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von Sarah Mandelbaum

Welcher Recht hat, weiß ich nicht -
Doch es will mich schier bedünken,
Daß der Rabbi und der Mönch,
Daß sie alle beide stinken.

(Heinrich Heine)

Mich interessiert nicht, was unbeschnittene Deutsche und beschnittene Funktionäre über die männliche Vorhaut räsonieren. Bislang habe ich umgeblättert, abgeschaltet und Gespräche abgewehrt. Ich bin nicht religiös und ich bin – unter anderem – Jüdin, man kann sagen: Jüdin qua deutscher Geschichte. Und ja, ich habe meinen Sohn beschneiden lassen.

Nicht, um ihn in die Religionsgemeinschaft zu integrieren, sondern weil er meinen Namen = den Namen meines Vaters und Großvaters trägt. Dieser Name ist sehr jüdisch, er ist oder war viele Jahre wie ein gelber Stern; schon deshalb bin ich, obwohl penislos, gut als Jüdin erkennbar. Noch heute sagen mir junge Leute, die meist keine Ahnung von Geschichte haben: »Was für ein schöner Name« und manchmal erwidere ich: »Es war nicht immer schön, diesen Namen zu tragen«. Dann kommt ein irritiertes Stirnrunzeln oder die scheue Frage: »Das ist ein jüdischer Name?« (sie wissen es also).

Ich habe also meinen Sohn (aus medizinischen, feministischen und historischen Gründen) beschneiden lassen. Es gab auch in den 1980er Jahren gute Gründe anzunehmen, dass der Schmerz, wenn er nicht weiß, warum er ›anders‹ ist oder auch nur mit Misstrauen angeschaut wird, größer ist, als die kleine Häutung am 8. Tag. Ich habe ihn beschneiden lassen, weil voraussehbar war, dass er irgendwann mit dem Thema Deutsch-Juden-Vernichtung-Antisemitismus-Zugehörigkeit und Anderssein konfrontiert werden wird, jedenfalls solange er meinen Namen trägt. Das hat nicht mit Religion, sondern mit Vorurteilen und der nicht enden wollenden Geschichte dieses ›euren‹ Landes zu tun. Es ist, wie jeder mit Juden assoziierbare Vorfall beweist, auch aber nicht immer auch ›unser‹ Land. Allein die Vehemenz, mit der das Thema Beschneidung diskutiert wird zeigt, wie problembeladen das Zusammenleben ist; man weiß nicht und wird's aus Umfragen kaum erfahren, wie viel Unkenntnis, wie viel Kastrationsangst und wie viel von dem Bild des Juden als Lüstling in den Vorbehalten gegen den Eingriff steckt. Solange die Vergangenheit gegenwärtig ist, ist es für einen Mann, dessen Großeltern, Urgroßeltern oder Ururgroßeltern ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden, gut zu wissen, wohin er gehört und weshalb Misstrauen seinerseits bei aller Sympathie für Schland angebracht ist. Auch ohne Talmud und Käppi.

PS: Es geht ihm gut, er ist ein fröhlicher Mensch und er weiß, dass er Jude ist. Das ist in heutigen Zeiten eine ganze Menge.

(Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt)

 

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.