von Herbert Ammon

 

Vorbemerkung:

In der laufenden Auseinandersetzung mit der AfD spielt „Ethnopluralismus“ als Kennzeichen „neurechter“ Ideologie eine zentrale Rolle. Der inkriminierte Begriff geht maßgeblich auf Henning Eichberg zurück, dessen Werk in nachfolgendem Aufsatz dargestellt wird. Es ist im voraus zu betonen, dass der „umstrittene“ Begriff „Ethnopluralismus“ bei Eichberg nichts mit Apartheid-Ideologie zu tun hatte.  

 

 

Ende der 1970er Anfang der 1980er Jahre  gab es in Deutschland eine in Wellenbewegungen verlaufende Diskussion um die „nationale Frage“. Auf der Linken setzte mit der Ausbürgerung des regimekritischen Sängers Wolf Biermann aus der DDR eine Debatte ein, die aus der Ökologiebewegung regionalistische und kulturnationale Impulse aufnahm und in und in die von – realen und imaginären - Ängsten, Hoffnungen und Forderungen  inspirierte Friedensbewegung mündete. Ausgelöst anno 1979 von dem - als Antwort auf neue  sowjetische Atomraketen konzipierten -  „Doppelbeschluss“ der NATO zur Aufstellung von atomar bestückten  Mittelstreckenraketen, vereinte der Protest gegen das nukleare Wettrüsten unterschiedliche Strömungen - von der SED-gesteuerten DKP bis hin zu Abweichlern in der CDU/CSU. Hauptträger der Bewegung waren linke Sozialdemokraten und linke Christen - obenan die Exponenten eines pazifistisch orientierten Protestantismus – sowie die sich aus heterogenen Elementen als Partei formierenden Grünen.

 

Zugespitzt im „Havemann-Brief“ sowie einer Großdemonstration im Bonner Hofgarten im Oktober 1981 erlebte die in den Machtblöcken des Kalten Krieges eingefrorene „deutsche Frage“ eine unerwartete Wiederkehr. (1) Zur Rhetorik der Friedensbewegung gehörten Begriffe wie „Deutschland – Schießplatz der Supermächte“, „Zentrum der Blockkonfrontation“ sowie – für einen historischen Augenblick -  die „nationale Identität“ der Deutschen.

 

Das Stichwort hatte mit seinem 1978 erschienenen Buch »Nationale Identität. Entfremdung und nationale Frage in der Industriegesellschaft«  der ursprünglich auf der Neuen Rechten angesiedelte Historiker und Kultursoziologe Henning Eichberg (1942-2017) geliefert.(2) Nicht nur in  Kreisen der nunmehr grün-alternativen Linken, in deren Debatten er unerwartet präsent war, galt Eichberg ob seiner Biographie und seines begrifflichen Sujets als suspekt, als Wolf im Schafspelz, der sich in die Reihen der zersplitterten Neuen Linken und der  „Grünen“ eingeschlichen hatte.

 

Eichberg kam – nicht anders als maßgebliche Mitgründer der „Grünen“ - von der falschen Seite. Als in den 70er Jahren Teile der an Vietnam, China und Kambodscha irre gewordenen Neuen Linken in der BRD zusammen mit aus der DDR ausgebürgerten Dissidenten die Debatte um die „nationale Frage“ im geteilten Deutschland neu eröffneten, kam es auf der „nationalen Rechten“ zur Abspaltung von nationalrevolutionären Gruppen. In diesen Zirkeln, in denen Eichberg eine ideologische Führungsrolle spielte, entdeckte man die diversen Traditionen einer deutschen nationalen Linken (unter Bezug auf Ferdinand Lassalle, Gustav Landauer, Ernst Niekisch), während man zugleich den Linksnationalismus in Europa und in der Dritten Welt als ideologische Rechtfertigung der eigenen Positionen aufgreifen konnte. Hier standen Wege nach links offen.1978 führte Eichberg mit Rudi Dutschke eine Debatte über die Frage, inwiefern die deutsche Frage revolutionär sei.(3)

 

Biographisches zur „Betroffenheit“

 

In einem Einleitungsessay „Von der alten zur neuen deutschen Frage: Veränderlichkeit, Identität, Betroffenheit“ zu dem 1987 erschienenen Band „Abkoppeln“   präsentierte Henning Eichberg selbst seine wechselvolle Biographie.(4)  Zu den frühesten Kindheitserinnerungen des 1942 in Schweidnitz (Schlesien) Geborenen gehört der Feuerschein des brennenden Dresden am Horizont. Aus Sachsen ging die Familie 1950 über die „Zonengrenze“ in den Westen nach Hamburg. Als Schüler fühlte er sich von den Gruppierungen am Rande des politischen Spektrums – von dem  neutralistischen, vom ehemaligen linken Zetrum-Politiker und Reichskanzler Joseph Wirth  geführten -  „Bund der Deutschen“ bis zur Otto-Strasser-Partei DSU - angezogen. Während er sich als Student - unter Pseudonym - publizistisch in einschlägigen Organen wie „Nation Europa“ publizistisch betätigte, war er von 1965 bis 1968 in der CDU (in den Sozialausschüssen!) aktiv. In diese Phase fällt seine Rolle als intellektueller Vorkämpfer einer „Neuen Rechten“, deren Ideen - „Nation Europa“, Sozialismus von rechts, fundiert in rassisch-elitären Kategorien auf der okzidentalen Rationalität -  von der  französischen Nouvelle Droite um seinen Freund Alain de Benoist  inspiriert waren.

