von Christoph Jünke

Die Geschichte der (west-)deutschen Linken ist, wie Frank Deppe vor einigen Jahren nochmals betont hat, kein geradliniger Prozess von Aufstieg und Niedergang. Sie verläuft vielmehr »ganz offensichtlich diskontinuierlich« (Frank Deppe, Die Linke in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg 2000) und weist, im Großen wie im Kleinen, einen gleichsam zyklischen Wellen-Charakter auf.

Das gilt auch und nicht zuletzt für jene fünfziger Jahre des vergangenen 20. Jahrhunderts, die allzu lange als das verlorene Jahrzehnt einer finsteren Epoche bürgerlich-konservativer Restauration galten. Zweifellos waren sie dies auch, aber eben nicht nur. Auf spezifische Weise mischen sich in diesen fünfziger Jahren gerade in der Linken gleichermaßen Niedergang wie Aufstieg, Aufstieg wie Niedergang sozialer und politischer Bewegungen.

Niedergang und Aufstieg

Auf der einen Seite hatte die westdeutsche Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung in den bis 1952 geführten Kämpfen um die Mitbestimmung eine nachhaltige Niederlage einstecken müssen und sich von weitergehenden Sozialisierungsforderungen verabschiedet. Die voll auf den Export ausgerichtete Ökonomie boomte unter dem Eindruck des Koreakriegs, die Unternehmerschaft hatte sich ökonomisch erfolgreich rekonstituiert und ging auch politisch wieder in die Offensive. Im Oktober 1952 wurde das Betriebsverfassungsgesetz verabschiedet, im Januar 1953 das Streikrecht durch Beschluss des Bundesarbeitsgerichts deutlich eingeschränkt. Parallel dazu ging der Kampf um die Remilitarisierung vorerst verloren, als die Bundesregierung im Mai 1952 dem (zwei Jahre später von Frankreich wieder zu Fall gebrachten) Vertragswerk der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) beitrat. Mit dem Tod des charismatischen Gewerkschaftsvorsitzenden Hans Böckler im Februar 1951 und des alle überragenden SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher im August 1952 endete symbolisch eine Zeit, »in der alles möglich schien und in der tatsächlich so wenig möglich war« (Theo Pirker). Und als die SPD auch noch die Bundestagswahlen im September 1953 verlor, verbreiteten sich Niedergeschlagenheit und Ohnmacht auf der einen und ein — zumal nach der Niederschlagung des ostdeutschen Aufstands im Juni 1953 — verschärfter Antikommunismus auf der anderen Seite.

Nun bekamen jene sozialdemokratischen Parteifunktionäre Oberhand, die aus den stalinistischen Formen planwirtschaftlicher Ökonomie und sozialistischer Politik Argumente gegen jede Form der Vergesellschaftung der Produktionsmittel machten und den Sozialismus für unvereinbar mit politischer Freiheit erklärten. Die SPD machte sich auf den langen Weg nach Godesberg, auf dem sie sich zuerst ihrer klassenkämpferischen Tradition entledigte und zur modernen Volkspartei mutierte, um schließlich auch ihre befreiungsnationalistische Tradition zu überwinden und sich mit dem gespaltenen Deutschland endgültig abzufinden. Übrig bleiben sollte auf diesem in den Fünfzigern absolvierten Weg einzig ein allgemeines Bekenntnis zum ethischen Sozialismus, das fortan so vehement wie unbestimmt vorgetragen wurde.
Auf der anderen Seite führte gerade dieser immer unverhohlenere Anpassungs- und Integrationsprozess der großen Arbeiterorganisationen SPD und DGB dazu, dass SPD- und Gewerkschaftsmitglieder mit linkssozialistischen Parteiströmungen zu sympathisieren begannen. So gelang es 1954 beispielsweise den Trotzkisten innerhalb der Kölner SPD, die Jungsozialisten und Falken auf der Grundlage eines Kölner Manifestes zu sammeln, das schließlich von einem Kölner SPD-Kreisparteitag mit großer Mehrheit verabschiedet wurde und sich vehement gegen die »Ballast-Abwerfer« und Parteireformer wandte. Im Herbst 1954 entwickelte sich aus diesen Zusammenhängen die neue Monatszeitschrift Sozialistische Politik (SoPo), an der neben den Trotzkisten Willy Boepple und Georg Jungclas auch führende Vertreter der sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Linksopposition wie Peter von Oertzen, Erich Gerlach, Wolfgang Abendroth, Siegfried Braun und Theo Pirker mitarbeiteten.

Im direkten Anschluss an die verlorenen Bundestagswahlen Ende 1953 war auch Viktor Agartz, der linkssozialistische Gewerkschaftstheoretiker – neben Kurt Schuhmacher und Hans Böckler eine der zentralen Führungsfiguren der westdeutschen Nachkriegsarbeiterbewegung – in die Offensive gegangen. Der versierte Wirtschaftswissenschaftler und überzeugte Marxist, Leiter des Wirtschaftswissenschaftlichen Institut des DGB (WWI), hatte im Dezember 1953 einen Aufsehen erregenden Artikel veröffentlicht, in dem er aus Lohnfragen Machtfragen machen wollte und eine dynamische und expansive Lohnpolitik nicht nur als Mittel der Konjunkturpolitik vorschlug, sondern auch als Mittel der gesellschaftlichen Umverteilung von oben nach unten. Durch die daraufhin einsetzenden Angriffe des christlichen Arbeitnehmerflügels in Bedrängnis geraten – sie sahen darin nicht zu Unrecht einen Angriff auf die Grundlagen der neuen »Konsens«demokratie –, nutzte Agartz den dritten Bundeskongress des DGB im Oktober 1954 für eine fast dreistündige Generalabrechnung mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Bundesregierung, die ihm bei den arg geschundenen und frustrierten Gewerkschaftern zu minutenlangem Beifall und stehenden Ovationen verhalf. Ein letztes Mal glimmte das alte politische Mandat der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung in all seiner sozialrevolutionären Radikalität auf.
Agartz’ Rede mobilisierte jedoch endgültig jene Teile des gewerkschaftlichen Funktionärskaders, die vor den praktischen Konsequenzen der weitreichenden Frankfurter Beschlüsse – Ablehnung eines deutschen Wehrbeitrags; aktive Lohnpolitik; Ablehnung des ›Miteigentums‹; Überführung der Montanindustrie in Gemeineigentum; sowie Grundsatzerklärung für ein neues Aktionsprogramm – und vor Agartz’ Plädoyer für eine grundlegende Umwälzung der Eigentumsverhältnisse zurückschreckten. Damit hatte sich Agartz zum erklärten Feind jener gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Kreise gemacht, die schon seit langem auf das Abschneiden alter Zöpfe drangen und die eine sowohl politische wie gewerkschaftliche Anpassung an die restaurierte Macht des Faktischen forderten, um endlich parlamentarisch mehrheitsfähig zu werden. Schon wenige Wochen nach dem Kongress wurde Agartz offen beschuldigt, gegen den Bundesvorstand des DGB zu agitieren und die Einheit der Gewerkschaftsbewegung zu gefährden. Über ein Jahr zog sich eine undurchsichtige gewerkschaftsinterne Auseinandersetzung hin, in deren Verlauf Agartz erstmals der Abhängigkeit von Ost-Berlin beschuldigt und schließlich, im Dezember 1955, in den offiziellen Vorruhestand versetzt wurde.

