M. Portius Catovon Milutin Michael Nickl

Worin könnte das Akzeptanzfähige der Rollenunion und Risikokommunikation Catos des Älteren bestehen? Fast 2200 Jahre danach? An philologischen, philosophischen und pädagogischen Deutungsversuchen mangelt es nicht. Das wird nicht ignoriert, aber auch nicht näher berücksichtigt. Das kommunikationspragmatisch, publizistisch und politisch Interessante an Catos Orator-Konzeption, Repäsentanz- und Risikokommunikation steht hier zur Debatte.

Ein traditionsbildendes Orator-Konzept, ebenso opportun wie rudimentär, aber effektiv, sowie einige rhetorische Schlüsselfunktionen zeichnen sich in überlieferten Sentenzen der ersten lateinischen Rhetorik-Schrift ab: De oratore ad Marcum filium von Marcus Porcius Cato Censorius (Cato der Ältere, Cato der Censor, geboren 234 vor Chr. in Tusculum, gest. 149 vor Chr. in Rom). Mit ›Marcus‹ ist wohl sein erster Sohn Marcus Porcius Cato Licinianus gemeint; er war Soldat, dann Gerichtsredner [als Orator juristisch tätig: Orator-Rolle der legitimierten Realrepräsentanz], gest. 152 v. Chr. als designierter Praetor; er stammte aus der Ehe mit Catos Frau Licinia. Leider sind nur wenige Fragmente aus Catos erwähnter Rhetorikschrift erhalten, z.B. Rem tene, verba sequentur: Bleib bei der Sache!, die Worte werden dann schon folgen. Catos Kommunikator-Kompetenz umfasste zweifellos die Fähigkeit, einprägsame, durchsetzungsfähige und komplexitätsreduzierende Slogans zu produzieren. Dies ist auch an seiner definitorischen Orator-Paraphrasierung und Funktions-bestimmung ablesbar, die er seinem Sohn ins Stammbuch schrieb:

»Orator est, [Marce fili,] vir bonus dicendi peritus: [Marcus, mein Sohn!] Ein Redner in der Öffentlichkeit, das bedeutet ein in der Sache erfahrener, reputabler Mann, der reden kann!« Mit ›vir bonus‹ ist ein fähiger, kompetenter Orator gemeint, der in der Lage ist, jemanden ›gut‹, besagt: in bestimmter Hinsicht ›professionell‹ zu vertreten, der nicht nur sich selber öffentlich ›gut‹ zu inszenieren vermag, also nicht etwa ›somebody playing the role of a nice guy‹. Samt offenkundigem Appellcharakter hat Catos redepädagogische Charakterisierung der Orator-Bestimmtheit einen suasiven Zweck. Er macht seinen ersten Sohn Marcus, den späteren römischen Juristen, eindringlich auf etwas aufmerksam, das er nicht verwechseln soll. Ein römischer Orator ist nicht einfach jemand, der öffentlich raffiniert reden kann, in der Öffentlichkeit ein paar Sprüche klopft und vielleicht dabei noch etwas auf Griechisch zitiert. Beim Orator geht es weder um naives, ›natürliches‹, unprofessionelles, untrainiertes, spontanes oder unreflektiertes Kommunikationsverhalten, das auf irgendeine Weise öffentlich als rhetorisch bestaunenswerte, brilliante Einzelgestalt präsentiert wird, noch um das frustrierende Herunterleiern von Schulregeln, oder um prima memorierte, situationsgemäß reproduzierte, faszinierende Argumentationsetüden. Sondern um etwas wesentlich anderes.

