von Herbert Ammon

Kaum ein Erzeugnis der politischen Literatur hat solch immense weltgeschichtliche Folgen gezeitigt wie das im Februar 1848 veröffentlichte Kommunistische Manifest. Und doch: Zum 150. Erscheinungsjahr fiel die Debatte über die berühmteste Schrift der Begründer des ›wissenschaftlichen Sozialismus‹ in Wissenschaft und Publizistik eher bescheiden aus, eine Spätfolge des eklatanten Scheiterns des realen Sozialismus anno 1989. Zu den spektakulären Ausnahmen gehörte ein Aufsatz des amerikanischen Sozialphilosophen Richard Rorty (1931-2007), der aus der sozialreformerischen Tradition der amerikanischen liberals heraus in das Programm der sozialistischen Weltrevolution die Lehre der Bergpredigt hineinlas. Ein Indiz für die alsbaldige Renaissance des Marxismus?

 

Konrad Löw: Kam das Ende vor dem Anfang? 150 Jahre Manifest der Kommunistischen Partei, Köln (Kölner Universitätsverlag) 1998, 202 S.

In diesem Sinne, genauer als Warnung, ist der Titel einer mit nützlichen Zitaten und Fußnoten versehenen Streitschrift des – inzwischen emeritierten – konservativen Bayreuther Politologen Konrad Löw zu verstehen. Das schmale Buch liefert eine ganze Reihe von Belegen, die nicht nur die bis zu ihrem Tode ungebrochene Gläubigkeit von Kommunisten wie Jürgen Kuczynski dokumentieren, sondern die spezifische Anfälligkeit von Intellektuellen, nicht zuletzt von Linksprotestanten und -katholiken für die Botschaft utopischer Gerechtigkeit erhellen. Angesichts all dessen, was Russland Lenin verdanke, wollte z.B. auch der Theologe Hans Küng, Prediger eines – offenbar globalisierungsgerechten – Weltethos, den Blick nicht »sogleich auf das Negative« konzentrieren (S.136).

Den Warnungen des Autors vor Wirklichkeitsblindheit wird niemand widersprechen. Anders steht es mit seiner Generalabrechnung mit den Marxschen Doktrinen. Gewiss, über marxistische Dogmen wie die Verelendungstheorie, über Dinge wie die Bejahung des revolutionären Terrorismus oder das Absterben des Staates, über »Wahn und Wirklichkeit« (S.77ff.), über Theorie und Praxis in den kommunistischen Staaten erübrigt sich jegliche Diskussion. Zurecht erinnert Löw auch an die antisemitischen Töne in Marx´ Auslassungen zur Judenfrage. Über Marx als Persönlichkeit, über seine Arroganz und Egozentrik haben bereits Mitstreiter und Zeitgenossen, von Wilhelm Weitling über Michael Bakunin bis zu Carl Schurz, vernichtend geurteilt.

Gleichwohl: Mit seiner Polemik gegen den Urheber des realsozialistischen Elends und seine Doktrinen dürfte der Autor nur jene Leser überzeugen, die dem marxistischen Denken von vornherein kein Gran Erkenntnis zubilligen. Man braucht nicht an der Mehrwerttheorie oder am herkömmlichen Begriff der Bourgeoisie und ihres von Marx anno 1848 verkündeten weltweiten Siegeszuges zu hängen, um angesichts der heute unter gänzlich anderen Voraussetzungen stattfindenden ›Globalisierung‹ ökonomische Krisenmomente zu erkennen sowie – jenseits der alten ›Klassengegensätze‹ – soziale Konflikte im globalen Maßstab. Frei von Widersprüchen ist das kapitalistische Wirtschaftssystem leider nur in der reinen liberalen Theorie. Auch Max Webers Blick für die Schattenseiten der okzidentalen Zweckrationalität lehrt Unbehagen an den universellen Rationalität des Kapitalismus. Dass der von Löw (S.76) zitierte Joseph Schumpeter ungeachtet aller Kritik an Marx dessen Zweifel am Bestand der kapitalistischen Gesellschaft teilte, widerlegt durchaus nicht den Zweifel als solchen.

Auch in: Jahrbuch Extremismus und Demokratie (E&D) 11/1999, S. 424-425. (leicht abweichende Version)

 

 

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Herbert Ammon ist Historiker und politischer Publizist. Bis 2003 lehrte er als Dozent für Geschichte und Soziologie am Studienkolleg für ausländische Studierende der Freien Universität Berlin. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen deutsche und amerikanische Geschichte, Ideengeschichte sowie politische Philosophie.

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