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Ein Mail-Wechsel

Jörg Büsching: Die Rückkehr der Brandstifter

Herbert Ammon: Sarrazin und die Zukunft der Deutschen: Die Abwicklung eines ›Falles‹ als Abkehr von der Wirklichkeit

Jörg Büsching an Herbert Ammon am 8. 10. 2010

Sie stellen mich in eine Ecke, in die ich ganz gewiss nicht gehöre. Meine Bedenken gegen die Richtung, in die sich ein, meiner Ansicht nach erheblicher, Teil der deutschen Funktionseliten entwickelt, haben nichts mit der angestrengten Haltung der Political-Correctness-Bewegung linker und grüner Provenienz zu tun. Abgesehen davon jedoch halte ich die Stigmatisierung und Ausgrenzung einer, wie Sie es nennen »moral minority« (für mich nichts anderes als das in den diversen Publikumsforen der großen deutschen Massenmedien grassierende Schimpfwort »Gutmensch«, mit dem mittlerweile nahezu jeder Verweis auf Toleranz und Menschenwürde niedergeschrien wird) für höchst problematisch.

In Teilen steckt nichts anderes dahinter als eine Abrechnung mit der sogenannten 68er-Bewegung, die manchen offenbar nicht lang und gründlich genug sein kann, obwohl sie längst zu einem jener öden Topoi geworden ist, an die die deutsche politische Publizistik mangels Originalität und intellektueller Reife sich nur zu gerne klammert.

Was die in Rede stehende Debatte angeht, bestätigt deren bisheriger Verlauf nur zu deutlich meine Bedenken. Allerdings ging es mir in meinem Artikel gar nicht so sehr um den Komplex »Sarrazin-Islam-Integration«. Dass ich als Gewährsleute international renommierte Wissenschaftler wie Jeffrey Sachs und Joseph Stiglitz und einen brillanten liberalen (im amerikanischen Sinn!) Denker wie Robert Reich anführe, hätte eigentlich Hinweis genug sein müssen, dass ich die Problematik im größeren Zusammenhang der Globalisierung betrachte. Auch wenn ich von einer »Rückkehr der Brandstifter« schreibe, will ich damit nicht ausdrücken, dass ich, wie jene alarmistischen Schreihälse, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit die »Nazikeule« schwingen (auch dies einer jener oben angesprochenen öden Topoi), davon ausgehe, dass demnächst ein »viertes Reich« ins Haus stehe, das es mit einer ungebremsten Zuwanderung von Menschen aus allen Teilen der Welt zu verhindern gelte.

Was sich hier entwickelt, ist zweifellos etwas Neues. Dass es mit (groß-)bürgerlicher Attitüde daher kommt, ändert nichts daran, dass es mit »Bürgersinn« nicht das Geringste zu tun hat. Es ist gewissermaßen die schmutzige, polemische Kehrseite einer Medaille, die am besten mit dem Terminus »Absetzbewegung« des oberen Zehntels (oder Fünftels; wer sich dazugehörig fühlt, ist teilweise von der jeweiligen Selbstzuschreibung abhängig und kann von daher nicht exakt festgelegt werden), einer sich in gewissen engen Grenzen als »global denkend« ansehenden Funktionselite umschrieben ist. Es sind allesamt Profiteure der globalen wirtschaftlichen Entwicklung der letzten zwanzig, dreißig Jahre (Robert Reich hat in einem auf YouTube veröffentlichten Vortrag über sein vorletztes Buch »Supercapitalism« auf die ihm eigene originelle und witzige Weise klargestellt, dass auch er dazugehört – ohne jedoch deren Attitüde und Ambitionen zu teilen oder auch nur gutzuheißen). Fast allen diesen »Leistungsträgern« gemeinsam ist, dass sie nicht auf eigene Rechnung wirtschaften, sondern als Professoren, Politiker, Manager, Kommunikationsspezialisten usw. für andere tätig sind. Nicht selten stehen sie im Sold des Staates (sowie, nebenbei, noch diverser anderer Herren) und das ist genau der Punkt, wo die massenwirksame Polemik funktional wird. Als Profiteure haben sie natürlich ein Interesse daran, den Status quo aufrechtzuerhalten. Dieser ist aber dadurch gefährdet, dass die Leistungsfähigkeit des Binnenmarktes (und nur auf diesen kommt es in diesem Zusammenhang an) seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten rückläufig ist, so dass sich die Konkurrenzsituation bei jenen, die auf Steuertöpfe, Versicherungseinnahmen, Fonds usw. zugreifen, stetig verschärft.

