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Köpping behauptet, der Westen habe sich einer »billigen Konkurrenz entledigt.« (S.23) In westdeutschen Kaufhäusern waren ostdeutsche Produkte tatsächlich »billig«, aber nur bis zur Währungsunion. Danach waren sie unverkäuflich teuer. Denn wenn die reine Binnenwährung Ost-Mark durch die konvertible Währung D-Mark ersetzt wurde, mussten Lohn und Material in West bezahlt werden. Solange man im Durchschnitt 4,5 Ostmark für den Erwerb einer D-Mark einsetzen konnte, ließ sich der Produktivitätsunterschied von 1:3 mit Gewinn kompensieren. Als aber die Ostmark abgeschafft wurden, stiegen beim Westexport die Lohn- und Materialkosten von einem Tag auf den anderen logischerweise auf das Vierfache. Das verkraftet keine Volkswirtschaft der Welt. Ostdeutsche Produkte waren nach der Währungsunion in Ost und West nicht billiger, sondern teurer als die westdeutschen.

Die Behauptung, ostdeutsche Betriebe seien so, wie sie im Juli 1990 nach der Währungsunion aufgestellt waren, eine gefährliche Konkurrenz gewesen, wenn sie nicht von der Treuehand zerschlagen worden wären, ist einfach falsch. Bei Konsumgütern war doch offensichtlich, dass sie gegenüber den Westwaren in den Augen der Ostdeutschen das Nachsehen hatten. Man kaufte lieber einen gebrauchten Westwagen als einen neuen Trabant, den es nun ohne Wartezeit gab. Gefährlich werden konnten aber westdeutschen Unternehmen durchaus durch die Treuhand transformierte Ostbetriebe, die durch Investitionen und Erhöhung der Arbeitsproduktivität zu Weltmarktpreisen verkaufen konnten. Das sahen manche westdeutsche Unternehmen tatsächlich als Gefahr: die Treuhand füttert uns Konkurrenten an. Aber die Treuhand wusste von dieser Gefahr und ist ihr, wo sie das gemerkt hat, begegnet. Sehr bald wurden deshalb in die Kaufverträge Konventionalstrafen bei eigenmächtiger Reduktion der zugesagten Beschäftigungszahlen und Investitionssummen aufgenommen. Also: dass westdeutsche Unternehmen um »Marktbereinigung« bemüht waren, das gab es durchaus. Dass die Treuhand und die Politik solche Marktbereinigung bewusst und gezielt gefördert oder geduldet habe, stimmt jedenfalls grundsätzlich nicht. Die Interessen westdeutscher Unternehmen, der Treuhand, der Bundesregierung und der östlichen Landesregierungen waren durchaus verschieden. Nach Köppings Darstellung zogen sie alle an demselben Strick, wie das Verschwörungstheoretiker so zu sehen pflegen. Köpping vervollständigt ihr Bild vom armen Ostdeutschen, der über den Tisch gezogen wird, indem sie auch noch die Gebrauchtwagenhändler mit überzogenen Preisen und die Haustürhändler mit unnötigen Versicherungen in denselben Topf wirft. Dass Ostdeutsche ihre Gebrauchtwagen sowjetischer Produktion (Lada) sowjetischen Offizieren zu überhöhten Preisen verkauft haben, sich an illegalen Transferrubelgeschäften bereichert, beim Staats- und Parteienvermögen hingelangt und bei der Umwandlung von LPGs ihre Mitgenossen über den Tisch gezogen haben, das soll wahrscheinlich nicht in der Wahrheitskommission aufgeklärt werden. Es würde das Bild vom Ostdeutschen als traumatisiertem Opfer trüben. Gauner gibt es immer und überall. Dass aber Treuhand und Regierung bewusst eine Politik der Benachteiligung Ostdeutschlands betrieben oder gar bewusst Gaunereien befördert haben, bestreite ich, weil ich keine Belege dafür gesehen habe. Auch hier gilt: die Schuld muss man beweisen, nicht die Unschuld. Hörensagen ist kein Beweis, sondern oft bloß Klatsch.

Für ihre Behauptung, bei gutem Willen hätten viele DDR-Unternehmen erhalten werden können, beruft sich Köpping erstaunlicherweise auf Hans-Werner Sinn. Er behauptet das tatsächlich, knüpft es aber an eine Bedingung, die Köpping überlesen oder nicht verstanden hat: »wenn man eine ganz andere Lohnpolitik gemacht hätte.« (S.44f.) Da hat er recht. Zu Löhnen wie in Bangladesch hätte die ostdeutsche Textilindustrie überleben können. Allerdings hätte niemand im Osten zu DM-Löhnen unter Sozialhilfeniveau gearbeitet. Damit sie nicht weglaufen, hätte man sie wieder einmauern müssen. Das verbot aber das Grundgesetz.

