zs005.jpg

›Volk‹, ›Nation‹, ›Heimat‹ und ‹Abendland‹ im linksgrünen Weltbild

von Johannes R. Kandel

Mit dem deutschen Nationalstaat und einer deutschen kollektiven Identität tun sich Linksgrüne sehr schwer. Besser noch: sie können mit Deutschland gar nichts anfangen. Es gibt zahlreiche Belege für herablassende bis feindselige Äußerungen, von den Führungsspitzen der Grünen (Habeck, Baerbock u.a.) bis zur Basis der Partei. Claudia Roth, von der ›Ampel‹-Regierung als ›Kulturstaatsministerin‹ geadelt – hält Deutschland gar für ein ›mieses Stück Scheiße‹ und viele andere marschierten bei Demonstrationen linksextremistischer Gruppen mit (z.B. ›Halt’s Maul Deutschland‹).

›Heimat‹ und ›Nation‹ sind für Linksgrün mindestens ›anachronistische‹ Begriffe. Vor allem der Begriff ›Volk‹ ist von vornherein sehr verdächtig und wird häufig – ohne lange nachzudenken – mit ›Volkstum‹ und ›völkisch‹ identifiziert. Auch die Verwendung der Begriffe ›ethnisch‹ oder ›Ethnie‹ mit Bezug zum deutschen Volk, erregt höchsten Unwillen. Und wer gar von ›Abstammungsgemeinschaft‹ spricht, begibt sich bereits in die Nähe von ›Nazi-Vokabular‹. Wenn überhaupt, spricht man in linksgrünen Kreisen lieber ganz unspezifisch von ›Bevölkerung‹.

Die kommt im Grundgesetz sechs Mal vor, stets im Sinne von ›Zivilbevölkerung‹. ›Volk‹, bzw. ›deutsches Volk‹ finden wir acht Mal, besonders gewichtig im Art. 56 GG (Amtseid des Bundespräsidenten). Wer ist damit gemeint? Man muss, wie es einige Verfassungsrechtler auch tun, zwischen ›Staatsvolk‹ und ›Volk‹ differenzieren. Mit ›Staatsvolk‹ sind Menschen gemeinsamer deutscher Staatsbürgerschaft gemeint, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, ihrer religiösen oder kulturellen Orientierung. ›Volk‹ im soziologischen Sinne sind Menschen, die im Blick auf Herkunft und Abstammung (›Ethnie‹), Sprache, Religion und Kultur eine kollektive soziale Identität entwickelt haben. Diese Unterscheidung ist auch international üblich. Von ›Volk‹ im soziologischen Sinne handelt auch der Artikel 116, Absatz 1 GG. Danach gibt es Menschen ›deutscher Volkszugehörigkeit‹, also Flüchtlinge und Vertriebene aus ehemals deutschen Gebieten. Die Politik bisheriger Bundesregierungen war immer darauf gerichtet, diesen ›Volksdeutschen‹ entweder als ›Aussiedler‹ (oder ›Spätaussiedler‹) die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland oder bei Verbleiben im Ausland den Erhalt ihres »Kultur- und Volkstumsleben[s]« (Bleibtreu/Schmidt, GG Kommentar, S. 1755). zu ermöglichen.

Diese Differenzierung erweckt bei Linksgrün jedoch, milde formuliert, Misstrauen. Wer an dieser Unterscheidung festhält und sie plausibel begründet, setzt sich gar dem Verdacht aus ein ›Verfassungsfeind‹ (!) zu sein und wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet. So erging es dem Politikwissenschaftler Martin Wagener, Professor an der Hochschule des Bundes für Öffentliche Verwaltung, Berlin, der in einem Buch diese Unterscheidung besonders herausgehoben und den Verfassungsschutz kritisiert hatte. (Wagener, Kulturkampf um das Volk, S. 102ff.) Linksgrün sorgt dafür, dass die Zahl derer, die zum deutschen ›Staatsvolk‹ gerechnet werden, durch großzügige Einbürgerungen stetig wächst und wir diese ›Schutzsuchenden‹ fröhlich willkommen heißen sollen. Eine ›Kulturnation‹ Deutschland, also ein durch Abstammung, gemeinsame Geschichte, Sprache und Kultur definierbares Volk, dem sich Menschen zugehörig fühlen und eine entsprechende kollektive, soziale Identität entwickelt haben, ist für Linksgrün anachronistisch und gefährlich. Es ist kein Zufall, dass Intellektuelle aus dem linksgrünen Lager, die sich in einen wissenschaftlichen und politischen Diskurs zu diesem Themenbereich begeben, vorzugsweise jene Autoren lesen und zitieren, die sich eifrig bemühen, Konzepte ›kollektiver Identität‹, die sich auf das deutsche Volk und die deutsche Nation beziehen, zu ›dekonstruieren‹ und als politisch bedrohlich darzustellen.

Die beharrliche Negation der Existenz einer deutschen Kulturnation, bzw. deren Verschweigen hat viele Bürger verärgert. Sie erleben, insbesondere in urbanen Regionen, eine stetige Verdrängung aus ihren angestammten Wohnquartieren durch Zuwanderer und Flüchtlinge, was häufig mit einer provozierenden Missachtung ihrer kulturellen Werte und Lebensweise verbunden ist. Wenn ihnen dann noch eine (ehemalige) ›Integrationsbeauftragte‹ der Bundesregierung, die türkischstämmige SPD-Frau Aydan Özoguz, bescheinigt es gäbe gar keine ›deutsche Kultur‹, ist das Maß voll und der Protest allzu verständlich. Während Linksgrün einerseits die wachsenden Probleme mit sich ausbreitenden und stabilisierenden arabischen, türkischen und osteuropäischen Parallelgesellschaften seit Jahren verharmlost und herunterspielt, gesteht man andererseits anderen, vor allem indigenen, Völkern schwärmerisch ihre ›kollektive‹, ethnische, kulturelle und nationale ›Identität‹ zu und verspricht ihnen den Erhalt und die Verteidigung derselben. Was in anderen Ländern (z.B. Großbritannien) schon längst als ›normal‹ gilt, wird hierzulande geradezu obsessiv von Linksgrün vorangetrieben, nämlich die Unterscheidung von ›bevorzugten‹, ›geschützten‹ kollektiven Identitäten: Frauen, Dunkelhäutige, Ausländer/Migranten, Schwarze, Muslime, Homosexuelle, Trans-Menschen und Behinderte. ›Nicht-Bevorzugte Identitäten‹ sind Männer, Weiße, Nicht-Migranten, ›Bio-Deutsche‹, Christen, Heterosexuelle, Cisgender und Nicht-Behinderte (Zydatiss, Cancel-Culture, S. 101).

Verblüffend und irritierend sind allerdings die markigen, fast militant-nationalen Töne, wenn es um die nationale Souveränität der Ukraine geht! Da wird dann ein nationaler Patriotismus, ja Nationalismus beschworen, den man den Deutschen verweigert. Wenn überhaupt, ist Linksgrün bereit uns Deutschen einen ›Verfassungspatriotismus‹ (Habermas) zuzugestehen.

Der Verweis auf dieses affektiv-emotional schwache Konzept, einst von dem Politikwissenschaftler Dolf Sternberger 1970 ›erfunden‹ und von unserem ›Staatsphilosophen‹ Jürgen Habermas philosophisch geadelt, wird gebetsmühlenartig wiederholt. Gelegentlich wird es durch vollmundige Erklärungen ergänzt, man wolle den Rechten den Heimatbegriff nicht überlassen, kämpfe um den Begriff der Nationund müsse ihn zurückerobern (Habeck). Unsre linke Ministerin für Inneres und Heimat Nancy Faeser ist da offenbar ganz anderer Meinung. Sie möchte die Abteilung ›Heimat‹ in eine Abteilung ›zur Stärkung unserer Demokratie‹ umwandeln. Mit ›Heimat‹ hat sie sich schon immer schwergetan. So erklärte sie im Dezember 2021 auf Twitter: Heimat umfasst alle Menschen, egal wo sie herkommen, was sie glauben, wen sie lieben. Alle Menschen? So formuliert, ist das entweder ein völlig unsinniger Satz oder er soll sagen, dass alle Menschen überall zu Hause sind und Heimat haben, gewissermaßen die multikulturelle globale Heimat. Das passt zu Linksgrün.

Die deutschen nationalen Traditionen werden schlicht ausgeblendet: Seit Jahrhunderten haben die ›Deutschen‹ darüber gestritten, was sie sein wollten: Ein – mehr oder weniger – sprachlich, ethnisch und kulturell homogenes ›Volk‹ und eine ›Nation‹ in verschiedenen politisch-völkerrechtlichen Ausprägungen: Ein ›Völkerbund‹ (z.B. Deutscher Bund 1815-1866), ein ›Nationalstaat‹, d.h. eine ›Staatsnation‹ und/oder eine ›Kulturnation?‹ Oder ein europäisch-kosmopolitisches Drehkreuz in der Mitte Europas? Die Wiedergewinnung der Einheit Deutschlands nach der vielbesungenen ›Wende‹ 1989/1990 brachte noch einmal das Aufflackern eines seit 1945 entweder tabuisierten oder in sterilen Bekundungen zur deutschen Einheit erstarrten Diskurses.

Vor allem im Osten Deutschlands regte sich eine immer massiver werdende Kritik an der immer größer werdenden EU mit unabsehbaren wirtschaftlichen Folgen, dem Euro und dem millionenfachen, politisch ermöglichten Zustrom von Flüchtlingen, nicht nur aus ›Krisengebieten‹. Weder die ›Große Koalition‹ noch Linksgrün nahmen das von 2015 ausgehende politische Beben im deutschen Volk adäquat wahr und die 2013 neugegründete AfD profitierte davon mit einem sensationellen Aufstieg, der sie in den Bundestag und alle Landtage brachte.

Nicht nur ›Volk‹ und ›Heimat‹ stehen unter Beschuss. Damit das ›Volk‹ weiß, welche Worte verdorben und welche Begriffe nachgerade gefährlich sind, vertreibt die Berliner Landeszentrale für Politische Bildung das vom Wochenschau-Verlag in Frankfurt am Main produzierte Handwörterbuch rechtsextremistischer Kampfbegriffe. Schon in zweiter Auflage 2019, beschäftigt sich ein durchgängig linksorientiertes Autorenteam (v.a. vom linken ›Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung‹, DISS) mit 27 Begriffen, die angeblich alle rechtsextremistisch instrumentalisiert und imprägniert wurden. Dazu wird ein in verschiedene Typen differenziertes Begriffs-Sammelsurium präsentiert, das die ›extreme Rechte‹ zur ›Feindmarkierung‹ und zur ›Verdichtung‹ ihrer extrem rechten Weltdeutung einsetze sowie Begriffe, um die sie einen politischen ›Kampf‹führen wolle.

Dazu gehören z.B. ›68er‹, ›Demokratie‹, ›Freiheit‹, ›Flüchtling‹, ›Nation‹, ›Raum‹, ›Rasse‹, ›Islamisierung‹ etc. Die Definition der ›extremen Rechten‹ ist im Großen und Ganzen korrekt. Diese trifft nicht, wie auch eingeräumt wird, auf die ›konservative‹ oder ›demokratische Rechte‹ zu, allerdings bleibt es den einzelnen Autoren überlassen, Zuordnungen vorzunehmen und Verbindungen aufzuzeigen. Die AfD wird mal dazu, mal nicht dazu gerechnet. Grundsätzlich gilt sie aber als ›rechtspopulistisch‹ ohne dass dies näher erläutert wird.

›Rechtspopulismus‹ wird mit Anti-Elitismus und einem »als Islamkritik verschlüsselten antimuslimischen Rassismus« identifiziert (S.20). ›Islamkritik‹ können sich die Autoren nur als rassistisch verseucht vorstellen und Muslime stets nur als die bedauernswerten Opfer systematischer Diskriminierung. Die vielfältig korrekt belegten Unterwanderungsstrategien von islamischen Organisationen mit Hilfe ihrer deutschen Unterstützer (›Islamisierung‹) und die Gefährdung von Demokratie, Rechtsstaat und inneren Frieden durch immer militanter werdende islamistische Gruppen (›Salafisten‹) werden als Hirngespinste, böswillige Propaganda und »antimuslimischer Rassismus« (was ist das?) abgetan (S. 81ff. und S. 179ff.)

Es wird auch offen gelogen: der AfD wird unterstellt, sie mache die »repräsentative Demokratie, die Parteien und ihre Politiker_innen für sämtliche Missstände verantwortlich« und strebe »die Homogenisierung des Volkes als Voraussetzung für das Funktionieren der rechten Demokratie an.« (S 61). Nichts davon stimmt. Das alles geschieht mit einer polemisch aufgeladenen Rhetorik, die aus der linksextremistischen ›Antifa‹- Szene bekannt ist. Triftige Kritik an gesellschaftlichen Fehlentwicklungen und politischen Krisenerscheinungen werden lächerlich gemacht, verharmlost oder als bösartige Hetze ›entlarvt‹. Hauptsächliches Belegmaterial entnehmen die Autoren Schriften, Reden und Webauftritten aus der neonazistischen und der NPD Szene. Nichts hat Bestand vor dem Richterstuhl der linken Autoren: Weder ›Nation‹, ›Gemeinschaft‹, ›Identität‹, ›Kameradschaft‹ noch ›Demokratie‹ und ›Freiheit‹. Allesamt sind offenbar von ›extrem rechts‹ vergiftet.

Es würde eine eigene Studie erfordern, alle ›Kampfbegriffe‹ zu analysieren und deren ideologische Verzeichnungen zu widerlegen, daher hier nur ein Beispiel:
Der Autor Jespa J. Kleinfeld, seines Zeichens »freiberufliche_r Kulturwissenschaftler_in und Autor_in« (!) hat sich mit »Trans*feminismus, (Kultur-) Rassismus, Philosophie und Körperpolitiken« (!) beschäftigt (S. 417) und wähnt sich mit diesem gewichtigen wissenschaftlichen Rüstzeug berufen, den ›Kampfbegriff Abendland‹ zu bearbeiten. Für Kleinfeld ist von vornherein klar, dass es sich um ein Konstrukt von ›Muslimfeinden‹ handelt, wobei er sich auf die Arbeiten des Historikers Wolfganz Benz beruft, der in der Spätphase seiner Forschungen zum Antisemitismus und zum Vorurteil damit befasst war, Antisemitismus, ›Islamophobie‹ und ›antimuslimischen Rassismus‹ in eins zu setzen.

Benz organisierter Feldzug zu Gunsten unserer ›morgenländischen‹ Gäste, löste auch bei Fachkollegen Kopfschütteln aus, denn Benz war bislang nicht durch islamwissenschaftliche Kompetenz aufgefallen. ›Abendland‹ ist für Kleinfeld ein grundsätzlich aggressiver Terminus, der bereits von seiner ersten Erwähnung an auf Abgrenzung gegen das ›Morgenland‹ gerichtet war. Gegenwärtig werde er als ›Chiffre‹ von ›rechts‹ genutzt, »um Politiken der Ausgrenzung und Diskriminierung zu rechtfertigen.« ( S .49) Der Begriff funktioniere nur »mit seiner entgegengesetzten Schablone, dem Morgenland (Orient)« und sei demnach von vornherein ›islamfeindlich‹.

Was Kleinfeld über den Islam und den ›Orient‹ weiß, bezieht er offensichtlich nicht nur von Benz, sondern von dem Literaturwissenschaftler Edward W. Said (1935-2003). Saids Buch Orientalism (1978) ist bis heute das Kultbuch aller postkolonialistischen Islamversteher und ›Anti-Imperialisten‹. Said wurde in Jerusalem geboren, studierte in den USA und machte Karriere als Literaturprofessor. Mit fanatischem Eifer, beleidigenden Anklagen und höchst fragwürdigen wissenschaftlichen Methoden (Quellenselektion!) glaubte er, den ›Orient‹ als bloßes ›Konstrukt‹, d.h. letztlich als Fantasiegebilde bösartiger westlicher Orientalistik von allen selbstgemachten Negativentwicklungen zu entlasten. Kleinfeld hat die aggressive Stoßrichtung von Saids Elaborat offenbar verinnerlicht und meint, eine über tausendjährige Geschichte der Begegnungen von ›Oriens‹ und ›Occidens‹ als üble Ausgrenzungsgeschichte zu Lasten des Abendlandes erledigen zu können. Über derartige ideologisch durchtränkte Ignoranz kann man sich nur wundern und versteht nicht, warum solche Texte auch noch als politische ›Bildung‹ feilgeboten werden!

Was war, was ist ›Abendland?‹ Martin Luther hat bei seiner Übersetzung des Neuen Testaments von Matthäus 2,1 den Begriff ›Morgenland‹ (›magis ab oriente‹ = die Weisen aus dem Morgenland) zum ersten Mal verwendet (1522). Die weitere Begriffsgeschichte (in der Chronik von Caspar Hedio, 1529) zeigt, dass mit ›Abendland‹ die Länder des weströmischen Reiches nach der Reichsteilung 395 gemeint waren und die Abgrenzung zunächst gegen die hunnischen Invasionen unter König Attila (ca. 400-453) gerichtet war. Mit dem Untergang des weströmischen Reiches 476 verschob sich der Schwerpunkt der politischen Macht des Abendlandes nach einigen Jahrhunderten in den Norden, wo der Karolinger Karl der Große beanspruchte, das Römische Reich wiederhergestellt zu haben (›Renovatio imperii‹). In der Zwischenzeit war dem ›Abendland‹ mit dem islamischen Imperialismus im ›Morgenland‹ ein tödlicher Feind erwachsen, der 732 bei Tours und Poitiers vom fränkischen Majordomus Karl Martell von weiteren Eroberungen im Abendland ferngehalten werden konnte.

Es ist schon ein starkes Stück, dass der Autor die realen Bedrohungen des Abendlandes durch die muslimischen Araber und die osmanischen Invasionen vom 14.-17. Jahrhundert (1529 und 1683, Türken vor Wien!) verschweigt, bzw. als »bloße Rhethorik von Bedrohung und Verlust« lächerlich macht (S.43). Sein ideologisches Ausgrenzungsbrett vor dem Kopf hindert ihn daran, historische Fakten zur Kenntnis zu nehmen. In zahllosen Veröffentlichungen interdisziplinärer Art, von Muslimen und Nichtmuslimen gleichermaßen, ist der die Weltherrschaft anstrebende islamische Imperialismus seit dem 7. Jhdt. erdrückend und bedrückend klar beschrieben worden. Für die deutsche Geschichtswissenschaft hat Leopold von Ranke (1795-1886) die Bedrohung aus dem ›Morgenland‹ als entscheidend für die Herausbildung und Befestigung eines abendländisch-europäischen Selbstbewusstseins unterstrichen: »Es war eine welthistorische Notwendigkeit, wenn dem Islam, der noch immer in dem europäischen Kontinent vordrang, ein Gegengewicht geschaffen werden sollte.« (Ranke, Weltgeschichte, Band 7/8, 1884, S. 302) ›Abendland‹ verstand er als geistesgeschichtliche Synthese von griechisch-römischer Antike, dem (römisch-katholischen) Christentum und der Kultur der germanisch-romanischen Völker und maß den letzten beiden Elementen im Kontrast zum Morgenland eine überlegene, weltgeschichtliche Rolle zu: »Fragen wir (…) welchem von diesen verschiedenen Systemen die meiste innere Kraft beiwohnte, die meiste Bedeutung für die Zukunft des Menschengeschlechts, so läßt sich ebenso wenig leugnen, auch noch abgesehen von aller religiösen Überzeugung, daß das die lateinische Christenheit war, die romanisch-germanische Welt des Abendlandes.« (Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd.1., S. 23).

Geradezu widerlich ist es, dass Kleinfeld als Beispiel für einen Aufruf zum Widerstand des Abendlandes gegen den Islam ausgerechnet den norwegischen Massenmörder Anders Breivik zitiert!

Sodann wird der Romantik eine ›ideologische‹ Aufladung des Begriffs ›Abendland‹ angedichtet. Das ›Abendland‹ sei als ›Heimat einer europäischen Volksgemeinschaft‹ betrachtet worden und deshalb sei die Romantik ausgrenzend, konservativ, ja reaktionär-deutschtümelnd. Wie der Begriff der ›Gemeinschaft‹ in den verschiedenen Zeitabschnitten – von der Früh- bis Spätromantik (ca. 1770-1850) – verstanden und in den differenzierten philosophischen, ästhetisch-literarischen, religiösen und politischen Äußerungsformen zum Ausdruck gebracht wurde, bleibt unerwähnt.

Die »politische Romantik« war nur ein kleiner, in sich differenzierter, wenn auch wirkungsmächtiger, Teil »einer großen Bewegung«. (Ries, Staat, Verfassung und Nation in der ›politischen Romantik‹, 2015. S.99ff.) ›Abendland‹ wurde eher beiläufig thematisiert, die bedeutendsten Romantiker sprachen in erster Linie von ›Europa‹ oder auch dem ›europäischen Abendland‹, wie z.B. Novalis (Friedrich von Hardenberg, 1772-1801) oder wie einer der herausragendsten Romantiker Friedrich Schlegel (1772-1829). Es ist gerade das Verdienst dieser Romantiker, eine Idee und Vision von Europa als eines friedlichen Ensembles selbständiger Nationen entworfen zu haben. Friedrich Schlegel 1810: »Hier zeigt sich in der That zuerst das Ideal, welches dem europäischen Staaten - und Völker - Systeme zum Grunde liegt ; das Ideal eines rechtlichen Bandes, eines freien Vereins , welches alle Nationen und Staaten der gebildeten und gesitteten Welt umschlänge , ohne daß die Einheit , die freie und eigenthümliche National -Entwicklung jeder einzelnen Nation aufgeopfert würde.“ (Friedrich Schlegel, Über die neuere Geschichte, Sämtliche Werke, Bd. XI, S. 113.)

Es ist absurd, in diesem Kontext von ›Volksgemeinschaft‹ zu reden und so die Romantiker gewissermaßen als Wegbereiter rassistischer Volksgemeinschaftsideologie zu denunzieren. Sicherlich: Im Ideenuniversum der Romantiker – von der Hoch- bis zur Spätromantik (1801-1850) – nahmen die Begriffe der ›Gemeinschaft‹, der kulturellen ›Identität‹, der ›Einheit‹ und des ›Organischen‹ einen prominenten Platz ein. Novalis beginnt sein berühmtes Fragment Die Christenheit oder Europa, 1799 mit den Worten: »Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Welttheil bewohnte. Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reiches«.

Hierbei ist der zeitgeschichtliche Kontext zu berücksichtigen: Nach anfänglicher Begeisterung der frühen Romantiker für die Französische Revolution, erlosch diese nach dem Abgleiten der Revolution in den jakobinischen ›terreur‹ 1792-94 und verkehrte sich in Distanz, ja Abscheu. Novalis sah in der umfassenden Wiederherstellung der christlichen (katholischen) Religion das einzige Heilmittel gegen einen Absolutismus aufklärerisch-mechanischer Vernunft, gegen ein verweltlichtes ›Europa‹ und die Sicherung des Friedens zwischen souveränen Völkern. Und Friedrich Schlegel, der überzeugt davon war, dass das europäische Abendland eine »germanische Einrichtung« gewesen sei, markierte die Rahmenbedingungen eines christlichen (katholischen) Staates, gegründet auf Monarchie, Ständeverfassung und Korporationen. (Schlegel, Signatur des Zeitalters, 1820).

Vor dem Hintergrund der politischen Umwälzungen und Ideenproduktion durch die Französische Revolution (›Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‹), Napoleons Imperialismus, der Zersplitterung Deutschlands und der aristokratischen Fürstenherrschaften, war im gebildeten Bevölkerungssegment der Deutschen ein starkes Bedürfnis nach nationaler Einheit und Freiheit (Nationalbewegung) erwachsen. Daran hatten die Romantiker ihren Anteil und es ist ja auch nicht falsch zu sagen, dass aus diesem Zeitabschnitt romantische Motive mit langfristiger Wirkung in die Nationalbewegung der Deutschen eingeflossen sind. Die ›politische Romantik‹ war gleichwohl nicht anti-aufklärerisch, ausgrenzend ›nationalistisch‹, restaurativ und reaktionär, geschweige denn ›rassistisch‹, sondern sie war trotz selbstbewusster national gestimmter Rhetorik auch universalistisch, kosmopolitisch und innenpolitisch ›reformkonservativ‹. Romantik war immer selbstreflexiv, selbstkritisch und keineswegs nur europazentriert. Die Schlegel-Brüder haben dies geradezu klassisch in ihren Abhandlungen demonstriert. August Wilhelm Schlegel verstand sich zeitlebens als »Bote von Nation zu Nation«, d.h. von Kultur zu Kultur (Görner, Romantik, 2021, S.75).

Kleinfeld müht sich, historische Nachweise für die rechtsextremistische Aufladung des Begriffs ›Abendland‹ zu liefern. Er will den Begriff delegitimieren und von seinem Gebrauch abschrecken. Da darf der Hinweis auf Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes (1918-1922) natürlich nicht fehlen. Sein kulturpessimistisches Schreckensgemälde abendländischen Verfalls ist sehr anspruchsvoll, aber eine harte Nuss. Ob Kleinfeld sich die Mühe gemacht, das Monumentalwerk zu lesen, wage ich zu bezweifeln, aber immerhin verortet er Spenglers Werk richtig, gleichwohl sehr verkürzt, als »geschichtspessimistische Analyse der Ereignisse zwischen 1914 und 1918« (S.45). Die Wirkmächtigkeit der Spenglerschen ›Philosophie des Schicksals‹ auf die philosophischen und politischen Diskurse seiner Zeit ist unbestritten. Sein ›Untergang‹ war schließlich das meistgelesene Sachbuch in der Weimarer Republik! Leider erfahren wir nichts über die Verwendung des Buches in gegenwärtigen Kreisen der extremen Rechten.

