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von Dmitrij Belkin

 Dieser Essay ist ein Appell an die jüdische Gemeinschaft Deutschlands und ihre politischen Repräsentanten, mehr Verantwortung für das Land und für die nichtjüdischen Deutschen (sowie für die hier lebenden Nichtdeutschen) zu übernehmen. Dies ist des Weiteren ein Appell, eine gewisse Selbstfixiertheit aufzugeben, welche aus meiner Sicht die heutige Judenheit in Deutschland, sofern man von einer solchen generell sprechen darf, kennzeichnet.

Die Themen, die den Kern einer jüdischen Identität in der Bundesrepublik nach dem Holocaust ausmachen: Erinnerung an die Katastrophe, enger Bezug zu Israel, Kampf gegen den Antisemitismus in seinen immer neuen bzw. aktualisierten Erscheinungsformen – diese Themen dürfen keineswegs vom Horizont der jüdischen Gemeinschaft verschwinden. Auf diesem mentalen und medialen Horizont sollen aber – nicht ›ergänzend‹, sondern prominent – die nichtjüdischen Menschen erscheinen. Und zwar: jenseits des Diskurses über die Täter und Antisemiten.

Die Bundesregierung verpflichtet sich seit ca. 50 Jahren de facto und seit 2003 vertraglich, zum »Erhalt und Pflege des deutsch-jüdischen Erbes« beizutragen – nicht zuletzt materiell. Die Bundesrepublik ist ein Land, in dem Millionen Nichtjuden bereit und willig sind, sich mit diversen Formen der jüdischen Kultur, Religion und Geschichte zu identifizieren und diese – auf ihre Weise – zu leben. Die Situation, bei der die Töchter/Söhne und EnkelInnen der Verbrecher sich – ob aus persönlichen Schuldgefühlen, aus religiöser oder moralischer Überzeugung oder aus einem historischen Interesse an der verbrecherischen Vergangenheit des »Dritten Reiches« – mit einer Tradition identifizieren, die noch vor 70 Jahren komplett ausgerottet werden sollte, ist zweifelsohne paradox. Doch es gilt nicht, diese Ausgangslage ausschließlich aus einer kritischen Distanz zu beobachten, nach dem Motto: »wie furchtbar und pervers!« Es gilt vielmehr, auf diese Menschen Schritte zuzugehen: Bewusst, geduldig und durchdacht.

Eine Frage, die dabei durchaus legitim erscheint: Woher kommt diese Kraft, in einem Land, in dem die realen oder imaginären Koffer der Juden erst seit 20 Jahren ausgepackt sind, in dem das Trauma der Massenvernichtung jahrzehntelang kein offen ausgesprochenes Thema war, in dem der Antisemitismus immer noch in 20% der Bevölkerung dankbare Abnehmer findet und in dem die letzten NS Verbrecher in der unmittelbaren Nachbarschaft leben. Woher also die Kraft?

Diese Frage ist ernst zu nehmen. Auf der Suche nach möglichen Antworten sollte man deswegen den Kreis der Angesprochenen hauptsächlich auf die Politiker, Intellektuellen und Personen des öffentlichen Lebens reduzieren, die sich in Deutschland zu diversen Aspekten der deutsch-jüdischen Beziehungen äußern. Die permanente und gezielte Suche nach Rudimenten, Überbleibseln oder öfter – nach wesentlichen Elementen – des Nationalsozialismus auch in der heutigen bundesrepublikanischen Gesellschaft, ist dabei m.E. nicht immer hilfreich. Die Situation, der deutschen Gesellschaft dauerhaft einen Nazi-Spiegel vorzuhalten, ist eine Konstante in den Feuilletons und der Akademie. Dieser Stand kann unendlich lange dauern, denn die Aufarbeitung der NS- und vor allem der Post-NS Vergangenheit in manchen Bereichen der deutschen Gesellschaft hat gerade – wenn überhaupt – erst begonnen. Doch die Suche nach hochkarätigen NSDAP Mitgliedern in den Ministerien und Ämtern der frühen BRD, die evtl. vorher in den Holocaust involviert waren, darf nicht der nahezu einzige wesentliche Inhalt der intellektuellen Kommunikation zwischen Nichtjuden und Juden sein. Die sicherlich vorhandenen Kontinuitäten zum NS sollten die Erfolge der bundesrepublikanischen Gesellschaft nicht absolut in den Hintergrund stellen. Anders würde sich das – ohnehin bestenfalls rudimentär vorhandene – Selbstbewusstsein der deutschen Gesellschaft, nicht weiter entwickeln, was für das politische Grundgerüst der Republik nicht gut wäre.

Die Menschen kommen zu Hunderten zu Vorträgen und Filmaufführungen, in welchen ihnen ihre eigene NS Vergangenheit (bzw. die ihrer Familien) präsentiert wird, empören sich laut über das Böse/die Bösen des Nationalsozialismus, sind für die Erzählungen über jeden der – wenigen – Guten und Gerechten in der frühen bundesrepublikanischen Geschichte sehr dankbar. Doch wir sind auch für die Offenheit, Empathie und für das Verständnis diesen Menschen und ihren Gefühlen gegenüber verantwortlich.

Ich höre: Wie: »Verständnis«?! Wie: »Empathie«?! Wenn Menschen aus einer Tradition kommen, die Jahrhunderte lang für die Verfolgungen der Juden mitverantwortlich war, nämlich: aus der christlichen Tradition, und heute einen ›Dialog‹ mit dem Judentum suchen, was soll man da noch sagen können? Man soll – das ist meine Antwort – diese Dialogveranstaltungen nicht zu Vernichtungsrunden des Christentums umfunktionieren und das Judentum dabei als einen positiven Gegenbegriff glorifizieren. Vielmehr sollte man zumindest annähernd so intensiv und positiv auf die Gegenseite eingehen, wie es Christen den Juden gegenüber tun – manchmal tun. Man soll ein ungespieltes Interesse für deutsche und europäische Geschichte und Gegenwart jenseits des christlichen Antijudaismus zeigen.

Deutschland ist voller unausgesprochener Traumata, die sich nicht selten paradoxerweise in eine Selbstidentifizierung mit den Juden angesichts der unaufgearbeiteten Vergangenheit der eigenen Verwandtschaft transformieren. Das Erleben des jüdischen Verlustes wird zum Erleben der eigenen Verluste, welche den Betroffenen selbst illegitim erscheinen. Man fragt sich dabei nur: »Wer hat doch diesen Krieg begonnen und diverse Genozide verübt?« Der Sarkophag des ewig langen öffentlichen Schweigens hat nicht seit gestern Risse und zeigt sich in Deutschland auch in fremdenfeindlichen Äußerungen, die die Anderen für die eigenen Schmerzen verantwortlich machen. Bisweilen zeigen sich diese Risse in einem romantisierenden Vermissen der ›Guten‹ im Schlimmen der eigenen Geschichte – so z.B. im soeben gezeigten TV Film »Rommel«, der ein beredtes Zeugnis für eine massenmediale psychologische Selbstentlastung der Deutschen ablegt.

Man sollte sich heute auch von dem etablierten und inzwischen inhaltsleeren dualen Klischee »Täter – Opfer« verabschieden, was keinesfalls bedeuten soll, dass man der im Holocaust Umgebrachten nicht weiter gedenken soll. Das muss man gefälligst weiter tun – es ist wahrlich eine fristlose und essentielle Angelegenheit. Doch wir Juden könnten es heute als Erste öffentlich anerkennen: Die jüdischen Opfer der Shoa haben in diesem Land ein Gesicht, Denkmäler und Gedenkstätten bekommen. Nur ihre Leben kann man ihnen nicht mehr zurück geben.

Deutschland trauert um eine nie wirklich existent gewesene deutsch-jüdische Symbiose und macht ihre Zerschlagung zum Hauptgegenstand eigener Schuldgefühle. Diese materialisieren sich in den Denkmälern, Bauten, Ausstellungen und Büchern. Doch die jüdischen Opfer – die sechs Millionen – waren, das ist immer noch den Wenigsten hierzulande bewusst, zum großen Teil keine deutschen Juden, die auch meistens nicht in Deutschland, sondern »im Osten«, nicht zuletzt in Auschwitz, getötet wurden. Ca. 200 000 der ca. 550 000 deutschen Juden wurden im Holocaust umgebracht. Die anderen konnten zum Glück auswandern oder überlebten im Untergrund. Die Meisten der sechs Millionen waren (ost)europäische Juden, die neben den weit mehr als zwanzig Millionen sowjetischer Bürger von den Deutschen massakriert wurden oder im Krieg gefallen sind. Wir müssen es sagen, denn außer uns trauen sich in diesem Land die Wenigsten zu artikulieren, dass auch die anderen – nichtjüdischen – Opfer des Nationalsozialismus, Gehör bekommen müssen. Für das Schaffen dieses öffentlichen Gehörs sollten wir uns mitverantwortlich fühlen. »Deutschland hat genug für Juden getan« – das wäre aber eine absolut falsche Schlussfolgerung aus dem oben Gesagten. Doch das Land hat so viel getan, dass das vom deutschen Staat, aber vor allem von Millionen Deutschen – zwar verspätet – Vollbrachte, eine Anerkennung verdient. Und einen Dank.

Ist ein sorgfältiger und einfühlsamer Umgang mit den Schuldgefühlen der Anderen angesichts eigener traumatischer oder posttraumatischer Situation überhaupt möglich? Ist ein solcher Appell nicht eine reine Utopie, dazu noch eine politisch brisante und gefährliche? Ich bin sicher: er ist es nicht. Wir haben heute eine einmalige Chance, die bereits vorhandenen Klischees und vorgefertigten Formeln der deutsch-jüdischen Kommunikation (oder eher: der Nichtkommunikation!) nach dem Holocaust, nicht zum eigenen Vokabular oder zum Gegenstand des eigenen Schweigens machen zu müssen. Es braucht nicht viel dazu. Man muss sich selbst »nur« ehrlich gestehen: ich wiederhole nicht eine Formel, einen Gedankenzusammenhang, eine These wenn ich sie für eine Unwahrheit oder für ein Klischee halte. Man braucht dabei keine Angst zu haben, die eigene Sicherheit steht in Deutschland nicht auf dem Spiel, wie es etwa in den Diktaturen der Fall war und bleibt. Der Preis könnte hier zwar ein öffentlicher und Karrieredruck sein, doch dieser ist sicherlich auszuhalten.

Die Juden in Deutschland, ich wiederhole meinen Einstiegsgedanken, könnten eine Verantwortung für die Mitmenschen hierzulande und für Deutschland, das man heute durchaus positiv sehen kann, übernehmen. »Verantwortlich« sein bedeutet auch »einfach« da zu sein, sich selbst und den Anderen das Gefühl einer gewissen Zugehörigkeit zum Land zu geben. Es ist kein einmaliger Akt, es ist vielmehr eine langjährige, auch eine pädagogische und mentale – vor allem aber eine beidseitige Angelegenheit.

Leider muss man angesichts der Kenntnisse der Antisemitismusgeschichte feststellen, dass der Ausgang und die Außenwahrnehmung eines solchen »Projekts«, das gewissermaßen in die Fußstapfen des deutschen Judentums vor 1933 treten könnte, völlig offen sind. Doch dieses zu betreiben lohnt sich – aktuell und perspektivisch betrachtet.

Dr. Dmitrij Belkin ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fritz Bauer Institut und Kurator im Jüdischen Museum Frankfurt

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.