von Herbert Ammon

Ich bitte den geneigten Leser von Globkult (sc. die geneigten Leser_innen, neuerdings gendergerecht auf PC-Tastatur subsumierbar vermittels Unterstrich statt Erektions-I und/oder Schrägstrich) um Nachsicht: Der vom Herausgeber erteilte Redaktionsauftrag, im Hinblick auf den derzeit eher betrüblichen Zustand der EU einen historischen Nachruf auf das von heiterem Eros beflügelte Verhältnis des im Vorjahr abgewählten Präsidenten Nicolas Sarkozy zu unserer Kanzlerin Angela Merkel zu verfassen, bleibt vorerst unerledigt.

Dringlicher – im Hinblick auf die Wetterlage und die Paradoxien globaler Erwärmung – erscheint mir an diesem Ostermontag (1. April) ein soziokulturell relevanter  Erfahrungsbericht über meine Osterfreuden in der vom Eise bis dato nicht befreiten Hauptstadt.

I.
Trotz EU-weit – von Aran bis Kosice, von Land´s End bis Jassy – dekretierter Sommerzeit war der Beschluss einzuhalten, das Osterfest mit dem Besuch eines Gottesdienstes im Berliner Dom zu begehen und als Gegenleistung für getreulich bezahlte Kirchensteuer eine Predigt aus höchstberufenem Munde, des Bischofs der Evangelischen Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz Dr. Dr. h.c. Markus Dröge zu Gehör zu bekommen. Nach wochenlang sündhaften, wenngleich sporadischen Verstößen gegen das protestantische Autofastengebot, erfolgte die Anreise nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern im privaten, mit grün umrandetem Innenstadt-Abgas-Ablass-Label ausgestatteten Fahrzeug.

Nicht bedacht waren die infolge des ewigen U-Bahn-Ausbaus »Unter den Linden« sowie des Bauzauns um das Areal des soeben aus deutscher Liebe für die Kulturen der Welt (≈ Globkult) begonnenen Wiederaufbaus des Berliner Schlosses – für die Wiederrichtung der bereits kostensparend gestrichenen Kuppel fand sich vorösterlich unerwartet ein anonymer Spender (womöglich ein von preußisch-russischer Waffenbrüderschaft träumender Oligarch und Geldwäscher) – nicht bedacht waren die Umgehungen, Blockaden und Parkraumnöte im Weichbild des wilhelminischen Bauwerks. Die Parksituation erforderte die Trennung von der Gattin am Steuer. Nach Anstieg über die Marmortreppe des St. Paul nachempfundenen, St. Peter protestantisch-trotzig entgegengesetzten Prachtbaus fand der Pilger die Tore des Tempels verschlossen. Tempeldiener wehrten den Andrang österlicher Massen, darunter viele vermeintlich global englischsprachige Euro-Touristen ab, nicht ohne den unmissverständlichen, unwiderlegbaren Hinweis an die Einlass Suchenden, an all den anderen Sonntagen hätten sie ja Gelegenheit genug...

II.
Die Lage bedingt eine zeitweilige Separation von der vor Jahren geehelichten Lebenspartnerin, mutmaßlich bis zum Ende der Veranstaltung. Der Pilger, im Gedränge trotz allem seine Gattin im Dominneren vermutend, richtet sich bei ± 0° und lausigem Wind (≈ wind chill) aufs Warten ein. Die frohe Botschaft – Liturgie, Wechselgesang, Predigt und Gebete – dringt per Lautsprecher nach draußen. Die nachhaltig winterliche Wetterlage beeinträchtigt Andacht und Reflexion, nötigt zu  fröstelnden Peripatien. Zur Rechten gemahnt ein Plakat mit makellos nacktem männlichen Oberkörper an die im Dom zur Aufführung gelangte, von Tanz begleitete Johannes-Passion. Aus dem in einer Nische hinter Glas ausgehängten Domprogramm geht hervor, dass die Landeskirche jetzt über eine Spiritualitätsbeauftragte verfügt. Man sieht: Das Kommissarswesen setzt sich auf allen Ebenen, an allen ideologischen Fronten durch.

