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von Lutz Götze

Was die Zeit sei, wisse er wohl, so Kirchenvater Augustinus vor mehr als eineinhalb Jahrtausenden, doch wenn ihn jemand danach frage, könne er dem keine Antwort geben. Im Grunde hat sich daran bis heute nicht allzu viel geändert. Zwar haben sich so gut wie alle Dichter, Künstler, Philosophen, Astronomen oder Mathematiker von einigermaßen Rang zu dem Thema geäußert, doch es zu definieren im Wortsinne, also letztendlich zu erklären und einzugrenzen, ist noch niemandem gelungen.

Allein in der schönen Literatur ist die Beschäftigung mit der Zeit, und, in geringerem Maße, dem Raum, Legion: Sein und Zeit (Heidegger), Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Proust), Der Zauberberg (Thomas Mann), Die veloziferische Gesellschaft /Schwager Kronos (Goethe), Das Karussell Jardin du Luxembourg (Rilke), Stein und Zeit (Assmann), Der Rosenkavalier (Hofmannsthal) und manches mehr.

Die Zeit bleibt enigmatisch; sie verschließt sich uns in ihrem Wesen. Zwar kann man sie messen: in Sekunden, Minuten, Jahren und Jahrhunderten, doch schon bei den Kalendarien hört das Gemeinsame auf: Auf den sogenannten Christlichen Kalender, also die Reform des Julianischen Kalenders durch Papst Gregor XIII. im Jahre 1582, scheint sich die Welt im Zeitalter der Globalisierung verständigt zu haben, doch in großen Teilen der Welt gelten daneben noch der jüdische Kalender – da sind wir gerade im Jahre 5774 angekommen –, im Denken der Maya gab es gleich deren drei, nämlich den long count (Lange Zählung) – da sind wir etwa gerade im Jahre 5126 nach der Schöpfung (man beachte die Nähe zur jüdischen Welterschaffung!) –, den Ritualkalender calendar round mit 260 Tagen (tzolkin) sowie den Sonnenkalender Haab mit 360 Tagen (18 Monate zu zwanzig Tagen) mitsamt einem Intervall von 5 Tagen, genau 365,2420 Tagen: der exakteste von allen Kalendern der Vergangenheit. Nach jeweils 52 Jahren war das saeculum beendet, so die Legende; zahlreiche Maya waren von Panik ob des bevorstehenden Weltunterganges erfasst, zerschlugen Hausrat und zerstörten Häuser. Menschen sollen geopfert worden sein, um die Götter gnädig zu stimmen. Als dennoch, glücklicherweise, nichts geschehen war, zogen die Maya neue Kleider an, bauten größere und schönere Tempel und planten ihr weiteres Leben: Sie waren noch einmal davongekommen! Die letzte Warnung vor dem Weltuntergang, die auf die Kalendarien der Maya zurückgeführt wurde, liegt erst wenige Wochen zurück: ein, neudeutsch formuliert, Hype-Thema. Alles das ist natürlich Hokuspokus, aber es lässt sich, auch in der Moderne, mit unwissenschaftlichem Unsinn prächtig Geld machen!

Es gibt Sonnenkalender und Mondkalender; in China, Japan und anderen Ländern zudem einen lunisolaren Kalender, der im Privatleben noch immer häufig gilt und zu peinlichen Folgen bei Nichtbeachtung führen kann. In Kamerun bei den Bamiliké hat die Woche acht Tage, weil sieben, eine ungerade Zahl, Unglück bringe, ebenso in weiten Teilen des Pazifischen Raumes. Kalenderdivergenzen lassen sich am besten in Sprüchen genialer oder vermeintlich genialer Menschen fassen, nicht ohne Ironie und Humor. So wird Voltaire der Satz zugeschrieben, die römischen Feldherren hätten alle Schlachten gewonnen, aber nie gewusst, wann es jeweils geschah: eine Sottise, die an das Chaos des Kalendariums vor Cäsars Reform im Jahre 46 v.u.Z. erinnert, die als Julianischer Kalender in unserer Erinnerung geblieben ist. Es gab zuvor lediglich die calendae, also den jeweils ersten eines Monats, Lohn- und Steuertag, sodann die nonae jeweils um den fünften oder siebten herum und die idus, um den 15. herum. Genau wusste es niemand. Cäsar soll bekanntlich an den Iden des März des Jahres 44 v.u.Z. ermordet worden sein. Interessant auch und für viele rätselhaft ist, warum wir vom September sprechen, aber den neunten Monat meinen, ebenso vom November, der aber der elfte ist. Des Rätsels Lösung: Ursprünglich fing der Kalender im März an: Januar – nach dem doppelgesichtigen Gott Janus benannt – und Februar – der Monat der Reinigungsrituale – kamen erst später hinzu, um auf die geforderte Summe von 365 Tagen, ein Umlauf um die Sonne, zu gelangen.

