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von Lutz Götze

Die Menschheit ist seit altersher von Seuchen versehrt worden. Im Gilgamesch-Epos aus dem 12. vorchristlichen Jahrhundert ist die Rede davon, in den Texten der hebräischen Bibel gleichermaßen. Interpretiert wurde das gemeinhin als Strafe der Götter für menschliches Fehlverhalten. In Genesis 6-9 wird von einer Sintflut berichtet, die 300 Tage gedauert haben soll. Der Volksmund hierzulande hat das Wort mit Sünde in Zusammenhang gebracht, was freilich falsch ist. Dieses Wort ging vielmehr aus dem Althochdeutschen sin(t)fluot hervor, das etwa mit ›immerwährende Überschwemmung‹ zu übersetzen wäre. Entkommen seien, so der Bibeltext, der Wasserflut nur wenige Gottgläubige und Gerechte, darunter Noah mit seiner Arche und den Tieren, die schließlich auf dem Berge Ararat im Osten der Türkei, nahe der armenischen Grenze, landeten und ein neues Geschlecht aufbauten. Umstritten ist unter Theologen, weshalb ein gütiger und allwissender Gott eine solche Strafe über die Menschen verhängen konnte. Verwiesen wird gemeinhin auf den biblischen Brudermord und andere Verbrechen, obendrein auf das lasterhafte Leben, von dem es 1. Buch Mose heißt: ›Sie nahmen sich zu Weibern, welche sie nur wollten‹. Andere Erklärungen gibt es zuhauf.

Aus der Antike sind die Attische Seuche und die Justinianische Pest im 6. Jahrhundert u.Z. erwähnenswert. Die Attische Seuche, häufig auch ›Pest des Thukydides‹ genannt, war eine Epidemie, die um 430 v. Christi in Athen während der Belagerung der Stadt durch die Spartaner wütete und vom Historiker Thukydides übermittelt wurde. Er selbst erkrankte dabei und gesundete wieder, im Alter von 31 Jahren. Daraus schloss er, dass ein einmal Erkrankter hinfort gegen diese Seuche immun sei.

Die Justinianische Pest trat erstmals 541 u.Z. in Ägypten zu Zeiten des oströmischen Kaisers Justinian ( 482-565) auf, erreichte im Folgejahr bereits die Hauptstadt Konstantinopel und breitete sich, folgt man dem Chronisten Prokopios von Caesarea, schnell über die gesamte Mittelmeerregion aus. Sie soll eine Beulenpest, in Verbindung mit anderen Krankheiten, gewesen sein. Millionen von Toten sollen der Pandemie, die etwa zweihundert Jahre angedauert haben soll, zum Opfer gefallen sein. Am Ende sei Rom zugrunde gegangen.

Diese Version wird heute vehement bestritten, sowohl im Hinblick auf die Zahl der Opfer und die Dauer der Seuche als auch die politischen Folgen. Das Weströmische Reich war bekanntlich bereits im 6. Jahrhundert unter dem Ansturm germanischer Völker zusammengebrochen.

Seuchen begleiteten das Leben der Menschen auch fortan, doch schon im frühen Mittelalter (8. Jahrhundert) gab es neben religiösen oder mythischen Erklärungen auch rein menschliche: So traten etwa in Kriegen oder Dürrekatastrophen verheerende Seuchen auf, die Unmengen von Menschen dahinrafften. Im 14. Jahrhundert, sechs Jahrhunderte später und inmitten der islamischen Expansion, trat die Pest ihren zweiten Eroberungszug an: der Schwarze Tod. Ihre ersten Opfer forderte sie in China und Zentralasien. Der Mongolensturm brachte sie nach Europa, Handelskarawanen steuerten weitere Kontakte und Übertragungsmöglichkeiten bei. 1347 erreichte sie Konstantinopel und Sizilien, mit genuesischen Schiffen drang sie nach Südfrankreich vor und erreichte im Mai 1348 Paris. Östlich von Genua war Venedig der Umschlagplatz der Pandemie: Matrosen schleppten die Seuche ein, Hotels und Bordelle mehrten das Übel. Menschen transportierten das Pest-Virus über den Brenner nach Wien, im Folgejahr bis England. Die öffentliche Ordnung brach zusammen.