Was liegt da näher, als auf jene einzuprügeln, die am anderen Ende der sozialen und wirtschaftlichen Hackordnung stehen, jene, die ebenfalls auf Subventionen angewiesen sind, aber nicht über den Vorteil verfügen, ihre Fähigkeiten auf einem globalen Markt feilbieten zu können, und die auch keine so effiziente Lobby haben?

Was ich in meinem Artikel mit »interessanten Zeiten« meine, das zeichnet sich heute bereits mehr als deutlich ab (in den Schwellenländern und den USA mehr als bei uns, aber das könnte sich schon bald ändern); Stichworte hierzu sind: Gated Communities, Privatisierung von Kernaufgaben des Staates wie Sicherheit und Bildung, Überwachung und Gängelung der breiten Massen.

Ich bin ganz gewiss kein Anhänger von Verschwörungstheorien. Was wir heute beobachten, ist nur eine beginnende soziale Segregation, die m. E. zumindest teilweise in der von dem französischen Bevölkerungsforscher Emmanuel Todd bereits vor Jahren analysierten Bildungssegregation ihre Ursache hat. Ihr Ziel ist die Erhaltung des ökonomischen Status quo für die wenigen Profiteure. Sie bedienen sich einer Ideologie und Polemik, die nur nach außen hin (in Richtung des schrumpfenden Mittelstandes) »bürgerlich« ist. Deshalb sind sie für mich Brandstifter. Die wahre globale Agenda wird hingegen heute von Leuten wie Stiglitz und vor allem Sachs geschrieben, die einst zu den Protagonisten der gegenwärtigen Fehlentwicklung gehörten, aber aufgrund der gewaltigen sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen, die das hervorgerufen hat, einen Lernprozess durchgemacht haben. Bislang werden sie aber, wie ich das sehe, in erster Linie bei den im Aufstieg begriffenen Massen der asiatischen und (in viel kleinerem Umfang, aber immerhin) afrikanischen Länder geschätzt. Deutschland versucht in dieser Hinsicht leider immer noch die Rolle des gönnerhaften, reichen Weißen zu spielen, interessiert sich ansonsten aber nur wenig für das, was außerhalb seiner Grenzen vorgeht, oder wie der von mir geschätzte britische Autor Martin Jacques es kürzlich in einem Vortrag an der LSO auf eine Frage nach der Rezeption seines letzten Buches ausgedrückt hat: »Germany? Well, Germany is interested in Germany.« – Das, mit Verlaub, wird in Zukunft zu wenig sein.

Herbert Ammon an Jörg Büsching am 08.10.2010

Mein Beitrag galt zum einen den Mechanismen der Debatte, in dem ein zentrales Thema auf kontroverse Nebenaspekte verlagert wird, um aus einem Problem ein »non-issue« zu machen. Arrogant, erbärmlich – und zutiefst unmoralisch, soweit Moral etwas mit der Achtung der Integrität des Attackierten zu tun hat – ist der Umgang der politisch-medialen Klasse mit Sarrazin. Wer waren hier die »Brandstifter«? Diejenigen, die für die Ausbreitung des kulturell-sozialen – und zusehends ethnisch-sozialen Schwelbrandes mit verantwortlich sind, in dem sie seine Existenz leugnen, oder diejenigen, die noch die Courage haben, die Fakten zu benennen.

Zum anderen ging es um die Analyse der kulturell begründeten Konfliktmomente sowie um die absehbaren Folgen »in unserem Land« : finis Germaniae. Wenn dies aufgrund der Mechanismen der global economy – und der politischen Machtverhältnisse – das »Ende der Geschichte« sein soll, dann möge man es bitte ohne Umschweife benennen. Sie nehmen Anstoß am Begriff »moral minority«. Ich konzediere gerne, dass mir die Vokabel »Gutmenschen« ob ihrer schlechten, platten Ironie ebenfalls nicht genehm ist. Zuweilen – in extremis – ist es tatsächlich eine Minderheit, die gegenüber Unmenschlichkeit und Verbrechen den Mut zum Widerstand aufbringt. Heute gilt bezüglich der etablierten Debatte das Gegenteil: Eine konformistische Mehrheit in Medien und Politik – gleichsam die ideellen Gesamt-Grünen – dekretieren, was als Moral zu gelten habe. Es ist eine de facto herrschende Minderheit, die dem demos, dem vermeintlichen Souverän der sich als »Demokratie« legitimierenden res publica, diktiert, was als »moralisch«, als gut und wahr zu gelten hat. Jegliche Kritik an derlei Denkgeboten wird mit einer Mischung aus moralischer Entrüstung sowie Insinuation bis hin zur Diffamierung abgewiesen (lingua politica correcta: »sanktioniert«).

