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von Ulrich Siebgeber

Man könnte mir den Seriositätspreis des deutschen Kabaretts anbieten und ich würde ihn annehmen – natürlich unter Gelächter, schließlich gehört sich das so. Ich bin zwar kein Kabarettist, aber manchmal wird das schiere Lesen zum kabarettistischen Ereignis und wer will da fehlen? Das Lesen ist meine Bühne, sie steht gleich neben der Berliner Siegessäule, dort, wo der Wille zum Sieg in diesen Tagen vor allem junge Gemüter in Versuchung führt. »Wir selber suchen keinen Schulterschluss mit irgendwelchen Parteien, wir wollen auch nicht die nächste Wahl beeinflussen. Wir adressieren hier in Berlin einzig und allein die deutsche Regierung. Die muss jetzt den Klimanotstand ausrufen. In dieser Woche!« Nein, das war nicht ich, das war…: Extinction Rebellion im NZZ-Interview vom 9.10.2019 aus dem Mund ihrer deutschen Sprecherin Annemarie Botzki, einer zweifellos begabten Klimanotstands-Darbieterin. Aber ebenso zweifellos muss ich adressiert gewesen sein, so deutlich und lautstark fiel mir bei diesen Sätzen die Kinnlade herunter. Denn diese Sätze, hoppla, die kannte ich doch, wenngleich … warten Sie … stimmt!

Pegida – erinnern Sie sich an Pegida? Diese Dresdner Montagsmarschierer mit ihren begabten Volkstribunen von Bachmann bis Pirinçci, sie wollten zwar nicht, dass die Regierung den Klimanotstand ausruft (sofort!), hingegen den Flüchtlingsnotstand oder wie das damals noch hieß, und zwar, ja gewiss, sofort! Apropos: Wie reagierte damals die Regierung? Schnürte sie ängstlich Asylpakete? Ergriff die Kanzlerin jedes Mikrofon in Reichweite, um zu betonen, dass man keineswegs hinter den auf der Straße geschürten Erwartungen zurückbleiben wolle, sie stattdessen in Sachen Effizienz noch zu übertreffen gedenke? Traten die Parteien in einen Überbietungswettkampf ein, welche von ihnen sich als die einzige wahrhaft gültige Vollstreckerin des Pegida-Alarms betrachten dürfe?

Ich … ich … kann mich gerade nicht genau erinnern, aber so ähnlich muss es wohl damals gewesen sein.

Kommen wir zur Sache: Pegida sah zwar nicht die Welt, aber Europa binnen zehn Jahren zum Teufel – Verzeihung: zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt gehen, um seine Sinne schärfen zu lassen zum unvermeidlichen letzten Gefecht. Auch damals diese Sprache: Wer heute nicht glaubt, wird dann sehen … ihr werdet schon sehen, Ungläubige aller Couleur, eure Blindheit wird euch noch teuer zu stehen kommen … schuld am Schicksal eurer Nachkommen, eurer Kinder, die zu zeugen und auszutragen ihr euch weigert, Schuldige ihr… Teufel –! Das ist ja alles wieder da. Nein? Nicht? Na dann weiter im Text: »In England wurde der Klimanotstand eine Woche nach unserer letzten Rebellion ausgerufen. Zu Recht. Die weltweit angesehenen Klimaforscher warnen alle davor, dass die Erde am Ende dieses Jahrhunderts vier Grad wärmer sein wird. Wenn das passiert, ist Europa eine Wüste.«

Wissen Sie was? Ich kenne sie alle, die ›weltweit führenden‹ Klimaforscher. Ich habe sie gelesen, in Gedanken interviewt, mich mit ihren Hinter- und Vorderansichten beschäftigt und mich von ihnen wechselnd auf Kurs bringen lassen. Hier stehen sie. Sie sehen nichts? Nun, weltweit führt, wer mich anführt, und ich … ich will mich nicht anführen lassen. That’s it. Das geht schlecht in ein Gehirn hinein, das von morgens bis abends mit Horrorgeschichten gefüttert wird, aber es ist so. Ein wenig altmodisch ausgedrückt: ich kenne wie viele andere meiner Mitmenschen die kontroversen Positionen, die es auf diesem Forschungsfeld gibt, zumindest in dem Umfang, in dem Forscher und Medien in ihrer übergroßen Huld sie uns zugänglich machen. Ich nehme sie zur Kenntnis und streite mich gewöhnlich mit niemandem herum außer mit mir selbst. Das ist schwer genug. Am Familientisch sitzen streitbare Geister. Wissende, stark Wissende. Grässlich, denke ich, Europa eine Wüste…? Wer erzählt denn sowas? Das ist doch! Warum produziert dieser Kontinent, neben SUVs und Betrugssoftware, am laufenden Band solche Verrücktheiten?

Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Dabei will ich es wissen.

Frau Botzki weiß es: »Das Überleben der Menschheit aufs Spiel zu setzen, weil es ein Szenario ist: Das ist ein Risiko, das wir niemals eingehen sollten. Wenn der Klimanotstand nicht ausgerufen wird, kommen wir wieder.« Aber es ist ein Szenario, junge Frau! Ein Szenario, entworfen für Ihresgleichen, für niemanden sonst. Anders erklärt: Was für alle Welt ein Szenario ist, zu prüfen und für gut, übertrieben oder unwahrscheinlich zu erklären, ein Feuerchen unter dem Hintern der trägen Masse, das ist für Sie kein Szenario, darf es nicht sein, denn ein Szenario, ein Szenario … was ist das schon? Es muss die Wahrheit sein, die eine, wahrhafte, untrügliche, unausweichliche, um Sie zu entflammen. Das ist ein schöner Zug, ein sehr schöner, moraltechnisch und vom jugendbewegten Standpunkt betrachtet, denn schließlich geht die Welt nicht alle Tage unter … oder doch? Alle Tage? Es wäre also ein untragbares Risiko, einen Gedanken, ein bloßes Gedankenkonstrukt unter anderen denkbaren, für ein Szenario wie andere auch zu halten, nur weil dieses mit einem knalligen Untergang spielt? So schön ist Jungsein, vor allem bei geringem Lektüreaufkommen, ein herrliches Nichtwissen darum, dass nichts so gern verbreitet wird wie Untergangsszenarien, dass sie das Rückgrat aller wildgewordenen Erfolgsschreiberei bilden und, wo immer sie praktische Konsequenzen einfordern, auf Erpressung hinauslaufen.

Aber hoppla, sieh an: Da ist sie schon.

»Wer nicht glaubt, dass wir Berlin lahmlegen können, muss sich nur anschauen, wie schnell wir wachsen. Als wir letztmals im April hier waren, waren wir 250, 300 Leute. Jetzt sind wir schon 5000.« Wieviele werden es morgen sein? Übermorgen? Im nächsten Monat? Im nächsten Jahr? Bei 3,5 Millionen Leuten würde sich Berlin, roh gerechnet, selbst lahmlegen. Das wäre natürlich das beste Szenario von allen, die Regierung müsste ausgeflogen werden und in Potsdam Notquartiere beziehen, wie ein Politiker namens Höcke bereits früher angemahnt hat … Potsdam? Am Sitz jenes legendären Klima-Instituts? Das wäre ja gerade so, als hätte de Gaulle 1968 nicht rechts des Rheins, sondern links der Seine um Asyl ersucht. Die Weltgeschichte hätte einen anderen Gang genommen. Gut, vergessen wir die Weltgeschichte, sie ist ein V… – lassen wir das, im Vergleich zu dem, was nun ansteht und bewältigt werden muss. Politiker aller Parteien, ihr seid aufgerufen…

Nein, die nicht. Zum Glück für die Populisten wollen sie das Glück der Weltrettung nicht teilen, sie finden, es sei unteilbar, und das finden die anderen auch. Auch die Leute von Extinction Rebellion sind unteilbar. Sie haben die Demokratie neu erfunden und praktizieren sie bereits, wenngleich nur im inneren Kreis: »Bei uns zwingt keine Mehrheit der Minderheit ihren Willen auf. Wenn im Deli-Plenum drei Optionen auf dem Tisch liegen, gehen die Delegierten zurück in ihre Bezugsgruppen und besprechen das. Das klingt vielleicht kompliziert, aber es läuft alles ganz spontan und informell ab.« Daran sollten die Genossen von der SPD sich ein Beispiel nehmen. Etwa, was die kommende Wahl der Vorsitzenden angeht: »Wahlen sind dem Wesen nach aristokratisch. Sie haben immer schon diejenigen begünstigt, die von vornherein wohlhabend und gebildet waren.« Da lachen die Wohlhabenden und schieben sich unauffällig nach vorn. Das Problem der Demokratie besteht also darin, dass ihre Repräsentanten immer wohlhabender und gebildeter werden, sozusagen auf dem Weg natürlicher Auslese, dem survival of the fittest. Da weiß man schon, wer das Rennen um die nächste Kanzlerschaft gewinnt.

