von Perry Anderson

Wer wäre ein kompetenterer Autobiograf als ein Historiker? Historiker müssten sich eigentlich hervorragend für die schwierige Aufgabe einer Lebensbeschreibung eignen, haben sie doch gelernt, die Vergangenheit mit unparteiischem Blick zu untersuchen und ungewöhnliche Zusammenhänge ebenso aufmerksam wahrzunehmen wie die Listen der Geschichte.

Merkwürdigerweise haben nicht sie, sondern die Philosophen sich in diesem Genre hervorgetan – sie haben es sogar faktisch erfunden. Genau genommen, wenn Philosophie die abstraktesten und unpersönlichsten Texte liefert, dann die Autobiografie die konkretesten und persönlichsten. Eigentlich sollten sie sich wie Öl und Wasser zueinander verhalten. Und dennoch gaben uns Augustinus und Rousseau ihre persönlichen und sexuellen Bekenntnisse und Descartes eine erste Geschichte des eigenen Geistes.

In der Neuzeit waren es J. St. Mill und Nietzsche, R. G. Collingwood und Bertrand Russell, Sartre und W. Quine, die Lebensbeschreibungen hinterließen, bemerkenswerter als alles, was andere über sie schrieben. Dagegen ist die Anzahl der Historiker, die Autobiografien von Bedeutung produzierten, erstaunlich gering. Da sind die heute kaum noch gelesenen ichbezogenen Memoiren von François Guizot und Alexis de Tocqueville aus dem 19. Jahrhundert, die im Wesentlichen nur noch als Zeugnisse politischer Ausflüchte von Interesse sind. Näher an der Gegenwart ist Marc Blochs Post-mortem über 1940, jene Mischung von Lebensbericht und allgemeinem Sammelsurium – ein ergreifendes Dokument, aber zu begrenzt, als dass es mehr als gelegentliche Einblicke in den Autor böte. In neuerer Zeit gibt es die exzentrischen Vignetten von Richard Cobb und Plaudereien von A. J. P. Taylor, von denen der Autor meinte, sie bewiesen, dass ihm die historischen Themen abhanden gekommen sind. Dieses Genre, das der Historikerzunft so angemessen scheint, hat alles in allem nur zwei Klassiker hervorgebracht: Gibbons elegantes Spiegelbild des späten 18. und Henry Adams' Gruselkabinett zu Beginn des 20.Jahrhunderts.

Auf dieses allgemein enttäuschende Gebiet hat sich Eric Hobsbawm mit einem Werk begeben, das er uns als die "B-Seite" seiner großen Geschichte des 20. Jahrhunderts, des Zeitalters der Extreme, vorstellt, "nicht Weltgeschichte, veranschaulicht durch die Erfahrungen eines Einzelnen, sondern Weltgeschichte, die diese Erfahrung formt", und der Wahlmöglichkeiten, die sie ihm bot. Von einem 85-jährigen Autor veröffentlicht hätte Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20.Jahrhundert (München: Hanser, 2003) von einem energiegeladenen und messerscharf urteilenden 40-Jährigen geschrieben sein können. Das Buch führt den Leser unweigerlich zu Hobsbawms historischen Werken hin, weil es, sei es beiläufig oder mit Absicht, auf das verweist, was er insgesamt geleistet hat. Es handelt sich eigentlich um den intimer verfassten fünften Band eines fortlaufenden Projekts. Man könnte es auch einfach »Das Zeitalter des Eric Hobsbawm« nennen.

Gefährliche Zeiten

Es ist eine Autobiografie, die sich aus drei völlig unterschiedlichen Teilen zusammensetzt. Der erste beschäftigt sich mit Kindheit und Jugend des Autors bis zu seinem Universitätsstudium und kann als der sprachlich vollendetste Text dieses herausragenden Stilisten angesehen werden. Mit Feingefühl und Zurückhaltung, aber auch mit nervöser Aufrichtigkeit führt Hobsbawm uns von seiner Geburt, die zufällig in Alexandria stattfand, in seine unsichere Kindheit im Nachkriegs-Wien, in die kurze, aber aufregende Jugend im Berlin der Weimarer Republik. Er flieht vor den Nazis nach England und am Vorabend des Spanischen Bürgerkriegs gelingt es ihm endlich, in Cambridge anzukommen. Mit bewegenden Porträts seiner Eltern, seines vom Pech verfolgten englischen Vaters und der zarten österreichischen Mutter – beide verstarben, ehe er 14 war –, skizziert er die eine Seite seines psychologischen Hintergrunds. Die beiderseitige jüdische Abkunft aus der antisemitischsten Stadt Europas ist die andere. Er erklärt, dass die Treue zu seiner Herkunft, die ihn seine Mutter lehrte, einher geht mit dem Fehlen einer »emotionalen Verpflichtung … gegenüber dem kleinen, militaristischen, kulturell enttäuschenden und politisch aggressiven Nationalstaat, der aus rassischen Gründen meine Solidarität fordert«.