Umberto Eco hat mir einmal erzählt, die zeitlich verzögerte Umstellung auf den Gregorianischen Kalender – 1582 Vatikan, Frankreich etwas später, Preußen 1612, England 1752 und Russland gar erst 1918, delikaterweise übrigens von Lenin, organisiert – habe zahlreiche Schlachten, zumal im 30-jährigen Krieg, verhindert, weil die katholischen Heere vierzehn Tage früher auf dem Schlachtfeld eintrafen, eine Woche warteten, den Gegner als Feigling verhöhnten und dann abzogen, bevor der nordisch-protestantische Gegner am Orte eintraf, aber keinen Feind mehr vorfand. Das Spottritual wiederholte sich. Sogar bis zu Günther Jauchs Quizsendung Wer wird Millionär? hat es die Frage gebracht, warum Shakespeare und Cervantes das gleiche Todesdatum haben, nämlich den 23. April 1616, aber nicht am gleichen Tage gestorben sind. Des Rätsels Lösung: Cervantes starb elf Tage früher, weil das katholische Spanien bereits den Gregorianischen Kalender eingeführt hatte, England hingegen nicht.

Zeitverständnis im Okzident und Orient

Abendländische Gesellschaften, aufgeklärt oder nicht, trennen gemeinhin zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Sprache folgt dieser Trias: Wir lesen in Grammatiken, dass das Präsens die Gegenwart bezeichne, Präteritum, Perfekt und Plusquamperfekt die Vergangenheit, Futur I und Futur II schließlich die Zukunft. Beim genaueren Hinsehen freilich fällt auf, dass das keineswegs immer stimmt. So können wir mit dem Präsens auch Zukünftiges bezeichnen (Morgen fahre ich nach Berlin), darüber hinaus sogar Vergangenes (1914 beginnt der Erste Weltkrieg). Ähnlich ist es beim Perfekt (Morgen habe ich das Buch gelesen), nicht aber bei Präteritum und Plusquamperfekt. Futur-I-Formen wiederum bezeichnen weit häufiger eine Drohung (Du wirst schon Vernunft annehmen!) oder eine Vermutung (Das wird wohl so sein!) als eine Aussage über die Zukunft. Keineswegs nur Ausländer verstehen das häufig nicht.

Füge ich dann noch hinzu, dass ›Gegenwart‹ bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein ausschließlich räumlicher Begriff war, erhalten noch im Ausdruck ›in Gegenwart von‹ als Analogie zum lateinischen praesentia, also Anwesenheit, so steigert sich die Verwirrung ins Grenzenlose. Noch heute kennen wir als ein Wort aus dem Beamtendeutsch die ›Präsenzpflicht‹, das leibliche Anwesenheit meint, aber ein Zeitliches mitbedeutet, nämlich hier und heute. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff ›Zukunft‹: Über Jahrhunderte bis zur Zeit Luthers bezeichnete das Wort: ›Herankommen, Ankunft‹, passend zum Verb ›kommen zu‹.

