von Waldemar Ritter

Als ich vor 85 Jahren geboren wurde, lebten rund 2 Milliarden Menschen auf unserer Erde. Zur Zeitenwende, zu Christi Geburt waren es 170 Millionen. Heute sind es über 7,6 Milliarden. Das sind 85 Millionen mehr als im Vorjahr. Und damit etwa so viele Menschen, wie derzeit in Deutschland leben. Das Problem der Überbevölkerung ist das wichtigste Problem der Menschheit. Alle großen Probleme hängen von der Zahl der Menschen auf der Erde ab.

»Das Bevölkerungswachstum ist für jedes einzelne Problem des Planeten verantwortlich« erklärt meine Altersgenossin, die Primaten- und Verhaltensforscherin Jane Goodell. Es ist sehr frustrierend, dass die Menschen sich nicht mit diesem Thema beschäftigen wollen. »Wenn es nur wenige von uns geben würde, dann wären die negativen Sachen, die wir machen egal, und Mutter Erde würde das allein erledigen – aber wir sind so viele.« Und es werden immer schneller immer mehr. Deshalb muss über eine Begrenzung des Bevölkerungswachstums nachgedacht werden. Über die katastrophalen Folgen eines solchen Bevölkerungsanstiegsffindet aber weder in den Medien noch in der Politik eine adäquate Diskussion statt.

Dabei hängt die Entwicklung der Menschheit wesentlich von der Zahl der Erdbewohner ab. Alle anderen großen Probleme sind nur Ableitungen dieses Grundproblems. Denken wir nur an die Massenflucht aus Schwarz-Afrika. Die Überbevölkerung macht bereits jetzt die ›Mutter aller großen politischen Probleme‹ auf unserer Erde sichtbar. Es gibt einen Klimagipfel, aber es gibt keinen Weltbevölkerungsgipfel, der viel wichtiger wäre, da er auch die Klimaveränderung ursächlich mit erklären könnte.

Besonders stark wächst die Bevölkerung in Afrika. Afrika ist der Himmel. Aber: Als meine Mutter geboren wurde (1900) lebten in Afrika 130 Millionen Menschen. 2010 waren es gut eine Milliarde. Nach der UNO Bevölkerungsprognose werden es 2050 2,2 Milliarden und 2100 3,6 Milliarden sein. Das heißt: Die Bevölkerung Afrikas wird sich in einem Zeitraum von vierzig Jahren verdoppelt und in neunzig Jahren verdreifacht haben. (Und das vor dem afrikanischen Paradox: Afrika hat die größten Energie-Ressourcen – Wasser, Sonne, Wind, Öl – und doch eine gigantische Energiekrise, mit 600 Millionen Menschen ohne Strom.)

Die Bevölkerungsentwicklung folgt keinem Naturgesetz. Das hohe Bevölkerungswachstum geht zu einem großen Teil auf ungewollte Schwangerschaften zurück. Das Mindeste wären deshalb verbesserte Angebote zur Aufklärung, Gleichberechtigung und Familienplanung. Hier muss sich auch die katholische Kirche bewegen. Mehr Gleichberechtigung für Frauen in der Gesellschaft Afrikas und anderen Entwicklungsländern. Noch immer kann jede vierte Frau in diesen Regionen nicht verhüten, obwohl sie das will. Würde dieser Bedarf gedeckt, könnte damit gerechnet werden, dass sich das Wachstum der Bevölkerung um ein Viertel verringert. Traditionell galten viele Kinder als wünschenswert für die Absicherung der Eltern im Alter, doch wenn jetzt die jungen Leute in Massen in die Städte flüchten, greift das auch nicht mehr.

