Preußischer Landtag, Berlinvon Wolf Wagner

Siegfried Heimann hat eine umfassende, vielgelobte Geschichte des Preußischen Landtags 1899-1947 geschrieben. Dabei ging es um eine Institution und was in ihr politisch geschehen ist. Das nachfolgende Buch „Der ehemalige Preußische Landtag.“ ist ganz anders. Hier geht es nicht um eine Institution, sondern um ein Haus. Die Institution war aufgelöst. Es blieb nur das Haus.

Heimann nutzt diesen Umstand, um anhand all der Institutionen, die zeitweise in dem Gebäude des ehemaligen Preußischen Landtages, zu DDR-Zeiten das „Haus der Ministerien II“, und dem ihm zugeordneten „Haus der Ministerien I“ in der Leipziger Straße 5-7 untergebracht waren, eine spannende Geschichte der frühen DDR zu schreiben. Denn es wurde der Sowjetischen Militär-Administration und den führenden Genossen schnell klar, dass der ehemalige Preußische Landtag   direkt an der Grenze zum Westen zu unsicher war, um dort die Volkskammer oder die Regierung der DDR unterzubringen. Erst recht nach dem 17. Juni  1953 war klar, dass das politische Leben in Ost-Berlin Richtung Alexanderplatz verschoben werden würde. Damit rückte der ehemalige Preußische Landtag an den Rand der Geschichte . Selbst seinen Namen verlor er und wurde mit der Bezeichnung „Haus der Ministerien II“ enthistorisiert. In  der ehrwürdigen Wandelhalle wurde eine HO-Betriebsverkaufstelle zum Verkauf von Jeans-Bekleidung und ein Sportraum für Frauengymnastik eingerichtet (S.35).
Doch der Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, hatte seine Arbeitsräume im Haus der Ministerien II und die Deutsche Wirtschaftskommission, später auch die staatliche Planungskommission, hatte dort viele Mitarbeiter und Büros untergebracht. Im Frühjahr 1953 zog die Regierung der DDR aus und machte dem Ministerium für Land- und Forstwirtschaft der DDR platz. All das gibt Siegfried Heimann die Möglichkeit, anhand der im Gebäude residierenden Institutionen die zentralen Probleme der DDR beim Aufbau eine Planwirtschaft und die Entwicklungen der zunehmenden Kollektivierung der Landwirtschaft zu schildern. Dass die DDR überhaupt funktioniert hat und eine rätselhafte Langlebigkeit entwickelte, kann man an diesen Anfängen in Heimanns Buch wunderbar verfolgen und verstehen lernen. Durch die eingestreuten Biografien der zentralen Figuren wird der Text besonders lebendig und persönlich. Die Widersprüche und ihre Überwindung, etwa bei der Zwangsvereinigung von SPD und KPD und die Rolle Grotewohls dabei, ist eine immer neu spannende Darstellung dieser ansonsten wenig bekannten Anfänge der DDR. Ein sehr zu empfehlendes Buch.

 

Siegfried Heimann: Der ehemalige Preußische Landtag. Eine politische Geschichte des heutigen Abgeordnetenhauses von Berlin 1947 bis 1993, Ch. Links Verlag, Berlin 2104, 189 Seiten, 39 Abbildungen, 19,90 Euro

Foto: Horb

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