Munter geht es aber weiter: Um die nationalsozialistische Aneignung des Begriffs ›Abendland‹ und die langfristige Wirkung bis in gegenwärtige Rechtsextremismus-Szene zu belegen, verweist Kleinfeld ›als Referenz‹ auf das Buch von Hitlers ›Chefideologen‹ Alfred Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts (1930). Dieser habe die »angeblich germanischen Wurzeln der abendländischen Kultur und Tradition« hervorgehoben, um ›Abendland‹ in deutlicher Absetzung von allem Christlichen als germanisch-heidnisch zu fundieren (S. 41). Das ist nicht falsch, aber eine deutliche Übertreibung der tatsächlichen Wirkungen von Rosenbergs Buch. Sein Buch wurde in NS-Kreisen keineswegs überall enthusiastisch rezipiert, es fand vor allem in den Gruppen der paganen sogenannten ›Deutschgläubigen‹ Resonanz. Hitler betrachtete es stets zurückhaltend als Privatmeinung des Autors und verbot, es als allgemeine NS-Propaganda-Schrift auszuweisen. Ferner unterschlägt der Autor den starken christlichen (v.a. katholischen) Widerstand gegen diese heidnische Instrumentalisierung des ›Abendlands‹. Auch fehlt jeder Hinweis darauf, ob und wenn ja in welchem Umfang Rosenbergs ›Mythos‹ heute noch in den rechtsextremistischen Szenen eine Rolle spielt.

Auch der hoch geehrte Ethnologe Leo Frobenius (1873-1937) verfällt Kleinfelds Verdammung. Es ist unerhört, Frobenius mit Aussagen des in linken Kreisen gefeierten ›antirassistischen‹ Soziologen Stuart Hall ›kulturellen Rassismus‹ zu unterstellen. Frobenius' ›Kulturkreiskonzept‹ ist gut begründet. Er unterschied, vor allem im Blick auf Afrika, treffend zwischen unterschiedlichen Kulturen und hat diese in extenso beschrieben. Seine Merkmalsdefinitionen und nüchternen Analysen der inneren und nach außen gerichteten Konflikthaftigkeit von Kulturen werden bis heute in der Ethnologie geschätzt. In den letzten Jahren haben sich die ›postkolonialistischen‹ und ›antirassistischen‹ Bilderstürmer der ›Cancel-Culture‹ auch auf ihn gestürzt, was Kleinfeld registriert hat und nutzt. Nun will auch er zur Vernichtung von Frobenius beitragen und bringt ihn mit dem von Links verfemten Samuel Huntington und seinem Kampf der Kulturen in Verbindung. Das reicht dann für die Hinrichtung. Ein Islamversteher und ›antirassistischer‹ Muslimfreund wie er, muss natürlich die Gleichwertigkeit von Kulturen und Religionen behaupten. Wieder schwingt er sich zur Verteidigung des Islam auf und behauptet nassforsch: »Beim Begriff ›Abendland‹ verschwimmen die Grenzen zwischen rechtsextremem und rechts-konservativem Spektrum, insbesondere in den Diskussionen um den Islam« (S.47). Als Beleg dafür zitiert er die FAZ und mehrere CSU-Politiker (Seehofer, Söder Kreuzer). Will sagen, wer den Islam als nicht zu Deutschland gehörig betrachtet, ist Muslimfeind und rechtsextrem. ›Heilige Einfalt‹, möchte man rufen!

Es bleibt schließlich festzuhalten: ›Abendland‹ ist eine Epoche in der Geschichte Europas, eine unbestreitbare, ja unentbehrliche geschichtliche Größe, der Ausgangspunkt und der Nährboden welthistorisch relevanter Phänomene. Hier im ›Abendland‹ setzte das Christentum im Mittelalter seine Expansion fort, hier entstand eine christliche Kultur. Hier begann aber auch die Kritik an der Weltkirche, hier etablierte sich der Humanismus, begann die Reformation, die Aufklärung und schließlich die De-Sakralisierung und Verweltlichung des Christentums. Hier stand das individuelle ›Gewissen‹ auf und verlangte Toleranz. Hier formierten sich Widerstands- und Freiheitsbewegungen gegen Monarchien, Aristokratien und Diktaturen. Hier wurden freiheitliche, demokratische Nationalstaaten geschaffen in Bindung an Menschenrechte und positives Recht. Alles das wäre ohne das Christentum nicht möglich gewesen, aber auch ohne die Kritik an ihm nicht fortgeführt und stabilisiert worden. Die ›dunklen Seiten‹ des christlichen Abendlandes sind ja nicht zu bestreiten, wir kennen die ›Skandalchronik‹ des Christentums zur Genüge, wird sie doch durch die Jahrhunderte der Anklagepose der (meist atheistischen) Kritiker in schöner Regelmäßigkeit vorgebracht. Doch die Reduktion darauf ist unehrlich, unbegründet und letztlich denunziatorisch, weil das ›Abendland‹ nicht nur mit dem Christentum identifiziert werden kann. ›Abendland‹ ist ein einzigartiges Ensemble grundlegender Ideen vom Verhältnis des Menschen zu seiner Lebenswirklichkeit: Geschichtlich-lineares Denken, Zukunftsorientierung, Individualität, Einheit und Freiheit, Gemeinschaft, Volk und Nation.

Was mit diesem Kampfbegriff-Band erreicht werden soll, ist klar: Die Fokussierung auf Instrumentalisierungen historischer Begriffe und Entwicklungen, die als zentral für die Ideologiekonstruktion des Rechtsextremismus betrachtet werden, soll eine Sammlung verdorbener Wörter (oder auch Artefakte) schaffen, deren weitere Verwendung dann unter ›Rassismus‹ etc. Verdacht gestellt und mit düsteren Zensurdrohungen verbunden wird. Wer sie noch nutzt, setzt sich den militanten Aktionen der ›Cancel-Culture‹ aus und ist selbst schuld daran.

Nun wissen wir: Die Aneignung von Geschichte für politische Zwecke ist nichts Neues und lässt sich bis zum griechischen Historiker Herodot (5. Jhdt. v. Chr.) zurückverfolgen. Darüber muss immer wieder reflektiert und gestritten werden. Doch in diesem Band wird weniger reflektiert, sondern gewarnt und verdammt. Der wenig informierte Leser muss den komplett falschen Eindruck gewinnen, als ob in den Begriffen selbst und ihrer Geschichte der Missbrauch als ›Essenz‹ bereits angelegt ist. Hier findet eine eigentümliche Form von ›Essentialisierung‹ statt, welche die Autoren gerade ›den Rechten‹ unterstellen. Nach 1945 gab es sowohl in der Geschichtswissenschaft als auch in der Literatur immer wieder den Versuch, historische Entwicklungen im ›Abendland‹, vor allem seit dem 19. Jahrhundert, als ›Vorgeschichte‹ des Nationalsozialismus und des Rechtsextremismus zu deuten. Diese Konstruktionen haben im linksintellektuellen Geschichtsbild bis heute hohe Konjunktur und werden mit einer aggressiven Strategie verknüpft, Geschichte von vermeintlich ›rassistischen‹, ›antisemitischen‹, ›rechtsextremistischen‹, ›ziganistischen‹, ›islamfeindlichen‹, ›nationalistischen‹, ›sexistischen‹ Elementen und sonstigen ›Phobien‹ zu reinigen. Was dabei herauskommt ist Faktenignoranz und Geschichtsklitterung!

Zusammengefasst lässt sich festhalten: Es ist Linksgrün mit Hilfe der Medien gelungen, einen »sprachlich kontaminierten Assoziationsraum« zu schaffen, eine »Verbrennungsanlage für vermeintlichen ideologischen Sondermüll«, in der nationale Sprache und Themen vertilgt werden sollen (Wagner, Kulturkampf um das Volk, S. 408). Alles, was die linksgrünen Visionen für ein kosmopolitisches, multikulturelles Deutschland gefährdet, soll verschwinden: ›Volk‹, ›Nation‹, ›Heimat‹, ›Patriotismus‹, ›Abendland‹. Was da auf uns zukommt ist eine wahrhaftig furchterregende Melange von »Postmodernismus, Postkolonialismus, Identitätspolitik, (Pseudo-)Marxismus, Critical Race Theory, Intersektionalität und ein therapeutisch-paternalistisches Staatsverständnis, das die Bürger ständig umerziehen will« (Zydatiss, Cancel Culture, S. 144).

Was bleibt da noch? Ist doch klar: ›Heimat für alle!‹ Am besten bei uns in der Bundesrepublik Deutschland! Erbarmen!

(Der Autor hat den Artikel mit einem umfänglichen Fußnotenapparat versehen, wer daran Interesse hat, sollte sich direkt an den Autor wenden: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)