stich lassen. Es wäre auch sinnlos, das Ende ist so und so das Gleiche. Sollen wir jetzt bekennen, daß wir gesündigt haben? Nein, wir haben das Letzte gewagt für Deutschland.«

In der Literatur über den 20. Juli hat General Olbricht – abgesehen von einem als Herder-Taschenbuch erschienen Porträt aus der Feder Georgis – bislang nur wenig Beachtung gefunden. Die Amerikanerin Helena P. Page nennt Gründe für dieses kaum verständliche Desinteresse an einer führenden Figur des deutschen Widerstandes: erstens die bescheidene Quellenlage, die wiederum daraus zu erklären ist, dass Olbricht seine konspirativen Aktivitäten meisterhaft zu tarnen wusste; zweitens die zurückhaltende Persönlichkeit des Generals, die auf Biographen naturgemäß weniger Faszination ausübte; drittens die Neigung einiger Historiker, Olbricht operative und taktische Fehler beim Staatsstreich anzulasten – ein Urteil, das die Autorin revidiert.

Ihre Thesen fußen vor allem auf unveröffentlichten Manuskripten und Gedächtnisprotokollen sowie auf zahlreichen Interviews mit Beteiligten. Die Verfasserin macht aus der Not – der dürftigen Quellenlage – eine Tugend, indem sie nach angelsächsischem Muster ihre Biographie breit anlegt. Auf Friedrich Olbricht, 1888 in Leisning in Sachsen geboren, wirkte sein Vater prägend, der sich als Direktor einer Oberrealschule in Chemnitz in der Volksbildung und in der Jugendpflege engagierte. Nationalliberale Überzeugung und soziale Aufgeschlossenheit verbanden sich zu patriotischer Gesinnung. Allgemein herrschte im ›roten Königreich‹ ein liberalerer Geist als im preußischen Obrigkeitsstaat. Nicht nur wegen seiner bürgerlichen Herkunft lag Olbricht, der 1907 in die sächsische Armee eintrat, jeglicher militärische Standesdünkel fern.

Den Ersten Weltkrieg erlebte Olbricht seit August 1914 an beiden Fronten, wurde hoch dekoriert und kam 1917 als Hauptmann in den Generalstab. Die Niederlage 1918 stürzte den dreißig Jahre alten Olbricht nicht wie viele andere kaiserliche Offiziere in Verzweiflung. Im Februar 1919 finden wir ihn als republiktreuen Offizier in Leipzig, wo er zwischen den Fronten – linksradikalen Arbeitern, darunter frühere Schüler seines Vaters, und dem Freikorpskommandeur Maercker – vermittelte. Als es nach dem Kapp-Putsch, bei dem Olbricht loyal zur Reichsregierung stand, zu Spannungen zwischen dem sozialdemokratischen Oberpräsidenten Hörsing in Magdeburg und der Reichswehr kam, fungierte der auf der Linken anerkannte Olbricht wieder als Vermittler. Die Frage nach der Teilnahme Olbrichts an den Aktionen der Reichswehr gegen die linkssozialistische Regierung Zeigner Ende Oktober lässt die Verfasserin offen. Ihr Urteil über die angeblich maßvolle Rolle der Reichswehr beim Einmarsch in Sachsen dürfte nicht jedermanns Zustimmung finden.

1926 wurde Olbricht zum Nachrichtendienst T 3 in dem unter General Seeckt als Generalstabsersatz etablierten Truppenamt in Berlin berufen. Liebäugelte Olbricht in jenen Jahren mit ›nationalbolschwistischen‹ Ideen? Die Verfassserin ist bestrebt, Olbricht, der einen Offizier auf die ›Widerstands‹-Schriften Ernst Niekischs hinwies, von der derlei Verdacht zu befreien. Jedenfalls ließ sich Olbricht, der 1930 zu einer sechswöchigen Studienreise durch die Sowjetunion kommandiert wurde, von der Begeisterung eines Generals von Blomberg für das bolschewistische Reich im Osten nicht anstecken. Andererseits plädierte er trotz kritischer Eindrücke – hier ganz auf der Linie der von Seeckt begründeten Reichswehrtradition – für gute Beziehungen zur Roten Armee.

Dass Olbrichts Persönlichkeit nicht dem Bild des ›nationalkonservativen Offiziers‹ entspricht, wird deutlich. Im Gegensatz zu all jenen in der Reichswehr, die die Weimarer Republik innerlich ablehnten und trotz gewisser Vorbehalte den Machtantritt Hitlers letztlich begrüßten, stand Olbricht zur republikanischen Verfassung. Zu keiner Zeit ließ er sich von der Figur Hitlers – er erlebte dessen demagogische Künste bereits 1925 im Zirkus Sarrasani – faszinieren. Patriotismus und christliche Überzeugung begründeten jene Moralität, die Recht und Macht jederzeit auseinanderhielt.