Hans-Georg Gadamer spricht, in der Nachfolge des Aristoteles, von der Gegenwart im Plural, also den ›Jetzten‹, und meint damit das Dilemma, dass das, was ich ausspreche, im Moment des Ausgesprochenseins bereits Vergangenheit ist: »Denn selbst das Jetzt ist in dem Augenblick, in dem ich es als jetzt identifiziere, schon nicht mehr jetzt.« Eingerahmt zwischen den Polen einer unendlichen Vergangenheit und einer unendlichen Zukunft, seien die ›Jetzte‹, also Punkt und Dauer zugleich, verfließend, aber im Vergehen liege zugleich ein neues Werden. Zeit versteht er entsprechend auf zweierlei Weise: einmal verfließend oder vergehend, also irreversibel, andererseits reversibel, weil im Vergehen ein Werden hervorbringend. So hatte es auch bereits der Vorsokratiker Heraklit gesehen.

Genereller gesprochen: Zeit wird in zahlreichen Kulturen entweder als reversibel, also umkehrbar, oder aber als irreversibel, also unumkehrbar, begriffen. Reversibilität wird häufig mit Zirkularität in eins gesetzt, Irreversibilitat entsprechend mit Linearität. Das ist zwar nicht ganz exakt, mag aber als Arbeitsbegriff dienen. So sind die meisten alten afrikanischen, asiatischen und amerikanischen Kulturen zirkulär strukturiert: Zeit ist ohne Anfang und Ende, immer wiederkehrend, damit letztlich Stillstand. Der Mythos bestimmt das Leben, »das mythische Ereignis ist ein Grundmuster, das sich im unendlichen Rapport der Riten und Feste wiederholt« (Assmann). Geschichte hingegen, so weiter Assmann, linearisiere die Zeit, sie strukturiere den Ablauf der Ereignisse und trenne ein Vorher vom Nachher, die ›Jetzte‹ lägen dazwischen. Platon, in der Nachfolge Heraklits, schlägt eine Brücke und unterscheidet die ewige Zeit der Götter – also Stillstand – von der endlichen Zeit der Menschen, mithin Bewegung. Alle monotheistischen Religionen, also Judentum, Christentum und Islam, folgen diesem Dualismus: Die Zeit des Gottes währt ewig, die der Menschen hat ihren Anfang (Schöpfungsakt) und ihr Ende (Jüngstes Gericht). Moderne Gesellschafts- und Naturwissenschaften folgen im Grunde diesem Schema, nennen es lediglich anders: Urknall und globale Zerstörung. Diese Linearität des Zeitbegriffs ist häufig mit Wertmaßstäben verbunden, nämlich der allgemeinen Verbesserung der Lebensumstände, so der Marxismus und, wesensgleich, der Kapitalismus, oder dem Sieg der Vernunft, so die Aufklärung. Man spricht seither auch vom Zeitpfeil, der die Gerichtetheit der Zeit bezeichnet, also der linearen Entwicklung der Zeit aus der Vergangenheit über die Gegenwart zur Zukunft. Eine Fortschrittsgläubigkeit resultiert daraus, die heute mehr denn je dominiert. Das 2. Thermodynamische Gesetz – die Unordnung/Umwandlung (Entropie) nehme in einem geschlossenen System stets zu, nicht ab –, stützt die These vom rechtsgerichteten Zeitpfeil. Albert Einstein hingegen betonte die Zirkularität der Zeit: Sie könne prinzipiell also auch zurücklaufen – ebenso wie das Universum sich einmal unendlich ausdehne und irgendwann explodiere und zum zweiten sich zusammenziehe und möglicherweise implodiere.

Neben der Dichotomie linear-zirkulär unterscheidet die Zeitforschung noch zwischen der objektiven/absoluten Zeit einerseits und der subjektiven/individuell erfahrenen Zeit andererseits. Zur objektiven Zeit hatte Isaac Newton erklärt, sie fließe ewig gleichförmig wie der Lauf der Gestirne dahin, unbeeinflusst vom Menschen. Als erster hatte Immanuel Kant daran Kritik geübt und Zeit und Raum als »reine Anschauungen«, also Vorstellungen oder subjektive Gedanken, mithin Ideen, bezeichnet: »Jener Raum selber aber, samt dieser Zeit. Und, zugleich mit beiden, alle Erscheinungen, sind doch an sich selbst keine Dinge, sondern nichts als Vorstellungen, und können gar nicht außer unserem Gemüt existieren...«. Verkürzt: Unsere Begriffe von Raum und Zeit sind Vorstellungen unserer selbst, keineswegs objektiv und unveränderbar, sondern subjektiv und unserem Denken und Wollen unterworfen.