Es geht mir nicht um die Qualität des Begriffs, sondern um die Problematik: Von den moralischen Zynikern, die sich der Moral bedienen, um ihre Machtansprüche durchzusetzen, sei hier nicht die Rede. Es geht zum einen um die Vertreter einer subjektiv aufrichtigen, aber in den politischen Konsequenzen verhängnisvollen Gesinnungsethik. Max Weber sei als Kronzeuge zitiert. Zum anderen geht es um die institutionalisierte Form der Heuchelei, die öffentliche Moral. Das Problem der »moral minority« ist ihre Unaufrichtigkeit. Sie ist nicht nur moralisch überheblich, sondern – wir nähern uns ihrem Wohlstandsargument – dank ihres materiell privilegierten Status mit bester Doppelmoral ausgestattet. Für die Vertreter der in den »Eliten« verfestigten »Parallelgesellschaft« ist es überhaupt kein Problem, sich der ethnisch-sozial-kulturellen Wirklichkeit zu entziehen. Für die weniger Privilegierten, aber immer noch besser Situierten unter den Mittelschichten gilt längst das Motto »Rette sich, wer kann!« Hypokrisie allerorten.

Das ideologische Schaukelspiel, das in der Berichterstattung und Kommentierung der FAZ anzusehen ist, haben Sie vermutlich verfolgt. Ihnen dürfte der Bericht über die Nöte der »linken« GEW angesichts der zusehends heillosen Berliner Schulrealität nicht entgangen sein. Bisher versagen – allerlei Erfolgsmeldungen zum Trotz – die wohlgemeinten Rezepte und Konzepte.

Es wäre hilfreich gewesen, wenn Sie in Ihrem Beitrag die skizzierte kulturelle Realität – und damit den Kern der Sarrazin-Debatte – benannt hätten. Stattdessen referieren Sie – in scharfer Polemik gegen »den Bundesbankmanager« sowie die »Barings, Miegels und Sinns« und »die blutleeren Untergangspropheten« – die Thesen der gemäßigen Kritiker der global economy. Dass beim digitalen Sekundenrausch der Finanzmärkte alles aus dem Ruder gelaufen ist, birgt keine neue Erkenntnis. Wer Robert Reich als Kronzeugen nennt, solte allerdings auch seine Rolle unter der Präsidentschaft Bill Clintons erwähnenn. War er nicht mitverantwortlich für die Beseitigung der »collaterals« für Immobilienkredite, die dann Fanny Mae und Lehman Brs. zum Einsturz brachte?

Im übrigen genügt es für die kulturellen (und finanziellen) Aspekte der »Sarrazin-Debatte« eben nicht, auf den als von ihren Autoritäten selbst als »mixed blessing« bezeichneten, andererseits als global wohlstandsförderlich bezeichneten Doppelcharakter der Globalisierung zu verweisen. Als Nicht-Ökonom, der die real existierenden globalen Ungleichgewichte und Konfliktmomente sieht, könnte ich ad hoc auch keine »reale« bessere Alternative benennen. Wir wären schnell wieder bei der guten Gesinnung, statt der guten Analyse. Nur soviel: Wozu brauchen wir heute eigentlich noch den einst von Sozialisten hoch geschätzten Staat? Nur, um den braven Bürgern zum Zwecke der Umverteilung (und Sedierung des Prekariats) nach Belieben Geld abzuknöpfen? Dann hätte sich mit dem Abschied vom kollektivschuldbehafteten (»nicht existenten«) Kollektivsubjekt Deutschland auch die Frage nach dessen »Leitkultur« erledigt.

Jörg Büsching an Herbert Ammon am 18.10.2010

Dem meisten, was Sie inhaltlich schreiben, kann ich mich anschließen. Über Sarrazin werden wir uns vermutlich nie ganz einig werden, aber das halte ich wirklich für sekundär. Was Reich angeht, so zählt er, wie Sachs und Stiglitz zu jenen, die dazugelernt haben. Solche sind mir allemal lieber als hartleibige Besserwisser wie Sinn und Konsorten: Von ersteren kann man durch ihre einstmaligen Fehleinschätzungen und Irrtümer etwas lernen, von letzteren kann man sich –

Die Einwandererproblematik, die Sie ansprechen, sehe ich, freilich mit anderer Nuancierung, auch. In meinem neuen Aufsatz werde ich dazu in einem sehr persönlich gehaltenen Exkurs mit dem Titel »Identität« etwas schreiben. Aus der Sicht des Bewohners einer mittelgroßen norddeutschen Stadt wie Minden stellt sich die Situation eben ganz anders dar als aus Sicht des Berliners oder Kölners. Nicht, dass wir nur eine geringe Zahl an Zugewanderten hätten, im Gegenteil: Wenn ich heute durch unsere Fußgängerzone gehe, sehe ich einen sehr bunten Querschnitt fast der ganzen Welt. Doch soweit ich mich erinnern kann, gab es hier nie irgendwelche Probleme größerer Art.

Was das »Kollektivsubjekt« angeht: Ich halte das in der Tat für ein überholtes Konzept. Dadurch wird mein Deutschlandbegriff aber nicht zur »Schimäre«, sondern im Gegenteil: er konkretisiert sich.

Ich stelle die aktuellen deutschen Debatten in den Zusammenhang der Globalisierung und der damit verbundenen Machtverschiebung. Dazu gibt es zwei sehr interessante neue Bücher, das eine von Dominique Moïsi, Der Kampf der Emotionen, und das andere von dem in meiner letzten Mail bereits zitierten Martin Jacques, When China Rules the World (das in Deutschland nicht einmal einen Verleger gefunden hat, während es ansonsten sehr breit rezipiert und diskutiert wird). Jacques entwirft darin eine faszinierende These, indem er langfristig von der Ablösung des alten »westfälischen« Systems der »nation-states« durch ein am chinesischen »civilization-state« orientiertes Modell internationaler Beziehungen spricht. In diesem Zusammenhang spielt auch die Frage nach dem »Kollektivsubjekt« wieder eine Rolle.

Die »Gesinnungsethik« ist sicher ein Thema für sich, ein sehr deutsches, wenn Sie mir die süffisante Bemerkung gestatten, obendrein. Hierzu möchte ich nur anmerken, dass die »gutsituierten Grünen« (die von Schröder einst ins Auge gefasste »neue Mitte«) kein Monopol auf Heuchelei haben. Herr Schödlbauer hat in der Vergangenheit schon einiges Erhellende hierzu geschrieben, dem ich mich nur vorbehaltlos anschließen kann. Ich schätze, das Ende der Heuchelei hierzulande werden wir beide nicht mehr erleben. Ich wäre schon froh, wenn die Deutschen gelegentlich von ihrer ewigen Nabelschau ablassen und einen unvoreingenommenen Blick über den Tellerrand riskieren würden, denn langfristig haben wir gar keine andere Wahl als uns anzupassen, oder glauben Sie vielleicht, anderthalb Milliarden Chinesen und eine Milliarde Inder, ganz zu schweigen von den übrigen hunderten Millionen Südostasiaten, die jetzt im Strom des chinesischen Booms nach vorn schwimmen, werden sich ob unserer moralischen Bedenken die Butter vom Brot nehmen lassen? Ich habe am Anfang meiner Studienzeit einen Chinesen und einen Indonesier samt deren Familien kennengelernt. Zu letzterem habe ich heute noch Kontakt (d. h. ich habe ihn nach einem Vierteljahrhundert über das Internet wiedergefunden!). Schon damals, Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre konnte man den Optimismus und die ungeheure Energie spüren, die in ihnen steckte. Das hat mich gepackt und nie wieder losgelassen. Deshalb hat mich die Entwicklung, die dann bald danach einsetzte, auch nicht im Geringsten überrascht. Vielleicht müssten wir Deutsche uns von deren Einstellung einfach ein wenig anstecken lassen?

 

Büsching Jörg

Jörg Büsching, geb. 1962, Literaturwissenschaftler und freier Autor.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.