Im Gegensatz zu der hierzulande vorherrschenden Tendenz, welche die NS-Zeit auf eine Serie öffentlich exerzierter Verbrechen zusammenschnurren lässt, verfolgt die Verfasserin die Karriere Olbrichts mit Unbefangenheit und mit Sinn für historische Perspektive. Dazu gehört der Blick für die Doppelrolle eines unbeirrbaren Regimegegners, der im Oktober 1938 seinem damaligen Adjutanten bekannte, er habe »diesen Mann gehaßt, vom ersten Augenblick an, als er in meinen Gesichtskreis trat«. Dennoch nahm Olbricht, Mitwisser der Verschwörung um Beck während der Sudetenkrise, als Divisionskommandeur nach dem Einmarsch in die ›Rest-Tschechei‹ im März 1939 den Dank des Diktators persönlich entgegen. Ende September 1939 wurde er von Hitler mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet. In seinem Kriegstagebuch notierte Olbricht, der den Angriff auf Polen anscheinend ohne Bedauern registrierte, wiederholt Kriegsverbrechen seitens der Polen. Dazu der Kommentar der Historikerin: »Man darf nicht nachträglich die hier zitierten Übergriffe deshalb entschuldigen, nur weil die Deutschen in kürzester Zeit noch schwerwiegendere Schuld für schlimmere Verbrechen auf sich laden würden.« Ebenso nüchtern urteilt sie über die politischen Ambitionen Olbrichts und seiner Mitverschwörer: »Das Streben nach einem ›gleichberechtigten Platz in der Völkerfamilie‹ war weder chauvinistisch noch ein ungerechtfertigtes Ziel.«

Von den militärischen Erfolgen Hitlers ließ sich Olbricht zu keiner Zeit blenden. Am Vorabend des von vielen Wehrmachtsoffizieren mit Hochgefühlen begonnenen Überfalls auf die Sowjetunion bemerkte er zu seinem Adjutanten Hermann Lübben: »Unser deutsche Heer ist ein Wind in dieser Steppe.«

Im Februar 1940 wurde Olbricht zum Chef des Allgemeinen Heeresamtes unter General Fromm, dem Befehlshaber des Ersatzheeres, ernannt. Kurz darauf, als Beck, Goerdeler und Oster vergeblich versuchten, den Krieg im Westen zu verhindern, trat er der Konspiration bei. Seine Funktion im AHA brachte einerseits aufgrund der Doppelunterstellung unter OKW und OKH mancherlei Kompetenzüberschneidungen mit sich, bot andererseits Chancen zu eigenmächtigem Handeln zu konspirativen Zwecken. Seit Ende 1942 liefen die Fäden der Verschwörung bei Olbricht zusammen.

Olbrichts Rolle als »Stabschef der Verschwörung«, die von der Gestapo und der »SS-Sonderkommission 20. Juli« durchaus erkannt wurde, lag in der Planung und Durchführung des Staatsstreiches, womit er bereits um die Jahreswende 1940/41 von Beck beauftragt wurde, sowie in seiner umsichtigen ›Personalpolitik‹. Schon im Frühjahr 1942, als er Axel von dem Bussche bei einem ›Spaziergang‹ rekrutierte, hatte er den Plan »Walküre« – das Eingreifen des Ersatzheeres gegen aufständische ›Fremdarbeiter‹ – zu einem Staatsstreichkonzept umgearbeitet.

Der Plan wurde von Olbricht und Stauffenberg, der auf Olbrichts Betreiben am 1. Oktober 1943 ins AHA eintrat und im Mai 1944 zum Stab Fromms mit Vortragsrecht bei Hitler versetzt wurde, insgesamt zweihundertzwanzigmal revidiert. Die so gegensätzlichen Charaktere Olbricht und Stauffenberg ergänzten sich hervorragend. Im August 1943, als er Stauffenberg in die Details der Planung einweihte, gab Olbricht sein Wort, den Staatsstreich auch gegen Fromm, der neben Hitler allein Befehlsgewalt für »Walküre« besaß, auszulösen. Tatsächlich gab Olbricht das Stichwort zweimal: als ›Voralarm‹ beim Attentatsversuch am 15. Juli, als Einsatzbefehl am 20. Juli.

Mit großem Einfühlungsvermögen lässt die Autorin die Interna der Verschwörung, das breite Netz des Widerstandes mit Namen wie Hermann Lübben und Eberhard von Breitenbuch – einer der Offiziere die sich Stauffenberg für das Attentat zur Verfügung stellten –, schließlich die Dramatik des Scheiterns im Juli 1944 präsent werden.

Ein Geleitwort für das Buch hat der (anno 2000 verstorbene) Opernregisseur Götz Friedrich verfasst. Friedrich, dessen Vater im Stabe Olbrichts diente, schreibt über das Ethos des 20. Juli: »Tugenden waren im Spiel, die sich in den Läufen eines halben Jahrhunderts nahezu verloren haben. Treue zum Eid geriet in Widerspruch zum Rechtsverständnis und zur tiefempfundenen Liebe zum Vaterland, das kein hohler Begriff war, sondern sich konkretisierte in den Millionen von Individuen, ihren Erinnerungen und Hoffnungen, ihren Städten, Flüssen, und Fluren, ihrer Kultur, ihren Gedanken und Liedern – und in ihrem Leben.«

Literatur

BLASIUS, RAINER: Späte Anerkennung. Der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus aus der Perspektive des Auslands, in: FAZ v. 04.09.2002, S. 7
GEORGI, FRIEDRICH: »Wir haben das Letzte gewagt...«, General Olbricht und die Verschwörung gegen Hitler. Bericht eines Mitverschworenen, Freiburg 1990
FEST, JOACHIM : Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli, Berlin 2004 (Orig. 1994)
SCHMIDT, HELMUT: Das Letzte gewagt, in: Die Zeit v. 26.09.1991, S. 47 (= Rez. zu Georgi)

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