Albert Einstein hat, 150 Jahre später, diesen Gedanken aus der Sicht der Naturwissenschaften aufgegriffen und weiterentwickelt: Raum wie Zeit seien nicht absolut, sondern relativ, weil vom Betrachter abhängig. Ein Reisender in einem Zug erfahre Zeit langsamer als ein auf dem Bahnhof stehender Betrachter. Die Zeit vergehe also bei extrem schneller Bewegung langsamer. Im Extremfalle wären Astronauten, die zwanzig Jahre im All bei dauerhafter schneller Bewegung verbrächten, bei ihrer Rückkehr aus dem All deutlich jünger als die auf der Erde verbliebenen Menschen. (Nebenbei bemerkt: ein ideales Programm für ewige Jugend!) Der dreidimensionale Raum und die vierte Dimension – die Zeit – gehörten im übrigen zusammen: Nur raumzeitliches Denken sei heute noch sinnvoll, so Einstein.

Damit aber zur heutigen Praxis, zum Alltäglichen. Das Hamburger Wochenblatt DIE ZEIT schreibt am Jahreswechsel 2006/2007 unter dem Proust´schen Titel A la recherche du temps perdu, dass uns die Zeit immer mehr abhanden komme, uns zwischen den Fingern zerriesele. Der Journalist unterscheidet zwischen A-Typ, M-Zeit-Bewusstsein und P-Zeit-Bewusstsein: »M-Zeit-Kultur-Menschen (monochrome) arbeiten in linearer Abfolge von festgesetztem Anfang bis zum festgesetzten Ende, P-Zeit-Kultur-Menschen (polychrome) widmen sich einem Ereignis so lange, bis eine neue Neigung auftaucht (...) Ein Typ A, wie ich, geht und isst meist schnell, leidet unter der Langsamkeit anderer, ist nervös, unruhig, ungeduldig, vervollständigt Sätze von Leuten, die ihm zu schleppend reden und lebt unterm Diktat der Uhrzeit. Sein Leben ist ein streng getaktetes Ablaufprogramm von kurzfristigen Arrangements, die ständig neu koordiniert werden müssen. M-Zeit-Kulturen wie Deutschland, (US)-Amerika oder Japan sind gekennzeichnet durch Einhaltung von Zeitplänen, P-Zeit-Kulturen wie Brasilien oder Mexiko durch eine starke Beziehung zu den Mitmenschen. In individuell geprägten Kulturen bewegen sich die Menschen schneller als in jenen vom Kollektiv geprägten.«

Das Schlagwort lautet natürlich: ›Beschleunigte Gesellschaft‹. Zur Überwindung empfiehlt der Autor – wie so manche einschlägige und gut verkäufliche Broschüren – Stressabbau, Überwindung der Fremdbestimmung durch selbstbestimmte Zeitgestaltung, denn, wer die Zeit anderer bestimme, übe Herrschaft aus; wer hingegen selbst seine Zeit bestimme, lebe in Harmonie und empfinde nebenbei das Glück, nicht überall und unentwegt erreichbar zu sein (Dogma des Vernetztseins: Ich bin vernetzt, also bin ich!). Weiter wird empfohlen die Ersetzung der Vertaktung durch Rhythmisierung des Lebens, also individuelles Variieren, sodann Widerstand gegen das multitasking, also die gleichzeitige Erledigung mehrerer Aufgaben, Trennung von Arbeits- und Freizeit und damit Widerstand gegen ›Liberalisierung‹ der Ladenschlusszeiten. Das neue Ziel lautet: ›Zeitwohlstand‹ – Wohlstand also nicht materiell, sondern zeitlich definiert: Wie viel Zeit habe ich für mich und die Meinen? Mithin mehr Muße, die, wie bereits in der Antike, hochgeschätzt werden müsse. Nicht als eine Art von Faulheit statt des prall gefüllten Terminkalenders, der Bedeutung und Wichtigkeit einer Person signalisiere, sondern selbst bestimmte Zeit, die ich mir selbst schaffe, aber nicht durch Ratgeberliteratur, Freizeitoasen, Zeitmanagementseminare oder Pseudo-Ausstieg mit Yoga-Kursen oder Business-Qigong geboten bekomme. Der Wahnsinn einer solchen industriellen Vermarktung schreitet voran!