Es hat im Bundestag drei Untersuchungsausschüsse zu Schalck-Golodkowkis KoKo und zur Treuhand gegeben und weitere in Landesparlamenten. In dem exklusiv der Treuhand gewidmeten 2. Untersuchungsausschuss des Bundestages sind auf über 500 Seiten viele Fälle dokumentiert, in denen die Treuhand nicht korrekt gearbeitet habe. Das heißt: Mitarbeiter sind in diesen Fällen dem Auftrag der Treuhand, möglichst große Teile der ostdeutschen Wirtschaft überlebensfähig zu machen, durch mangelnde Sorgfalt oder auch Übereilung nicht nachgekommen. Ein gerechtes Urteil müsste allerdings die Anzahl dieser Fälle prozentual ins Verhältnis setzen zu allen von der Treuhand behandelten Fällen. Köpping erhebt fast den entgegengesetzten Vorwurf: die Treuhand habe den geheimen Auftrag gehabt, lästige Ostkonkurrenz zu beseitigen. Dergleichen Vorwürfe werden der Treuhand in den Abschlussberichten der Untersuchungsausschüsse aber nicht gemacht. Lediglich im Sondervotum der Gruppe der PDS findet sich diese Tonart, das übrigens gleich mit dem SED-Märchen beginnt, die DDR sei eine der führenden Industrienationen der Welt gewesen und deshalb könne ihre Industrie gar nicht so schlecht gewesen sein, wie sich aus dem Ergebnis der Treuhandarbeit zu ergeben scheint. Immerhin zählt das Sondervotum der PDS – anders als Köpping – einige Schwächen und Mängel der DDR-Wirtschaft auf. Selbst die PDS erinnerte sich 1994 noch genauer daran als 25 Jahre später der Zeitungsleser.

Zur Treuhand führt Köpping in ihrem Buch nur zwei konkrete Beispiele an. Am ausführlichsten geht sie auf die Margarethenhütte in Großdubrau ein. Sie erzählt: die Margarethenhütte habe sehr erfolgreich Hochspannungsisolatoren aus Porzellan produziert und zu 80 Prozent exportiert, auch in den Westen. Sie verfügte über moderne Maschinen aus der Schweiz. »Plötzlich hieß es aber über Nacht, der Betrieb müsse geschlossen werden. Es wurde behauptet, alles sei völlig veraltet und marode. Doch das ist nicht alles: Die damaligen Ingenieure erzählten mir, wie nachts die wichtigsten Betriebsunterlagen und Porzellan-Rezepturen sowie die letzten Mitarbeiterlöhne samt Tresor weggeschleppt wurden. Ich kann nur wie die ganze Belegschaft vermuten: das geschah zugunsten der Konkurrenz.« Und niemand hat die Kripo gerufen, als das letzte Gehalt gestohlen wurde?

Köppings Erzählung folgt einem Stereotyp, das auch von anderen Stilllegungen so erzählt wird. Westdeutsche kauften Ostunternehmen und machten sie platt, um sie als Konkurrenz auszuschalten. Die Maschinen und die vollen Auftragsbücher nahmen sie mit. So haben sich westdeutsche Unternehmen am Volkseigentum bereichert. Und deshalb stieg damals die Zahl der West-Millionäre. Die Story ist verbreitet, aber in keinem Falle unanfechtbar belegt – abgesehen von Kriminalfällen, bei denen die Staatsanwaltschaft tätig wurde. Aus dem Munde einer Ministerin haben wir jene Story bisher allerdings nicht gehört. Sie galt bisher nicht als seriös.

Köppings Erzählung lässt sich überprüfen. Bündnis 90 hat nämlich 1992 an die Bundesregierung eine Große Anfrage zur Margarethenhütte gerichtet, die diese auf neun Seiten beantwortet hat. Wer »Margarethenhütte« bei Google eingibt, bekommt sie präsentiert.