Die Rolle einer hoch politisierten und auf die Neuordnung der Gesellschaftsstrukturen ausgerichteten, kämpferischen Gewerkschaftsbewegung war damit ausgespielt, die westdeutschen Klassenkämpfe veränderten ihr politisches und ökonomisches Gesicht. Mit der Kampfansage des Apparates an die sich um Agartz formierende gewerkschaftliche Linke wurde der innergewerkschaftliche Radikalismus umgebogen in ein radikal anmutendes Aktionsprogramm, das am 1. Mai 1955 verkündet wurde und seitdem die gewerkschaftlichen Kämpfe bestimmen sollte. Trotz der zweifellos zu verzeichnenden sozialökonomischen Erfolge dieses neuen, sich in Otto Brenner und der IG Metall symbolisierenden gewerkschaftlichen Aktivismus – die Löhne stiegen seitdem merklich und die Arbeitsbedingungen verbesserten sich spürbar –, bleibt doch offensichtlich, dass diese Erfolge vor dem Hintergrund einer »Entpolitisierung« der gewerkschaftlichen Klassenkämpfe und einem parallel dazu verlaufenden, verschärften Anpassungsprozess der sozialdemokratischen Partei zu sehen sind.
Zur selben Zeit jedoch, als die westdeutschen Klassenkämpfe ihr Gesicht veränderten, kam Bewegung in die internationale politische Szene. Der Prozess der antikolonialen Revolutionen bekam durch die Konferenz von Bandung im April 1955 Auftrieb, auf der der dissidente Kommunist Tito (Jugoslawien) und die antikolonialen Befreiungsnationalisten Nasser (Ägypten) und Nehru (Indien) die Organisation der blockfreien Staaten begründeten und einen »dritten Weg« jenseits der beiden Machtblöcke in Ost und West beschreiten wollten. In der so genannten zweiten Welt, den »kommunistischen« Ostblockstaaten, setzte sich unterdessen langsam aber sicher eine Periode des »Tauwetters« durch, eine Ära der Entstalinisierung nach Stalins Tod 1953, die alte linke Hoffnungen auf eine Selbstreformation des bürokratischen Herrschaftssystems nicht nur im Osten, sondern ebenso im Westen Europas und Deutschlands weckte.
In Westdeutschland mischte sich dieses politische Tauwetter einmal mehr mit der Auseinandersetzung um eine mögliche Wiederbewaffnung. Nachdem die Europäische Verteidigungsgemeinschaft am Widerstand des französischen Parlaments gescheitert war, schien auch die Frage einer westdeutschen Remilitarisierung wieder offen. Für den Januar 1955 beriefen SPD-Parteichef Erich Ollenhauer, DGB-Chef Walter Freitag sowie unabhängige Intellektuelle wie der Theologe Helmut Gollwitzer und der Soziologe Alfred Weber einen Kongress gegen die Ratifizierung der Pariser Verträge vom Oktober 1954 (die den Beitritt Westdeutschlands zur Westeuropäischen Union und zur NATO vorsahen) in die Frankfurter Paulskirche ein. Wieder einmal schien es, als ob die SPD den Schritt ins Außerparlamentarisch-Plebiszitäre zu wagen beabsichtige. Doch nachdem der Bundestag den Verträgen im Februar 1955 zugestimmt hatte, knickte sie abermals ein, stimmte dem deutschen Wehrbeitrag ebenfalls zu und überließ die Paulskirchenbewegung fortan ihrem eigenen Schicksal.

Die neue Opposition

Der ganze aufgestaute Unmut westdeutscher Radikal- und Sozialdemokraten sowie der heimatlos gewordenen Linkssozialisten innerhalb der und um die SPD und Gewerkschaften herum, fand nun neue Ausdrucksmöglichkeiten – nicht in Form neuer Organisationen, sondern in Form neuer Zeitschriftenprojekte, um deren Zusammenhänge herum sich eine neue Linke herauszukristallisieren begann.

Viktor Agartz gründete nach seinem Rausschmiss aus dem DGB eine neue, erstmals im März 1956 in Köln erscheinende Zeitschrift. Die WISO, die Korrespondenz für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, erschien fortan zweiwöchentlich und veröffentlichte Beiträge vor allem zur politischen Ökonomie des Nachkriegskapitalismus, zur Gewerkschaftspolitik ebenso wie zur Innen- und Außenpolitik und zu Fragen der marxistischen Theorie. Mit an Redaktionsbord waren seine beiden ebenfalls aus dem WWI geworfenen Mitarbeiter Walter Horn und Theo Pirker, die Linkssozialisten Wolfgang Abendroth und Leo Kofler, sowie der junge, erst später bekannt gewordene Werner Hofmann. Das Renommee des Herausgebers – dessen damaliger innenpolitischer Bekanntheitsgrad dem vergleichbar ist, den heute ein Oskar Lafontaine genießt – ebenso wie die Qualität der in der WISO veröffentlichten Beiträge (u.a. zur Entwicklung der Lohnkämpfe und zum sozialökonomischen Alltagsleben, zur Tiefenanalyse der »Wirtschaftswunderzeit« und zur europäischen Integration, zum Verhältnis von Staat und Ökonomie, von Ökonomie und Militarisierung im beginnenden Neokapitalismus und zur Interpretation der Integrationsprozesse der Gewerkschaftsbewegung in die spätbürgerliche Gesellschaft) machte das Blatt umgehend zum intellektuellen Zentrum der linkssozialistischen Gewerkschaftsopposition in einer Zeit des nachhaltigen Umbruchs.

