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Doro Breger: Mundwerk

von Ulrich Siebgeber

Die Krise der EU steckt in der Krise: ein Schelm, wer sie da herausholt.

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Ein Glaube stirbt nicht, er diffundiert. Wo er sich sammelt, geschehen seltsame Dinge.

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Die Freude oder, sagen wir, Erleichterung darüber, nach langer Wüstenwanderung einen Präsidenten zu haben, der der Sprache mächtig ist, so dass es sich auch einmal lohnt, den semantischen Feinheiten einer Rede nachzuspüren.

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Dieser offene und versteckte Religionskrieg ist ein Kulturvernichter.

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»Ohne Souverän wird es kein souveränes Europa geben, man mag den Leuten die Wahlurnen hinschieben, sooft man will.« (Siebgeber)

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»Die Positionierung in der Euro-Krise ist eine Short-Positionierung.« Das kommt als Nachricht und trifft den Kern (nicht nur im Börsenhandel).

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Diese Krise wägt jedes Wort. Selbst das verweigerte. Nicht nur Piraten ins Stammbuch.

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Wien unter Schock: Der Lesetest hat ergeben, dass keiner liest. Ja was sollen sie denn auch lesen, wenn nichts zum Lesen da ist.

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›Bundestag in die Kita.‹ – Vernünftig, sehr vernünftig. Allein es fehlt an Erziehern.

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Kita im Bundestag: Windelkrieg bis zum Ablass. Daran erkennt man die durchgestrichene Hausfrau.

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Vor der Betreuungsdebatte stünde erst einmal die Respekt-Debatte. Sie beträfe zum Beispiel die Frage, ob Menschen bereit sind, für 100 € im Monat ihren Lebensstil oder gar ihre Lebensplanung zu wechseln. Die Umfragen sagen nein, die Politik sagt im Prinzip ja, sie muss es schon deshalb, weil sonst die Gesellschaftssteuerung durch finanzielle ›Anreize‹ an entscheidender Stelle ein Loch bekäme.

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Wenige Überzeugungen sind so in der Person verankert wie alles, was das Kinderbekommen und die Kinderaufzucht betrifft. Macht Politik korrupt, die hier ›korrigierend‹ mit kleinen Scheinen wedelt? Natürlich nicht, sie rechnet nur mit der alltäglichen Korruptheit der Leute. Man könnte sie auch unethisch nennen. Mit dem Vorwurf lebt sie wahrscheinlich gut.

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Wonach es uns mächtig verlangt, das muss wohl die Macht sein.

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Tweet der Woche: Deine Integrität möchte ich haben. Was würde ich daraus machen!

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Ist der Islam ein Teil der deutschen Identität? Der Präsident sagt nein, aber eindeutig ist das nicht. Spricht er über kulturelle oder über politische Identität? Das zu wissen wäre wichtig, um zu verstehen, worum es in all diesen Wortklaubereien geht. Die Bundesrepublik ist ein säkularer Staat mit einem geschichtsbedingt christlichen Hintergrund. Dieses implizite Christentum – zu dem auch der christliche aufgeklärte Theismus und Atheismus zählen, die neben dem Judentum gern vergessen werden – ist in die Gesellschaftsordnung dieses Staates ebenso eingegangen wie in seine Rechtsordnung und die Grundsätze seiner Politik. Zu diesen Grundsätzen zählt, dass jede Bevölkerungsgruppe, selbstverständlich auch die muslimische, einen Anspruch auf politische Repräsentation besitzt. Politisch ist es korrekt zu sagen, die hier lebenden Muslime seien ein Teil Deutschlands. Kulturell gesehen ist es korrekt zu sagen, der Islam sei ein – noch fragiler – Teil dieser Gesellschaft.

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Oder spricht der Präsident über religiöse Identität? Falls ja: mit welcher Intention? Und vor allem: mit welcher Autorität?

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24. Juni. Herbert Ammon schreibt über Rathenau (in Iablis). Er ist ja nicht schwer zu verstehen. Er besaß nur jene Klasse, die bei Politikern verpönt ist und die ihn das Leben kostete. Außer dem ewigen Nacherzählen der Fakten fällt den Leuten auch nichts ein. Musil wirkt ein wenig hochfahrend in dieser causa. Der Mensch denkt, das Ressentiment henkt.

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Ein Designstück: sehr schön, sehr handlich. Definitionsmacht in Holz. Ich las einmal die Parole: Design – vertreiben, was uns vertreibt.

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Die Verlage sind nicht die ersten, die erkannt haben, dass die Technik sie in der Sache überflüssig gemacht hat. Die Frage ist, ob der Markt ihnen Zeit lässt, die letzten zu sein, die daraus die Konsequenzen ziehen.

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Man entdeckt die ›Jungs‹, wie sie jetzt heißen, als Verlierer im Bildungssystem. Dass die Gleichstellungspraxis zwischen Machtkampf, Bürokratie und Ungleichstellungspraxis versandet, ist keine besonders neue Nachricht. Nur die Brisanz steigt.

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Dass Europa den deutschen Gesetzgeber anweisen muss, die Rechte lediger Väter zu stärken, das sagt doch viel. Wer hierzulande in Kultur macht, weiß in der Regel nicht, wovon da die Rede sein soll. PAS? Nie gehört. Der Kommentator weiß es nicht, will es nicht wissen, und wenn er es weiß, will er sich nicht dazu verhalten. Nun, langsam lockert sich auch dieser Krampf... vielleicht. Bleibt abzuwarten, was die obligaten Gleich-Richter mit dem psychologischen Basisblick aus der nächsten Gesetzeslage machen werden. Wenn die Literatur nicht dazu schweigt, schweigt man eben zur Literatur.

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Selbst das dezidierteste Meinen besitzt seinen Verschwiegenheitspunkt, seine doppelten Böden und seine Renditevorstellungen für den Fall, dass die Rechnung nicht aufgeht. Es gibt Gesellschaften, in denen das Schweigen sich beschweigt. Ihre Aufbrüche gleichen in die Zukunft entsorgten Niederlagen.

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Patriotismus ist nicht Nationalstolz, sondern personal verankerte Verantwortung fürs Gemeinwesen. Eine Prise Nationalstolz als Motivator kann da nicht schaden, der Rest heißt: Schwachsinn.

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Sommer-Studie: jeder dritte Dicke ist zu dünn. Na da haben wir doch das Griechen-Problem.

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Sinn ohne Not ist Hunger ohne Brot. Oder umgekehrt. Kein BIP ohne Trip.

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Der Weg in den ESM ist mit versteinerten Gesichtern gepflastert.

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Schlagzeile: »Vandalen beschädigen David.« Man kann nicht um jeden Schwanz einen Zaun ziehen, aber: in diesem Fall wäre was dran.

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Die Länder der Euro-Bankenklemme sind nicht Europa.

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Reform des Euro: Abstauben vs. Absahnen. Big game.

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Reinreiten, durchpeitschen, nachdrücken und durchdrehen: der neue Europäer entsteht auf den Schlachthöfen der Zukunft.

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Solange Selbstbezichtigung eine sozial erfolgreiche Strategie ist, wird sie bedient.

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Alle Parteien sind Modernisierer. Man muss nur die Rückfälligen im Auge behalten.

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Potzblitz. Wenn Europa verschwindet, ist England schon weg.

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Armes Griechenland. In die Drachme verstoßen wie ins eigene Hemd. Da wäre es besser, der Euro stiege aus dem Euroraum aus und wählte sich einen anderen.

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Gastgeschenk für Tsipras: Griechenland nach der Düsseldorfer Tabelle bezahlen.

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Man wird den Euro nach Brüssel tragen, wohin er gehört, und ihm dort einen neuen Glasturm spendieren. Das freut die Anleger, vor allem die frischgebackenen, die noch mitspielen wollen, die Wähler der schickeren Opposition mit ihren halbbezahlten SUVs und dem silbernen Immobilienblick: nur jetzt kein Strich durch die Rechnung, wo gerade alles läuft, kein vorzeitiges Aus für all die unreellen Besitztitel und den Kitzel nach mehr. Es freut die Parteispender, deren Einsätze sich wieder lohnen müssen, es freut die Parteivölker, die stolz darauf sind, ihre Aussetzer mit der neuen Währung Souveränitätsverzicht zu begleichen, es freut die Aussetzer selbst: sie dürfen erkennen, dass ihrer viele sind und dass sie das Sagen haben.

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Angesichts der herrschenden Preise scheint Staatssouveränität wenig mehr als toxischer Müll zu sein. Der Staat muss gewaltige Bürgschaften geben, damit man sich ihrer andernorts annimmt.

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Es gibt eine schöne Erzählung von Kafka mit dem Titel »Der Jäger Gracchus«, da sieht man sie umherirren, die verlorengegangene Souveränität, zwischen den Menschen und anderen Kräften des Guten, die ihr auch nicht helfen können. Das Volk, der Souverän, steht still und staunt, er greift sich dahin und dorthin, er begreifts nicht. Ist er es nun oder nicht? Das Leben ein Traum, der Traum ein Leben, die Leber hat auch ein Leben und manchmal frisst sie es auf. Übrigens: Kafkas Gracchen-Erzählung blieb Fragment. Aber wer kennt schon Gracchen.

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Die Idee, Europa könne gerade jetzt seine nationalen Egoismen abschütteln und Weltstaat für Anfänger spielen, ist, sagen wir ... lausig.

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Europas Sprachen sind keine Dialekte, sondern Sakrilekte.

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Kluges Bild Karl von Monschaus: Der Ring, der sich nicht schließen will oder Lernen, was man schon weiß.

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Euroschirm ohne Limit. Der unbegrenzte Kreditgeber heißt Gott. Hoffen wir, dass die guten Europäer sich als unbegrenzt kreditwürdig erweisen. Die schlechten kann man dann ausweisen.

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Kleiner Webfehler: Euroland ist nicht Europa. Wetten, das spricht sich herum? Am besten behält die Regierung die Schulden und die Opposition die Zukunft.

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Nicht die Gesellschaft ist pornographisch, sondern ihre Gehirne. Wer bezahlt wird, liefert.

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Selbstbestimmtheit hat ihren Preis: die innere De-Zentrierung.

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Heiner Geißler plädiert für die Entfernung der Siegessäule. Das nennt man im Jargon: sich draufsetzen. Bei dem Objekt kein ungefährliches Tun. Ein bisschen arschig sollte einer schon sein.

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Europa putzt seine Fingernägel: die Kanzlerin als Terminator im Eurotunnel auf der Frontseite des New Statesman. Märchenstunde mit Schmähsprech. Wer die letzten Prozent Kreditfähigkeit abgreifen will, hat der deshalb schon Kredit? Links ist daran nichts, eher link. Und zwar unabhängig davon, was man vom regierungsamtlichen Tunnelblick halten will.

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Kulturförderung braucht Ansprechpartner, also Leute, die die gleiche Sprache sprechen, also Funktionäre. Diese sprechen mit Menschen der Kunstzone, deren Sprache sie verstehen, also mit ihresgleichen. Diese Menschen bilden Netzwerke unter ihresgleichen. Frage: wer bestimmt da den Diskurs, wer wird gefördert, stimuliert seinesgleichen, bestimmt mimetische Reaktionen beim Nachwuchs? Die Frage stellen heißt sie beantworten. Nicht ganz. Wieviel Prozent Input sind nötig, um einen Jahrgang einzuschüchtern und ihm zu zeigen, wo der Hammer hängt? Nicht viel.

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Frauen-Porträt von Vilhelm Hammershøi (1864-1916). Wenn sie aufsteht und hinausgeht, dann lässt sie die Türen nur für die Kamera offen. Im wirklichen Leben schließt sie sie. Leise, fast lautlos, aber mit diesem Katzengedanken: Wie wärs, wenn mir einer folgte? Bei sinkender Dämmerung macht sich das gut.

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Frauen-Porträt von Doro Breger (2012). Trauerpose mit Grün: da sitzt die Lockung und will heraus. Ziffer, sich selbst entziffernd mit einem Gefolge von Nullen, die nicht gemeint sind, jedenfalls nicht wirklich, nur so ein bisschen unwirklich, wie abgedunkelt, unendlich verblasst vor der Fülle dessen, was möglich wäre und wirklich möglich ist. Nur wirklich wirklich: das nie.

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Deutsches Gericht entfernt zwei Weltreligionen den archaischen Kern (Taz-Schere). Sehr witzig.

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Warnen wir davor, die Beschneidung auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Rache der beleidigten Vorhaut wird ... wird ... was? Raus? Was heißt hier Raus? Beschnittene Rechte? Gleichheitsfetischismus?

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Der ganze Streit ist komisch und zugleich anrührend, wie es überhaupt anrührend ist, das Menschenrecht in Aktion zu sehen. Was ist körperliche Unversehrtheit? Muss Religion den Menschen denn unversehrt lassen? Begriffe ohne Kultur werden leicht zu Barbarismen. Gehört Religion nicht zur Kultur? Setzt Recht Kultur? Oder setzt Kultur Recht?

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Beschneidungstourismus, das wäre? Beschneidung plus Tourismus. Hilft dem BIP, hilft der Bahn. Wem noch? Wer kommt zu kurz?

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Und es hungerte und dürstete sie nach Gerechtigkeit, bei Tag und auch in der Nacht.

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Der Schlaf der Gerechten gebiert Komplexitätsprobleme.

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Unbeschnitten wächst der Mann /
Bis er selber schneiden kann.
(Deutsches Rechtsgut)

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Nenne Religion einen Irrsinn und du bist schon in der Steinzeit. Übrigens nehmen auch Religionen am zivilisatorischen Prozess teil und keineswegs nur als Bremser. Die Religion der Irreligiösen? ›Irre-Sein‹? Oder doch lieber Austeilung des Prädikats ›Irre-sein‹ an andere? Besser die Vorhaut geopfert als die Vernunft. Aber da wird gern und viel geopfert. Gerade nach achtzehn.

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Natürlich gehen hier die Meinungen kilometerweit auseinander. So funktioniert Religion. In der Gesellschaft müssen alle wieder zusammenkommen. Wenn Grundrechtsfragen aufgerufen werden, müssen sie beantwortet werden, ob an der Klitoris oder am Penis, macht dabei keinen Unterschied. Solange sie im Schoß des Herkommens schlummern, gilt eben das Herkommen mit seinen zumeist religiösen Wurzeln. Die aktuelle Frage ist also, wie weit das Herkommen in der Gegenwart reicht – doppelt brisant bei Minderheitsreligionen und ihren Riten, weil Innen- und Außensicht gewaltig voneinander abweichen können.

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Die Ministerin hält die Frauen hierzulande für emanzipiert. Die emanzipierten Frauen äußern sich empört, sie wünschen von der Ministerin gegängelt zu werden. Die Ministerin verlangt die Sperrstunde für Teenager. Die Teenager geben sich amüsiert, sie verlangen freies Komasaufen. Und was wünschen in diesem Sommer die Männer? Weg mit der Ministerin! Pin-ups ans Rednerpult! Great.

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Stolpersteine für die Touristen: sie wirken anders als Erinnerungstafeln, das Befremden und Unwohlsein ist mit gesetzt, diskret und von unten: da ist der Einzelne angesprochen, nicht der Sightseer. Wer alles ›gut finden‹ will, wird zumindest stocken – keine Einladung zum Gedenken, das Gedenken ist schon geschehen, ohne Belohnung und Fleißkärtchen.

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Eine prägnante Figur lässt sich mit wenigen Handgriffen herstellen und alle wissen Bescheid. Allerdings: nur wenige Handgriffe sitzen. Davon wiederum gibt es unendlich viele.

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Europa ist kein Altherrenreflex, sondern Alltagsrealität. Die Macht-vor-Recht-Pose der alten Herren und ihrer Adepten läuft da ein wenig aus dem Ruder. Wenn doch alles verfassungskonform ist, warum die Aufregung? Eine Währung ist eine Währung und nicht der Gral aller Europäer. Aller? Helmut Schmidt, sagt ein alter Bewunderer, verteidigt sein Erbe. Er sollte es den Enkeln überlassen.

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Diese Weltökonomen hatten Erfolg, weil die Ökonomie für sie nicht existierte. Sie waren Autodidakten und nahmen sich heraus, was sie brauchten. Im Alter nehmen sie sich heraus, was andere bräuchten. Aber es ist schon verbraucht.

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Rechtsbruch generiert Recht. Das wäre doch mal was Neues. Und so alt, dass es schmerzt.

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Europa krankt an einer Instabilität des Rechts? Das klingt entschieden, aber man möchte schon wissen: unter welchen Bedingungen wird Recht instabil? Lässt die westliche Rechtsauffassung überhaupt eine Instabilität des Rechts zu? Ist Instabilität nicht ein anderes Wort für Unrecht? Für nicht geahndeten Rechtsbruch? Am Ende gar für eine Verschwörung der Rechtssubjekte gegen das Recht? Wollte ich das wirklich sagen? Kollegen, zur Hilfe! Nun, sie schweigen sich aus. Karlsruhe, Kirchhofs Ruhe.

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Der Partei-Gottseibeiuns kriegt eins über die Mütze, selbst wenn er keine aufhat. Einer behauptet, ein anderer habe ihn schön filetiert. Gemeint ist: eine klare, sehr direkt vorgetragene Argumentation wurde in Quatsch verwandelt. Man muss Sarrazin nicht ›gut finden‹, um zu begreifen, was er meint und welche Alternativen er vorschlägt. Was schreibt der Finsterling? »Europa ist historisch, politisch und kulturell mehr als die Europäische Union. Es berührt in jeder Hinsicht ganz andere Tiefenschichten, und es ist allemal weitaus mehr als die gemeinsame Währung im Euroraum. Deshalb ist es unhistorisch und schief, einen ›Erfolg‹ oder ein ›Scheitern‹ Europas (was immer dabei die Maßstäbe sein mögen) mit dem Erfolg oder Scheitern der Währungsunion gleichzusetzen. In enger ökonomischer Betrachtung gilt zudem: Sechzig Prozent der Bürger Europas zahlen nicht mit dem Euro, und jene EU-Länder, die am Euro nicht teilnehmen, haben sich, gemessen an Wirtschaftswachstum und Beschäftigung, seit Beginn der gemeinsamen Währung durchschnittlich besser entwickelt als der Euroraum.« Das ist ja furchtbar. Komm, das lesen wir lieber beim Broder.

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Spätsommerregen. Roman von Silvia Götschi. Arme Marion. Warum hat sie Wallungen? Kann sie ihren Körper nicht beherrschen? Fehlt ihr die spirituelle Kraft? Braucht sie Hilfe? Kann die Leserin helfen? Oder – horribile dictu – der Leser? Man erfährt nichts. Muss man immer weiterlesen, bis ans Ende der Welt? Oder gar: darüber hinaus? Fragen, Fragen, Fragen. Und dann: Flavia.

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Hätte ich zu wählen zwischen der Bestseller-Produktion eines Jahres und Thomas Körners ›Fragmentroman‹ Das Land aller Übel, ich würde letzteres vorziehen ... und, wer weiß, vielleicht nicht nur einer Jahresproduktion. Hier finde ich die notwendige Selbstbefragung des Subjekts inmitten einer Welt aus Weltanschauung, einer Welt aus Phrasen, die täglich die Socken hochziehen und sich an ihre Arbeit begeben: die Welt zu verändern. Die Welt verändert sich, das ist wahr, insofern haben wir es hier mit einer Rotte von Angebern zu tun, die unfähig sind, sich selbst zu ändern. Deshalb gehen sie ja ›an die Arbeit‹. Wer glaubt, diese Dinge seien mit der DDR gestorben, sollte sich gleich den Figuren der Befragung beigesellen – als siebzehnte.

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Autor C., Vermögen ertwittert, steinreich. Bon! Und vergesst nicht, euch die Hände zu schütteln, eh’ ihr sie wascht.

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Nochmals Körner: Fragment vom Mensch. Nichts beeindruckt den schreibenden Menschen mehr als die Wiederherstellung eines Manuskripts, das bereits dem Schnitzler zum Opfer gefallen war, weil es den Augen der lesenden Menschheit entzogen werden sollte. Er sieht darin eine Bestätigung seiner Aufgabe, seiner schriftstellerischen ›Position‹ zwischen einer vergangenen und einer zukünftigen Welt (das ausgespannte Seil Zarathustras ganz ohne Übermensch). Mit dem Manuskript werden die Machenschaften der Vergangenheit lesbar und sie erweisen sich als Manipulationsversuche an der Zukunft – abgebrochen, versandet, vor der Zeit beendet und ›begraben‹, denn ›soviel Zukunft war nie‹.

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Körner, zum dritten: Fragment vom Buch. Diese Idee, ein Buch auf Karteikarten zu schreiben, ist nicht neu. Es handelt sich aber um etwas anderes: das System aus Karteikästen, EGSS genannt, ist das Herzstück einer schriftstellerischen Systemerfassung, die sich nicht in die Karte zurückschrecken lässt, sondern inszenatorischen Raum beansprucht. Die Karteikarte verrät dem kundigen ›Ensemblierer‹, woran er ist – in der Lektüre, im Leben, wo auch immer. Vor allem aber: im System. Der Karteikasten ist also eine Art Arbeitsbuch für den Leser, bei Bedarf zu konsultieren, um die Bedingungen zu verstehen, unter denen das Ganze erschrieben wurde, sowie die strategischen Entscheidungen, die getroffen wurden, um dem Sog der kurrenten Auffassungen und ihren massiven Lebensfolgen zu entgehen.

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Ihr Frauenbild, gnädige Frau. Dürfen wir Ihnen hineinhelfen? Oder sollen wir’s einpacken? Nachtragen? O nein.

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Habermas findet, man müsse die Wünsche der Religiösen ins säkulare Idiom übersetzen, um sie gesellschaftskompatibel zu machen. Gewiss, das ließe sich machen. Die Frommen verlangen seit jeher, den Staat theologisch zu interpretieren. Ihr Vorteil: sie brauchen keine Dolmetscher.

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Nicht die Forderungen der Frommen sind religiös, sondern die Frommen und ihre Argumente. Entweder also sind die Forderungen (allgemeiner Vorstellungen) der Frommen an den Staat, sein Rechts- und Gesellschaftssystem inkompatibel mit den Forderungen oder Vorstellungen der Nichtreligiösen (dann nützt auch die beste Übersetzungskunst nichts), oder sie sind bedenkens- und durchsetzungswert, dann wird man auch säkulare Gründe finden, die für sie sprechen. Das Konstrukt des Konsensphilosophen läuft auf die bewährte Formel Inklusion durch Exklusion hinaus – die tröstliche Gewissheit des Häftlings, dem das Gericht zwar nicht glaubt, aber einen humanen Strafvollzug garantiert, der Eigenwünsche nicht ausschließt.

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Die Wissenschaft berät nicht, weil sie so wissenschaftlich ist, sondern weil sie sich mit der Aura des Wissens umgibt und die Politik sich davon ein Stück kaufen will. Wer Zweifel sät, reitet mit dem Wind. Es sind die Forschungsmittel, die den Grad an wissenschaftlicher Geschmeidigkeit bestimmen. Und es ist die Verfügung über die Forschungsmittel der anderen, in der die Korruption der Theorie haust. »Der Wolf erhob sich tränenblind – er hatte ja doch Weib und Kind!« (Morgenstern)

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Und wieder schmilzt das Grönlandeis. Brandneu oder stinknormal? Man kann auch sagen: ein Sommer, zwei Geschichten, die nicht zueinander passen, und ein Versuch mehr, den Leuten einzuheizen. Wenn die Massenmedien die Glaubwürdigkeit einer Wissenschaft verfeuern, ist es an der Zeit, vom Glauben an die Nützlichkeit der Übertreibung Abstand zu nehmen.

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Man kann sich den staatlichen Fördertöpfen bekanntlich von zwei Seiten nähern: Geben ist in dem Fall seliger denn Nehmen, vor allem, wenn genug für einen selbst dabei abfällt. Das Sendungsbewusstsein will die Richtung eher um ihrer selbst willen bestimmen, die Eitelkeit des sozialen Profits wegen. Der Rest? »Darum geht’s jetzt wirklich nicht.« In der Kunst wie im Leben (und in der Wissenschaft). Das kommt der Politik gelegen, weil sie die Zeitfenster pflegt und ihre Projekte durchziehen will. Man zitiert die Sendungsbewussten und tut sich mit den Eitlen zusammen, deren Ehrgeiz sich (subtil) steuern lässt.

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An der Partizipation scheitern sie alle. Sie ist die Demokratie selbst, als Rätselfrage. Vorwärts, scheitern wir auf unsere Weise.

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Partizipation verlangt nach Technik. Technik verlangt nach Partizipation. Wer den Zusammenhang nicht begreift, kann verlangen, was er mag.

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Man stelle sich vor, das mühsam um Anerkennung ringende Ostberlin der Sechziger Jahre wäre durchsetzt gewesen mit Text-Zeichen à la Körner: ein Archipel aus Installationen und den zugehörigen Happenings, eine Stadt, die das beste Gut ihrer Bewohner, ihre Hintergedanken, ihre Skepsis, ihre Ironie, ihre hier und da noch immer anzutreffende Weltläufigkeit nicht versteckt, sondern nach außen gekehrt hätte – Ende der Ängstlichkeit und der real grassierenden Angst, ein flanierender Geist der permanenten Revolte, ein Leben im Wissen um die Zerbrechlichkeit aller Lebensformen und ihren Wunsch nach Bewahrung ... gut, man kann sich das einfach nicht vorstellen, aber in diesen Bildern und Texten ist es doch einen Augenblick nah. Sehr verdächtig.

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Die Piratenpartei hat nicht begriffen, dass ihr Auftreten das stört, was man gemeinhin Partei nennt. Sie kratzt an den Türen und sitzt schon drin. Damit schließt sie sich aus.

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An Garganelli. Weißt Du, lieber Lucius, diese gekrümmte Figur mit dem nicht anwesenden Himmelsblick erheitert mich immer, wenn ich sie sehe. Ich sehe meine Mitmenschen, in die Politik geworfen wie in einen fahrenden Zug, sie wollen einen Fensterplatz, aber nur, um nicht von beiden Seiten gestoßen zu werden. Sie wollen sich ja nicht hinauslehnen, bewahre, wo kämen wir hin, sie wollen nur nicht den Schmutz abbekommen, der im Abteil herumfliegt, weil einer das Fenster zur Unzeit geöffnet hat. Aber der Zug fährt, da ist nichts zu machen. Was soll man auch machen, es schnürt einen alles ein. Hingekritzelt wie an die Wand gespuckt. So soll es sein. Ich brauche dich.

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Die Piratenpartei wächst im Schatten der Finanzkrise. Sie weiß es nur nicht. Sonst wäre sie der Schatten.

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Junge Partei entstaubt die Gedanken anderer, um sie bei eBay als eigene einzustellen. Piraterie!

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Die Mathematik gehört zu Deutschland. Gut.

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Herr S. irrt, wenn er die Piraten zu blanken Opportunisten der Macht erklärt. Die neue Realität verschafft sich Zugang zu den politischen Schalthebeln und die Piraten sind eines ihrer Mittel. Deshalb dürfen sie auch so unbedarft sein wie die Grünen, als sie noch bewegt waren.

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Wen die Leute mögen, dem ersparen sie das Regieren.

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Stagniert die Theorie, wächst der Wille, sie umzusetzen. Eins der spezielleren Fallgesetze.

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»DFB-Delegation nach Auschwitz – Positive Reaktionen in Polen.« Wer so titelt, hat mehr im Anschlag.

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Tipp für Buchschwärmer: Bücher sind bedrucktes Papier.

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Verlage, die kein Geschäftsmodell für sich sehen, haben ausgespielt. Es sich vom Gesetzgeber künstlich prolongieren zu lassen, fällt unter die Rubrik ›marktfeindliche Umtriebe‹. Für Autoren, die das Geschäftsmodell der Verlage als Auftrag verstehen, gibt’s einen Ausdruck. Er fällt mir nur nicht ein.

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Die Kesselflicker von Murnau. Urhebers Pauke oder: Schreiben aus dem letzten Loch.

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Wo wir zahm sind, sind wir lahm. Wo wir lahm sind, dürstet uns nach Beschleunigung.

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Ein Schriftsteller ist ein Mensch, der keine Zeit hat, sich als Urheber zu positionieren.

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Die Grünen werden als Piraten überleben oder gar nicht. Was das heißt, weiß (noch) keiner.

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Anti-Gauck-Koller anno ’12: die Schmäh- und Krähfraktion klärt die Fronten. Nur der Zweck bleibt im Keller.

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Warhol wird 90: Gedenket des Siebdruck-Gigolos! (Und derer, für die es sich gelohnt hat.)

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Piraten! Wenn euch zur Finanzkrise nichts einfällt, bleibt ihr – pp. Aber ihr arbeitet dran, ich weiß. Versprochen.

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Vergebliche Flucht in die Immobilienwerte. Das heißt, in Grund und Boden regiert werden.

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Nein, es reicht nicht, mehr Europa zu fordern, wenn anderen darüber die Luft ausgeht. Ein wenig Luft muss sein.

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Wenn ich Verpflichtungen eingehe und der andere nennt das Nulltarif, dann werde ich mir diese Verpflichtungen in Zukunft genauer ansehen. Wenn ich mich selbst dränge, mehr Verpflichtungen einzugehen, da mir die bereits eingegangenen vernachlässigbar erscheinen (»Nulltarif«), was bin ich dann? Linker? Europäer? Journalist?

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Hier verliert einer die Manieren, dort hebt sie einer auf. Sauber ist das nicht.

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Regeln bricht man am besten vor der ersten Anwendung. Sie wirken dann viel geschmeidiger und der Konsens bleibt in jedem Fall erhalten.

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Stabilitätsbegehren = Stimmungsmache gegen den Stabilitätsanker. Darin besteht heute die Euro-Misere, und zwar gleich von drei Seiten: den Märkten, ihren heutigen Opfern und ihren Noch-Profiteuren. Die Regierung hat sich (und das Land) in eine Situation manövriert, die präzedenzlos genannt werden kann. Nein, mit Volkspädagogik wird sich das Problem nicht lösen lassen – das psychologische nicht und das ökonomische schon gar nicht.

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Dass der Krise der Stoff nicht ausgeht, liegt auch daran, dass die Lust auf Souveränitätsabgabe außerhalb Deutschlands bei Null liegt – Luxemburg immer abgerechnet. Ein Deutschland, das sich Europa nur dann vorstellen kann, wenn es einknickt, wird scheitern. Es wird wieder scheitern – das für die gesagt, denen Geschichte nicht nur ein eitles Wort ist. Die Vereinigten Staaten von Europa werden kommen oder auch nicht – so jedenfalls schiebt man sie immer weiter hinaus. Europa wird sich erst wieder erholen müssen, wenn der gegenwärtige Anfall vorbei ist. Es wird sich von ›Europa‹ erholen müssen – der Doppelvision einer üppigen Bürokratie und einer ängstlichen Nation, die ihren Platz an der Sonne will und nach grenzenloser Sicherheit lechzt.

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Machtkampf bei den Linken: ’68 West vs. ’68 Ost: der eine macht sich nass, der andere verlangt Panzer. Juni 2012.

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Also noch einmal: Die Advokaten des Nimmermehr haben gewählt. Was haben sie gewählt? Die Zukunft, Dummkopf.

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Da wäre es doch besser, die Linke ließe sich zerfallen und beantragte Wiederaufbauhilfe beim Verfassungsschutz.

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An die NachHinkSeiten: Ne Schippe zulegen, Kumpel.

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Währungsschnitt für Griechenland? Aber sicher. Vorausgesetzt, die griechische Regierung entschließt sich zu diesem Schritt. Aber die Hochverschuldungspolitik, die durch die Bankenkrise zur Währungskrise avancierte, verdankt sich nicht dem Euro und sie hält (fast) alle Regierungen Europas, mit oder ohne Euro, im Bann. Der Euro mag ein Hindernis auf dem Weg zur fiskalischen Gesundung Griechenlands darstellen, aber er wurde von keinem Satan gezeugt und führt auch nicht in die Hölle. Die spanischen Banken hätten auch in Peseten spekuliert, die deutschen in DM, die französischen in Franc usw., und sie werden es weiter tun, auf welcher Währungsbasis auch immer. Eine Regierung, die auf den fiskalischen Ruin anderer Staaten spekuliert, um die Einigung Europas, d.i. eines bizarren Eurolands ›voranzubringen‹, verhält sich, ethisch gesehen, nicht viel anders. Sie verhält sich auch politisch nicht klug, sie verfolgt eine imaginäre Politik (in den Schatten gesprochen).

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Warum vergleicht man den europäischen Prozess hierzulande immer mit der deutschen Reichsgründung und nicht mit der Gründung Jugoslawiens oder der großen Sowjetunion – beide untergegangen, weil die Völker sie nicht mehr ertrugen? Die Deutschen waren eine Nation lange vor der Gründung des Bismarck-Reichs. Und doch: die beiden Weltkriege lassen sich nur verstehen als mittelbare Folge der Reichsgründung. Warum sollte diese Aussicht Europa locken? Europa wird von unten entstehen, das heißt, wenn der Souverän es will, ganz recht. Und es wird nicht nur Frohlocken sein.

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Am besten, denkt das Parterre, geben wir mit den Schulden auch gleich die Fähigkeit ab, sie zu machen. Eine Souveränitätsabgabe, so um die 10% jährlich, und schon sind wir die Sorgen los, wer das alles bezahlen soll. Aber so geht das Spiel nicht. Die Staaten Europas sind erwachsen, sie müssen es nicht mehr werden. Nur das deutsche Seminar denkt sie sich infantil und träumt von Bismarck 2.0, genannt ›Währungskorrektur‹, der sie zusammenschmiedet: ein Euro, ein Persilschein und eine Eintrittskarte zum Großmachtpoker für alle, schließlich schreiben wir Weltgeschichte. Dass die SPD darüber das Opponieren vergisst, macht den Herren Rajoy oder Monti das Regieren nicht leichter.

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Griechenland im Erstschlagsmodus. Auch ein Wahlerfolg.

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A-müsieren kommt von a-musisch. Also: Amüsiert euch weiter.

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Eurokrise: Patriotismus auf Mäusejagd.

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Jetzt schön in Panik machen. Dann ausschlafen. Geld zählen. Wandern.

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Es kommt nicht darauf an, stark in eine Krise hineinzugehen. Es kommt darauf an, stark aus ihr herauszukommen. Darauf spekulieren viele.

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Treffen sich ein Witz und eine Kalamität. Sagt die Kalamität: Haste mal nen Euro? Sagt der Witz: Geht doch.

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Verschluss-Sache. Von Euroland erwarten, was man im eigenen Leben nicht hinkriegt, heißt Gurken mit Spinat düngen und an Tauben verfüttern.

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Jede große Partei hat ihre Pappenheimer, jede kleine ihre Pappnasen.

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Man soll den Bevölkerungen kein vernichtendes Urteil ausstellen, es schickt sich nicht und kehrt sich gegen den Schreiber (gilt auch für Europolitiker).

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Manchmal ist es ein Artikel aus der WELT, der einen auf den Weg bringt. Dieser hier übt sich in Gesellschaftsschelte, um den gestressten Machern des Polit-Geschäfts beizuspringen. Klingt wie bestellt und nicht recht abgeholt, auch wenn der eine oder andere Partei-Malocher sich im Aufmarsch der Verkannten erkennt. Wer aber wird hier verkannt? Die Regierung, nun ja, und ihre Helfer. Doch haben auch andere Macht im Staat: die unabhängige Justiz (ein schlimmer Brocken), ein Präsident (schlimm, schlimm) – schlimm genug, sowieso, die Medien – aber dass die Professoren, womöglich der ›Geist‹ und, Gipfel des Unwahrscheinlichen, der ›Geist des Idealismus‹ gleichsam unisono die Nase rümpfen und sogar niesen und damit Wegmarken der Machtbalance setzen, diese Vorstellung ist so ungewöhnlich, dass selbst die Erheiterung erst einsetzen kann, nachdem die Nachricht genügend Zeit fand um einzusickern.

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Eine Politik, die zu solchen Mitteln der Verteidigung greift, muss nervös sein – hypernervös, um genau zu sein, und der Grund dafür liegt keineswegs in der Tatsache, dass sich wirklich einmal ein paar Professoren in der Öffentlichkeit zu Wort melden, nachdem man von dieser Truppe lange Zeit kaum etwas hören konnte. Der Grund zeigt sich unterm Strich, und das in doppelter Hinsicht – einmal im Blick auf die (möglichen?) Folgekosten der letzten Monate, zum anderen in der recht unverblümten Weise, in der das regierte Volk, die Meinungsplebs, der nicht mehr ganz so ernst genommene Souverän seine Ansichten den Regierenden unter die Nase rückt.

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Niemand regiert auf die Dauer gegen das Volk oder, nüchterner gesprochen, gegen die Wähler. Das wissen die Parlamentarier und es ist eine Quelle steigenden Verdrusses, denn ihr Zahltag kommt vielleicht schneller und drastischer als der von EFSM, EFSF, ESM und Target 2. Drastisch gesagt, man kann dem Wähler nicht in den Hintern treten, ohne sich den Fuß zu verstauchen. Also kümmert man sich um diejenigen, die ihm aufs Maul schauen und versuchen, lesbare Sätze daraus zu bilden. Sich kümmern heißt in diesem Fall wohl: man schlägt ihnen aufs Maul.

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Gesellschaftsklatsch geht vor Parteiklatsch. Prinzip der Öffentlichkeit.

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Wir wollen gute Europäer sein und schaffen es nur bis zur Überzeugung. Dann machen andere weiter. Gut so?

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Sind überzeugte Europäer gute Europäer? Man könnte daran zweifeln. Aber: Was sind gute Europäer?

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Die Wahrheit ist konkret. Nur die Unwahrheit macht eine Ausnahme.

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Brisanthem. Eine Art Notrufsystem für Politjunkies.

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Die Wohlmeinenden werden die ersten sein, von denen man eine schlechte Meinung bekommt. Also: Seid hübsch konstruktiv.

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Wer immer in eine Richtung träumt, kommt der an?

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Wer nichts zu sagen hat, hat nichts zu melden. Grundsatz der Transparenz. Gilt nicht für Spitzenleute.

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Ein Lachmuskel verfolgt einen anderen. Das nennt man: in die Binsen gehen.

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Nett mit Ihnen, Sie Geysir. – Ganz der Ihre, Sie Abstrich.

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Parole: »Wer Europa will, muss auch uns wollen.« Ob das reichen wird? Man wünscht sich eine Opposition und man erhält die Aufforderung, schneller zu gehen, als die Regeln es zulassen, weil der Kandidat vorhat, die Regeln zu ändern. Oder nicht? Oder doch? Kurios.

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Politrausch, deutsch: Arroganz gegen die Fakten. Und auch das: nur vorgeschoben.

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Arena Target 2. Wer bürgt, läuft auf.

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Schlüssel-Szene aus dem Krisenfilm: Spanien sucht einen Weg und Deutschland kandidiert für den Rücksitz. Griechenland hat die Wahl und gibt sie nicht her.

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Bringen Sie Ihr Geld in Gefahr: Heben Sie ab!

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Ein Parteivorsitzender zuviel ist eine Partei zu wenig.

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Politmetaphern in freiem Fall. Vorsicht Aufschlag.

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Nie vergessen, worum es geht: Geld macht kreativ. Oder erfinderisch. Oder: Geld Macht Geld.

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Strategiespiel, im Schatten zu spielen: Die Krise füttern, bis sie mir aus der Hand frisst. Ist die Hand erst ab, denke ich anders.

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Shitstorm: Ein großer Gedanke fährt aus der Wolke und trifft auf Zunder.

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Wer Bürgerkrieg schürt, dem verdorre die Hand.

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Die Gesellschaft existiert nicht. Wenn doch, dann wider besseres Wissen.

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Die Opposition rühmt sich, die Regierung auf den Weg gebracht zu haben. Da bleibt der Regierung nur noch, vom Wege abzukommen.

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Es hat das wüste Treiben /
der Hochfinanz zu unterbleiben.

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Fraktionszwang, Thema von gestern. Wer keine Überzeugung besitzt, weiß, wo es langgeht.

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Folgsamkeit kennt viele Gesichter. Wer folgt schon gern. Geht ins Kino, Leute.

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Politiker-Leid, herbeigetwittert: Wen keiner verfolgt, ist der schon gerettet?

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60+, noch stramm in den Waden, wird vermehrt nachgefragt. Die Wirtschaft sucht ihre Kräfte. Eine positive Entwicklung. An den Denkern sieht man, was passiert, wenn 80+ kollektiv ran muss.

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60+: ein Schwindel. Alles retour. Oder in die Politik. Politik ist die Muskulatur der Alten.

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Einmal musste der Glaube ans Geld doch versiegen. Und siehe: auch so funktioniert’s.

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Der Atheismus des Geldes sprengt alle Budgets.

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Triebkopf kaputt. Dieser Zug endet hier. Wie sie fauchen!

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Quote: schonen, was dich nicht schont.

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Das benutzerfreundliche Suchsystem: Lesen, was mir frommt. »Lägen die Dinge anders, müsste ich es wissen.«

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Ick bün ein Urheber. Abwarten. Kreativ sein. Abwarten. Kreativ sein. Abwarten. Kreativ sein. Abmahnen. Kreativ sein. Abmahnen. Krea-

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Ein Urheber besitzt jedes Recht, das ihm der Gesetzgeber hinschiebt. Darüber hinaus ist er Freibeuter. Die Frage ist, was da gehoben wird und zu welchem Zweck.

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Piraten? Bei denen muss man mitmachen, sonst ist man draußen. Oder drinnen. Oder doch lieber draußen. Oder doch drinnen. Oder?

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Bedingungslose Gegenwart oder der Charme der 360-Grad-Drehung. Nein, so läuft die Sache nicht. Politik braucht Theorie.

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Posten besetzen im Eilmarsch: wie’s kommt, so trifft’s. Mildere Form der Aphasie.

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Grüne: eine Generation und die Folgen. Piraten: eine Technologie und die Folgen. Dazu die Frage: Was soll damit geschehen?

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Als hätte der Euro nicht gereicht, meldet sich auch Niall Ferguson zu Wort. Europa verdanke seinen märchenhaften Aufstieg den ›Killerapps‹. Besitzt es sie noch? Müssen wir uns fürchten? Herr Ferguson pflegt eine banale Sprache und ein ordinäres Weltbild. In den Gehirnen dieser Imperiumswächter lebt scheint’s unbeirrbar der Herrenmensch fort: Bleibt dran, gebt Asien keine Chance. Der deutsche Leser reagiert verwirrt: es reißt ihn hin und her. Am Ende hat er’s im Kreuz.

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Ehegattensplitting für Eingetragene. »... gleiche Pflichten ... auf die der Staat die Lebenspartner in Anspruch nimmt...« Soso. Da freuen sich die Anbeter der Kinderliebhaberei aber und wünschen sich die Rente mit 80 aus Gleichheitsgründen. Mallorca, Insel der Seligen. Nur die Syntax wandert ab ins grüne Kanada.

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Letzte Regel für Schriftsteller: Pfeifen Sie aus dem letzten Loch! (Nehme ich an.)

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Was wieder bevorsteht, heißt nicht umsonst Gipfel. Es ist aber eine Kette.

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Ratschlag für Retter: Schafft Bonds. Viele Bonds. Und dann ins Kino. The dark knight rises. Soviel Englisch muss sein.

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Talfahrt verspricht Berge. Man nennt das: verlässlich bleiben.

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Europa: der zornige Kontinent. Man wird es merken.

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Womit einer haftet, weiß man. Bleibt die Frage woran.

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Was die Sozialdemokratie von der SPD unterscheidet, ist nicht das Profil. Es ist das … Feeling.

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Prinzip Bail-out: Wer groß nagelt, vererbt viele Löcher.

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Parlamente kann man belügen, aber nicht erziehen.

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Wer weiß, was kommt, muss der es auch erleben?

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Kita – Black Box der Kindererziehung: Man weiß nicht, wie sie hineinbekommen, man weiß nicht, wie sie herauskommen werden.

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Kita ... no discussion ... Argumente ... obszön ... Abschieben als Fördern ... Gesellschaftsziele ... Kriegsziele ... blabla ... uneinlösbar ... blabla...

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Platzt die Politikerblase, dann heißt es: Zurück ins Eigenheim!

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I-Bike: das kulturelle Spitzenprodukt der Saison. Sich abstrampeln. Suhrkamps letzte Vision der Literatur. Und: Nachtreten nicht vergessen! Dann beikt mal schön.

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»Lustvogel, was? Ein Papagei, der – noch – krächzt. Nichts für ungut.« (Garganelli)

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Wo bleibt der Zorn? Ach ja, der Zorn. Ganz ohne ihn findet sich keiner zurecht.

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Der Sommer geht. »Im kollektiven Bewusstsein der psychologisch trainierten und konditionierten Massen ruhte das Wissen um all diese Dinge wie in einem der Atombunker, die es für eine strahlende Zukunft keimfrei aufbewahrten.« (Anne Corvey, Camera Inversa).

 

Abb.: Doro Breger, Mundwerk (2012)