Vor dem Krankwerden durch ein wachsendes Lebenstempo hatte übrigens bereits Johann Wolfgang Goethe gewarnt. Er nennt sie die »veloziferische Gesellschaft«. Im West-Östlichen Divan heißt es: »Das Leben ist ein Gänsespiel / Je mehr man vorwärts gehet / Je früher kommt man an das Ziel / Wo niemand gerne stehet... / Ganz anders ist´in dieser Welt / Wo alles vorwärts drücket / Wenn einer stolpert oder fällt / Keine Seele rückwärts blicket.« Noch deutlicher und aktueller wird Goethe in den Chinesisch-deutschen Jahresheften: »Mich ängstigt das Verfängliche / Im widrigen Geschwätz, / Wo nichts verharret, alles flieht / Wo schon verschwunden, was man sieht; / Und mich umfängt das bängliche / Das graugestrickte Netz«. Kann man das Geschwätz so genannter Events, die Sprachlosigkeit der Talk-Shows und die sprachliche Doppelzüngigkeit (›Doppelsprech‹) der Politik anno 2013 besser und kritischer beschreiben, als Goethe es hier tut?

Der Psychologe Jean Gebser sieht es ähnlich: Die Jetztzeit sei durch das Aperspektivische gekennzeichnet, die Erkenntnis also, dass die beschleunigte Gesellschaft, also rein materieller Fortschritt, nur ein Fortschreiten von Humanismus und Solidarität bedeute. Das Zeitproblem der Moderne liege darin, dass »die Schnelligkeitssucht von der tiefgreifenden Angst vor der Zeit [zeuge; L.G.]: jeder neue Schritt ist ein Schritt weiter in Richtung auf die Tötung der Zeit (und damit auch des Lebens). Die Rekordbegeisterung ist ein deutlicher Hinweis auf die prädominante Rolle des Zeitproblems; auch die Massenpsyche ist der Zeit verfallen; sie sucht sich ihrer durch eine negative Überwindung zu entledigen; jeder neue Rekord nähert uns dem Zeittod an, statt zur Zeitfreiheit zu führen. Diese Sucht, die Zeit negativ zu überwinden, wird überall sichtbar.«

Die philosophische Begründung dessen habe ich in einem Text geliefert: »Gegenwart im westlich-abendländischen Denken ist Punkt und Dauer des Augenblicks zugleich, es enthält den Moment einerseits und Vergangenheits- und Zukunftsanteile andererseits, dazu die Erinnerung und das vorausschauende Planen... Der Mensch des teilweise oder vollständig aufgeklärten Westens versteht also Gegenwart lediglich als Übergang von der Vergangenheit in die Zukunft.«

Blaise Pascal hatte es ähnlich gesehen: »Wir halten uns nie an die Gegenwart. Wir rufen uns die Vergangenheit zurück; wir greifen der Zukunft vor, als käme sie zu langsam und als wollten wir ihr Eintreten beschleunigen, oder wir rufen uns die Vergangenheit zurück, als wollten wir sie festhalten, da sie zu schnell vorübereilte; wir sind so unklug, daß wir in Zeiten umherirren, die nicht die unsrigen sind, und nicht an die einzige denken, die uns gehört, und wir sind so eitel, daß wir an jene denken, die nichts sind, und uns unüberlegt der einzigen entziehen, die weiterbesteht. Das kommt daher, weil die Gegenwart uns meistens weh tut. Wir verbergen sie unserem Blick, weil sie uns betrügt, und wenn sie uns angenehm ist, bedauern wir, sie entschwinden zu sehen.Wir bemühen uns, sie durch die Zukunft abzusichern, und meinen die Dinge zu ordnen, die nicht in unserer Macht stehen, und das für eine Zeit, die zu erreichen für uns ganz ungewiß ist... Die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel, allein die Zukunft ist unser Ziel. Deshalb leben wir nie, sondern hoffen auf das Leben, und da wir uns ständig bereit halten, glücklich zu werden, ist es unausbleiblich, daß wir es niemals sind.«