Ist das Unfug? Ja, das ist Unfug. Aber schön blühend.

*

»Was wollen die Studenten?« hieß ein Erfolgsbuch der späten sechziger Jahre. Ein Rätsel aber ist Spätergeborenes. Das wissen alle Eltern und rennen den Therapeuten die Türen ein. Da kann man froh sein, wenn wenigstens im Fall von Extinction Rebellion ein paar klare Sätze gesprochen werden: »Wir sind eine neue Bewegung, die öffentliche Meinung bildet sich gerade erst. Wir versuchen zu helfen, indem wir so offen wie möglich kommunizieren. Wir sind nicht gegen Demokratie, wir wollen die Demokratie erweitern – mit einer Bürgerinnenversammlung. Die soll nicht das Parlament ersetzen, sondern dabei helfen, die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden. Immer mehr Menschen wenden sich enttäuscht von der Politik ab. Eine per Los besetzte Versammlung kann diese Entwicklung stoppen. Es gibt solche Modelle auch schon: in der Kommunalpolitik, auf EU-Ebene und jüngst sehr erfolgreich in Irland.«

Dieses eine Mal hält der Interviewer der NZZ vorsichtig dagegen: »Die irische Citizens’ Assembly hat unter anderem die gleichgeschlechtliche Ehe durchgesetzt. Allerdings ist das Gremium zeitlich befristet, und das letzte Wort haben die gewählten Volksvertreter. Bei Extinction Rebellion klingt das ganz anders. Bei Ihrer Pressekonferenz hiess es, dass sämtliche Entscheidungen einer solchen Versammlung für die Regierung verbindlich sein sollen. Das würde die Machtverhältnisse in der Politik massiv verschieben.«

Rebelliert Frau Botzki gegen diesen tastenden Versuch, sich die unvertrauten Vorstellungen der ›neuen Bewegung‹ zu eigen zu machen? Versucht sie der öffentlichen Meinung dabei zu helfen, sich just an dieser Stelle ein wenig mehr zu bilden? Wehrt sie sich tapfer gegen die üblichen reaktionären Missverständnisse und Unterstellungen? Lesen wir (und halten wir dabei die Kinnlade fest in der geöffneten Hand):

»Die Regierung soll die Beschlüsse umsetzen, das stimmt. Aber über die Details müssen wir als Gesellschaft noch diskutieren. Wie viele Menschen machen da mit? Für wie lange und wie oft trifft sich dieses Gremium? Wir haben eine Politik-AG, die gerade an dem Konzept arbeitet. Wichtig ist jetzt, dass es bald losgeht. Die Zeit drängt. Und es gibt nun einmal Themen, die die ganze Gesellschaft betreffen und die nach so langfristigen Lösungen verlangen, dass eine einzelne Regierung, die ja immer in einem Wahlzyklus gefangen ist, damit nicht umgehen kann.«

Nein, ich habe das nicht erfunden. Es steht einfach da. Es ist auch kein Herr namens Bachmann, der so redet. Es ist Frau Botzki. Ich kenne beide nicht, insofern könnte mir der Unterschied egal sein. Einen Vorschlag hätte ich allerdings schon: Alle Parteien, die jetzt und in Zukunft den Deutschen Bundestag bevölkern oder bevölkern wollen, sollten schleunigst ihre Politik-AGs einberufen und auf der Basis absolut einstimmiger, absolut freiwilliger, von keinerlei Majorität einer Minderheit aufgedrückter, unauflöslicher Überzeugung beschließen: »Ende der Fahnenstange. Hier formiert sich eine im Kern antidemokratische, auf Gesinnungskontrolle und Expertendiktatur zielende schein-basisdemokratische Bewegung unter dem ideologischen Mäntelchen eines Weltrettungsmodells, für das es, neben wissenschaftlicher Remedur, eine gute alte Bezeichnung gibt: Dummenfang. Und das geht alle an.«

*

Vielleicht habe ich mich gerade etwas zu sehr erhitzt … wo ist die junge Dame tätig? In der ›Solarenergiebranche‹? Das wäre doch etwas Festes.

 

 

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Mag sein, das Volk ist eine irrationale Größe. Doch daraus auf die Rationalität der Eliten zu schließen wäre, sagen wir ... nicht in Ordnung.

Und doch, man geht wie auf Strickleitern durch Ihre Texte. Immer mit einem Anflug von Höhenangst. Das strengt ganz schön an.
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Ulrich Siebgeber: Der Stand des Vergessens

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.