Mit Orator wird von Cato Maior eine Vir-bonus-Persönlichkeit in einem bestimmten empirisch-rhetorischen Erfahrungsrahmen [peritus] charakterisiert, worin er agiert: ein erfahrener, reputabler, professionell agierender, politisch ernstzunehmender, sachkompetenter, trainierter Redner. Vor allem aber: Jemand, auf den Verlass ist, dem man zutraut, dass er einen ggf. im Senat, vor Gericht, oder in der Volksversammlung gut vertreten kann, der in nachprüfbar geordneten Verhältnissen lebt und dem man begründeterweise Vertrauen schenken darf. Insofern ist auch ein engagierter Karrierist, der sich im Cursus honorum Etappe um Etappe gegen Konkurrenz durchkämpft, im Catonischen Kontext ein vir bonus, im Rahmen der römischen Wertbegriffe sittlich gut. Besagt demzufolge: Ohne persönliche Ehre bzw. persönliches, öffentlich rezipierbares Ansehen, persönliches Wissen und professionelle Sachkompetenz, mehrjährige Erfahrung inklusive Kampf- und Frustrationserfahrung und überzeugend akzeptablen Lebensstil, ohne öffentlichkeitsrelevante Auftragserfahrung und hinreichend vertrauenswürdige Kommunikator-Identität kein ›guter‹ Orator. Zwar ist Catos mehrdimensionale Orator-Auffassung nur rudimentär überliefert. Dennoch sollte man deren langfristige Prägekraft für die politisch-rhetorische Kultur Europas nicht bagatellisieren. Catos Kommunikator-Auffassung ist ein Kern-Konzept oratorischer Kommunikationsrepräsentanz und Rollenunion, die interpersonale, partnerschaftliche Beauftragung und publizistische Legitimation auf konstruktiver Vertrauensbasis beinhaltet. Okkasionelle Realrepräsentanz bleibt gleichfalls mit einbezogen. Oratorische Kommunikationsrepräsentanz muß legitim bzw. legitimiert sein, sonst würde das Vir bonus-Konzept ad absurdum geführt. Nicht die appropriierte oder solipsistische, nur die anwaltschaftliche, politische, publizistisch erforderliche, legitimierte Kommunikationsrepräsentanz und oder die entsprechende Realrepräsentanz entspricht dem Vir bonus-Konzept des Cato Major. Cato spricht nicht von einem interkulturell idealisierten, mehrsprachigen orator perfectus mit atemberaubender Allgemeinbildung. Andererseits ist der vir bonus noch kein vir gravis, der Mann, dessen Person und Vorgehensweise ausschlaggebend sind oder entscheidend ›ins Gewicht fallen‹.

Die aufgabentypisch und pragmatisch durch spezifische, oppotune oder institutionell beauftragte Vermittler-Rollen oder bestimmte Rollenunion legitimierte Kommunikationsrepräsentanz, die mit der catonischen Orator-Prägung vorliegt, ist je nach Anlass und Situation entweder eine sachentsprechend profilierte Eigenvermittlung oder eine zweckent-sprechend glaubwürdige Gruppen-Repräsentanz.

Catos eigene Kommunikator-Rollenunion als Orator stellt übrigens einen Plurikommunikationsfunktionär mit mindestens zehn publizistisch distinktiv beschreibbaren, im Detail heute leider nur wenig nachrecherchierbaren Kommunikatorfunktionsspektren oder Rollenfunktionskreisen dar, ein geradezu bilderbuchartiges Orator-Beispiel, wobei es sicherlich auf die jeweils situierte, spezielle Eigenvermittlung, Real- und Kommunikationsrepräsentanz ankommt:

1. als Quaestor, 2. als Ädil mit Verantwortung in der Stadt Rom, 3. als Prätor, 4. als Statthalter von Sardinien, 5. als Konsul, 6. als Militärtribun, 7. als gefeierter Sieger bei seinem Triumphzug, 8. als Zensor, 9. als kompetenter Verfasser einiger Lehrschriften, 10. als einer der einflussreichsten römischen Senatoren; zumal als oppositioneller Gruppenrepräsentant gegen die hellenistische Sophistizierung der römischen Kultur, ansonsten als Senator mit Screening-Funktion für neue Kandidaten des Cursus honorum (der republikanischen Ehrenlaufbahn und Reihenfolge bestimmter römischer Ämter).