In Berlin, wo ein Onkel (aus dem englischen Zweig der Familie) unsaubere Geschäfte in der Filmbranche betrieb, entdeckt Hobsbawm mit 15, kurz vor der Machtübernahme Hitlers, den Kommunismus in einem traditionellen preußischen Gymnasium. Es gibt nur wenige ähnlich lebhafte Schilderungen der gespannten Atmosphäre dieser Monate, in der sich die revolutionäre Linke befand. Es ist kaum verwunderlich, dass die Erinnerung an jenen letzten, im vorabendlichen Berlin zäh dahin tröpfelnden Marsch der KPD, ihre Niederlage vor Augen, ihn tiefer prägten als seine Schulzeit im ruhigen London zur Zeit der Koalitionsregierung. Über seine Erfahrungen in der St. Marylebone Grammar School äußert er sich mit liebevollem Humor (»dass ich Prüfungen mit derselben Leichtigkeit hinter mich brachte wie eine ordentliche Portion Eiscreme«). Bei der Darstellung jener kontrastierenden Szenen erweist er sich stets als der kluge Historiker, der die Zufälle des eigenen Lebens in den Strömungen und Gegenströmungen eines sich scharf abzeichnenden Raums und der Zeit verortet. Das Bild, das er mit beachtlicher Kunstfertigkeit heraufbeschwört, zeigt einen Jungen, der den üblichen Bildern des Mannes unähnlich ist: ein Alleingänger, zunächst von der Natur mehr als von der Politik angezogen, eher abstrakt denkend und in sich gekehrt, der erst allmählich Selbstvertrauen gewinnt. Der Tenor dieses Selbstporträts, mit dem er die Schilderung seiner Jugend beendet, erinnert ein wenig an Keplers Horoskop, das dieser für sich aufstellte: »Eric John Ernest Hobsbawm, ein großer, eckiger, schlenkriger, hässlicher, blonder Kerl von fast achtzehneinhalb, mit einer raschen Auffassungsgabe, umfangreichen, wenn auch oberflächlichem Allgemeinwissen und originellen zahlreichen sehr allgemeinen und theoretischen Ideen, unverbesserlicher Poseur, umso gefährlicher und hie und da wirksamer, als er sich selbst in seine Pose hineinredet … ohne jeden moralischen Sinn, durchaus egoistisch, manchen Leuten höchst unsympathisch, andern sympathisch, wieder anderen, der Mehrzahl, bloß lächerlich … Er ist eitel und eingebildet. Er ist ein Feigling. Er liebt die Natur sehr. Und er vergisst die deutsche Sprache.«

So endet der erste Teil von Gefährliche Zeiten. Aus literarischer Sicht hätte er das Buch hier beenden können. Wir hätten dann einen meisterhaften Torso, der uns bewegen und zugleich quälen würde, wie das, was Benjamin Constant oder Jean-Paul Sartre uns hinterließen – Reisen ins Zeitalter der Vernunft oder der Leidenschaft, an deren Schwelle die Reisenden uns verlassen. Wenn man den Gedanken nicht für abwegig hielte, könnte man die oben zitierte Passage weniger für eine Einleitung zum Porträt eines Historikers als junger Mann halten, als vielmehr für das Ende weiterer Selbsterkundungen dieser Art. Die tief empfundene, künstlerische Gestaltung der Jugend wird abrupt durch ein anderes Unternehmen abgelöst. Nie wieder erhalten wir einen Einblick in dieses Innenleben.