Heute ist das Thema weltweiter Familienpolitik und deren Durchsetzung außer in China überall in der Welt tabu. Auch die Uno schweigt. In spätestens drei Jahrzehnten, (wenn sich die Bevölkerung Afrikas verdoppelt hat) werden wir uns mit einem drastisch zunehmenden Rohstoff- und Nahrungsmittelproblem konfrontiert sehen. Allein der Nahrungsmittelbedarf wird weltweit bis 2050 um 70 bis 100 Prozent steigen, obwohl bereits jetzt eine Milliarde Menschen hungern und die Frischwasservorräte der Welt sinken. Die Uhr rennt. Alle Probleme werden sich angesichts der explosionsartig wachsenden Weltbevölkerung verschärfen. Ich möchte nicht darstellen, welche Katastrophen die höchste Wahrscheinlichkeit haben, wenn wir sehenden Auges nichts oder zu wenig tun . Oder wollen wir warten, bis ökologische Krisen und unvorstellbare politische Unruhen die Zahl der Menschen definitiv dezimieren? Wahrscheinlich ist, dass die Menschen verhungern, sich gegenseitig umbringen, flüchten und oder sich aus anderen Gründen weniger stark vermehren. Es gibt eine moralische Anmaßung, die zu großen Teilen verantwortungslos ist, weil sie die Folgen nicht tragen muss.

Wiederholung:

Alles hängt davon ab, ob die Geburtenraten in den weit entwickelten Ländern dauerhaft unter dem Ersatzniveau bleiben und ob sie in den heute armen und kinderreichen Ländern unter das Ersatzniveau sinken. Wir sollten uns davor hüten, uns und unseren Mitmenschen die größtmögliche Aufklärung zu verweigern.

Eine wichtige Aufgabe ist auch die Reform der Landwirtschaft hin zu höherer Produktivität in Afrika und auch in Teilen Asiens. Dazu muss auch bei uns das Tabu um die Gentechnik fallen.

Schon heute ist es ein Diebstahl an künftigen Generationen. Am 2. August 2018 hat die Menschheit ihre natürlich verfügbaren Ressourcen für dieses Jahr aufgebraucht. Auch wenn diese Rechnung umstritten ist, so stimmt sie doch in der Tendenz.

Ab jetzt werden von immer mehr Menschen mehr Wälder, Wasser und Äcker verbraucht als die Erde jährlich regenerieren kann. Der Erdüberlastungs- oder Welterschöpfungstag fällt damit auf das früheste Datum seit Beginn der Überlastung, die in den siebziger Jahren begann. Noch kann man den Trend umkehren, Lösungen entwickeln, mit denen wir die Belastungsgrenze der Erde respektieren. – Auch wenn die Welt noch immer schweigt: eine überfällige Forderung.

Umsetzen:

Zehn Prozent der Entwicklungshilfe in die weltweite Familienplanung zu stecken, Aufkärung und diese Hilfe sind um der Menschheit willen unabweisbar. Um der Menschheit willen dürfen wir die Überbevölkerung unserer Erde nicht ausblenden. Wir können zehnmal aus der Kohle aussteigen, nur noch Fahrad fahren und nur noch Ökolandwirtschaft betreiben, wir können uns Gedanken machen über den notwendigen digitalen und technologischen Fortschritt, über künstliche Intelligenz und darüber, dass vielleicht bald Mischwesen aus Mensch und Algorithmus die Erde bevölkern. Aber: Wenn die Bevölkerung so weiter wächst, nützt das alles nichts.

Die Realität der akzelierenden Überbevölkerung des 21. Jahrhunderts ist beängstigend. Wir müssen die Realität so sehen, wie sie ist. Wir müssen neue politische Modelle entwickeln, die mit dem beispiellosen Problem dieses Jahrhunderts, das zu lösen ist, umgehen können. Eine weltweit funktionierende Lösung für das existenzielle Problem unserer Zeit!

(Bild: By Fährtenleser - Own work, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45457690)

Ritter Waldemar

Waldemar Ritter, geb. 1933, Politikwissenschaftler und Historiker, Mitbegründer und stellvertretender Vorsitzender des Sozialdemokratischen Hochschulbundes, ab 1967 Referatsleiter für Grundsatzfragen im Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, später Ministerialdirigent im innerdeutschen Ministerium. Nach der Wiedervereinigung im Bundesinnenministerium zuständig für Kulturaufgaben des Bundes. Publ.: Kulturpolitische Aufgaben im Vereinten Deutschland (1991/93); Kulturerbe als Beute? (1997/99); Deutschland – Kulturland in Europa – Betrachtungen über das europäische Kulturerbe (1999); Denk ich an Deutschland…: Visionen für Deutschland – Politik, Staat und Kultur am Beginn des 21. Jahrhunderts (2004/06) u.a. (Quelle: Wikipedia)

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