Solch ein öffentlich agierender, an Erfahrung reicher und reputabler Orator, der einen vertrauenswürdigen Level an Akkuratesse und Sachkompetenz in vielen Jahren erworben hat, der im erkennbaren, rezipierbaren Teil seiner oratorischen Kommunikator-Rollenunion eine ausgewählte Sache öffentlich repräsentiert und mit seiner Orator-Rollenunion befördern kann, ist eben nicht mit ›natürlichem‹, unprofessionellem Kommunikationsverhalten oder ins Leere laufenden, abgespulten Argumentations- und Sprechübungen zu verwechseln. Bezogen auf die realsystematische Domäne rhetorica practica und im Kontext römisch verstandener philosophia als lebenspraktischer Geistesbildung und bestes, vitales Erkenntnistraining (Cicero, de oratore III, 60) ist die Orator-Definition nach Cato Maior etwa seit 2200 Jahren die komprimierteste europäische Orator-Definition der Rhetorik. Diese Orator-Definition ist prinzipiell auf eine professionelle Kommunikator-Rollenunion bezogen. Obgleich dieses Standard-Konzept des Orators aus einer Catonischen Casual Theory mit gewissen Anleihen oder zumindest Querbezügen zu mutmaßlich rezipierten griechisch-stoischen Traditionslinien entstanden ist [was allerdings umstritten ist; dazu hier keine Details]. Die meisten verantwortungsvollen Rhetoren und Oratoren, auch M.T.Cicero (de oratore, III, 85), der den vielseitig gebildeten, mit eruditio und inspirierender scientia ausgestatteten Redner favorisiert (de orat. I, 34, 158-159), auch große Systematiker wie M.Fabius Quintilian (inst.orat. XII, cap.I, 1), oder Nicolaus Caussinus (1583-1651), Jacob Masenius (1606-1681), oder Feofan Prokopovič (1681-1736) und viele andere bis heute, knüpfen an diese Standard-Konzeption des professionell tätigen Orators mit aktualisierter, unterschiedlich akzentuierter Rollenspezifikation an, explizit, implizit, verklausuliert, oder mit diskreter Radikali-sierung und jeweils zeitgemäßen Addenda und Adminicula garniert.

Quintilians Definition

Zu Beginn des 5.Kapitels in der dritten Buchrolle seiner Institutio oratoria notiert M.Fabius Quintilian in Sachen Orator: tria sunt item, quae praestare debeat orator, ut doceat, moveat, delectet (Quint. inst.orat. III, 5, 2). Dreierlei soll der Orator leisten. Doceat: er soll informieren, inhaltlich Standhaltendes bringen. Moveat: er soll die inneren Einstellungshaltungen des Publikums beeinflussen, bilden, zumindest anregen; er soll motivieren (d.h. er handelt nicht direkt, er regt an, kann insinuieren). Delectet: es sollte eher ein Vergnügen sein, ihm zuzuhören; er soll unterhalten. Reicht diese Rollenkombination an heutige öffentlich-aktuelle journalistisch-publizistische Kommunikator-Rollen heran? Ja. (vgl. Nickl: Journalistik ist professionelle Medienrhetorik, 1987: 464). Legitimerweise ist die Quintiliansche Orator-Prägung auf den Programmauftrag von Rundfunk¬anstalten übertragbar. Sogar für den Prinzipienkern des Aufgabenspektrums der Gesamtheit der verbreiteten Rundfunkprogramme (d.h. Hörfunk- und Fernsehprogramme) scheint die Orator-Facettierung nach Quintilian, die aus der letzten Dekade des 1.Jahrhunderts nach Christi stammt, generell eine opportune Leitlinie zu sein. Exemplarisch betrachten wir dazu den 4.Artikel im Bayerischen Rundfunkgesetz [BayRG], Fassung vom 8. Dez. 2009, mit diversen Novellierungen 2003 ff. im Wesentlichen seit 1. Okt. 1948 in Kraft. Darin heißt es: »Die Sendungen des Bayerischen Rundfunks dienen der Bildung, Unterrichtung und Unterhaltung«(…). Und ebendiese drei Kernaufgaben entsprechen der rhetorischen Trias in der Quintilianschen Orator-Rollenkombination: Movere, Docere, Delectare.