 

Nicht ohne Süffisanz – wohl auch als eine Art Rechtfertigung - sah Eichberg rückblickend  in dieser Lebensphase „wenigstens den Gewinn, dass ich im heutigen Schwenk zur linken ‘Verteidigung der okzidentalen Rationalität‘ (bei linksliberalen Protagonisten wie H.-U. Wehler und J. Habermas) meine eigenen Formeln aus der ‘neuen Rechten‘ von 1970 kritisch wiedererkennen kann.“ (5)  Dazu gehörte der Vorwurf an Habermas, dessen „defensive Diskurse zugunsten der ‘modernen‘ Rationalität“ gegen den „Antimodernismus“ der Grünen bedeuteten „im Kern eine (tendentielle) Absage an die Frankfurter Schule“ und deren Einsichten in die fatale „Modernität“ der KZs, in die „Dialektik der Aufklärung“. (6)

 

Vor allem seit dem Aufkommen der Ökologiebewegung Mitte der 70er Jahre bewegte sich Eichberg im links-alternativen Lager. Doch weder mit seiner Vita noch mit seinen Thesen über „nationale Identität“ und „Balkanisierung für jedermann“ - in der ex-maoistischen Zeitschrift „Befreiung“ (7) -  konnte der als Kultursoziologe (zur Soziologie Indonesiens und mit Studien zur Sportsoziologie) habilitierte Eichberg  im akademischen Milieu der alten Bundesrepublik reüssieren. (7a) Er ging 1982 nach Dänemark, wo er - ab 1984 an der Universität Kopenhagen, sodann an der  Süddänischen Universität  (SDU) in Odense -  Sportsoziologie lehrte und sich der linkssozialistischen Socialistik Folkeparti (SF) anschloss. In Dänemark konnte er aus dem – historisch unbelasteten und bis heute lebendigen  - „folkeligen“ Ideengut des Theologen Nikolai F.S. Grundtvig (1783-1872), Begründer der dänischen Volkshochschulsystems, schöpfen.

 

Kollektive Identität -  Ethnopluralismus vs. Universalismus

 

Was war so anstößig an Eichbergs Kategorien und Analysen? Was war rechts, was links, was „alternativ“? Das Verdikt „rechts“ gründete zum einen auf Eichbergs Kritik des „westlichen“ Rationalitätsbegriffs samt der Widerlegung der populären Antithese von „Aufklärung“ und „Romantik“. Zum anderen bedeutete Eichbergs Konzept kollektiver Identitäten – zugespitzt im Begriff „Ethnopluralismus“ -   die Absage an den für die  Kultur (und/oder Zivilisation) des Westens charakteristischen Universalismus - und dessen Pendant Individualismus. „´Identität´ ist stets kollektive Identität, Gemeinsames und Wiedererkanntes. Identität konstituiert sich zugleich aufgrund von Unterscheidung, von Einsicht in das andere, das Fremde und seine Eigentümlichkeit... Die Möglichkeiten, Mensch zu sein, sind vielfältig. Die Vielfalt in ihrer Differenzierung zwischen den Völkern ist schwerwiegender als bei oberflächlicher Betrachtung oft angenommen. Das ist die Grundeinsicht des Ethnopluralismus.“ (8)

 

Dem „Ethnopluralismus“ lag ein „neutraler“ - aus zeitgenössischer Ethnologie (W.E. Mühlmann), Kulturanthropologie (F.S.C.Northrop) und Linguistik (B.L. Whorf) abgeleiteter Kulturbegriff zugrunde. (9) Mit der Kritik an zerstörerischen Konsequenzen des europäischen Universalismus - in dreifacher Ausformung: Christentum, kapitalistischer Liberalismus und altlinker Marxismus – für außereuropäische Kulturen und Lebensweisen setzte sich Eichberg zwischen alle Stühle.

 

Für „alte“ und „neue“ Linke lag die Provokation Eichbergs  nicht allein darin, dass er die antikolonialen Befreiungskämpfe in der „Dritten Welt“, das Wiederaufleben regional-kultureller Selbstbesinnung (e.g. in der Bretagne, in der Occitanie und Korsika oder in Schottland und Wales) – unter sozialistischen Vorzeichen -  sowie die national(istisch)en Tendenzen in der Sowjetunion und im gesamten Ostblock mit „nationaler Identität“ in Beziehung setzte, sondern sich mit dieser Sicht der Dinge in die 1968er-Bewegung einreihte: „Unter der neuen gesellschaftskritisch geschärften Sicht, die unsere Errungenschaft der Jahre um 1968 ist, bricht auch das vorher fest verwurzelte Urteil in sich zusammen, von ethnischer Identität und Differenziertheit (oder von Nationalismus als einem Bewusstsein, das diese Identitätserfahrung politisiert), spreche nur die „Rechte“ - was immer das sei.“ Unter Berufung auf - damals als „links“ eingeordnete - Autoren wie Lothar Baier und Lars Gustafsson proklamierte Eichberg: „Die Grunderfahrung nationaler Identität...ist nicht ´links´; sie ist nicht ´rechts´; sie hat - gerade deswegen - revolutionäre Konsequenzen.“ (10)

 

Kritik des Produktivismus

 

Verständlich wird der Unmut manch linker Kritiker,  wenn sie erkannten, dass er eine authentisch „grüne“, radikal-ökologische Position formulierte, ausgestattet mit den subjektivistischen Begriffen der Alternativszene: Betroffenheit, Identität, Weiblichkeit sowie Kampfbegriffen wie Rassismus und – in Anschluss an den britischen Historiker E.P. Thompson - Exterminismus. Was Eichberg im einzelnen zur Zerstörung eigenständiger Kulturen wie der Inuit (Eskimo), allgemein der vom Industrialismus bedrohten Völker auf der Welt zu sagen hatte, war völlig identisch mit den Aussagen und Protestformen der ökologisch orientierten Linken. Nicht zufällig fand er sich in Dänemark  auf dem Anti-EG-Flügel der damaligen Linken wieder.