Nie war dieser Satz so wahr wie heute, wo schon Jugendliche engagiert über unsichere Renten und Zukunftsvorsorge reden und die Zukunftsangst grassiert. Nicht das hic et nunc, wie landläufig behauptet, ist das Thema der Stunde, sondern die Zukunftssicherung ist es in Wahrheit, allzu häufig reduziert auf Einkommen, industrielles Wachstum und Aktiengewinne, nicht aber auf die wirklich wichtigen Themen wie Umweltzerstörung, globale Erwärmung und atomare Katastrophen.

Der Orient denkt vollkommen anders. Der Sinologe Francois Jullien hat in einem vor wenigen Jahren erschienenen Buch Du Temps dem Westen vorgeworfen, er verfälsche seit Aristoteles das Wesen der Zeit, indem er sie verräumliche (spatialisiere), was schon in der Sprache deutlich werde. Zeitkategorien werden durch Raumadverbien gekennzeichnet: Eine Veranstaltung ist lang oder kurz, der Vortrag ist lang-weilig, eine Strecke weit oder weniger weit, eine Prüfung hat jemand hinter sich, danach kann er beruhigt nach vorn schauen.

Julliens Argumentation orientiert sich an der klassischen chinesischen Philosophie, vor allem dem Taoismus, der ein Konzept von Zeit (Zeitbegriff) nicht kenne, daher auch nicht den Dualismus von Anfang und Ende oder einen linearen Zeitbegriff, noch viel weniger einen Zeitpfeil. Zentrale Kategorien der Lehre Lao-Tses und seiner Schüler seien Augenblick, Übergang, Prozess, Dauer, das Sowohl als Auch statt des Entweder-Oder, damit Yin und Yang, also Himmel und Erde, Frau und Mann, Sein und Nichtsein. Im vierzigsten Spruch des Tao-Te-King heißt es: »Rückkehr ist die Bewegung der Führerin des Alls, Zartheit ist das Wirken der Führerin des Alls. Die zehn tausend Wesen in der Welt entspringen dem Sein, / das Sein entspringt dem Nichtsein.« Daher, so Jullien, gebe es in diesem Denken auch keine Opposition von Zeitlichem und Ewigem, von Sein und Werden, von objektiver und subjektiver Zeit, von mathematischer und gefühlter individueller Zeit wie im Abendland. Entsprechend verzichte die chinesische Sprache auf grammatische Tempora und Verbflexion. Zeitliches werde durch Partikeln und Adverbien ausgedrückt.

Entscheidend aber sei der Augenblick und die Dauer, die Verstetigung, desselben: »Der von Lao-Tse und Konfuzius geprägte Mensch des Ostens (...) versucht, sich auf den Augenblick zu konzentrieren, in dem er zu bleiben vorhat, versteht ihn aber zugleich als Übergang zu einem neuen.« Dieser Augenblick nun wird nicht teleologisch, also zweckorientiert, verstanden (wie der kairós im Griechischen), sondern als den Menschen harmonisch und vollkommen ausfüllend, etwa das Glücksgefühl beim Betrachten einer Blume oder einer Kalligraphie. Das soll fortdauern, allenfalls in einen anderen glücklichen Zustand übergehen. Jeder Moment im Leben sei daher wichtig, wenn das Individuum ihn dazu mache, also die Gelegenheit ausfülle: psychisch, physisch, künstlerisch-kreativ oder handwerklich. Ein solcher Mensch sei offen nach allen Seiten, jederzeit disponibel, anerkenne keine Dominanz des Wahren oder ethische Normen (hier griff später Konfuzius ein), und entscheide spontan, pragmatisch, nach Gutdünken: à propos. Ein Mensch, der dieses Glück (mit der Hand) festhalten wolle, sei das Ziel, wie es im Französischen heißt: maintenant (manu-tenere).