Ohne weitere Warnung katapultiert uns das folgende Kapitel in den zweiten Teil von Gefährliche Zeiten, der sich mit Hobsbawms Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Großbritanniens (CPGB) vom Ende der 30er bis zu deren Auflösung Anfang der 90er Jahre auseinandersetzt. Hier erzählt er über seine Zeit in Cambridge, auf dem Höhepunkt des dortigen studentischen kommunistischen Engagements; wie er im Krieg als von den Behörden Verdächtigter strandete; seine Haltung als Parteimitglied und seine Beinahe-Diskriminierung als Akademiker während des Kalten Krieges; seine Reaktionen auf die durch Chruschtschows Enthüllungen und den Ungarnaufstand von 1956 ausgelöste Krise, die die kommunistische Bewegung erschütterte; die Ursachen, weshalb er in der Partei blieb, nachdem die meisten seiner marxistischen Historikerkollegen sie verlassen hatten, und dass er seine Entscheidung für produktiver hält als die ihre; wie er schließlich seiner Meinung nach dazu beitrug, die Labour Party zu erhalten, zur Zeit als die CPGB sich auflöste.

Diese Kapitel bedienen sich eines völlig anderen sprachlichen Registers. Die Veränderung beginnt auf der allerersten Seite, auf der Hobsbawm, noch ehe er auf seine eigenen Erfahrungen in Cambridge eingeht, sich verpflichtet fühlt zu erläutern, wie gering seine Bekanntschaft mit [den britisch-sowjetischen Doppelagenten] Bu rgess und Maclean, Philby und Blunt war, die alle vor seiner Zeit dort an der Universität waren. Es ehrt ihn, dass er hinzufügt, dass er solche Aufträge auch übernommen hätte, sofern er dazu aufgefordert worden wäre. Ein gewisses Unbehagen bleibt einem jedoch, als würde nun eine ganz andere Persönlichkeit aus dem Hintergrund des Berichts auftauchen. Die anschließende Beschreibung von Cambridge enthält präzise Bilder des archaischen Systems von Tutoren und Institutionen und vom Wesen und den Motivationen der radikalen Studentenschaft. Der Autor hebt hervor, dass die Linken auf dem Höhepunkt der Entwicklung etwa ein Fünftel der Studentenschaft ausmachten, von dem wiederum nicht mehr als ein Zehntel Kommunisten waren. Hobsbawm betont den informellen Einfluss, den die Partei dennoch an der Universität ausübte – ein Ergebnis der energischen Agitation und der Bemühungen um wissenschaftliche Erfolge sowie des Schwungs seiner jungen Aktivisten. Die Darstellung ist überzeugend, betrifft aber im Wesentlichen nur die Gemeinschaft. Über Hobsbawms persönliche Rolle darin erfahren wir wenig, über seine eigene intellektuelle Entwicklung gar nichts, so gut wie nichts über sein Gefühlsleben – und es gibt kaum einen Hinweis auf seine politischen Vorstellungen. Das ständig verwendete Fürwort ist jetzt das anonyme Wir der Generation. Die erste Person Singular ist weniger bedeutungsvollen Momenten vorbehalten, so, wenn ein eher konventionelles Thema behandelt wird: »Mein letztes Trimester, Mai/Juni 1939, war besonders erfreulich. Ich war Chefredakteur von Granta, wurde in die ›Apostel‹ aufgenommen und schaffte einen ›First‹ mit Stern im Tripos, womit ein Stipendium im Kings verbunden war.«

Wie irreführend diese Unterdrückung der eigenen Subjektivität ist, wird aus der merkwürdigen Verschiebung entscheidender Episoden dieser Lebensperiode des Autors in Kapiteln sichtbar, die mehrere hundert Seiten nach dem Bericht über seine Studentenzeit kommen. Am Ende des Kapitels über Cambridge, als er während in Paris verbrachter Sommerferien mit James Klugmann für eine Tarnorganisation der Komintern tätig war, werden dieser und die zukünftige Historikerin Margot Heinemann beiläufig erwähnt. Über ersteren erklärt Hobsbawm kryptisch: »Was wusste man über ihn? Er gab nichts preis.« Über letztere sagte er schlicht, dass sie ihn »wohl politisch mehr beeinflusst hat als irgendjemand sonst, den ich gekannt habe«. Nach dieser bedeutungsschweren Aussage wird Heinemann nie wieder erwähnt. Erst in den abschließenden Reminiszenzen über die verschiedenen Teile der Welt, die Hobsbawm bereist hatte, ganz am Ende des Buches unter den objektivierenden Überschriften »Frankreich und Spanien« ahnt man, welche persönlichen Empfindungen sich hinter solchen abgehackten Sätzen verbergen könnten.