 

Eichbergs Essays öffnen – sich thematisch vielfach überschneidend - den Blick auf  teils unbekannte, teils vernachlässigte Aspekte der Geschichte der Aufklärung und des Industriekapitalismus, nicht zuletzt auf die in Völkermord mündende Unterscheidung von „produktiven“ und „parasitären“ Volksgruppen. (11) Dabei klingen Begriffe wie „industrieller Rassismus“, „massakrierender Staat“, „Exterminismus“ u. dergl. in seiner ansonsten  differenzierten Kulturkritik oft allzu grobschlächtig.  Die mehrfach angeführte Suggestion, angesichts der „um Bäume kämpfenden“ Alternativszene handle es sich um eine Form von „Antikolonialismus“ und  Deutschland gehöre somit in gewisser Weise zur Dritten Welt (11a) – einst sakrosankter Begriff der Neuen Linken - , zielte konsequent an der Realität vorbei. Hier machte es sich Eichberg schlichtweg zu einfach. Der Eindruck, bloße Assoziation und aphoristische Gedankensprünge ersetzten zuweilen die Analyse, ist nicht von der Hand zu weisen.

 

Nichtsdestoweniger  formulierte Eichberg Konzepte und Einsichten, die Beachtung verdienen. In eigenwilliger, gleichwohl erhellender Terminologie sprach er von der „Trialektik des Nationalismus“, wobei er den auf Leistung und Expansion gegründeten Produktionsnationalismus, den unter dem Signum des „Verfassungspatriotismus“ firmierenden, realiter uniformierenden „Integrationsnationalismus“ sowie den  nicht eindeutig abgrenzbaren, „soziale Sinnlichkeit“ - und damit Identität - vermittelnden „volklichen Nationalismus“ unterschied. (12) In diesen Kontext stellte er den - demokratietheoretisch so sakrosankten wie kontroversen  - Begriff „Volk“. „Sollte es in der Zukunft einmal eine Theorie der Revolution geben,“ schrieb er 1996, „so wird es eine Theorie des Volkes sein. Das Volk ist ein Begriff des Zwischenraums. Es ist zugleich der Zwischenraum zwischen Staat und Markt, die Basis für Staat und Markt und das Dritte gegenüber von Staat und Markt: die zivile Gesellschaft.“ (13) Der – maßgeblich von Antonio Gramsci stammende, heute omnipräsente und ideologisch aufgeladene - Begriff „Zivilgesellschaft“ erfuhr so eine immerhin plausible Definition.

 

Moralisch eindeutig und unangreifbar sind bis heute Eichbergs Ausführungen über den Menschen-, Frauen- und Kinderhandel mit den Elenden aus der Dritten Welt (heute:  „globaler Süden“). Nicht von ungefähr erregte er  mit Thesen zur Arbeitsemigrantion Anstoß, wenn er der Linken vorwarf, zwar die Inhumanität der „erzwungenen Völkerwanderung“ - ein Begriff des  italienischen Kommunisten Paolo Cinanni (14) - zu beklagen, gleichwohl die Kapitalstrategien samt Manpower-Transfer zu unterstützen. Mehr noch: „Sie [die Linke] half, Deutschland zum Einwanderungsland zu machen, und baute damit am Faschismus von morgen.“ (15) Der „Hinweis auf die Problematik der Ausländerfeindlichkeit [dient] dazu, den Denkprozess abzubrechen. Mit  einer fortgesetzten Diskursverweigerung [über die Inhumanität des Arbeitsemigrantenproblems]  würde sie [die Linke] sich jedoch mitschuldig machen an den Rassismen der Zukunft.“ (16). Insofern Eichberg zu keiner Zeit die Parole „Ausländer raus!“ proklamierte, sind seine Thesen im Blick auf die anhaltenden  Immigrationsströme in die Wohlstandszonen bzw. Arbeitsmärkte der Industrieländer nach wie vor bedenkenswert.

 

Eichberg, befreundet mit Tilman Zülch  (1939 2023), dem Mitgründer und ab 2017 Generalsekretär  der Gesellschaft für bedrohte Völker International (GfbV), trat ausdrücklich für das Asylrecht ein: „Was [bei der unbedachten Immigrationspraxis] auf der Strecke bleibt, ist zum einen das Asylrecht, also ein grundlegendes Menschenrecht, das in die Schere zwischen Arbeitskrafttransfer und Fremdenfeindlichkeit gerät. Zum anderen geraten die Möglichkeiten in Gefahr, die Fremden als Bereicherung der eigenen Alltagskultur zu erfahren.“ (17)

 

Identität als kultureller Mutterboden

 

Eichberg säte nicht nur Unruhe in dem mit rationalistschen Begriffen zurechtgestutzten Barockgarten der Politikwissenschaft, sondern verschob mit ethnologischem und historischem Faktenmaterial die Perspektiven der auf die „Moderne“ fixierten Historie. Wo er eindimensionale Bewusstseinskategorien -  die historisch-zeitliche Linearität, die Zweckrationalität des Industriekapitalismus, die Arroganz westlichen Denkens gegenüber anderen Bewusstseinsformen, nicht zuletzt gegenüber den „Primitiven‘  - in Frage stellte, bewegte er sich  auf der Höhe der von Michel Foucault und Gilles Deleuze inaugurierten „postmodernen“, kulturrelativistischen Wissenschaftstheorie.