Bereits anderthalb Jahre zuvor hatte sich Ende 1954, wie beschrieben, die Sozialistische Politik (SoPo) gegründet, in der die sozialdemokratische Linke um Peter von Oertzen, Erich Gerlach und Wolfgang Abendroth mit den deutschen Trotzkisten um Willy Boepple und Georg Jungclas zusammenarbeitete.
Richtete sich die WISO vor allem an die gewerkschaftliche Linke, die SoPo stärker an die sozialdemokratische Partei-Linke, so erreichte die erstmals im Mai 1955 in Hamburg erscheinende neue 16-seitige Wochenzeitung Die Andere Zeitung (AZ) ein breites Massenpublikum und wurde damit zum Zentrum des neuen Unmuts. Es gelang den beiden Herausgebern und Chefredakteuren Gerhard Gleissberg und Rudolf Gottschalk – beide bis dahin langjährig leitende Redakteure des sozialdemokratischen Zentralorgans Vorwärts, die wegen der zunehmenden Anpassungspolitik der SPD zurücktraten – nicht nur, mit Viktor Agartz, Wolfgang Abendroth, Theo Pirker, Fritz Baade, Kurt Hiller, Fritz Kief, Leo Kofler, Rudolf Küstermeier, Walter Möller u.a. die damals namhaftesten Linksintellektuellen Stück für Stück um das Blatt zu sammeln. Sie schafften es auch, diese bunte Mischung zu einem exponierten Blatt der politischen Opposition zu machen, das in hoher Auflage zu einem wirklichen Massenblatt wurde. Startete die erste Ausgabe der neuen Zeitung mit einer Auflage von 18.000 Stück, wurde die Auflage bereits bei der zweiten Ausgabe auf 21.000 herauf gesetzt. Tendenz steigend.

Der publizistische Erfolg der AZ war gerade auch innerhalb der sozialdemokratischen Parteimitgliedschaft so beträchtlich, dass die SPD-Parteiführung über ihre Publizistik und andere Kanäle von Beginn an eine umfassende Kampagne startete, in der sie die AZ der Finanzierung durch Ostberlin bezichtigte und als kommunistische Tarnorganisation denunzierte. Über die wirklichen politisch-journalistischen Ziele schrieb Gleissberg kurz vor Erscheinen der ersten Ausgabe in einem Brief an Fritz Lamm, sie solle, »kurz gesagt, ein Blatt der deutschen Linken werden. Die Redaktion besteht aus Sozialdemokraten. Auch der Verleger ist Sozialdemokrat. Aber es soll kein Parteiblatt werden, sondern ein Sammelpunkt der Opposition von links (gegen Renazifizierung, Remilitarisierung, Spaltung Deutschlands, Antimarxismus, Kultur-›Mystik‹ und Anti-Aufklärung) ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit.« Und in einem »Gespräch« mit den beiden Chefredakteuren – eine redaktionelle Selbstverständniserklärung existiert nicht – in der ersten Ausgabe vom 12. Mai 1955 ist zu lesen, dass man »eine nach Gehalt und Form neuartige große Wochenzeitung« beabsichtige, der es explizit um die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und implizit um eine Erneuerung der sozialistischen Linken gehe. Dass eine Wiedervereinigung unter neutralistischen Vorzeichen möglich sei, zeige die Bewegung der Blockfreien. Und dass es noch eine Linke gebe, die dies – und weiteres – durchzusetzen habe, zeige die Paulskirchenbewegung. Das bundesdeutsche Leserpublikum lebe »in einer Welt des Als-ob, die ihm den Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzt«. Ein großer Teil sehe darüber hinweg, »dass nicht nur nicht alles in Ordnung, sondern im Grunde geradezu nichts wirklich in Ordnung ist. Denn auch dort, wo gute Ansätze waren und Neues begonnen wurde, wurde es fast nie zu Ende geführt. Bruchstück blieb die Mitbestimmung, Bruchstücke blieben Wiedergutmachung und Sozialreform, Bruchstück blieb auch die Schulreform … Es gibt eine Gruppe in der deutschen Bundesrepublik, die sich anschickt, die alleinige Herrschaft, das alleinige Recht der Entscheidung zu erobern. Hier wird in aller Schärfe sichtbar, dass mit unserem viel gepriesenen demokratischen Aufbruch nicht alles in Ordnung ist.«

Die AZ sah sich als »dritte Kraft«, um die im Kalten Krieg erstarrten Fronten aufzulösen, sprach sogar explizit von einer »Neuen Linken«. Sie betonte die eigene Verwurzelung in der Sozialdemokratie, sah aber auch die Notwendigkeit, mit der kommunistischen Bewegung in eine mindestens partielle Aktionseinheit zu kommen. Hatten die Kommunisten nicht schon immer gesagt, dass die SPD nur eine die wahren sozialistischen Interessen verratende Agentur innerhalb des herrschenden Kapitalismus sei? Vertraten sie nicht, wenn schon nicht den gleichen politischen Weg, so doch zumindest dieselben sozialen Ideale? Und wurde nicht gerade deutlich, dass sich die Kommunisten ernsthaft um eine Entstalinisierung bemühten?
War die alte Nachkriegs-SPD durch die programmatischen Adjektive antifaschistisch, antimilitaristisch, antikapitalistisch und antikommunistisch gekennzeichnet, so blieb die AZ nach dem programmatischen Rollback der SPD den ersten dreien konsequent treu, während sie sich von jenem Antikommunismus deutlich zu distanzieren begann, der immer offensichtlicher nicht nur zur Abwehr einer deutschen Wiedervereinigung, sondern mehr noch zur Abwehr jedweder sozialistischer Bestrebungen instrumentalisiert wurde. Dass dabei mangelnder Antikommunismus kein Indiz für mangelnden Antistalinismus sein muss, zeigten in der AZ der ersten Jahre vor allem die vielen namhaften Autoren, in erster Linie Kurt Hiller, Fritz Kief und Leo Kofler, die mit ihren regelmäßigen Artikeln teilweise heftige und umfangreiche Debatten auslösten.
Aus dieser historischen und politisch-theoretischen Konstellation ergab sich eine gleichsam natürliche Drift der AZ zu einer Art der Einheitsfrontpolitik, wie wir sie auch aus den dreißiger Jahren und den unmittelbaren Nachkriegsjahren kennen. So wie die internationale Linke damals, im Angesicht des sozialistischen und kommunistischen Versagens vor dem aufkommenden Faschismus, über Strategie und Taktik möglicher dritter Wege diskutierte und polemisierte, so diskutierte und polemisierte sie nun, im Angesicht des sozialdemokratischen und kommunistischen Versagens vor der Restauration, erneut die Fragen von Sozialismus und Demokratie, von Volksfront und Einheitsfront. Entsprechend lassen sich in der AZ ebenso flammende (auch aus anderen Ländern stammende) Plädoyers für eine solche neue linke Einheit lesen wie solche dagegen.
Überhaupt ist es eine der bemerkenswerten Charakteristika dieser Zeitung, in welchem für heutige Gewohnheiten umfangreichen Maße nicht nur Leser zu Wort kamen, sondern teilweise gegensätzliche Diskussionsbeiträge veröffentlicht wurden – nicht nur auf der Leserbriefseite, sondern gerade auch im redaktionellen Teil. Der jedes Stalinismus unverdächtige Fritz Lamm jedenfalls feierte in der linkssozialistischen Monatszeitschrift Funken die Gründung der AZ euphorisch: Es sei »Wirklichkeit geworden, was uns seit Jahren ein Wunschtraum war. Noch vor wenigen Wochen hatten wir eine so lebendige, wirklichkeitsnahe, sachlich pointierte, spritzig glossierte Wochenzeitung nicht für möglich gehalten. Endlich gibt es eine Zeitung für die Opposition.«