Ebenso trifft dies auf das BayMG zu und sinnentsprechend für die vergleichbaren Ländergesetze im heutigen Deutschland. Im 4. Artikel Bayerischen Mediengesetzes [BayMG], Fassung vom 22. Okt. 2003, (Verkündungsstand/Version von 14. 12 .2009), in Kraft seit: 1. 1. 2010 heißt es zur Ausgewogenheit des Gesamtangebots, Meinungsvielfalt: »Die ... verbreiteten Rundfunkprogramme in ihrer Gesamtheit tragen zur Unterrichtung, Bildung, Kultur und Unterhaltung bei und müssen die bedeutsamen politischen, weltanschaulichen und gesellschaftlichen Gruppen angemessen zu Wort kommen lassen…« Stellt man die rhetorische Trias der Rollenunion des Quintilianschen Orators gegenüber, so gilt im Kern sachgemäß: Der Gesamtprogramm-Auftrag Unterrichtung entspricht unmittelbar dem Doceat, also der Oratorfunktion Informieren, bzw. Inhaltlich Standhaltendes vermitteln. Der Gesamtprogramm-Auftrag Bildung und Kultur lässt sich mittelbar dem Moveat zuordnen: d.h. dem Orator-Funktionsbündel Beeinflussen, Bilden, Anregen, Motivieren. Und der Gesamtprogramm-Auftrag Unterhaltung entspricht unmittelbar der Delectet-Funktion bzw. dem Delectare-Funktionsspektrum des Orators: er soll unterhalten, und dabei sollte es eher ein Vergnügen sein, ihm zuzuhören.

Auch das praesentissimo consilio in der Quintilianschen Rhe-torik-Definition (inst.orat.II,13,15) ˗ auch wenn sie eher als Paraphrasierung sprachlich-öffentlicher Kommunikation denn als explizite Rhetorica-Definition aufzufassen ist ˗ lässt sich im Rahmen schrittweiser, sermozinal explizierbarer und systematisch zusammenhöriger, wiewohl nicht simultan präsentierbarer Produktionsetappen nachkonstruieren und ist zwingend kommunikatorzentriert verstehen.

Marcus Fabius Quin¬tilianus verfaßte seine systematische Pädagogik- und Rhetorik-Lehrschrift in den 90er Jahren des 1. Jhdts. nach Christi. Seine Ars-dicendi-Defi¬nition, ulto labore, adsiduo studio, varia exercitatione, plurimis ex¬perimentis, altissima prudentia, praesentissimo consilio constat ars dicendi, ist ins Gegenwarts-Deutsche etwa so übertragbar: Aus viel¬schichtiger Arbeit, fortgesetzten, ununterbrochenen Studien, mannigfacher Übung, zahlreichen verschiedenartigen Versuchen, höchster Umsicht und stets gegenwärtiger Einsicht, Beratschlagung, Verhandlung und Überlegung (praesentissimo consilio) setzt sich die professionelle Wissensform [Wissenschaft ?] von den sprachli-chen Äußerungen (ars dicendi) zusammen.

Die ›ars‹ umgreift Fähigkeiten und Fertigkeiten bzw. [wie wir heute sagen würden] Kompetenz und Performanz, professionelle Technik-Anwendung, Sachdomäne, auch angewandte Wissenschaft und geordnete, strukturierte Wissensformen, aber nicht unbedingt ›Kunst‹ [im modernen Verständnis]. Wobei, und dies ist heute so aktuell wie zur Römerzeit, nach Quint.inst.orat.,lib.II,17,43 die theoretisch informierten Perspektiven, Wissensformen, angewandt-wissenschaftlichen Grundsätze und Schwerpunktsetzungen nicht von der sittlichen Persönlichkeit des öffentlich Redenden abge¬koppelt werden dürfen.

Riskante Repräsentanzkommunikation

Zurück zu Cato Censorius, der kommunikationsgeschichtlich ein Paradebeispiel oratorischer, aber auch risikoreicher rhetorischer Eigenvermittlung, Realrepräsentanz und Repräsentanz-Kommunikation darstellt. Unser Frageinteresse daran ist kein philologisches. Catos Interessenmobilisierung und seine Kommunikator-Strategien sind keineswegs widerspruchsfrei einschätzen. In der abendländischen und mediterranen Rhetorikgeschichte war Cato Maior jedoch ein bedeutender Trendsetter, der richtungsweisende Spuren hinterlassen hat. Spuren einer klaren, komplexitätsreduzierenden, gleichwohl pluralistisch limitierten, verantwortungsbewußten Rhetorik, die sich nicht an einen Dogmatismus fesseln läßt, selbst dann nicht, wenn ein raffiniert cachierter Dogmatismus im aufklärerisch-überlegenen Design auftritt.