 

Wie steht es mit Eichbergs zentralem Begriff „Identität“ als positivem Gegenpol zum entfremdenden Getriebe der industrialisierten – heute: digitalisierten - Welt? Bei seinen definitorischen Annäherungen an den - ursprünglich von Erik H. Erikson für die Psychoanalyse etablierten - Begriff  „Identität“ vermeidet Eichberg harte Antithesen: Identität sei weder ein vom (männlich determinierten) Kollektiv vorgegebener Integrationsrahmen noch ein vom individuellen Ich (im Sinne der Individualpsychologie), d.h. vom autonomen Subjekt angeeigneter, gegenüber anderen Individuen abgegrenzter psychologischer Besitzstand. „Die individuelle Identität ist eine lineare, maskuline, industriebürgerliche Fiktion... Wenn die Identitäten überhaupt eine Erfahrungsbasis haben dann eine kollektive: Hierher gehöre ich und dorthin nicht.“ (18)

 

Für Eichberg ist der Identitätsbegriff  gefüllt mit kollektiv-kulturalen Inhalten, aber ein Begriff mit offenen Grenzen. Er orientiert sich einerseits am Strukturbegriff der modernen Ethnologie bzw. Kulturanthropologie, andererseits an den von Rousseau abgeleiteten deutschen Denktraditionen Herders, Fichtes - und des skurrilen „Turnvaters“ Jahn. Deren auf universale Humanität zielenden Ausdeutungen des „Volksgeistes“ außerhalb Deutschlands seien  wissenschaftlich fruchtbar zu machen. (19) Der wesentliche Bestimmungsfaktor dieser kulturalen Identität ist für Eichberg - im Anschluss an Herder – die Sprache, genauer: die Muttersprache als „weibliches“ Medium der Selbstdefinition. Er betont zudem das der Sprache korrelierte Identitätsmerkmal der Körpersprache: In Sprache und Gestus, Gesang,  Sport und Spiel finden kulturspezifische Identitäten ihren Ausdruck.

 

Der Eichbergsche Identitätsbegriff  ist -  wie allgemein bei ethnologischen Modellen à la Claude Lévy-Strauss zu beobachten – stark an der  statischen Substanz von Kulturen orientiert. Ungeachtet der behaupteten Offenheit des Begriffs negiert er weithin die historisch geprägten  Eigenheiten kultureller Bewusstseinsformen.  Die Gefahr, sprachlich-kulturelle Identität als einen abgegrenzten Besitzstand der in-group zu begreifen, als eine Art Involut mit autistischen Zügen, ist nicht von der Hand zu weisen. Hieran jedoch die Suggestion zu knüpfen, Eichberg habe eine Apartheid-Ideologie vertreten, wäre eine abwegige, ja böswillige Interpretation.

 

Kritik verdient Eichbergs Kulturbegriff, wo er die historische Genese sowie den Wandel  historisch geformter Identitäten zu wenig berücksichtigt. Ungeachtet seiner Betonung spezifischer, etwa regionaler Eigenheiten kommen bei ihm andere, kulturell (und politisch) wirksame Traditionen wie die des protestantischen Pietismus  – Eichberg entstammte einer schlesischen Pfarrerfamilie - oder eines dogmenfesten Katholizismus nicht zur Sprache. Immerhin bewahrten im spanischen Kolonialreich -  bis zum Verbot des Jesuitenordens  durch den aufgeklärt-absolutistischen König Karl III. 1768 - die Jesuiten in den „Reduktionen“ von  Paraguay  die indigenen Guaranis – unter einem strengen Regime - vor Menschenjägern und kolonialer Ausbeutung.

 

Nationale Identität ohne deutsches Trauma ?

 

Seine Reflexionen zum Thema „jüdische Identität“ - belegt  mit Zitaten von Moses Hess, Martin Buber (20), Robert Jungk u.a. - weisen Eichberg als sensiblen Beobachter aus. In diesem Kontext findet jedoch m.E. das zentrale deutsche Identitätsproblem zu wenig Berücksichtigung: die negative“ Identität der Deutschen, das „Deutschsein“ angesichts der NS-Vergangenheit.

 

Das deutsche Geschichtstrauma, der Verlust an deutscher Unbefangenheit –  nicht identisch mit dem vom linksliberalen, postprotestantischen  Kulturbetrieb von Mal zu Mal genährten Begriff der „Kollektivschuld“ - wurde von Eichberg als Thema nicht explizit aufgegriffen. So bleiben seine Ausführungen zum Themenkomplex „Auschwitz“ letztlich unbefriedigend. Dies umso mehr, als er  – hier aus dem Munde seines Kronzeugen,  des Lakota-Sioux Vine Deloria  (1933-2005)  - das Erschrecken der Deutschen über sich selbst geradezu ins Bewusstsein hebt. Deloria argumentierte  mit dem berühmten Zitat Heinrich Heines: „Das Christentum - und das ist sein schönstes Verdienst  - hat jene brutale Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter so viel singen und sagen. Jener Talisman ist morsch, und kommen wird der Tag, wo er kläglich, zusammenbricht; die alten steinernen Götter erheben sich dann aus dem verschollenen Schutt, und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen, und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome.“ (21) Das auf den vormärzlichen Radikalismus gemünzte Dichterwort diente Vine Deloria -  wie schon manch anderem  Interpreten des deutschen Kulturzusammenbruchs - zum Beleg für die letztendlich im Barbarischen verwurzelte „Identität“ der Deutschen.

 

Zweifellos war sich Eichberg der bedrückenden Aspekten deutscher Identität bewusst. Er vereinfachte jedoch die Problematik, wenn er auf die Dialektik der Aufklärung verweist und den Holocaust nur mit der mörderischen Eindimensionalität des Industrialismus bzw. des massakrierenden Staates erklärt. Die – trotz aller Einordnung in die Geschichte der  europäischen Judenfeindschaft - quälende Frage, warum „le massacre des juifs“ (so der programmatische Titel einer Schrift des Antisemiten Paul Céline) gerade von Deutschland aus in Form des industriellen Mordes organisiert wurde, blieb in seinen Reflexionen ausgespart. Der folgende Satz ist nicht falsch, aber zu plakativ: „Die rauchenden Ofen von Auschwitz bezeichneten zugleich die Niederlage eines linken Denkens [in Bezug auf die Realität jüdischer Identität], das an (mörderischen) Realitäten vorbeiging - und sie damit ermöglichte.“ (22)

 

Nationalismus und “Abkoppelung“

 

Zu Zeiten der deutschen Teilung schreckte  Eichberg nicht davor zurück, die „nationale Frage“ unter dem Begriff des Nationalismus zu stellen. Seine Ausführungen zur historischen Topographie des Nationalismus als eines Phänomens der letzten 200 Jahre weisen ihn als profunden Kenner der Materie aus.(23) Er korrigiert die geläufige Vorstellung, der moderne Nationalismus sei erst mit der Massenmobilisierung der Französischen Revolution in die moderne Geschichte eingetreten und habe die entsprechende romantisch-kollektivistische Reaktion in Deutschland und anderswo gezeitigt. Eichberg ortet – ohne Bezug auf Rousseau (23a) - den demokratisch-republikanischen Nationalismus erstmals im nationalen Freiheitskampf Korsikas gegen die Genueser sowie die französischen Invasionstruppen (1755-1768). Sodann exemplifiziert er das Phänomen an vielerlei Erscheinungsorten, in oft gegensätzlicher Ausprägung als Integrationsnationalismus, als bürgerlicher Produktionsnationalismus, als demokratisch-radikaler „volklicher Nationalismus“ sowie in seinen Metamorphosen und Überlappungen.

 

Wer weiß heute noch  (oder will heute noch wissen), dass auch die deutsche Arbeiterbewegung in den 1860er Jahren, hervorgegangen aus der Revolution von 1848, ihren Aufschwung über die nationale Frage nahm? Dem anti-etatistischen, egalitären Nationalismus spürte Eichberg im Anarchismus Michail Bakunins und im demokratisch-kulturrevolutionären Denken des Dänen N.F.S. Grundtvig nach. Seine eigene Position eines dem kulturellen Anarchismus verwandten Nationalismus, der sich allen Einebnungsversuchen des staatlichen Organisationsapparates sowie der expansionistischen Industriekomplexe widersetzt, begründet er aus dieser Tradition einschließlich der Begriffe des „Volksgeistes“ - unter Bezug auf  Herder, nicht auf Hegel – sowie des Jahnschen „Volkstums“. (24)

 

Mit diesem Begriffs-  und Ideenarsenal rückte Eichberg der „neuen“ nationalen Frage der Deutschen zu Leibe - der Frage nach der nationalen Identität der Deutschen im politischen Niemandsland des Kalten Krieges. Ihm ging es seinerzeit nicht mehr um die staatliche „Wiedervereinigung“ der zwei bzw. drei deutschen Staaten, sondern um „Abkoppelung“. Mit diesem von linken Theoretikern wie Dieter Senghaas für die Dritte Welt empfohlenen Begriff proklamierte er die Loslösung von den fremdbestimmenden Blockstrukturen, sowie von den ökonomisch-industriellen sowie staatlich-bürokratischen und staatlich-militärischen Machtkomplexen.

 

Blieb die radikal klingende Losung nicht politisch folgenlos? Konsequenzen aus seiner Proklamation  vermied Eichberg. Sie waren  auch - trotz mancher  Polemik gegen die amerikanische Hegemonialmacht - aus seinem hier diskutierten Identitätsbegriff nur indirekt abzuleiten. Der Vorwurf, es habe sich um eine Absage an die Realität gehandelt, liegt nahe. Denn an keinem Punkt seines „linken“ antimodernistischen Radikalismus näherte sich Eichberg der Ebene realen politischen Handelns. Das Beharren auf kultureller Eigenständigkeit, die Absage an Besetzung und Fremdbestimmung durch amerikanische McDonald‘s-Kultur und multinationale Konzerne, die Aufkündigung jeglicher staatsbürgerlicher und ideeller Loyalität gegenüber einem der – bis 1989/90 existierenden - drei deutschen Staaten und der Betonung der – immerhin auch in der österreichischen Verfassung benannten  - Zugehörigkeit Österreichs zur deutschen Kulturlandschaft handelte sich der Autor nur einige zusätzliche Feinde ein. All das bedeutete  eine intellektuelle, ästhetisch-emotionell und historisch-moralisch legitime Grenzüberschreitung, aber sie vermittelte keine realitätsorientierte politische Praxis.

 

Identität als bleibendes Thema

 

Hat  sich in der Gegenwart,in der seit Jahrzehnten anhaltenden massiven Einwanderung aus aller Welt, vor allem aus dem islamischen Raum, nach Deutschland und Westeuropa,-  Henning Eichbergs um „nationale Identität“ kreisendes Denken erübrigt?  Seine Aktualität beweist der Begriff im Ukrainekrieg, wo nationale Identität – als nationale Selbstbehauptung auf Seiten der Ukraine, als imperiales Selbstverständnis auf der russischen – eine zentrale Rolle spielt.

 

Hierzulande bleibt „nationale Identität“ – nicht erst seit dem Aufstieg der AfD -  in die rechte Ecke verbannt.(25) Gleichwohl: Sofern der Begriff im tieferen Sinn auf ethnisch-kulturelle Identität zielte, erweist sich Eichbergs Ansatz in mancherlei Hinsicht nach wie vor als analytisch taugliches Instrument. Gerade im Zeichen von „Vielfalt“ oder „Buntheit“ kommen ethnisch-kulturelle bzw. ethnisch-religiöse Differenzen zur Geltung, die mit der Beschwörung verbindlicher demokratischer „Werte“ sowie gesellschaftlich bereichernder „Multikultur“ nur verdeckt werden – ein politisches Tabuthema. Mehr noch: Parallel zur Bevölkerungsentwicklung werden – entgegen dem Konzept politisch-sozialer  Integration – in  Zukunft divergierende Prägungen im Raum des Politischen ihre Wirkung entfalten.  Einen Vorgeschmack erleben wir derzeit in deutschen Städten und anderswo ausgetragenen Auseinandersetzungen um den Gazakrieg.

 

Unter diesen Auspizien gewinnen Identitätsfragen nicht nur für „ethnische“ Deutsche, sondern auch für sich als „Deutsche“ empfindende Menschen unterschiedlicher Herkunft, eine zunehmende Bedeutung. Der  Zivilisationsbruch im Nationalsozialismus wird die Deutschen – anders als  Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund -  noch über Generationen hin in ihrer Identität belasten und prägen – ein psychologisches Moment mit politischen Konsequenzen.

 

Eichberg entzieht sich dem linken Feindbild. Ihn unter Faschismusverdacht zu stellen und  aus den „Diskursen“ auszugrenzen, war ein allzu billiges Verfahren. Wer heute – im permanenten „Kampf gegen rechts“ -  diesen Holzhammer hervorholt, verfügt nicht über die ästhetische — und artifizielle — Sensibilität, mit der Eichberg sich 1981 der in Beton konkretisierten Identitätsspaltung der Deutschen näherte.  (26)  

 

Nur wenige Jahre später bestätigte der Fall der Mauer Eichbergs historisches Sensorium: „Die Revolution war, wie jede Revolution seit dem Anbruch der Moderne, eine nationale Revolution – insofern sie auf die Veränderung einer nationalen Lage zielte und diese bewirkte. Zugleich hatte sie, wie jede bisherige Revolution, einen internationalen Horizont. Der Aufruhr des Volkes wälzte Osteuropa, Mittelasien und Südafrika (27) um. Der  Zusammenbruch staatsmonopolistischer Systeme und rassistischer bzw. imperialistischer Regimes setzte das Volk – Ethnos und Demos – als revolutionäre Größe erneut auf die Tagesordnung.“ (28) Eichberg erinnerte an den „Aufruf zur Einmischung“, in dem DDR-Bürgerrechtler von „Demokratie jetzt“ am 12. September 1989 von „einer neuen Einheit des deutschen Volkes in der Hausgemeinschaft der europäischen Völker“ sprachen. „Sie sprachen von deutscher Einheit, als die westdeutschen Parteien von der CSU bis zu den Grünen noch nichts davon wissen wollten.“ (29)

 

Der Mauerfall bewies zum einen die Kontingenz von Geschichte, zum anderen brach für einen historischen Augenblick die kollektive Freude eines Volkes hervor. Der Regierende Bürgermeister Walter Momper sprach aus, was er wie viele andere damals empfand: „Die Deutschen sind heute das glücklichste Volk der Welt.“ Als dem noch unsicheren Kurs seiner Partei (SPD) verpflichteter Politiker schloss er im selben Satz den Gedanken an eine staatliche Wiedervereinigung aus. Doch wenige Tage später,  während die linksliberale Intelligentsia in degoutiertem Ton von der „Euphorie“ des ungeliebten Volkes sprach,  durchbrach Willy Brandt  mit den provokativen Worten „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ das Verdikt und öffnete als linker Patriot den Weg hin zur deutschen Einheit 1989/90.

 

Heute, viereinhalb Jahrzehnte nach der „von unten“ - von den Deutschen in der DDR - angestoßenen Neuvereinigung der zwei  Teilungsstaaten, wird der im Grundgesetz als Souverän benannte Begriff „Deutsches Volk“ von Verfassungsschützern als „rechts“ in die Verdachtszone gerückt.  Ein ethnisch-kultureller Volksbegriff widerspreche dem Geist der Verfassung. Das „Volk“ der Bundesrepublik konstituiere sich allein aus  der – dank mehrfacher Änderung des Staatsbürgerrechts immer leichter zu erwerbenden – Staatsbürgerschaft.

 

Man glaubt, mit dieser Neuinterpretation des  Grundgesetzes der Realität der „modernen“ Einwanderungsgesellschaft Rechnung zu tragen. Der ideologische Schwachpunkt dieser Argumentation liegt in der mit „den Deutschen“ assoziierten, auf „ unsere Geschichte“, d.h. auf den Holocaust, bezogenen politischen Bildung. Das Fach Geschichte als Erfahrungsfeld, das viele Fragen bezüglich menschlicher Existenz eröffnet – ohne fertige Antworten zu liefern -, wird in den Lehrplänen der Schulbürokratie zusehends herabgestuft.

 

In  Deutschland und in den westeuropäischen Staaten  treten die Widersprüche  einer ahistorischen – am fiktiven Gesellschaftsvertrag orientierten -  Demokratietheorie offen zu Tage. Demos und Ethnos – genauer der Plural: Ethnien – treten in vielen Ländern Europas längst auseinander. Im Zuge der Bevölkerungsentwicklung könnte sich die qua „Verfassungspatriotismus“ zu gewährleistende „Integration“ als Wunschvorstellung erweisen. Der als demokratiefeindlich („rechts“) inkriminierte Begriff „Ethnopluralismus“ beschriebe die gesellschaftliche Wirklichkeit, wie sie in Westeuropa empirisch vorzufinden ist.Gerade in der unter der Parole „Vielfalt“ gepriesenen multikulturellen, genauer: multiethnischenGesellschaft gewinnt das Thema „Identität“  (Wer bin ich? - Wer sind wir?) unbeabsichtigt erhöhte Aktualität. (30)

 

Eichbergs Denken – eine Mischung aus Kulturgeschichte, Kultursoziologie, Sprach- und Verhaltensforschung - beschrieb  einen bedeutsamen Faktor im vorpolitischen Raum. Was heißt das anno 2026 für „unsere Demokratie“? Angesichts eines den „mündigen Bürger“ mediatisierenden Parteienstaats, der mit „demokratischen Defiziten“ ausgestatteten Strukturen  EU sowie einer politisch ungewissen Zukunft wäre es lohnend zu erkunden, wie viele ethnisch-deutsche Zeitgenossen heute eine apolitische Verweigerungshaltung bevorzugen -  als psychologischen Fluchtweg aus beschädigter deutscher Identität.

 

 

Anmerkungen:

 

1) Zur „deutschen Frage“ als politischem Kern des Anti-Raketen-Protest s. Dan Diner: „Die ´nationale Frage´ in der Friedensbewegung. Ursprünge und Tendenzen“, in: Reiner Steinweg (Hrsg.): Die neue Friedensbewegung, Frankfurt/M. 1982, S. 86-112

 

2) Henning Eichberg: Nationale Identität. Entfremdung und nationale Frage in der Industriegesellschaft, München-Wien 1978; ders.: Abkoppelung. Nachdenken über die neue deutsche Frage,  Koblenz 1987; ders.:  Die Geschichte  macht Sprünge. Fragen und Fragmente, Koblenz 1996.

 

3) „Über den gesellschaftlichen Ort der Revolution. Stichworte zur Einleitung“, in: Die Geschichte macht Sprünge, S. 9

 

4)  „Von der alten zur neuen deutschen Frage: Veränderlichkeit, Identität, Betroffenheit“, in: Abkoppelung, S. 23-26. Zu Eichbergs Biographie und Werk s. Peter Brandt: „Nachruf auf einen originellen Denker“, in: Globkult 23.06.2017, https://globkult.iablis.de/geschichte/personen/1195-nachruf-auf-einen-originellen-denker

 

5)  „Von der alten zur neuen deutschen Frage“, in: Abkoppelung, S. 25f.

 

6) Ebda.,  S. 12.

 

7) „Balkanisierung für Jedermann“, in: Befreiung 19/20/1980, S. S. 46-69, hier in: Abkoppelung, S.117-107-149.   Zu einer Replik und frühen Kritik  an Eichbergs  Ansatz  - s. Herbert Ammon — Peter Brandt, “Wege zur Lösung der deutschen Frage — emanzipatorischer Anspruch der Linken unter dem Zwang zur Realpolitik“, in: Befreiung 21/1981, S.42.

 

7a) Immerhin fand er kritische Anerkennung bei Sozialdemokraten wie Peter Glotz. Aus Eichbergs Feder stammt der Beitrag „“Freidenkerbewegung“ in: Lexikon des Sozialismus (hrsg. v. Thomas Meyer u.a.), Köln 1986, S. 182f.

 

8) „Von der Eigentümlichkeit des anderen“, in: Nationale Identität, S. 7                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    

 

9) Ebda., S. 11, 13

 

10) Siehe Eichbergs Ausführungen in: „Verteidigung der Kultur oder Befreiung der Kulturen?“, in: Nationale Identität, S.15-38, mit einer Definition seines Kulturbegriffs S. 34, Anm.1. Spezifische Brisanz bergen die Sätze: „Es gibt keine ´wahren´Aussagen von ontologischer Gültigkeit. Alle Ontologien – seien es christliche oder marxistische _Systeme – bedrohen als totalitär unsere kulturelle Freiheit.“ (Ebda., S. 34.) Als Kronzeuge dient u.a. Bertrand Russell („Warum ich kein Christ bin“, dt.1970. Differenzierte Kritik an westliche Kulturexport formuliert Eichberg in dem Aufsatz „Entwicklungshilfe: Verhaltensumformung nach europäischem Vorbild“, ebda., S. 39-86.

 

11) Seinen Aufsatz „´Produktive´ und ´Parasiten. Industriegesellschaftliche Muster des Volksgruppenmordes“, in: Die Geschichte macht Sprünge, S. 89-96, belegt Eichberg mit  eindrucksvollen Zitaten. Sprach Thomas Jefferson noch von der durch „unsere eigenen Bürger, die Pioniere des Fortschritts der Zivilisation“ zu überwindenden  Rückständigkeit der Indianer, so schrieb der amerikanische Jurist (bei Eichberg „Historiker) und spätere Gouverneur von Massachusetts James Sullivan anno 1795, „die Ausrottung der indianischen Rasse“ werde „zur Vermehrung der Menschheit und zur Förderung des Glücks und des Ruhms der Welt beitragen...“. Der Frühsozialist Alphonse Toussenel bezeichnete Juden als „unproduktive Parasiten, die von der Substanz und Arbeit anderer leben“. Ähnlich schrieb Pierre-Joseph Proudhon über die Juden als „Parasitenrasse“. Eben diese Begriffe füllten die Rassenideologie Hitlers und des Nationalsozialismus. Noch lange in der Nachkriegszeit wurde in West und Ost die Existenz der Sinti als „parasitär“ betrachtet.

 

11a)  z.B. in: „Postkoloniale Ausblicke: Der islamische Schleier kommt wieder. Liegt Deutschland in der Dritten Welt“, in: Abkoppelung,, S. 206f.

 

12) „Von der alten zur neuen deutschen Frage“, in: Abkoppelung, S.19-23. Die in einem Diagramm dargestellte „Trialektik“ auf S.22.

 

13) Siehe „Über den gesellschaftlichen Ort der Revolution“, in: Die Geschichte macht Sprünge, S.12. Zur Kritik des Begriffs „Zivilgesellschaft“ s. Herbert Ammon: „Politische Semantik. Zur Durchsetzung von Begriffen im herrschenden Diskurs“,https://www.globkult.de/gesellschaft/projektionen/472-politische-semantik-zur-durchsetzung-von-begriffen-im-herrschenden-diskurs

 

14) https://it.wikipedia.org/wiki/Paolo_Cinanni

 

15) „Zur Selbstbefragung der Linken. 7. Desiderate: Was hindert uns eigentlich daran, wir selbst zu sein?“, in: Abkoppelung, S. 157.

 

16) „Von der alten zur neuen deutschen Frage“, in: Abkoppelung, S 11

 

17) Ebda., S. 10f.

 

18) „Identität und Betroffenheit. Im Gespräch mit Deutschland kann ich nur noch stammeln. Oder: Abschied vom Vaterland“, in: Abkoppelung, S.193.

 

19) Siehe Eichbergs Hinweis auf einen in Libyen gehaltenen Vortrag des Historikers B.A. Hussainmiya aus Sri Lanka „Heritage or Volksgeist“ (1983), in: „Fragen an das deutsche Niemandsland“, in: Abkoppelung, S. 210.

 

20) „Dialogische Identität. Über Martin Buber“, in: die Geschichte macht Sprünge, S. 43-52

 

21) Vine Deloria, als Theologe und Jurist Vorkämpfer des AIM (American Indian Movement), verwendet das berühmte Heine-Zitat aus „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ (1835) in dem Buch »Gott ist rot. Eine indianische Provokation«, München 1984, S. 95-97. Eichberg zitiert aus diesem Buch in:  „Fragen an das deutsche Niemandsland“, in: Abkoppelung, S. 211f., 215, Fn 3. h. -   Zu Vine Deloria s. https://en.wikipedia.org/wiki/Vine_Deloria_Jr.#Academic_career. Als Fußnote zum Identitätsthema sei erwähnt, dass in den 1970er Jahren die Aktivisten der Indigenen-Bewegung  noch die Selbstbezeichnung „Indian“ (für Indianer) gebrauchten.

 

22) „Zur Selbstbefragung der Linken...“, in: Abkoppelung, S. 155

 

23) in: „Nationalbewegung. Über die Entstehung einer Identifikation im Prozess der Demokratisierung“ , in: Abkoppelung, S. 93-116,  sowie  in seinem “Balkanisierungs“-Aufsatz (Fn. 7)

 

23a) Im „Contrat social“ (1762) schrieb Rousseau: „ „Es gibt noch ein Land in Europa, das in der Lage ist, Gesetze zu erhalten, und das ist die Insel Korsika.“ Von Rousseau stammt der Entwurf einer Verfassung für Korsika, der aber wegen der französischen Invasion 1768 wirkungslos blieb.

 

24)  „N.F.S. Grundtvig und Friedrich Ludwig Jahn“, in: „Die Geschichte macht Sprünge, S. 33-42.

 

25) Inwieweit sich die Bewegung der „Identitären“ aus den Schriften Eichbergs bedient, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

26) „Von der alten zur neuen deutschen Frage...“, in: Abkoppelung sowie, „Ansichten des Limes. Zur Archäologie der Fremdherrschaft“, ebda. 37-50

 

27)  Nach dem Ende Apartheid in Südafrika wurde noch unter der Präsidentschaft des Freiheitskämpfers  Nelson Mandela auf der St. Georges Mall  in Kapstadt ein Stück der Berliner Mauer aufgestellt.

 

28) „Über den gesellschaftlichen Ort der Revolution“, in: Die Geschichte macht Sprünge, S. 7.

 

29) Ebda.

 

30) Siehe dazu Herbert Ammon: „Die Schlacht um den Begriff ´Volk´“ in: Die Achse des Guten v. 05.04.2024, https://www.achgut.com/artikel/die_schlacht_um_den_begriff_volk/P42

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