Die Schließung der Margarethenhütte hatte demnach überhaupt nichts zu tun mit Verkauf, Privatisierung oder westdeutscher Konkurrenz. Sie wurde auch nicht von der Treuhand veranlasst. Denn die Margarethenhütte gehörte zum »VEB Keramische Werke Hermsdorf«, aus dem 1990 »Keramische Werke Hermsdorf – Tridelta AG« wurde, mit insgesamt 19 Standorten, davon drei für Elektrokeramik. Bis zur Währungsunion war das ein sehr erfolgreiches DDR-Unternehmen, das sogar den Börsengang vorbereitete. Zu dem Zweck wurde eine Standortkonzentration vorgenommen. Aber seit der Währungsunion kam es zu massiven Einbrüchen im Absatz. Der Börsengang musste aufgegeben werden, weil die Banken bei defizitärer Bilanz nicht mehr mitzogen. In der Antwort der Bundesregierung heißt es: im Dezember 1990 »wurde einvernehmlich mit den Arbeitnehmern im Aufsichtsrat und dem Betriebsrat der ›Margarethenhütte‹ der Stillegungsbeschluss gefasst«, der dann im Mai 1991 (und nicht über Nacht) vollzogen wurde.

Wie gesagt erzeugte die Währungsunion für ostdeutsche Produkte ein Preisproblem, das sich als Rückgang des Absatzes seit dem 2.7., oft mit einer gewissen Verspätung, bemerkbar machte. Insofern waren volle Auftragsbücher vor der Währungsunion gar kein Beweis dafür, dass das nach der Währungsunion so weiter geht. Köpping verschweigt das Preisproblem und behauptet stattdessen, man habe plötzlich behauptet, die Maschinen seien Schrott. Das war zwar tatsächlich in vielen Fällen der Fall, aber eben nicht immer, in der Margarethenhütte wohl nicht. Aber auch neuere Maschinen waren keine Garantie für weltmarktfähige Preise, denn die Arbeitsproduktivität wird noch von anderen Faktoren massiv beeinflusst. Indem sie eine absurde und manifest falsche Begründung für die Schließung unterstellt, erscheint die Schließung als willkürlich, irrational und verlogen und ist dann nur noch aus Bosheit und finsterer Absicht zu erklären. Damit ist das Tor zu Verschwörungstheorien weit geöffnet.

Da die Schließung der Margarethenhütte eine innerostdeutsche Entscheidung zur Standortkonzentration war, konnte der von Köpping angeprangerte »Betrug von westdeutschen Kapitalisten an ostdeutschen Arbeitern« hier jedenfalls gar nicht stattfinden. Und die Betriebsunterlagen gehörten doch nicht der Belegschaft der Margarethenhütte, sondern der TrideltaAG Hermsdorf am Hermsdorfer Kreuz. Dort werden sie wohl bis heute liegen. Denn Tridelta produziert weiterhin auch Elektroporzellan. Damit bricht aber auch Köppings Vorwurf in sich zusammen, durch die Entwendung jener Unterlagen sei die Belegschaft der Margarethenhütte um ihre Lebensleistung betrogen worden.

Wie einem Spiegel-Artikel vom 18.05.92 zu entnehmen ist (bitte bei Google »Tridelta« eingeben), wurde das operative Geschäft von Tridelta Hermsdorf schließlich von Lothar Späths Gründung »Jenoptik« in Jena übernommen, wohl dem einzigen »Ostkonzern«. Zu jenem Zeitpunkt hatte Tridelta die Folgen der Währungsunion noch immer nicht verkraftet und produzierte ein monatliches Defizit von fünf bis zehn Millionen DM, die die Treuhand als Eigentümer zu bezahlen hatte, wie früher der Staat die Defizite der VEB bezahlt hat. Dadurch hat die Treuhand Tridelta vor dem Konkurs und vor der Konkurrenz geschützt. Tridelta hat sich übrigens erholt und produziert bis heute.

Ihr anderer konkreter Treuhandfall ist die Schließung des Kalibergwerks Bischofferode. »Das Beispiel Kaliabbau Bischofferode offenbarte, wie man eine ›am Boden liegende Firma aus dem Westen auf Kosten einer ostdeutschen saniert.‹« In Wahrheit wurden damals unter Assistenz der Treuhand der hessische und der thüringische Kalibergbau in einem neugegründeten grenzüberschreitenden Unternehmen »Kali und Salz« zusammengefasst. Da es auf dem Weltmarkt ein Überangebot an Kalisalzen gab, wurden mehrere Gruben geschlossen. In Bischofferode lagen nach der Währungsunion die Förderkosten pro Tonne 300 DM über dem Weltmarktpreis, hieß es damals. Die Bischofferoder Bergleute haben ihren Lohn nach der Schließung des Bergwerks zwei Jahre weiterbezahlt bekommen, was es bei unseren östlichen Nachbarländern nirgends gegeben hat.

Ich will ja gar nicht behaupten, dass alle Entscheidungen der Treuhand auch nachträglich als optimal erscheinen. Ich behaupte auch gar nicht, dass alles in Köppings Buch kritikwürdig sei. Sie gibt verbreitete Auffassungen, ein Stimmungsbild also, oft instruktiv und korrekt wider. Sobald sie aber selbst Stellung bezieht, habe ich den fatalen Eindruck: die PDS/die Linke lassen grüßen. Dass jemand eine Wahrheitskommission fordert, die eigene Wahrheitssuche aber nicht einmal bis zur Google-Anfrage forciert (und der Lektor des Verlags auch nicht), ist schon bemerkenswert. Könnte man ihre leichtfertige Verbreitung von fake news nicht auch Populismus nennen?

Aus ihren vielen Bürgergesprächen berichtet Köpping: »fast in allen Fällen war recht schnell nicht mehr »die Flüchtlingsproblematik das entscheidende Thema. Es ging um etwas viel tiefer Liegendes«, nämlich »unbewältigte Demütigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten« der »Nachwendezeit«.

Es ist nicht unmittelbar einleuchtend, dass viele, die einmal unerwartet und unverschuldet arbeitslos wurden, deshalb ein Viertel Jahrhundert später gegen die »Islamisierung des Abendlandes« (so der hintere Teil des Kürzels Pegida) demonstrieren, Ausländerhass zeigen und gegen Flüchtlinge hetzen. Köpping erklärt uns das so: »Hier geht es anscheinend bei vielen gar nicht um das Thema Flüchtlinge. Diese waren nur Projektionsfläche für eine tiefer liegende Wut und Kritik.« (S.9) »Viele scheinen bereit, sich von der Stimmung anstecken zu lassen, dass man scheinbar (gemeint ist: anscheinend, RS) das Recht habe, gegenüber anderen Gruppen von Menschen ungerecht zu werden, weil man sich selbst ungerecht behandelt fühlt.« (S.13) Ich möchte doch gern mal jemanden kennenlernen, der so argumentiert. Ich fürchte: es gibt ihn nicht. Ich halte das für Küchenpsychologie. Wahrscheinlich stand Köpping eine These der Entwicklungspsychologie vor Augen, die plausibel erklärt: wer als Kind physische Gewalt erfahren hat, neigt öfter als Erwachsener zu physischer Gewalt. Wenn man Arbeitslosigkeit mit physischer Gewalt gleichsetzt und Erwachsene mit Kindern, kommt man zu Köppings These. In den Wissenschaften sind solche flotten Gleichsetzungen allerdings unzulässig.

Köpping will mit ihrer These offenbar Ostdeutsche entlasten: wenn Pegida-Demonstranten gegen die Migrationspolitik demonstrieren, einen Miniaturgalgen mit dem Text »für Merkel« vor sich hertragen und die Regierenden wegen ihrer Migrationspolitik als Volksverräter beschimpfen, dann haben sie »eigentlich« gar nichts gegen Fremde, denn sie sind traumatisiert durch die Entwürdigungen der Nachwendezeit. Deshalb wissen sie nicht wirklich, warum sie das tun. Köpping aber weiß es und sagt es uns. Dieser Entlastungsversuch geht voll nach hinten los. Denn er ist eine Entmündigung, weil er die betroffenen Ostdeutschen infantilisiert und pathologisiert. Wer Angst vor einer Islamisierung des Abendlandes hat, mit dem sollte man diskutieren, ob diese Angst berechtigt ist. Diese Diskussion wird nicht ganz einfach werden! Wer ihm stattdessen sagt: »eigentlich hast du gar nichts gegen Muslime, sondern du bist durch die Entwürdigungen des Einigungsprozesses traumatisiert«, der nimmt ihn nicht ernst. Im Klartext heißt das übrigens: am Ausländerhass ist mittelbar die Treuhand schuld. Küchenpsychologie ist eine Art von Zauberei, die alles mit allem erklären kann. Wer rational bleibt, fragt sich, ob wirklich ohne die Untaten der Treuhand die Ostdeutschen fremdenfreundlich wären. Warum ist in Polen, Tschechien, Ungarn die Ablehnung von Migranten weitaus stärker als in Ostdeutschland, obwohl es doch in diesen Ländern gar keine Treuhand gab? Und warum werden migrationskritische Parteien in allen westlichen und südlichen Ländern Europas zunehmend stärker? Die Treuhand kanns nicht gewesen sein.

Nun hat Köpping die Erfahrung gemacht, dass in Großdubrau kaum jemand von der einstigen Belegschaft zum Gesprächsangebot über die Nachwendezeit erschienen ist. (S.26) Man könnte daraus folgern, dass das die Leute nicht mehr so recht interessiert. Es ist lange her, ändern lässt sich ohnehin nichts mehr und wir haben ja wieder Arbeit gefunden. Mithilfe der Küchenpsychologie kann man das aber auch viel dramatischer deuten, in Anlehnung an die Traumaforschung: die Ostdeutschen seien nach einem Viertel Jahrhundert noch nicht in der Lage, über diese schrecklichen Erlebnisse zu sprechen. Sie konnten die notwendige »Trauerarbeit« (S.88; vgl. S.80) noch nicht leisten über den Verlust ihres Arbeitsplatzes und – was Köpping doch zitierend tatsächlich aufzählt - den Verlust ihres Schulsystems, ihres politischen und wirtschaftlichen Systems. (S.147) Wir wissen, dass ehemalige SED-Mitglieder das manchmal bis heute so sehen – und einige allzu verständnisinnige Westjournalisten auch.

In der Überschrift des vierten Kapitels heißt es: »Die Entwertung des ganzen Lebens.« Obwohl sich dieses Thema wie ein Leitmotiv durch das ganze Buch hindurch zieht, wird nicht hinreichend klar, worin genau Köpping die Entwertung des ganzen Lebens sieht. Im Verlust des Arbeitsplatzes? In der Stilllegung von Betrieben? Im Untergang der DDR? Für jemanden, der die DDR geliebt und für »den Sozialismus« gekämpft hat, konnte das Ende der DDR eine biographische Katastrophe sein, z.B. für Dozenten des Marxismus-Leninismus oder für Stasi-Mitarbeiter. Das sind die wirklich unvermeidlichen biographischen Katastrophen jeder Revolution. Mein Bedauern hält sich in Grenzen. Bei denjenigen, die mit vollem Einsatz und viel Improvisationstalent einen maroden Betrieb am Laufen gehalten haben, wird bei der Schließung des Betriebs Wehmut aufkommen, aber bei vielen auch Zorn: »Scheißstaat, der uns nicht die notwendigen Ersatzteile für unsere Maschinen liefern konnte.« Das Verhältnis der Arbeiter zu ihrem Betrieb war doch zumeist sehr ambivalent. Verstehen kann ich auch die Enttäuschung, dass mit dem Ende der DDR der Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft erfolgte. Das empfanden die Betroffenen aber nicht als »Entwertung des ganzen Lebens«, sondern als große Enttäuschung ihrer sehr hohen Einigungserwartungen. »So habe ich mir die deutschen Einheit nicht vorgestellt«, sagten damals viele im Osten – nachvollziehbar. Ich fürchte, man muss sich schon kräftig was einreden, um den Einigungsprozess mit – zugegeben - vielen Härten für viele im Osten als die »Entwertung des ganzen Lebens« zu verstehen. Köpping hilft aber dabei gern. Wer die Entwertung des ganzen Lebens aus einem oder mehreren der oben genannten Gründe beklagt, den möchte ich doch fragen, ob er wirklich seinen Lebenssinn allein aus dem Fortbestand seines Arbeitsplatzes in demselben Betrieb bezogen hat. Und Hobbys hattet ihr keine, Verwandte, Freunde, Freizeit- und Urlaubsfreuden und Feste auch nicht? Dann habt ihr aber die Lebensmöglichkeiten, die es in der DDR unabhängig von der SED – oder soll ich sagen: trotzdem gab, zu Eurem Schaden nicht genügend wahrgenommen. Die beklagte Entwertung des ganzen Lebens ist doch auch bloß ein fake new, das uns die Krätze andichtet, an der wir nun leiden sollen, um uns durch Aufarbeitung heilen zu lassen.

Ostdeutsche können stolz sein auf das, was sie unter den erschwerenden Bedingungen von Diktatur und Mangelwirtschaft in Familie und Beruf geleistet haben. Aber bitte nicht neuerdings stolz sein wollen auf die erschwerenden Bedingungen, die wir doch los sein wollten, solange die DDR bestand.

Schröder Richard

Richard Schröder, Professor emeritus für Philosophie und Systematische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin, MdB a.D. Von April bis August 1990 war er Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokratischen Partei in der DDR-Volkskammer, von 1993 bis 2009 Verfassungsrichter des Landes Brandenburg.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.