Im Chinesischen gebe es das Sprichwort: ›Im Moment hält man sich auf, aber man durchquert die Zeit.‹ Deshalb die chinesische Empfehlung: Lebe hier und ganz! Entscheidend seien die ›Jetzte‹, nicht das Davor und Danach wie im Abendland. Viele ›Experten‹ im Westen haben das als Geschichtslosigkeit, wohl auch Verantwortungslosigkeit, abgetan, obendrein als Versagen vor der Zukunft. Das stimmt so keineswegs, doch ist richtig, dass diese alten Vorstellungen, die heute unter der Jugend im Osten wieder stärker werden, auf eine Wirklichkeit prallen, die anders, nämlich zweckrational-abendländisch bestimmt ist. Häufig bleiben den Menschen im Osten dann lediglich Reflexion und Kontemplation, Innehalten, Rückzug in Idyllen und, am Ende, Resignation.

Zum Raumverständnis

Ging die Zeit dem Raum voraus oder eher umgekehrt? Wir hatten bereits erwähnt, dass sie Zeit, weil abstrakter, mit Raumadverbien beschrieben werde. Die Frage des Primats wird aber vorerst unbeantwortet bleiben müssen. Zum Verhältnis von Raum und Zeit hat Jean Améry, Wiener Schriftsteller und Psychologe, 1978 durch Freitod gestorben, Bemerkenswertes gesagt: Der Raum sei der Jugend vorbehalten, die Zeit dem Alter. Am Ende stehe die Ver-nichtung, die Auflösung des Ich: »Jung sein, das ist: den Körper hinauswerfen in die Zeit, die keine Zeit ist, sondern Leben, Welt und Raum. Wer das vor sich zu haben glaubt, was man so 'Zeit' nennt, weiß sich in Wahrheit bestimmt, hinauszutreten in den Raum: sich zu er-äußern. Wer Leben in sich hat, echte Zeit also, muß es genug sein lassen mit der trügerischen Menge des Er-innerns. Was auf ihn zukommt, ist der Tod, der wird ihn ganz aus dem Raume nehmen, ihn selbst und was von seinem Körper bleibt, enträumlichen, wird ihm die Welt und das Leben nehmen und der Welt ihn und seinen Raum rauben. Darum ist er als Alternder nur noch Zeit: die aber ganz, als ein Seiender, sie Besitzender und sie Erkennender (...) Dem Jungen wird die Nichtumkehrbarkeit der Zeit in deren voller Umbarmherzigkeit nicht gegeben. Herbst, Winter, Frühling, Sommer und wieder Herbst. Es liegen solche Jahreszeitenwechsel noch viele vor ihm... Erst der Alternde, der auf einmal die Herbste und Winter schreckhaft genau zu zählen weiß, da er sie doch mißt an den vergangenen und in ihn eingegangenen, versteht das Zeitvergehen als Irreversibilität – zu grauenvoll, als daß man klage, da sehr viel glitt und schon vorüberrann.«

Übrigens: Dass die Zukunft vor uns liege, die Vergangenheit hingegen hinter uns (Zeitpfeil), sehen viele Kulturvölker anders. Die andinischen Aymara deuten nach hinten, wenn sie die Zukunft meinen, weil man sie ja nicht sehe. Für die Vergangenheit hingegen weisen sie nach vorn, weil man sie ja kenne!

Ein zweites Beispiel der Kulturspezifik der Zeit: Menschen, die Mandarin sprechen, sehen die Zukunft weder rechts noch links von Sprechzeitpunkt, sondern vertikal, also unten, Vergangenheit oben. Entsprechend schreiben sie, also vertikal. Zeitverständnis und Schreibrichtung hängen offenbar eng zusammen.