In seinem Teil über Cambridge findet man nichts, was seiner leidenschaftlichen Darstellung des Tages der Erstürmung der Bastille im ersten Jahr der Volksfront nahe kommt, als er auf dem Lkw eines Nachrichtenteams der französischen Sozialisten durch das feiernde Paris fuhr – »Es war einer der seltenen Tage, an denen mein Denken abgeschaltet war; in mir gab es nur Empfinden und Erleben« – und danach bis zum Morgengrauen trank und tanzte: ein Rauschzustand, der sich sehr wohl von dem unterschied, den der Begräbnismarsch in Berlin ausgelöst hatte. Es wäre schon merkwürdig, wenn diese Aufenthalte in Paris, wo er als Übersetzer an dem Ort war, der für alle Organisationen der Komintern in Europa den Nabel der Welt bedeutete, umgeben von der gärenden Volksfront, ihm nicht mehr bedeutet hätten als die Parteiarbeit im sozialistischen Klub von Cambridge. Möglicherweise assoziiert er jenes andere Ambiente sogar mit seiner – in diesen Erinnerungen, die sonst über dieses Thema kein einziges Wort verlieren, ungewöhnlichen – Beichte über seine sexuelle Initiation »in einem von allen Seiten mit Spiegeln umgebenen Bett«, in einem Bordell in der Nähe des Boulevard Sébastopol.

Zuvor, bei seiner illegalen Einreise nach Spanien kurz nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs, um die Zeit, als John Cornford in Barcelona zur Armee ging, überlegte er, ob er der republikanischen Armee beitreten solle. Auch die Stelle, wo er sich rückblickend zu dieser Entscheidung befragt, ist von rätselhafter Tiefe und Schönheit und erhebt sich über die hausbackenere Darstellung seines Lebens in England. Der Versuch, diese zerstreuten Bemerkungen über einen jugendlichen Revolutionär zu einer verinnerlichten Synthese zusammenzufügen, fehlt – und ist mit Absicht ausgelassen. Im Verlauf der Erzählung erweist sich das Auseinanderfallen als der Preis für die wachsende Veräußerlichung.

Chronologisch folgt auf Cambridge der Krieg: Für Hobsbawm, wie er sich zu Recht bitter beklagt, eine wenig einträgliche Erfahrung. Das Verteidigungsministerium schickte ihn nur in ein Pionierregiment, das dann nach Singapur beordert wurde. Schließlich wurde er in England zu formalem Dienst in das Education Corps abkommandiert, vermutlich vor allem, weil er aus Österreich stammte und nicht nur weil er Kommunist war. Aus seiner Zeit bei den Pionieren lernte er aus erster Hand die traditionellen Vorzüge der englischen Arbeiter schätzen, er entwickelte eine »dauerhafte, wenngleich verzweifelnde Bewunderung« für sie, die der Beginn einer einfühlsamen Sympathie war und alles prägte, was er seither über die Volksmassen geschrieben hat. Die akute wirtschaftliche Unsicherheit, gelegentlich fast Armut seiner eigenen Verhältnisse in Wien hätte ihn ohnehin näher als die meisten englischen Intellektuellen seiner Generation an ein proletarisches Lebensniveau herangeführt.

Im Krieg schloss er seine erste Ehe; er heiratete eine Kommunistin, die im öffentlichen Dienst tätig war und über die er kaum etwas erzählt. Als er verspätet endlich demobilisiert wurde, begann er als Historiker zu arbeiten und fand bald eine Stelle im Birkbeck College. Leider stellte er fest, dass die glänzende Karriere, die nach seinem großartigen Start im Kings College zu erwarten gewesen war, wegen des Kalten Krieges nicht den vorgezeichneten Verlauf nahm, da man alle Kommunisten am Aufstieg hinderte. Er deutet in angemessener Weise seine Verletztheit darüber an, dass man ihm die unbefristeten Positionen verweigerte, die ihm zu gegebener Zeit in Cambridge zugestanden hätten.