Venedig soll bestimmt haben, dass verdächtige Schiffe vierzig Tage weit draußen isoliert vor dem Hafen liegen mussten, um den Schwarzen Tod zu besiegen (›une quarantaine de jours‹). Genutzt hat die Quarantäne selten etwas. Etwa 60 Prozent der gesamten europäischen Bevölkerung, also rund 50 Millionen Menschen, sollen hinweggerafft worden sein.

Giovanni Boccaccio ist der wohl bekannteste Chronist des Schwarzen Todes. Im Decamerone (1347-1353) erzählt er in hundert Novellen von florentinischen Frauen und Jünglingen, die sich freiwillig in einem Landhaus isolieren und ihre Eindrücke der sterbenden Stadt am Arno erzählen. Hier ein Auszug aus der ersten Geschichte des ersten Tages:

Schon zu Frühlingsanfang zeigte die Seuche ihre entsetzlichen Auswirkungen auf sonderbare Weise. …Sie kündigte sich hier bei Männern und Frauen gleicherweise in der Leistengegend oder unter den Achseln an, die – bei einigen mehr, bei anderen weniger – bis zur Größe eines Apfels oder eines Eies anwuchsen und vom Volk ›Pestbeulen‹ genannt wurden. Von diesen beiden Körperteilen aus begannen die todbringenden Pestbeulen in Kürze auf alle anderen überzugreifen und sich auszubreiten. Später…erschienen schwarze und schwarzblaue Flecke, die sich bei vielen Menschen an den Armen, auf den Rippen und an verschiedenen anderen Körperteilen zeigten und bei manchen größer und spärlich, bei anderen dagegen kleiner und zahlreich auftraten. Und wie anfänglich nur die Pestbeule das unfehlbare Anzeichen des sicheren Todes gewesen war und es auch weiterhin blieb, so waren es nunmehr auch die kleinen Flecke für jeden, den sie befielen. Gegen diese Krankheit vermochte weder die Kunst der Ärzte noch die Kraft der Medizin irgendetwas auszurichten noch gar Heilung zu erzielen….Die Auswirkung dieser Seuche war verheerend… Ein ...Vorfall spielte sich unter anderem eines Tages vor meinen eigenen Augen ab, als zwei Schweine über die Lumpen eines an der Pest verstorbenen armen Teufels herfielen, die auf die Straße geworfen waren. Die Tiere durchwühlten sie nach ihrer Weise tüchtig mit dem Rüssel, packten sie dann mit den Zähnen und schüttelten sie sich um die Backen. Eine knappe Stunde danach fielen beide Tiere, als hätten sie Gift gefressen, nach wenigen Zuckungen auf den zerrissenen Lumpen tot zur Erde nieder. Durch solche und andere ähnliche oder schlimmere Vorgänge entstanden Furcht und Schrecken unter den Überlebenden, und fast alle fassten schließlich den grausamen Entschluss, die Kranken und alles, was zu ihnen gehörte, zu verlassen und zu fliehen, um auf solche Weise die eigene Gesundheit zu bewahren.

So Boccaccio, der seinen Zeitgenossen einen Sittenspiegel vorhielt: Sie seien verroht, niederträchtig, unmoralisch und gotteslästerlich, weshalb der Herr sie mit aller Härte strafe.

Daraus freilich folgten zwei Verschwörungstheorien: Zum einen lehrten katholische Geistliche, Laienprediger und weltliche Herrscher wie Kaiser Karl IV., schuld an der Seuche seien die Juden, die den Gottessohn an das Kreuz geschlagen hätten und nun dafür zur Verantwortung gezogen wurden. Sie hätten obendrein die Brunnen vergiftet und die Seuche derart verstärkt: Das Wort vom ›Brunnenvergifter‹ war in die Welt gesetzt. Die Juden wurden fortan in Ghettos gesperrt; das erste war in Venedig auf dem Gelände einer alten Schmiede, daher der Name. Bald aber wurden sie europaweit in Pogromen massakriert – bis zum Gipfel des Schreckens, dem Holocaust. Hunderte von Fresken und anderen Darstellungen verhöhnten die Juden, so auch an der Kirche zu Wittenberg. Martin Luthers antisemitische Reden begleiteten dieses Verbrechen.

Die zweite Verschwörungstheorie beschreibt Boccaccio wenige Seiten später:

Andere waren entgegengesetzter Meinung und versicherten, die beste Medizin gegen dieses Unheil sei: recht viel zu trinken, das Leben zu genießen, mit Gesang umherzuwandern, sich angenehm zu unterhalten, jedes Begehren zu befriedigen, so gut man es vermöchte, und über alles, was geschähe, zu lachen und sich lustig zu machen. ...Sie zogen Tag und Nacht von einer Schenke in eine andere und tranken ohne Maß und Ziel.