Dass diese neue Opposition nicht ohne schwerwiegende politische Differenzen war, machte beispielsweise die SoPo-Redaktion deutlich, als sie die AZ 1956 wegen fehlender glaubwürdiger politischer Grundlagen und Perspektiven kritisierte: »Jeder Sozialist, der die bürgerliche Gesellschaft mit aller Kraft angreift, muss die Frage beantworten können: Wenn Du ein revolutionärer Kritiker des Kapitalismus sein willst, warum gehst Du dann nicht zur KPD, die doch – anscheinend – in ihrer Kritik dasselbe Ziel anvisiert? Die Antwort auf diese entscheidende Frage ist die AZ ihren Lesern und der Partei schuldig geblieben.« Einmal mehr war es also die Frage der Haltung zur Sowjetunion (und zu Ost-Berlin) und zu den mit dieser politisch, sozial und psychologisch aufs engste verbundenen Westkommunisten, der einen Keil zwischen die verschiedenen Strömungen der sozialistischen Linken trieb. Trotzdem kam es unter den Bedingungen der Entstalinisierung zu einem nennenswerten Aufbrechen nicht nur in sozialdemokratischen, sondern auch in kommunistischen Kreisen, der zum Aufstieg eines stärker »Volksfront«-orientierten Milieus führte und eine Neuformierung der sozialistischen Linken unmittelbar möglich erscheinen ließ. »Wir wollten«, erinnerte sich Wolfgang Abendroth zwanzig Jahre später an das gemeinsame Selbstverständnis der beteiligten Zeitschriften, »den proletarisch-klassenkämpferischen Flügel in der SPD und vor allem in den Industriegewerkschaften stärken und stabilisieren, um allmählich eine funktionierende Opposition aufbauen zu können, sobald in einer größeren Rezession dazu eine Chance sein würde.«

Eine Parteigründung wurde in diesem Zusammenhang im Allgemeinen abgelehnt, ein neuer organisatorischer Kern schälte sich aber nichts desto trotz heraus. Im März 1956, im selben Monat, indem die erste Ausgabe der WISO erschien, hatte sich in Paris die britisch-französische Internationale Gesellschaft für sozialistische Studien (IGSS) gegründet. Als Präsident verantwortlich zeichnete der damals weithin bekannte britische Historiker G.D.H. Cole, der in der heutigen Literatur zur Neuen Linken als einer der Brückenbauer zwischen »alter« und »neuer« Linker betrachtet wird. Man verstand sich in der Tradition der britischen Fabier explizit nicht als Parteiorganisation, sondern als Intellektuellenzusammenschluss für Gedankenaustausch und internationalen Kontakt. Erklärtes Ziel war die Neubelebung des sozialistischen Denkens und die Überwindung der allgemeinen opportunistischen Verflachung. Diesem Ziel sollten die Produktion und der Vertrieb von Flugschriften zur gemeinsamen Diskussion und die Erarbeitung eines zeitgenössischen sozialistischen Grundsatzprogramms dienen. Sozialismus begriff man dabei wesentlich als internationale Bewegung, die die rassistische und nationale Diskriminierung, Kolonialismus und Imperialismus »in jedem Teil der Welt« ablehnte. Sozialismus sei mehr als Wohlfahrtsstaat und ziele auf die völlige Beseitigung der Klassenunterschiede, die Zusammenarbeit der Völker und die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft. Und Sozialisten seien »Gegner des Krieges und aller Machtblöcke, die durch ihr Vorhandensein die Welt in bewaffnete feindliche Lager spalten und den Reichtum der Völker für Kriegsvorbereitungen verschwenden«.
Ein halbes Jahr später, am 21. Oktober 1956, wurde in Hamburg die deutsche Sektion dieser Internationalen Gesellschaft gegründet. Der erste deutsche Sektionsvertreter wurde Viktor Agartz, und Vorstandsmitglieder neben Agartz waren Gerhard Gleissberg, Fritz Kief und andere einflussreiche Aktivisten der sozialdemokratischen und sozialistischen Linken, die parallel auch in der AZ schrieben. Als erstes veröffentlichte die deutsche IGSS-Sektion die Broschüre Ein neues Bekenntnis zum Weltsozialismus ihres Präsidenten G.D.H. Cole. Dann folgten Broschüren von Leo Kofler und Viktor Agartz.

Was sich hier seit 1955 entwickelte, war ein neues Netzwerk von Gruppen und Personen, das zusammen mit älteren, »etablierten«, Zeitschriften wie Funken und Arbeiterpolitik ein besonderes Milieu von enttäuschten und radikalisierten Sozialdemokraten, von Radikaldemokraten, selbstkritischen Kommunisten und heimatlosen Linkssozialisten aus der Tradition der Zwischenkriegsgruppen bildete. Deren Exponenten kann und muss man die erste, von der Geschichtsschreibung weitgehend verdrängte Generation jener »Neuen Linken« nennen, die erst zu Beginn der sechziger Jahre, dann unter Federführung einer neuen, zweiten Generation, zu einem stehenden Begriff werden sollte. Viktor Agartz, der bekannte Gewerkschaftstheoretiker und -aktivist; Wolfgang Abendroth, der versierte Jurist, politische Journalist und erfahrene sozialdemokratische Parteiaktivist; Leo Kofler, der marxistische Theoretiker und Wanderprediger; Theo Pirker, der unorthodoxe Gewerkschaftsaktivist mit ebenso historischem Sinn wie organisatorisch-politischem Gespür; Fritz Lamm, der mit strategischem Sinn und persönlichem Gespür eine Zeitschriftenorganisation zu leiten verstand; Gerhard Gleissberg, der sozialdemokratische Zeitungsprofi und Chefkommentator – sie alle sind zwar nur die gleichsam erste Reihe der westdeutschen sozialistischen Linken marxistischer Prägung. Doch bereits sie zeigen, dass es dieser »Neuen Linken« nicht an fähigen Aktivisten mangelte.
Es fehlte ihnen auch nicht an der nötigen politischen Konjunktur. Chruschtschows im Februar 1956 auf dem 20. Parteitag der KPdSU gehaltene Geheimrede öffnete, einem Dosenöffner gleich, Millionen von Kommunisten weltweit für die Erschütterungen über die Verbrechen des Stalinismus und die Suche nach einem emanzipativen Reformsozialismus – sei es im ungarischen Petöfi-Kreis um Georg Lukács u.a. oder in der DDR um Wolfgang Harich, Walter Janka, Ernst Bloch, Gerhard Zwerenz u.a., sei es in der britischen Kommunistischen Partei um Edward P. Thompson, John Saville u.a. oder, in der französischen, Henri Lefebvre u.a. Was die Verbrechen des Stalinismus auf der einen Seite, waren das neokolonialistische Auftreten der Briten im Suezkrieg gegen Nasser und Frankreichs Krieg in Algerien auf der anderen. Heimatlos gewordene Sozialisten, Intellektuelle und radikale Demokraten machten sich auf den so genannten »Dritten Weg« – »Zurück zu Marx!« wie es hieß.

KPD-Verbot 1956 und Agartz-Prozess 1957

Dieser in vielem bemerkenswerte und erinnernswerte linkssozialistische Aufbruch der Jahre 1954-56/57 sollte jedoch in Deutschland, anders als vergleichbare und zeitgleiche Prozesse in Großbritannien und Frankreich, scheitern. Schlugen die Dissidenten im westlichen Europa nachhaltige Wurzeln und formierten sich zur Bewegung jener Neuen Linken, die bis Ende der siebziger Jahre die politische Szene auf der Linken nachhaltig prägen sollten, gelang gerade dies der ersten Generation einer deutschen Neuen Linken nicht. Der dritte Weg jenseits der beiden großen Blöcke und jenseits von Sozialdemokratie und Realsozialismus war im Frontstaat des Kalten Krieges besonderen Pressionen ausgesetzt, an deren Kräften die deutschen Linken in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre scheitern sollten.
Die militärische Niederschlagung der sich aus der Entstalinisierung entwickelnden polnischen und ungarischen Aufstände – ein halbes Jahr nach Chruschtschows Abrechnung mit dem Stalinismus – machte Ende 1956 und im Laufe des Jahres 1957 einer weitreichenden Redogmatisierung und Restalinisierung der kommunistischen Weltbewegung Platz. Auf der anderen Seite wurde der v.a. gegen die sozialistische Linke repressiv sich vollziehende sozialdemokratische Integrations- und Anpassungskurs Richtung Bad Godesberg durch den seit Mitte der fünfziger Jahre massiv durchstartenden weltökonomischen Boom und seine sozialstaatlichen Abfallprodukte versüßt.

Das für den Nachkriegskapitalismus so zentrale fordistische Akkumulationsmodell hatte in den erneuerten Produktionsgrundlagen der nachfaschistischen BRD, seiner ökonomischen und politischen Stabilität, seinem hohen Qualifikationsniveau, seiner Arbeitsdisziplin und seinem kooperativen Politiktypus günstige Voraussetzungen gefunden und wurde durch Exportorientierung und die damit verbundene Integration in die boomende Weltwirtschaft erfolgreich abgestützt. Mitte der Fünziger war die strukturelle Arbeitslosigkeit beseitigt und die Ökonomie brummte. Westdeutschland war nicht nur Teil jenes »goldenen Zeitalters«, das, wie Eric Hobsbawm in seiner Geschichte des 20. Jahrhunderts schreibt, »die dramatischste, schnellste und tiefgreifendste Revolution in den menschlichen Beziehungen und im Verhalten des Menschen begonnen und weitgehend auch vollzogen (hat), von der die Geschichte weiß«. Es war sogar ein treibendes Element desselben. Die Mehrheit der Bevölkerung begrüßte die neue Zeit des Konsums und hatte sich mit dem Adenauerregime arrangiert.
So wurde die linke Neuformierung mit Zuckerbrot und Peitsche durch Bürgertum, Sozialdemokratie und Parteikommunismus halb gestoppt und halb kriminalisiert. Was der Harich-Janka-Prozess und die Kampagne gegen Ernst Bloch im Osten Deutschlands, waren im Westen das KPD-Verbot einerseits und der Landesverratsprozess gegen Viktor Agartz andererseits.

Im August 1956, ein halbes Jahr nach dem 20. Parteitag, während die Entstalinisierung in Polen und Ungarn in Volkserhebungen gegen die kommunistischen Regime umkippte, und parallel zur Wiedereinführung der Wehrpflicht in der neuen westdeutschen Armee, erklärte das Bundesverfassungsgericht, dass die KPD verfassungsfeindliche Ziele verfolge und deswegen verboten werde. Schon in den Jahren zuvor hatten die Kommunistenverfolgungen für Angst und Verunsicherung, Diskriminierung und Anpassung gesorgt. Nun markierte das Verbot eine neue innenpolitische Grenzziehung, leitete die umfassende Kriminalisierung des kommunistischen Milieus ein und erwies sich als »ein probates Mittel allgemeiner gesellschaftlicher Repression« (Rolf Gössner). Kommunismus wurde zum Straftatbestand, über den politisch oder wissenschaftlich allein zu diskutieren bereits verdächtig war. Und da vermeintlich alle Wege des Marxismus nach Moskau führten, waren auch alle Linken betroffen: kommunistische Parteigänger und Sympathisanten der KP ebenso wie explizit antistalinistische Linke oder solche Sozialisten, die keine politischen Sympathien für den real existierenden Sozialismus hegten, aber die Kommunisten als Teil einer übergeordneten linken Einheit betrachteten. Die Verleumdungs- und Flüsterkampagne gegen die AZ war nur ein herausragendes Beispiel, wie die ideologische Formierung zum erfolgreichen Mittel politischer Auseinandersetzung von Seiten der gleichsam »großen Koalition« von konservativer Regierung und sozialdemokratischer Opposition wurde. Noch exemplarischer wurde jedoch der Prozess gegen Viktor Agartz.

Im März 1957, während der Bundestagswahlkampf (CDU: »Keine Experimente«) in seine heiße Phase ging, und genau ein Jahr nach dem erfolgreichen Start der WISO, wurde ihr Hirn und Organisator verhaftet und wegen vermeintlicher Ostkontakte des Landes- und Hochverrates angeklagt. Agartz hatte sich bei seiner WISO-Arbeit auf eine Vereinbarung mit dem ostdeutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) eingelassen, welcher ein gewisses Auflagenquantum als Sammelabonnements für den Vertrieb in der DDR abnahm, jedoch ohne damit Einfluss auf den Inhalt der Zeitschrift zu bekommen. Damit hatte er sich nach bürgerlicher Lesart selbst als Kommunist entlarvt oder mindestens der Kontaktschuld zu Kommunisten schuldig gemacht. Obwohl Agartz in einem Aufsehen erregenden Prozess mangels Beweisen im Dezember 1957 schließlich freigesprochen werden sollte, wurden er und jene linkssozialistischen Kreise, für die er exemplarisch stand, ein dreiviertel Jahr lang öffentlichkeitswirksam an den politischen Pranger gestellt. Eine Solidarisierung aus dem nicht-kommunistischen Bereich, von bürgerlichen Medien, SPD und Gewerkschaften fand nicht nur nicht statt, SPD und Gewerkschaften distanzierten sich sogar öffentlich von ihrem vermeintlich gefallenen Sohn und unterstützten die Anti-Agartz-Kampagne nach Kräften.

Die damalige Bedeutung des in der heutigen Geschichtsschreibung weithin verdrängten Landesverratsprozesses gegen Viktor Agartz kann kaum überschätzt werden. Hermann Schäfer, auch er ein Mitarbeiter der AZ, hatte durchaus Recht, als er in seinem erstmals 1958 erschienenen Buch Verraten und Verkauft – halb Biografie von, halb Verteidigungsschrift für Agartz – eine Parallele vom Fall Agartz zum berühmt-berüchtigten Fall Dreyfus im Frankreich der Jahrhundertwende zog: Mit Agartz sollte eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens als Landesverräter entehrt werden, einfach weil sie abweichender Gesinnung war und weil damit ein politisches Zeichen gesetzt wurde.
Damit verdeutlichte sich aber gleichzeitig auch das ungelöste und von den herrschenden Autoritäten weidlich ausgenutzte politische Problem der westdeutschen Linken, dessen Opfer Agartz wurde: Wie verhält man sich als antistalinistischer Sozialist zu den Parteikommunisten? Für Trotzkisten und viele andere Linkssozialisten – zumal, wenn sie in der SPD arbeiten wollten – waren die Kommunisten keine selbständigen politischen Kräfte, sondern allenfalls Stellvertreteragenturen fremder Machtinteressen, von denen man sich prinzipiell fernhalten müsse, wenn man sich bei der Mehrheit der Arbeiterklasse nicht unbeliebt machen wolle. »So wenig Viktor Agartz von stalinistischen Illusionen gefangen wurde«, schrieb beispielsweise Wolfgang Abendroth Ende 1957 in der SoPo, »so wenig er stalinistischen oder halbstalinistischen Gedankengängen in der WISO Konzessionen gemacht hat, so hätte er wissen müssen, dass SED und FDGB ihm eines Tages die Rechnung präsentieren würden, und dass jedes Bekanntwerden dieser Zusammenhänge die marxistischen Gruppen in der deutschen Arbeiterbewegung aufs schwerste kompromittieren würde.«

Zerfallsprozesse…

Es war jedoch diese Haltung, die auch zur fehlenden Solidarisierung mit dem angeklagten Agartz beitrug und ihn auf der Linken in kürzester Zeit isolierte – mit Ausnahme der immer offeneren Sympathiekundgebungen und Vereinnahmungsversuche durch die kommunistische Propaganda in Moskau und Ost-Berlin. So bedeutete der Agartz-Prozess gleichermaßen den Zerfall der »Gruppe Agartz« (Pirker und Kofler trennten sich bereits vor dem Prozess von ihm, Abendroth verteidigte ihn zwar öffentlich, distanzierte sich außerhalb des Prozesses aber ebenfalls von ihm) wie das Scheitern des Versuchs einer gemeinsamen Plattformbildung der Linken innerhalb der Gewerkschaften und SPD. So wie das KPD-Verbot das kommunistische Milieu kriminalisierte und dezimierte, so kriminalisierte und dezimierte der Landesverratsprozess gegen Agartz den westdeutschen Linkssozialismus. Viktor Agartz, schrieb die Welt nach dem Freispruch im Dezember 1957 »verlässt Karlsruhe als ein freier, aber als ein politisch toter Mann.« Danach gab es in der öffentlichen Wahrnehmung keinen eigenständigen Linkssozialismus mehr, einzig noch einen »kommunistischen Sumpf«.
Mit der erfolgreichen Stigmatisierung des Viktor Agartz zur persona non grata der westdeutschen Innenpolitik, zerfiel auch schnell die von ihm dominierte deutsche Sektion der Internationalen Gesellschaft für sozialistische Studien. Er selbst gab nach seinem Freispruch erneut die WISO heraus, mit neuem Mitarbeiterstamm und nun offener finanzieller Unterstützung aus Ostberlin. Als er drei Jahre später wieder auf deutlichen Konfrontationskurs zu den Moskau-Kommunisten ging und diese ihm deswegen die finanzielle Unterstützung fortan verweigerten, musste er die WISO einstellen und zog sich enttäuscht und verbittert ins Private zurück.

Auch den anderen Teilmilieus des westdeutschen Linkssozialismus erging es kaum besser. Die wesentlich von Fritz Lamm herausgegebene, mehr syndikalistisch-antiautoritäre Zeitschrift Funken versuchte zwar noch 1957, zwischen KPD-Verbot und Agartz-Prozess, aus der politischen Defensive und der desolaten eigenen Situation herauszukommen, indem sie eine engere organisatorische Zusammenarbeit der Linkssozialisten anstrebte. Doch beschränkten die Organisatoren diesen Zusammenhang explizit auf Menschen mit SPD-Parteibuch – heimatlos gewordene Linke und Kommunisten waren aus taktischen Zugeständnissen an den mit Repression drohenden Parteiapparat unerwünscht. Auch dieser Versuch scheiterte, ebenso wie der Versuch, sich wenigstens mit der SoPo zu vereinigen. Die Funken stellten ihr Erscheinen im Jahre 1959 ein, die SoPo veränderte sich personell und konzeptionell und wurde zum Jahrzehntwechsel deutlicher als zuvor ein trotzkistisches Blatt. Selbst die aus der KPO-Tradition kommende Zeitschrift Arbeiterpolitik musste 1959 ihr Erscheinen bis Mitte der sechziger Jahre einstellen.
Die zentrale Stärke der AZ, die Tatsache, dass sie in einer Zeit der Neuorientierung oppositioneller Kräfte ein plurales Organ strategischer und taktischer Diskussion war, welches die Brücke zwischen den verschiedenen Strömungen offen zu halten versuchte, wurde schließlich zu ihrer Schwäche in dem Moment, als diese Neuformierung unter dem Druck des herrschenden Antikommunismus einerseits und der Redogmatisierung der Kommunisten andererseits scheiterte. So wurden Nonkonformisten und Linkssozialisten wie Hiller, Kief und Kofler in den Jahren 1957/58 in einer regelrechten Leserbriefkampagne als »Schein-Sozialisten«, »Bourgeoissozialisten«, Idealisten und bürgerliche Humanisten, als »Schnulzensänger im Marxismus« angegriffen, Stalin und sein realsozialistischer Weg immer hemmungsloser gerechtfertigt. Viele namhafte Mitarbeiter zogen sich aus der Mitarbeit an der Zeitung zunehmend zurück, das Meinungsspektrum wurde enger und die Auflage sank erneut. Immer spürbarer geriet daraufhin die AZ ins finanzielle und politische Fahrwasser Ostberlins.

…und ihre Logik

Peter Cardorff hat in seinen Studien über Irrationalismus und Rationalismus in der sozialistischen Bewegung aufgezeigt, welche verschiedenen Möglichkeiten Individuen und Gruppen haben, wenn ihr auf den baldigen Sieg des Sozialismus bauender Geschichtsoptimismus erschüttert wird. »Die bevorzugte politische Reaktion«, schreibt er 1980, ist in solcher Zeit »der Übergang zum Reformertum«. Weil die sozialistische Revolution, weil der Sozialismus auf absehbare Zeit unrealisierbar erscheint, müsse man sich wenigstens, so die Logik, auf die Verbesserung der bestehenden Gesellschaft, auf das Mögliche und Erreichbare im Herrschenden konzentrieren, koste es auch, was es wolle. Dies war in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre die offensichtliche Logik vieler Sozialdemokraten und Gewerkschafter, die jedoch nicht merkten, dass sich mit den Mitteln auch das weiterhin abstrakt proklamierte Ziel verschiebt und in einen Sog der Sachzwänge kapitalistischer Rationalität gerät: »Im Endeffekt wird sie immer weniger fähig, auch nur Reformen durchzuführen.«
Eine andere Reaktionsmöglichkeit ist der weitgehende Rückzug aus aller Politik, da es sinnlos sei, »(g)egen den Strich einer erkanntermaßen unvermeidbaren geschichtlichen Entwicklung Politik zu betreiben« (Cardorff). Dies ist in der Tat die Option, die Ende der fünziger Jahre ein Leo Kofler gezogen oder ein Theo Pirker gewählt hat. Anders als Kofler ist Pirker jedoch auch ein Beispiel, welches der Preis einer solchen Wahl zum Einzelgänger sein kann: der Optimismus verwandelt sich zumeist in Pessimismus und kippt allzu schnell um in jenen elitären Zynismus, der sich über den politischen »Schmutz der Welt« und jene Linke erhaben fühlt, die auch weiterhin am Geschichtsoptimismus festzuhalten versuchen.
Eine weitere, nicht minder prekäre Variante ist die Organisation in Kleinstgruppen, die sich zumeist »entristisch« am inneren Rand der großen linken Organisationen bewegen und permanent Gefahr laufen, zwischen Anpassung und Sektierertum zerrieben zu werden. Der Entrismus der SoPo-Redaktion, eines Fritz Lamm oder Wolfgang Abendroth sind Beispiele hierfür.

Schließlich gibt es noch die Möglichkeit, seinen eigenen Bezugsrahmen nicht mehr an den Klassenkämpfen im eigenen Land auszurichten, sondern diesen Bezugsrahmen nach außen zu verlagern, beispielsweise nach Süden, in die Länder der so genannten Dritten Welt (Algerien, Kuba, Afrika, China usw.) oder nach Osten, zum real existierenden Sozialismus. Die erste Option treffen wir bei den Trotzkisten und der studentischen Neuen Linken der beginnenden sechziger Jahre an. Und dass letzteres Ende der fünziger Jahre durchaus eine Option für originäre Sozialdemokraten und Linkssozialisten gewesen ist, zeigt gerade das Schicksal eines Gerhard Gleissberg oder jenes Viktor Agartz, der sich über die erlittenen Niederlagen mit einer deutlichen Anlehnung an die weltkommunistische Bewegung hinweg tröstete, als er von den revolutionären Prozessen »von der Elbe bis Peking« schrieb, und davon, dass die politische und gewerkschaftliche Arbeiterbewegung im Westen fortan ohne sozialistische Führung sei: »Die Mitgliedschaft gleicht einem statischen Körper, der der Führung, dem Apparat, als ökonomische und gesellschaftliche Basis dient. Jede Diskussion, die der klassenpolitischen Aufklärung dient, wird unnachsichtlich geahndet, um die organisatorische Basis, die eigene Erwerbsposition, nicht zu gefährden. Trotzdem befinden sich Teile der Arbeiterschaft in Unruhe und Bewegung. Zwischen Führung und Masse besteht ein Bruch des Vertrauens, der sich zum Beispiel in der Frage der Atombewaffnung oder der innerdeutschen Verständigung bemerkbar macht. In diesem Stadium der Stagnation, aber einer glimmenden Glut unter der Asche, fällt den sozialistischen Staaten eine Aufgabe zu, auf die internationale Arbeiterbewegung durch die Art und den Inhalt ihres sozialistischen Aufbaus auszustrahlen.«
Damit schließt sich erneut der Kreis: Abendroth und Lamm, Kofler und Pirker, Agartz und Gleissberg – da haben wir erneut die Protagonisten des westdeutschen Linkssozialismus der fünfziger Jahre und zudem sehr treffsicher beschrieben, welche unterschiedlichen, aber keinesfalls beliebigen Konsequenzen sie aus dem beschriebenen Zerfallsprozess gezogen haben.

Übergänge

Ein Niedergang also auch hier. Der politisch-organisatorische Zyklus eines um die SPD zentrierten und sich aus den Vorkriegs- und unmittelbaren Nachkriegstraditionen der radikalen Arbeiterbewegung speisenden Linkssozialismus der fünfziger Jahre hatte einen vorläufigen Abschluss gefunden. Das letzte Aufbäumen der Linkssozialisten war zusammengebrochen und machte in den Jahren 1957/58 den Weg frei für die geschichtsträchtige Transformation der SPD in eine bürgerliche Reformpartei (Bad Godesberger Parteitag 1959) und die anschließende Umsetzung dieser neuen Linie auch in der Gewerkschaftsbewegung. Weil es aber mehr als nur ein Niedergang von Altem, vielmehr gleichermaßen mit Neuem durchsetzt war, musste sich dieses Neue auch neue Wege suchen. So begann im Jahre 1958 ein neuer politischer (Klassenkampf-)Zyklus: Zur gleichen Zeit, als die Linkssozialisten innerhalb der SPD ihren letzten vergeblichen Kampf führten, flammte erneut der pazifistische Kampf auf und erreichte in der »Kampf dem Atomtod«-Kampagne neue, breite Bevölkerungsschichten.
Das Jahr 1958 sah die bis dahin größte außerparlamentarische Protestbewegung der Nachkriegszeit. Ihr soziologisches und ideologisches Merkmal war jedoch, wie Hans Manfred Bock in seiner Geschichte des linken Radikalismus schreibt, »weniger das eigenverantwortliche Handeln werktätiger Massen aus sozialistischer Überzeugung als das überwiegend moralische, antimilitaristische und pazifistische Engagement breiter Schichten der wissenschaftlichen, literarischen und kirchlichen Intelligenz«. Neu war jedoch weniger das moralische, antimilitaristische und pazifistische Engagement an sich – dieses zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der (west-)deutschen Linken. Neu war im Jahre 1958, dass die bis dahin zahlreichen linkssozialistischen Kräfte politisch-strategisch desorientiert und organisationspolitisch weitgehend zerschlagen waren, und dass sich vor diesem Hintergrund die anderen Protestbewegungen zu verselbstständigen begannen.

Dieser Sachverhalt nährte die Illusion, dass sich die Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre herausbildende Neue Linke wirklich eine neue Linke sei, eine Überwindung der vermeintlich alten Linken. Auch dies war sie sicherlich, doch eben nur eingeschränkt, denn die programmatischen und theoriepolitischen Impulse und Ziele sollte die zweite Generation der Neuen Linken mit der ersten teilen. Zum innerlinken Keil zwischen Linkssozialisten und Parteikommunisten kam so in den Sechzigern ein weiterer Keil, die partielle Übernahme des modernistischen Mythos der Jugend, den Henri Lefebvre in seiner Einführung in die Modernität zu Beginn der Sechziger beschrieben hat. Im modernistischen »Kult des Neuen für das Neue«, so Lefebvre, findet sich der Protest »gegen die Fetischisierung all dessen, was sich akkumulieren lässt – Erfahrung, Prestige, Wissen, Kapital, ökonomische Macht (unabhängig davon, ob es sich um eine kapitalistische oder eine sozialistische Gesellschaft handelt)«, ebenso wie »die reine und gewalttätige Spontaneität«. Und es findet sich jenes Misstrauen zwischen den Generationen, jene »Ignoranz der ›Jungen‹ vor der Geschichte«, die nun eine neue Qualität annimmt: »Das Neuartige scheint zu sein, dass diese natürliche und unvermeidliche Ignoranz, Ergebnis der Abfolge der Zeiten und der lebenden Generationen, akzeptiert, proklamiert und sozusagen kultiviert wird. Allem Anschein nach wollen viele Jugendliche gar nicht wissen, was ihnen vorausgegangen ist. Eine ›natürliche Neigung‹ gerät so zum Programm. Die jungen Leute entschließen sich, das Frühere zu ignorieren. Sie wollen den reinen Anfang. Durch einen konfusen und vitalen – oder als solchen genommenen – Entschluss schneiden sie sich gleichsam von ihren Ursprüngen ab. Eine Besonderheit der Jugend, die ebenso ihren Charakter ausmacht, wird verabsolutiert. Man bricht (wieder) vom Nullpunkt auf. Man macht tabula rasa und glaubt sich auf der tabula rasa gänzlich allein.«
Hiermit beschreibt und analysiert Lefebvre nicht nur gesamtgesellschaftliche Trends, er verdeutlicht implizit auch eines der zentralen politischen Probleme der internationalen Linken der sechziger Jahre, die Verdrängung der eigenen Tradition, in der man, wohl oder übel, stand und steht.


Erstveröffentlichung in: Sozialistische Hefte für Theorie und Praxis (Köln), Nr. 11, September 2006.
Der Beitrag nimmt Themen und Passagen auf, die der Autor in seinem Buch Sozialistisches Strandgut. Leo Kofler – Leben und Werk (1907-1995), Hamburg 2007, Kapitel 5 und 6, ausführlicher behandelt (online verfügbar unter http://www.leo-kofler.de/?page_id=689). Dort finden sich die nötigen Zitatnachweise.

Foto: Zweite Lesung der Pariser Verträge im Deutschen Bundestag am 25. Februar 1955, Bonn (Bundesarchiv, B 145 Bild-F002450-0003; Rolf Unterberg; CC-BY-SA)

Jünke Christoph

Christoph Jünke ist Historiker und politischer Publizist. Seine Arbeitsgebiete liegen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der Zeitgeschichte, der Geschichte sozialer Bewegungen und der politischen Ideengeschichte.

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