Liest man jedoch zwischen den Zeilen, dann stellt man fest, dass der Bericht über diesen Karriereknick ein wenig undurchsichtig ist. Hobsbawm zufolge nahm er nach dem Kriege nicht nur an der Neugründung der »Apostel« teil, eines Kreises von Insidern, wie man sie sich typischer nicht vorstellen kann, er war sogar der Organisator dieser Gemeinschaft und warb um neue Mitglieder unter der Studentenschaft bis in die Mitte der 50er Jahre. Gab es einen Zusammenhang zwischen dieser Tätigkeit und der Fellowship, die ihm 1949 nicht vor, sondern auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges am Kings College gewährt wurde bzw. der Geschwindigkeit, mit der man ihm, als seine Ehe auseinander ging, zu angemessener Unterkunft verhalf, was er selbst hervorhob? Einen Hinweis, dass in dieser Vermutung mehr steckt als zunächst erkennbar, gibt eine befremdliche Auslassung in diesem Zusammenhang: Der Name Noel Annans, Fellow und später Provost am Kings College, der eines engen Freundes, kommt nicht vor.

Hobsbawm und der Kommunismus

Wenn solche Angelegenheiten in Autobiografien am Platz sind, so sind sie sonst eigentlich von geringer Bedeutung. Hobsbawms Schwerpunkt bei der Behandlung dieser Jahre ist die Politik. In drei aufeinander folgenden Kapiteln erläutert er, was es damals bedeutete, Kommunist zu sein, ob man nun eine Machtposition hatte oder nicht; welche Probleme sich für britische Kommunisten aufgrund der Entwicklung des Sowjetsystems während des Kalten Krieges ergaben; und wie die Entstalinisierung eine Krise in der CPGB auslöste, die ihm zu einem der wenigen übrig gebliebenen Intellektuellen in der Partei machte. Immer wieder nimmt er diese Frage auf: Warum blieb er in der Partei bis zum bitteren Ende? Diese ausgedehnten Reflexionen lösen gemischte Gefühle aus. Er betrachtet seine Entscheidung für den Kommunismus aus dem sehr allgemeinen Blickwinkel der Zeit von der Oktoberrevolution bis zum Kriegsende. Dabei verteidigt er diejenigen wortreich, die diese Entscheidung trafen, und macht deutlich, was es für sie bedeutete. Er wechselt zwischen soziologischen Beobachtungen und individuellen heldenhaften, aber auch trivialen Beispielen. Er hebt das Ethos von selbstloser Disziplin und Praxisorientiertheit – Geschäftstüchtigkeit, wie er es nennt – als das wahre Qualitätsmerkmal der III. Internationale hervor: »Kommunistische Parteien waren für romantische Vorstellungen nicht zu haben.« [Im Original schreibt Hobsbawm: »Kommunistische Parteien sind nichts für Romantiker.«] »Dagegen hielten sie viel von Organisation und bürokratischer Routine … Das Geheimnis der leninistischen Partei lag nicht in den Träumen vom Erstürmen von Barrikaden oder gar in der marxistischen Theorie. Es lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: ›Entscheidungen müssen ausgeführt werden‹ und ›Parteidisziplin‹. Was Leute zur Partei zog, war, dass sie mehr schaffte als die anderen.«

Aus historischer Sicht muss dieses Bild merkwürdig schief erscheinen. Eine Bewegung, der Revolutionäre wie Victor Serge oder Leo Trotzki, Manabendra Roy oder José Mariátegui, Henk Sneevliet oder Richard Sorge angehörten, soll nichts für Romantiker gewesen sein? Und wie passt Mao Zedong dazu, der wohl doch von größerer Bedeutung für die Geschichte des Kommunismus war – ob zum Guten oder Schlechten sei dahingestellt – als irgendeiner der braven europäischen Funktionäre und Kämpfer, die uns hier vorgestellt werden? An anderer Stelle hat ihn Hobsbawm übrigens als ›Romantiker‹ verurteilt. Die Wahrheit ist, dass eine Gegenüberstellung von Barrikaden und Theorie gegen Geschäftstüchtigkeit und Durchsetzungsvermögen, ex post facto eine rhetorische Figur ist, die bestenfalls etwas über das Selbstbild der stalinistischen europäischen Komintern nach 1927 aussagt, von dem Hobsbawm selbst geprägt wurde: Es enthüllt jedoch nicht einmal adäquat dessen Ambivalenzen. Der Kult der betonköpfigen Routine und des Praktizismus, wie er hier zum Ausdruck kommt, war oft auch nur eine Form der Romantik und keineswegs immer die effektivste. Glücklicherweise richtet sich Hobsbawm selbst nicht immer danach, wie sein bewegendes Porträt des österreichischen Revolutionärs Franz Marek verdeutlicht, das er in die Mitte seiner moralischen Reflexionen über das, »was es bedeutet, ein Kommunist zu sein« stellt.

Worin bestanden seine eigenen Überzeugungen nach 1943, als die Komintern von Shdanow aufgelöst wurde, und im Jahre 1947, als die Kominform auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges von ihm einberufen wurde? Das ist nicht leicht zu sagen. Das hängt zum Teil damit zusammen, dass Gefährliche Zeiten bei der Behandlung des eigenen Kommunismusverständnisses jede allzu genaue Chronologie vermeidet. Hobsbawms allgemeine Betrachtung über seine Erfahrungen im Kommunismus, der mehr oder weniger undatiert von Lenin bis zu Gorbatschow führt, folgt unmittelbar nach seinem Bericht über Cambridge und noch vor dem Krieg. Als er seine persönliche Geschichte wieder aufgreift, geht es ihm um die Haltung der Intellektuellen in der britischen Partei zur Entwicklung in der Kominformperiode, über die sie bestürzt waren: Die Exkommunikation Titos, die Kostow-, Rajk- und Slansky-Schauprozesse. Auch hier ist die Sprache betont kollektiv: »Was sollten wir denken?«; »keiner von uns glaubte«; »natürlich unterschätzten wir«; »Menschen wie ich«; »auch wir verstanden«.

Über Hobsbawms persönliche Meinung erfahren wir wenig, lediglich die Tatsache, dass er bezweifelte, ob Basil Davidson wirklich ein britischer Spion gewesen sei, wie ihm im Rajk-Prozess (ebenso wie Rajk selbst) vorgeworfen wurde. Davidsons Karriere während des Kalten Krieges hatte doch gelitten. Über seine Meinung zu den Moskauer Prozessen, die den alten Bolschewiki den Garaus machten und das Muster für die Nachkriegsfolgeprozesse in Sofia, Budapest und Prag abgaben, lässt Hobsbawm uns im Ungewissen. Er erwähnt auch nirgends, dass er sich die beachtliche Literatur über diese Ereignisse angeeignet hat.

Sein Bericht läuft darauf hinaus, dass die britischen Kommunisten bzw. wenigstens die Parteiintellektuellen nicht an die offiziellen Versionen irgendeines dieser Prozesse glaubten. Was aber nicht dasselbe ist, als wisse man, dass es sich um einen Haufen Lügen handelt. Es zirkulierten ja auch inoffizielle Versionen. Als Chruschtschow schließlich die Grundmauern des gesamten grotesken Gebäudes von Geständnissen aus Stalins Folterkellern bloßlegte, betont Hobsbawm den Schock, den diese Enthüllungen – die natürlich wenig enthielten, was außerhalb der UdSSR nicht bereits überall bekannt war – in der internationalen kommunistischen Bewegung auslösten. »In der Rückschau« heißt es, »liegt der Grund dafür auf der Hand. Man hatte uns nicht die Wahrheit über etwas gesagt, das den innersten Kern der Überzeugung eines Kommunisten betreffen musste.« Wenngleich das Personalpronomen eher unbestimmt ist, so kann man davon ausgehen, dass Hobsbawm in gewisser Weise weiter hin an Stalins Integrität geglaubt hatte. In welchem Ausmaß lässt sich aus der Struktur der Darstellung unmöglich erkennen. Zweifellos hat man keine unabhäng igen Quellen kritisch herangezogen, was die Führung sagte, galt als wahr. Allem Anschein nach waren der Parteisoldat und der Historiker gesonderte Persönlichkeiten.

Die Krise, die Chruschtschows Rede, der wenige Monate später der Ungarnaufstand folgte, im April 1956 in der CPGB auslöste, beschreibt Hobsbawm mit einem Bild, das seine Erregung wiedergibt: Britische Kommunisten hätten »über ein Jahr lang am Rande des politischen Äquivalents zu einem kollektiven Nervenzusammenbruch gelebt«. Die Historikergruppe der CPGB, deren Vorsitzender er damals war, wurde der Kern der antibürokratischen Opposition; faktisch alle Mitglieder außer ihm selbst verließen bis zum Sommer 1957 die Partei. Warum blieb er? Er hat darauf zwei Antworten und eine Marginalie. »Ich kam nicht als junger Engländer in England zum Kommunismus, sondern als Mitteleuropäer in Deutschland, als die Weimarer Republik in ihren letzten Zügen lag. Und ich kam zu ihm, als ein Kommunist zu sein nicht einfach nur Kampf gegen den Faschismus bedeutete, sondern die Weltrevolution. Ich gehöre zu den Schlusslichtern der ersten Generation von Kommunisten, zu denen, für die die Oktoberrevolution der zentrale Bezugspunkt im politischen Universum war.« Daher war es, schreibt er, »für jemanden, der sich der Bewegung dort, woher ich kam, und zu der Zeit wie ich angeschlossen hatte, einfach schwerer, mit der Partei zu brechen, als für diejenigen, die später und woandersher kamen«.

Das ist gewiss die schlichte biografische und gut formulierte Wahrheit. Wenn aber die Notsituation und die Hoffnung, die ihm die kommunistische Bewegung bot, bedeutsamer für ihn waren als für seine englischen Zeitgenossen, so leuchtet dennoch weniger ein, warum der zeitliche Gegensatz bedeutsamer gewesen sein sollte als der geografische, wie er dann andeutet. War denn die Oktoberrevolution für Christopher Hill bedeutungslos, der Mitte der 30er Jahre in die Partei eintrat, Russisch lernte – was Hobsbawm, wie er erklärte, nie tat – und ein Buch über Lenin schrieb? Was Hobsbawm als großen, eher zeitlichen als örtlichen Unterschied formuliert, enthält jedenfalls eine höchst aufschlussreiche Bemerkung über sich selbst: Als Parteimitglied seit 1936, erklärt er, gehöre er politisch zur Periode der Volksfront, die sich auf ein Bündnis zwischen Kapital und Arbeit orientierte, was sein strategisches Denken bis in die Gegenwart bestimme; gefühlsmäßig fühlte er sich, als jemand, der als Jugendlicher im Berlin von 1932 überzeugt wurde, dem ursprünglichen revolutionären Programm der Bolschewiki verbunden. Diese Dichotomie hat viele Bezüge zu seinem Gesamtwerk.

Wenn dies jedoch die tieferen biografischen Gründe sind, warum Hobsbawm nach 1956 Kommunist blieb, würde man doch erwarten, dass darüber hinaus auch noch alltäglichere politische Einschätzungen eine Rolle gespielt haben. Schließlich war die Entstalinisierung in jenem Jahr nicht beendet. Nach der Niederlage Malenkows und Molotows im Sommer 1957 betrieb Chruschtschow sie in der UdSSR noch eifriger als zuvor. Die Arbeitslager leerten sich, der Lebensstandard stieg, die Debatte unter den Intellektuellen belebte sich wieder, dem jüngsten Kapitel der Weltrevolution in der Karibik wurde Solidarität erwiesen. Auf dem 22. Parteitag wurden weitere Schritte unternommen, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Der Parteitag von 1961 brachte Entwicklungen, die viele Kommunisten, die von den Ereignissen 1956 erschüttert waren, überzeugten, dass das Erbe der Oktoberrevolution, wenngleich nach Umwegen, allmählich wieder eingelöst wurde und nicht endgültig aufgegeben worden war. Es wäre nur zu verständlich und keineswegs überraschend, wenn Hobsbawm in diese Richtung gedacht hätte. Darüber findet sich im Buch allerdings keine Spur. In der gesamten Darstellung seiner kommunistischen Erfahrungen behandelt er genau genommen nirgends die aktuelle politische Geschichte der Periode. Stattdessen beschließt er seine Erläuterung der Gründe für sein Verbleiben in der Partei, indem er ein »persönliches Gefühl: Stolz« anführt und erklärt. Hätte er sie verlassen, hätten sich seine Karriereaussichten zwar verbessert, aber gerade deswegen »konnte ich mich vor mir selbst beweisen, wenn ich als bekannter Kommunist erfolgreich sein würde – was immer ›Erfolg‹ bedeutete –, trotz dieses Handikaps«.

Hobsbawm nennt diese Verbindung von Loyalität und Ehrgeiz eine Art Egoismus, den er nicht verteidigt. Die meisten Menschen würden darin den Beweis einer ungewöhnlichen Integrität und Charakterstärke sehen, sowie von Mut, unpopuläre Positionen einzunehmen. Besonders bei einem Menschen, für den der Erfolg offensichtlich so viel bedeutete, war das schon bemerkenswert.

Den leicht hingeworfenen Absatz in Gefährliche Zeiten über die verschiedenen Formen, die dieser Erfolg annahm, kann man als freundliche Geste werten: eine weltweite Leserschaft in Dutzenden von Sprachen, leitende Positionen gleichzeitig in drei Ländern, an Akademien, zahlreiche Ehrendoktorate, unzählige Interviews und Vorträge, Ehrungen aus der Nähe und der Ferne. Andere Auszeichnungen werden gar nicht erwähnt: Der englische Leser wird an die Company of Honour denken, der Hobsbawm angehört, Seite an Seite mit den Lords Norman Tebbit, Douglas Hurd und William Howe. An früherer Stelle in diesem Lebensbericht erläutert Hobsbawm, er habe »wenigstens einige der Zeichen öffentlicher Anerkennung entgegengenommen«, die aus ihm »ein anerkanntes Mitglied des offiziellen britischen Kulturestablishments« gemacht haben, weil er damit seiner Mutter in deren letzten Lebensjahren eine besondere Freude machen konnte. Mit entwaffnendem Lächeln, das weitere Fragen ausschließt, fügte er hinzu, er wäre, wenn er das sage, »wahrscheinlich nicht aufrichtiger oder unaufrichtiger als Sir Isaiah Berlin, der sich dafür, dass er die Peerswürde angenommen hat, mit der Erklärung zu entschuldigen pflegte, er habe dies nur getan, um seiner Mutter eine Freude zu bereiten«.

Große Männer haben ihre Schwächen, die ihnen verziehen seien, darunter gelegentlich die Unfähigkeit zu erkennen, worin ihre Größe besteht oder womit diese beschädigt werden könnte. In England ist die Unfähigkeit, Medaillenblech zu widerstehen, unter bedeutenden Gelehrten – unter ihnen in erster Linie Historikern aller Couleurs – ebenso häufig anzutreffen wie seinerzeit unter afrikanischen Sklavenhändlern. Hobsbawm geht es nicht um Distanz, sondern um die Verknüpfung von politischer Loyalität und gesellschaftlicher Anpassung. Weil er so standhaft einer verachteten Bewegung treu blieb, war seine endlich erfolgte Anerkennung in der Welt von ganz besonderer Bedeutung. Innerlich konnte er jeden Fortschritt in dem einen Bereich als abgeleiteten Glanz für den anderen bewerten.

Psychologisch sind solche komplexen Gleichgewichtsübungen ganz normal. Sie haben jedoch ihren Preis. Ein entscheidendes Motiv in Gefährliche Zeiten ist die ständige Bemühung, den Sinn des Lebens eines Kommunisten zu erläutern. Aber an wen wendet sich der Autor damit?

Wenn die wiederholte nervöse Hinwendung zu dieser Aufgabe in gewisser Hinsicht peinlich ist, dann deshalb, weil er sich zwar nicht konsequent, aber doch öfter, als einem lieb ist – von der ersten Bemerkung über die Spione aus Cambridge bis hin zur Äußerung von Befriedigung, dass Edward Heath und Michael Heseltine Marxism Today durch ihre Mitarbeit ehrten –, an die etablierte Ordnung als seinen Adressaten wendet, dem er in diesem Buch Rechenschaft schuldig ist. Dies scheint sich logisch aus dem Fehlen einer gründlichen politischen Auseinandersetzung bzw. eines ernsthaften intellektuellen Engagements mit den Fragen zu ergeben, die den Weg des europäischen Kommunismus überschatteten, das eine so unerwartete Facette dieses Werkes ist. Über die russische Revolution schreibt er, dass »es heute für alle offensichtlich sein muss, dass das Scheitern dieses Projekts vorporgrammiert war«. Er bietet keine Begründung für eine Schlussfolgerung an, die seinem Bestehen auf der Effizienz des Stalinismus so völlig entgegengesetzt ist. Aber da diese Niederlage seinen Adressaten selbstverständlich ist, warum sollte er etwas erklären? Das bedürfte einer anderen Orientierung und anderer Bezüge; dann müsste er mit Namen wie Kautsky, Luxemburg, Trotzki und mit antizipierenden Ideen aufwarten, was er in diesen Memoiren vermeidet.

Hobsbawm und die Linke

Sieht man von solchen und anderen Einwänden und Einschränkungen einmal ab, so hat Hobsbawms Elegie auf die politische Tradition, der er sein Leben widmete, eine Würde und Leidenschaft, die jedes Menschen Respekt einfordert. