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von Christoph Jünke

Spricht man mit einem politischen Linken oder einem Streiter für eine andere Globalisierung – es soll sie ja hie und da noch (oder wieder) geben –, erscheint der Neoliberalismus gleichsam als die Inkarnation jenes einen Ringes – »sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden«. Spricht man dagegen mit einem seiner überzeugten Anhänger, so hört man nicht selten das Argument, dass man von einer Vorherrschaft des Neoliberalismus in unseren wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Gefilden doch nicht wirklich sprechen könne. Allzu viel sei noch korporatistisch verregelt und bürokratisch-populistisch blockiert, und allzu viel müsse erst noch in Gang gebracht werden von einem wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Denken und Handeln, das doch vermeintlich nicht nur den Problemen angemessen sei, die unsere Gesellschaftsordnung seit langem zunehmend aufweise, sondern auch einem Menschen- und Geschichtsbild, das sich als Krönung der Schöpfung vermutet.

Des scheinbaren Widerspruchs Lösung findet sich in der Unterscheidung von Produktionsweise und Gesellschaftsform. Denn der neoliberal gewendete zeitgenössische Kapitalismus ist ein solcher vor allem dort, wo es sich um die Leitlinien und Umsetzungsimperative einer marktwirtschaftlichen Produktions- und Austauschweise handelt, und ein noch nicht so umfassend neoliberaler dort, wo es um die Gesellschaftsform als Ganze geht, also um Fragen individueller und gesellschaftlicher Reproduktion sowie politischer Regulierung.

Dass sich die Gesellschaftswissenschaften erst vergleichsweise spät, eigentlich erst in den letzten anderthalb Jahrzehnten, einer Theorie und Praxis zugewandt hat, die so allgegenwärtig wie undurchsichtig erscheint, mag auch damit zu tun gehabt haben, dass dieser Neoliberalismus erst mit seinem systematischen Übergriff auf die Gesamtgesellschaft an identifizierbaren Konturen gewonnen hat. Erst nachdem sich der Neoliberalismus in die gesellschaftliche Logik als Ganze fortgepflanzt und es dort – in Form vor allem der mexikanischen Zapatistas und der internationalen globalisierungskritischen Bewegung Mitte/Ende der 1990er Jahre – zu einer ersten weltweit sichtbaren gesellschaftspolitischen Gegenbewegung gekommen ist, fokussiert sich auch die politische Wissenschaft auf jenes »Lande Mordor, wo die Schatten drohen«, auf ein politisches Ideensystem also, das unser Schicksal schon um einiges länger nachhaltig bestimmt. Doch mittlerweile kann sich mit Unkenntnis niemand mehr herausreden, denn die Früchte dieser Beschäftigung – von denen im Folgenden lediglich drei, wenn auch hervorragende, vorgestellt werden – lassen sich durchaus sehen.

Jünke Christoph

Christoph Jünke ist Historiker und politischer Publizist. Seine Arbeitsgebiete liegen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der Zeitgeschichte, der Geschichte sozialer Bewegungen und der politischen Ideengeschichte.

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