Zu Catos Rollenidentität in riskanter Repräsentanzkommunikation gehört sein affirmativ-konsequentes, unstrittig regelkonformes, untadeliges Verhalten, öffentlich-oratorisch, aber auch im privaten Aktionsradius (den wir hier nicht betrachten). Catos Repräsentanzkommunikation altrömischer Traditionen und ihrer inneren Triebkräfte und seine Vorliebe für gekörnte Komplexitätsreduktionen erscheint in monochrom antiautoritären bis hyperkritischen Rezipientenkreisen nicht en vogue, sie ist für kohärenzialsystematische Rhetorik jedoch als etwas Prototypisches anzusehen. Ein erfrischend deftiger und typisch catonisch kokettierender, mehrfachadressierter Spruch über die Philosophen wird von Gellius berichtet: Vos philosophi mera estis, ut M. Cato ait, »mortualia«! (Attische Nächte, Buch 18, Cap.7, III): Wie Marcus Cato sagte: Ihr Philosophen seid weiter nichts als die Totengesänge von Klageweibern!

Nicht selten wird Cato Maior eindimensional pro römische Territorial-expansion contra griechische Aufklärung und Kultur fehlinterpretiert, zumal im Kontext christlich inspirierter oder angeblich humanistischer Ethik-Erwägungen. Vielleicht ›politically correct‹, aber ›rhetorically incorrect‹. Cato Maior war bis ins hohe Alter ein ausdauernder, leistungsstarker und disziplinierter Homo novus [Emporkömmling], dessen Karriere nicht zuletzt aufgrund der Kreation, situationsgerechten Ausbalancierung und langfristig tragfähigen Profilbildung seines unverwechselbaren, glaubwürdigen, berechenbaren Kommunikator-Images gelang. Er gehörte eben nicht zum römischen Aristokratenclan. Auf seine Vita können wir hier aber nicht weiter eingehen.

Eingeblendet sei das historisch belegte und geistesgeschichtlich bis heute noch nachwirkende Beispiel, weswegen Cato Maior von modernen Kommentator/inn/en oftmals als holzender Orator bzw. als altrömisch unreflektierte Karikatur gegen die sophistisch brillierende griechische Aufklärung in der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts angeprangert wird, wobei wir weder alle Aspekte davon besprechen, noch alle auswertbaren Details und Fundstücke (Mette 1985, Allen 2004) vorführen können.

Athen hatte 156 vor Chr. die Nachbarstadt Ωρωπός/Oropus überfallen, ausgeplündert und teilweise zerstört; denn Athen brauchte Geld. Nachdem Rom eingeschaltet worden war, sollte Athen schließlich 500 Talente Buße an die Opodier zahlen. Worauf die Athener eine Diplomaten-Delegation nach Rom schickten, die diesen Betrag runterverhandeln sollte. In der deutschsprachigen Fachliteratur wird sie die »Philosophengesandtschaft« genannt: gemeint sind Karneades/-Καρνεάδης von Kyrene (Scholarch der Platonischen Akademie), Diogenes von Babylon und der Peripatetiker Kritolaos/Κριτόλαος. Mit ausgeklügelter Taktik übervorteilten sie die Verhandlungspartner im römischen Senat und handelten den von Athen an die Opodier zu zahlenden Betrag auf 100 Talente herunter (im Jahr 155 v. Chr.). Letztlich zahlten die Athener überhaupt keine Entschädigung an die Opodier und hatten das allem Anschein nach auch gar nicht vorgehabt. Wie viele römische Senatoren die dialektischen Täuschungsmanöver und Tricks dieser athenischen Parade-Akademiker bzw. ›Philo-sophen‹(?) durchschauten, wissen wir nicht. In aufsehenerregenden öffentlichen Schau-Vorlesungen sattelten die griechischen Dialektiker dann noch drauf. Cato Maior, mit 79 oder schon 80 Jahren immer noch einflußreicher Römischer Senator, war einer der altehrwürdigen Zuhörer, neben der Jeunesse dorée römischer Aristokraten. Vor allem Karneades führte das Staatsethos und die Gemeinschaftsethik der Römer ad absurdum. Zwischen Dialektik, Fallibilismus, Kritik, Indifferentismus, Probabilismus, Skeptizismus, Herrschaftssicherung, Legitimationsfragen politischer Herrschaft, ernsthaften und schelmisch dargebotenen Wahrheitskriterien konnten theoretisch weniger erfahrene römische Zuhörer wohl kaum noch unterscheiden. Für Cato jedenfalls hatte diese athenische Akademiker-Gesandtschaft damit das für Rom Zumutbare überschritten. Er beantragte im Römischen Senat, diese [subversive] Gesandtschaft rasch abzufertigen und umgehend wieder nach Athen zurückzuschicken, damit sie dort die griechische Jugend so bald wie möglich weiterunterrichten solle. Dem hat der Römische Senat entsprochen. Die athenische Dialektiker-Delegation bzw. ›Philosophengesandtschaft‹ wurde daraufhin abserviert und wieder nach Athen zurückgeschickt. Genau dies wird Cato Maior von etlichen Kommentator/inn/en bis heute sehr übel genommen. Es gibt erkennbar drei gravierende Probleme:


1. ein Mentalitäts-, Generationen- und Rollenanforderungsproblem,

2. ein asymmetrisch-interkultuerelles Pädagogen- und Paradigm-Clash-Problem,

3. ein konkurrenziell-konfrontatives Intellektualitäts- und Staatsethos-Problem,

Keines dieser drei Probleme hätte durch die vorgeführte Über-rumpelungstaktik und ›Indoktrinierungsstrategie‹ der athenisch-griechischen Dialektiker-Gesandtschaft im Jahr 155 v. Chr. in Rom angemessen aufgearbeitet werden können. Und bei den bislang greifbaren Ausschnitten der betreffenden, redaktionell wohl überarbeiteten Karneadesreden handelt es sich [zumindest aus kommunikationswiss.-sprechwissenschaftlicher Fachsicht] um raffiniert gestylte Nachdichtungen und sorgfältig profilierte Rekonstruktionen, die gewiß nicht mit gesicherten Nachrichtenmeldungen oder hiebundstichfester Berichterstattung verwechselt werden sollten. Der annähernd 80jährige Cato Maior hatte sich nach bisheriger Erkenntnis jedenfalls strikt, es scheint mir auch zulässig zu sagen ›vorbildlich‹ an die Regeln gehalten. Im Gegensatz dazu hatte sich die athenische ›Philosophen‹-Gesandtschaft bewusst und gezielt regelverletzend verhalten. Desideratum bleibt daher eine wirklich ideologiefreie und faire Evaluierung der legitimen politischen wie pädagogisch legitimierten Interessenmobilisierung und Vorgehensweise Catos gegenüber jener (das römische Gemeinschafts- und Staatsethos unterminierenden und indoktrinierenden) griechisch-athenischen ›Philosophen-Gesandtschaft‹, die faktisch aus ihrer diplomatischen Rolle gefallen und damit in Rom nicht mehr genehm gewesen war. Von der dürftigen Datenlage her ist ad hoc nicht erkennbar oder herleitbar, dass dieser sogenannten ›Philosophengesandtschaft‹ durch Cato im Jahr 155 v. Chr. auch nur ein Hauch eines Unrechts zugefügt worden wäre. Übrigens können heutzutage sogar diplomatische Missionschefs, Konsularbeamte und Mitglieder des diplomatischen oder konsularischen Personals - ohne Angabe von Gründen - zu personae ingratae erklärt und in ihr Herkunftsland zurückgeschickt werden (Art. 9 des Wiener Übereinkommens über diplomatische Beziehungen vom 18. 4. 1961 und Art. 23 des Wiener Übereinkommens über konsularische Beziehungen, 24. 4. 1963). Aber gerade diejenigen, die sich nicht regelgerecht verhalten haben [die athenische ›Philosophengesandtschaft‹ im Jahr 155 v. Chr.] und die anscheinend auch vom jeweiligen Selbstverständnis her vorgehabt hatten, sich publizistisch-provozierend und kommunikationsstrategisch subversiv zu verhalten, stehen in der Rückschau geistesgeschichtlich glänzend, ja geradezu heldenhaft da, als bornierterweise gedemütigte, brilliante Repräsentanten der hellenistisch-sophistisch-peripatetischen Aufklärung des 2. Jahrhunderts v. Chr., die nur aufgrund einer vom antigriechisch eingestellten Cato im Römischen Senat erwirkten ›polizeilichen Maßnahmen‹ wieder nach Athen zurücksegeln mussten.