Zum Raumverständnis in Orient und Okzident: Der Mensch des Westens durcheilt den Raum, plant die Zukunft, steuert möglichst direkt auf sein Ziel zu und überlässt die Definition des Raumes den Einzelwissenschaften: Weltraum, göttlicher Raum, menschlicher Raum, physikalischer Raum. Der Okzident versteht Raum anthropozentrisch, also egoistisch: vorn-hinten, oben-unten, rechts-links. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Anders sehen es viele indigene Völker, so die HaiIIom in Namibia oder die Guughu Yimidhirr in Australien: Sie kennen weder eine Rechts-Links-Unterscheidung noch die Dichotomie vorn-hinten, sondern orientieren sich im Raum, z.B. an den Gestirnen: Plejaden, andere Sternbilder, Nord und Süd usw. Der Mensch sei nicht so wichtig, um zur Raumdefinition herangezogen zu werden, lautet ihre Begründung
Fazit: Zeit und Raum sind kulturspezifische Größen. Zeit und Raum sind Menschenwerk.

Das Raumverständnis im Orient, geprägt durch Taoismus in China sowie Zen-Buddhismus in Japan, ist vielfältig. Gemeinsam ist der Gedanke des Nicht-Erfassbaren, was sich in Steingärten nahe von buddhistischen Pagoden und Tempeln so ausdrückt, dass niemals der gesamte Raum, z.B. eine Sandfläche, mit einem Blick erfasst werden kann. Ähnlich ist es mit dem Arrangieren von Blumen im Raum oder dem Aufstellen der Möbel nach Feng Shui. Dabei sollen zugleich dem Menschen günstige Energien genutzt werden. Manches davon freilich ist, zumal im Westen, Hokuspokus.

Der Mensch des Orients steuert ein Ziel nie direkt an, sondern eher in Kreisen, Wiederholungen, alle Varianten bedenkend und alle Menschen mit einbeziehend: getreu dem Spruch des Tao – der Weg ist das Ziel, das du freilich nie erreichst. Der Weg wird dabei im Regelfall profanisiert: durch Blumenarrangements, Tee-Zeremonie, Kirschblütenfeste, Kleidervorschriften, Regeln des vollkommenen Auftretens und Sich-Benehmens in der Gesellschaft. Das ursprünglich Ziel, durch Meditation und Enthaltsamkeit die Begierden zu überwinden, wird damit zunehmend ad absurdum geführt.

Dieses Ziel, alle im Raum Befindlichen in den Meinungsbildungsprozess einzubeziehen, so dass am Ende alle zustimmen, ist für den Europäer häufig sehr ermüdend: Geschäftsabschlüsse dauern oft sehr lange, werden wieder zurückgenommen, werden an manchen Tagen des alt-japanischen lunisolaren Kalenders mit sechs Wochentagen, so an Butsumetsu (Buddhas Tod), überhaupt nicht getroffen. Kongresse werden urplötzlich an einem solchen ›unreinen‹ Tag einfach unterbrochen und der wartende Referent, der das nicht weiß, steht plötzlich allein im Raum. So geschah es mir 1990 in Tokio.

Natürlich haben heute alle asiatischen Länder, also auch China, Indien, Korea und Japan, den Gregorianischen Kalender. Doch die alten Riten und Kalendarien sind unverändert in der Mentalität der Bevölkerung lebendig, keineswegs nur auf dem Land, eher wachsend unter der jungen Generation.

Fazit: Für das Verstehen zwischen den Kulturen ist die Kenntnis der Kulturspezifik von Zeit und Raum unerlässlich. Anderenfalls scheitert der Dialog im Grundsätzlichen, aber vor allem im Alltag. Darüber muss intensiv geforscht werden. Wir haben dazu eine Kulturkontrastive Grammatik entwickelt, die in neueren Untersuchungen weiter vorangetrieben wird.

Literatur:
Lutz Götze, Zeitkulturen. Gedanken über die Zeit in den Kulturen, Frankfurt am Main 2004.
Lutz Götze/Patricia Mueller-Liu/Salifou Traoré (Hg.), Kulturkontrastive Grammatik  - Konzepte und Methoden, Frankfurt am Main u.a. 2009 (Im Medium fremder Sprachen und Kulturen, Bd. 16).

Götze Lutz

Prof. Dr. Lutz Götze, geb. 1943, von 1992 bis 2008 Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Universität des Saarlandes, seit 2008 Professor im Ruhestand. Vertrauensdozent der Friedrich-Ebert-Stiftung, Ehrenvorsitzender des Sprachenrates Saar. Mitglied des P.E.N. International.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.