Beides findet sich heute wieder: das Suchen nach einem Schuldigen sowie die Lust, sich trotz oder gerade wegen unzähliger Infizierter und Toter hemmungslos auszutoben, seine Triebe zu befriedigen und Partys zu feiern. Heute heißen sie ›Corona-Party‹. Wir kommen darauf zurück.

Der Schwarze Tod wütete Jahrhunderte lang und forderte Millionen Toter. Das Wissen der Ärzte war gering: Hippokrates und sein Lehrer Galen hatten in der Antike als Ursache der Epidemie die vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle ausgemacht, von einer Infektion ›Mensch zu Mensch‹ oder ›Tier zu Mensch‹ wussten sie nichts. Ärzte ließen Kranke zur Ader, verordneten Säfte oder schröpften. Goethe, der der Pest nicht zum Opfer fiel, war einer der Leidtragenden dieser fragwürdigen Praktiken. Hegel, sein Zeitgenosse, war weniger glücklich: Er starb 1831 in Berlin an der letzten Pest in dieser Stadt.

Noch eine Pandemie: die Spanische Grippe. Sie trat 1918, am Ende des Ersten Weltkrieges, auf und dauerte bis in das Folgejahr: Entstanden ist sie wohl in den USA, Soldaten der US-Army sollen sie nach Europa gebracht haben. Mit Spanien hat sie im Grunde nicht das Geringste zu tun, doch Spanien war im Weltkrieg neutral und deshalb als Sündenbock geeignet. Das Deutsche Reich tabuisierte die Pandemie; gelegentlich sprach man vom ›Flandern-Fieber‹. Die Zahl der Infizierten und Toten ist nicht bekannt; alles vermischte sich mit den horrenden Zahlen gefallener Soldaten der letzten Schlachten des Krieges im Westen.

Corona 2000

Und damit zum hic et nunc. Die Zahl der Infizierten und Gestorbenen verändert sich stündlich. Misstrauen ist angesagt, zumal die Daten aus China zutiefst unglaubwürdig sind. Dort wird, gewissermaßen über Nacht, vom Politbüro festgestellt, die Zahl der Erkrankten und Gestorbenen sei dramatisch rückläufig und die Pandemie besiegt!

Die Krise befördert, auf der anderen Seite, Kreativität: Junge Leute helfen Alten und kaufen für sie ein, übernehmen Kinderbetreuung und lernen am Computer, weil Schulen und Kitas geschlossen sind. Solidarität wird praktiziert.

Dennoch: Appelle an die Vernunft reichen nicht: Zu viele Chaoten protestieren gegen die vermeintliche Einschränkung ihrer individuellen Freiheit und wollen nicht akzeptieren, dass, im Vergleich zu europäischen Nachbarländern, die gerade jetzt verkündeten Bewegungseinschränkungen notwendig und obendrein geringfügig sind. Verbote müssen daher die Lernunwilligen in die Schranken weisen. Hamsterkäufe oder ›Corona-Partys‹ sind nichts anderes als ein Ausdruck von hemmungslosem Egoismus und dürfen, im Interesse der Gesellschaft, nicht hingenommen werden. Drastische und radikale Maßnahmen vonseiten des Staates sind das Gebot der Stunde!

Interessant aus soziologischer Sicht ist die Frage, welche Produkte in welchen Ländern gehamstert werden. Ihre Beantwortung sagt alles über Charakter, Wertesystem und gesellschaftlichen Konsens demokratischer Gesellschaften aus: In Deutschland werden Toilettenpapier und Nudeln gehamstert, in den Niederlanden Marihuana, in Frankreich Rotwein und Kondome, in den USA Waffen. Braucht es noch eines Beweises, um die Zerrüttung, ja: Verkommenheit, der US-amerikanischen Gesellschaft zu belegen?

Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs: Diese Krise ist eine der grundsätzlichen Art. Sie ist in Wahrheit die Nagelprobe auf die Überlebenschancen von Demokratien, mehr noch: auf die Möglichkeiten eines friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen in der Zukunft. Diktaturen wie China, Russland, Saudi-Arabien, Türkei, Brasilien und die Vielzahl afrikanischer und asiatischer Potentatenstaaten kann man dabei unberücksichtigt lassen, genauer: Demokraten müssen sich in aller Entschiedenheit von ihnen abgrenzen und ihr unverantwortliches Handeln verurteilen. Putins Krieg in Syrien ist nur ein Beispiel. Das einzige Ziel dieser Demokratiefeinde ist der Machterhalt einer kleinen Clique, die sich und die Ihren versorgt, sowie die Ausschaltung aller demokratischen Gegner. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht, getreu dem Satz: ›Nach mir die Sintflut!‹. Meine vielfachen Arbeitsaufenthalte in über sechzig Staaten rund um den Globus haben mich von jeder Illusion in dieser Frage befreit.

Bleiben die wenigen Demokratien: nicht einmal, nach UN-Maßstab, fünf Prozent der Weltbevölkerung. Schaffen sie, dieses Virus, das eine existenzielle Herausforderung an die demokratische Grundordnung darstellt, zu besiegen und dabei nicht die unverzichtbaren Grundwerte zu zerstören: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität? Genauer: Presse-und Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Streikrecht, solidarisches Handeln und Unterstützung der Schwachen, Gleichheit aller vor dem Gesetz, Gleichwertigkeit der Geschlechter, Rassen und Religionen, Toleranz gegenüber dem Anderen?

Europa ist dabei besonders wichtig, denn hier ist noch ein Rest von Vernunft vorhanden: gewachsen auf dem Erbe der griechischen Philosophie, den Gedanken der Renaissance und der Aufklärung. Gewachsen auch auf dem jüdisch-christlichen Glauben, der Europa geprägt hat.

Derzeit freilich stellt sich Europa als ein Hühnerstall dar: Großbritannien strebt nach nationaler Unabhängigkeit, andere Länder wie Ungarn, Polen, Tschechien oder die Slowakei würden eher heute als morgen folgen, wenn sie nicht die Fressnäpfe in Brüssel weiterhin leeren wollten. Alle diese Länder sind nicht reif für die Idee ›Europa‹, weil sie darin lediglich einen ›Gemeinsamen Markt‹ sehen, den sie plündern wollen. Wenn es an Überweisungen geht, stehen sie vorn; handelt es sich hingegen um solidarische Leistungen für Flüchtlinge, schlagen sie sich in die Büsche. Mit ihnen kann Europa nur verlieren. Die Idee eines Europa des Friedens nach innen und außen haben sie nie verstanden.

In der Krise tritt dies alles verschärft zutage: Länder schotten ihre Grenzen nach nationalem Wahn ab, als ob das Virus an Grenzen innehielte. Statt die medizinische Forschung im Kampf gegen den Virus zu bündeln und zum Erfolg zu führen, backt jeder seinen eigenen Kuchen: gefördert von Pharmaunternehmen, die den großen Profit wittern, wenn erst einmal ein Mittel gegen das Virus gefunden sein sollte.

Nationalismus und Rassismus sind das Gift schlechthin. Der europäische Gedanke ist das Gegenteil: Auf der Grundlage der Erfahrungen vergangener kriegerischer Auseinandersetzungen verkündete Willy Brandt in seiner Regierungserklärung 1969: ›Wir wollen gute Nachbarn sein!‹ Das gilt unverändert, im Innern wie im Äußeren. Das heißt für jeden Einzelnen, sich zurückzunehmen, seinen Egoismus zu bremsen und das Wohl des Gegenüber zu berücksichtigen. Das heißt weiter, dass jeder viel weniger tun darf als er finanziell vielleicht kann: weniger reisen, weitaus weniger und vernünftig konsumieren, der jungen Generation vieles nicht erlauben, mehr Zeit haben für Schwache und Bedürftige: Solidarität hieß einmal das, was inzwischen zum Schimpfwort verkommen ist.

Daneben gilt: Hassparolen und Verschwörungstheorien muss entschieden entgegentreten und der Vernunft wieder ihren gebührenden Platz eingeräumt werden. Nicht Juden, Andersgläubige oder rassisch Unterschiedene sind die Ursache der Pandemie: Wir alle sind Ursache und Hoffnung auf Besserung zugleich. Mit Partys, wie sie Boccaccio beschreibt, wird der Schaden hingegen nur gemehrt.
Vielleicht schafft diese Krise ein grundsätzliches Umdenken. ...Die Hoffnung stirbt zuletzt!

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.