Freilich bleibt eine durchaus aktualisierungsfähige, ethisch-rhetorische Frage unbeantwortet, die dieses Beispiel vom Jahr 155 v. Chr. so interessant und pikant erscheinen läßt: Müssen Erwachsene interkulturell, okkasionell und oder prinzipiell bereit sein, sich eine kulturkreisexterne, konkurrenzielle, konfliktträchtige, aber dialektisch überlegene Aufklärungsideologie aufzwingen zu lassen? Falls nicht, wäre das Cato-Bild auch in dieser Hinsicht fairerweise zu seinen Gunsten zurechtzurücken.

Rhetorik und biographischer Lernprozess

Rhetorik hat ihren Platz im Zentrum der antiken Menschheitsidee. Der lebenslange Progress des persönlich befähigten und glaubwürdigen Orators ist nicht nur im Kontext Catos des Älteren für die Rhetorik charakteristisch und für die heutige Medienrhetorik interessant. Die Kommunikatorzentriertheit und Kompetenz zur Hervorbringung, Mehrfachvermittlung und Verarbeitung ausschlaggebender Argumente bei der Entscheidungsfindung (Rieke/Sillars 1975/2009) ist ein tradiertes, westliches Essential rhetorischer Kommunikation (Frank-Böhringer 1953/59, McCroskey 1968/2006, Golden/Berquist et alii 1978/2007, Nickl 1976/2010). Viele Fachautoren kommentieren diese fokussierende, komplexitätsreduzierende, kooperative und vertrauenstiftende Leistung rhetorischer Kommunikationsrepräsentanz. Die stets ergänzungsbedürftige, ontogenetisch prozessual aufgefasste Bildung des Kommunikators/Orators, die sehr wohl im Einklang mit dem Festigen der ordnungspolitischen, auf Gemeinwohl, Dignitas und wirtschaftlich-politischen Aufschwung zielenden Werte-Kohärenz (Klein ed.1973, Oppermann ed.1974, Johann ed.1976: 337-483, Kloft ed.1979: 191-314) bleiben soll, die nicht nur öffentlich vermittelte, sondern kraft Individuation sich ausdifferenzierende und weiterentwickelnde Persönlichkeitsdynamik und Rollenvielfalt, ebenso wie die persönlich einzulösende, progressive Lernbereitschaft bis zum Lebensende, all dies ist für rhetorische Kommunikation nicht bloß situative Begleitmusik.

Rhetorische Lernprozesse beziehen sich nicht nur auf oratorisch synchrone Situationen. Rhetorische Lernprozesse begleiten und geleiten den biographischen Lernprozess des Kommunikators bzw. Orators nicht nur beiläufig. Ebenfalls herleitbar aus einer überlieferten Auffassung Catos des Älteren, die schon zu dessen Lebzeiten popularisiert im Zeitgespräch der römischen Gesellschaft kursierte:

Ne discere cessa! Hör niemals auf zu lernen! Lifelong learning ist keine Erfindung der ›Postmodernen Welt‹ des 20. oder 21. Jahrhunderts. Ebensowenig wie das Theoriekonzept der oratorischen (Kommunikator)-Rollenunion und seiner legitimierten Realrepräsentanz sowie der oratorischen bzw. rhetorischen Kommunikationsrepräsentanz. Szientifisch optimierte Ansätze zu rhetorischen und medienrhetorischen Kommunikator-Rollen und zur Kommunikationsrepräsentanz im zeitgenössischen Design stellen oftmals fragmentarisch bis integrativ profilierte Explikationen bzw. mehr oder weniger radikale Extensionen der Catonischen Orator-Konzeptualisierung dar.

Bildquelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Cato_Major?uselang=de

Nickl Michael Milutin

Milutin Michael Nickl, geb. 1948, ist Kommunikationswissenschaftler, Linguist und Redakteur. Venia für Angewandte Linguistik in Verbindung mit Kommunikationswissenschaft/Sprechwissenschaft; Lehrerfahrung in Deutschland, Osteuropa und Asien.

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