Immer noch in der Vorstellung befangen, die Gattin habe sich womöglich auf Parkplatzsuche verspätet, begibt sich der Pilger die Stufen hinab zum schneebedeckten Lustgarten. Dort, unter grünem Wimpel, missionieren zwei glaubensstarke Mitglieder von Greenpeace für Verzicht auf Fleischkonsum – unklar, ob für vegetarische Kost (wie dereinst der Führer) oder für Veganertum (wie neuerdings Chelsea Clinton). Meine Frage, ob künftighin aller Kreatur das Gnadenbrot zustehe, bejaht der grüne Bekenner. Ich rate ihm, für die Erreichung des grünen Endziels sich mit der Spiritualitätsbeauftragten ins Benehmen zu setzen. Wie Greenpeace die muslimischen MitbürgerInnen zum Verzicht aufs hammelreiche Opferfest bekehren will, scheint mir noch unklar.

Zeit zum Rückstieg hinauf zum Porticus. Unten, in einer Lücke des Parkverbots, hält ein Kleinlastwagen, dem Menschen (Männer) mit Migrationsmigrationsgrund entsteigen, um Ware zu entladen. Zwei von ihnen richten sich auf halber Höhe mit von Brezen/Käsebrezen überbordenden Körben auf den Stufen ein, angesichts der draußen frierenden und drinnen feiernden Gottesdienstbesucher ein mutmaßlich einträgliches Geschäft...

Jetzt die Predigt. Beginnend mit einem Ostergedicht von Hilde Domin, spannt der Bischof den Bogen vom Ostererlebnis der Frauen (sowohl nach Matthäus 28, 1-6 wie nach Markus 16, 1-6, Maria die Mutter des Jakobus die eine, Maria Magdalena die andere) über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich im reichen Lande zum 80jährigen Gedenken der deutschen Schande und zur zerstörten Vielfalt. An »destroyed diversity« gemahnen derzeit allenthalben Plakate in der Stadt, dazu die Gesichter der NS-Vertriebenen und -Opfer auf Pappsäulen im profanen Außenbereich zwischen Dom und wiedererstehendem Schloss. Gemäß Agenda 2013 mengt der Prediger in die Osterfreude die Erinnerung an die deutsche Schuld, wenngleich in spezifischer Exegese: das NS-Regime sei »demokratisch gewählt« worden, die Beseitigung des Rechtsstaats »in demokratischer Form« erfolgt. Je nun, die Osterfreude ist hierzulande eben nur sehr getrübt zu haben. Schuld daran ist nicht allein der seit Monaten graue Himmel. Andererseits hätte es draußen der frierende Zuhörer historisch und begrifflich gern genauer.

Die Predigt klingt aus mit der Klage über die wachsende Jugendarbeitsarbeitslosigkeit in Europa, die deutsche Verpflichtung zur Solidarität mit den Miteuropäern und der Warnung vor populistisch-nationalistischen Angstmachern. Der Euro-Retter Schäuble, der die Zyprioten Mores lehren wollte, gehört nicht dazu und bleibt darum unerwähnt.

Immerhin ist der Prediger auf der Höhe der Zeit, anders als noch der Penner vor ein paar Tagen auf dem Trottoir der Steglitzer Konsumzeile, auf seiner Iso-Pappe zwischen »Schloß« und »Bierpinsel«. Der intonierte sangesfroh und unverdrossen – zu Klampfe und nach Blattvorlage im für Spendenzwecke aufgeklappten Gitarrenkasten – die fröhliche Kirchentagshymne aus den Glückstagen des Sozialstaats: »Danke für diese Arbeitsstelle, danke...« Auf dem Rückweg vom vergeblichen Einkauf – Mister Minit im Souterrain hat die am Hosenbund zu befestigende Schlüsselaufhänger aus dem Sortiment genommen – rührte der Penner das Herz der multikulturellen Euro-Konsumenten mit bündischem, deutschnational verdächtigen Liedgut: »Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit.«

III.
Des Pilgers Blick folgt einem Mann, der, auf Krücken gestützt, auf dem Kopf eine Art Baskenmütze (in rosa), auf dem Rücken der Rucksack, langsam die Stufen emporsteigt. Knapp oben angekommen, sackt er zusammen, legt sich flach auf den Rücken, stöhnt, zuckt noch mehrmals, liegt starr. Der Beobachter vermutet einen epileptischen Anfall. Besorgt beugt sich ein italienisches Ehepaar über den Kranken, ihr Kind ratlos daneben. Der Kranke erhebt sich halb, wehrt die hilflose Hilfeleistung in unverständlichen Lauten, mit erhobener Krücke ab, begibt sich erneut in Ruhestellung. Gerade geht der Gottesdienst geht zu Ende, da richtet sich der Mann auf, stößt einen furchtbaren Schrei aus, und schreitet, gestützt auf die Krücken, die Stufen hinab. Noch mehrmals ertönt der Schrei, vertreibt jeden Gedanken an vom Tode befreiendes Osterlachen...

Aus dem mit 2500 Plätzen ausgestatteten Dom strömen die Besucher. Aus wechselnder Perspektive, mal auf halber Höhe, mal von unten rechts, mal von links, hält der vom Osterfest Ausgeschlossene Ausschau nach seiner Ehefrau. Vergebens. Stattdessen drängen sich mehrere buntgewandete Frauen jenes Volkes, das man Roma nennen muss und nicht Zigeuner nennen darf, ins Bild. Der Singsang »Daaaaaanke, daaaaaanke« ist gewöhnungsbedürftig. Wer von den bevorzugt angebettelten Frauen sich unchristlich abweisend zeigt, bekommt ein unverständliches Wort, wohl einen politisch inkorrekten Fluch, zu hören.

Der Pilger harrt noch aus, als bereits die letzten Besucher abrücken. Abgelenkt wird er von einer Touristin, die nicht etwa auf Euro-Englisch, nein auf Italienisch, nach dem »Nuovo Museo« fragt. Er gibt Auskunft. Schon steht ein Polizist vor ihm, erkundigt sich, was das Begehren der Dame gewesen sei. Zuvor habe sie ihn, mitten im Parkverbot, nach einem Parkplatz gefragt. Mag ja sein, aber die Dame kam doch zu Fuß...

Nun aber Schluss mit Frieren und Warten. Umweltbewusst, reumütig begibt sich der Autofastenbrecher zu den öffentlichen Verkehrsmitteln: Bus, U-Bahn, einmal umsteigen. Der erste Verkäufer der Motz – das Obdachlosen-Konkurrenzblatt zum Straßenfeger – sieht so elend aus, dass man ihm eine Euro-Spende in den leeren Pappbecher (für den fälligen Osterschuss) nicht versagen kann.

An der nächsten Station entern fröhliche Musikanten vom Volk der Roma den Waggon, machen mit Ziehharmonika, Saxophon und Gesang einen  Heidenlärm, mutmaßlich Latino-Klänge. Immerhin findet die gegenübersitzende junge Dame (Studentin?) aus der italienischen Reisegruppe daran Gefallen, sie wiegt sich im Takt, kennt Melodie und Text. Schon naht der Spendeneinsammler, der beneidenswerte Begleiter der Studentin spendet bereitwillig. Sie selbst wirkt leicht enttäuscht, als die Stadtmusikanten ihre Vorstellung bereits an der nächsten Station abbrechen. Zwischen Kurfürstenstraße und Wittenbergplatz wird wieder die Motz feilgeboten, diesmal von einer Frau mit migratorischem Roma-Hintergrund, auf Deutsch, in vorzüglich memorierten Sätzen. Die österliche Spendenbereitschaft ist indes bereits erschöpft. Zu Hause liegt noch unausgefüllt eine per Post übermittelte Spendeneinladung für »Brot für die Welt« (jetzt auch an Ostern).

IV.
Nicht allein vor dem Hintergrund des klimatologisch noch unerforschten Kältewunder des Frühlings 2013 ist obiger Bericht zu österlicher Soziokultur zu lesen: Angesichts der Lage vor dem Dom hatte sich die Gattin des Pilgers zum Ostergottesdienst in die Marienkirche begeben, einst dank neugotischem Turm das höchste Bauwerk Berlins, heute geduckt unter Walter Ulbrichts Fernsehturm und im atheistischen Blickfeld der Statuen von Karl Marx (sitzend) und Friedrich Engels (stehend). Die angestrebte Verständigung über weitere Planung des Ostertages war an menschlicher Schwäche des Autors, an Vergesslichkeit gescheitert. Das Handy (= hochsprachlich dt. für Mobilfunksprechgerät; etym. unklar, antiquierte Vorform des smart-phone) befand sich funktionsfrei als Briefbeschwerer auf dem erwähnten Spendenüberweisungsträger.

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Herbert Ammons Blog: Unz(w)eitgemäße Betrachtungen

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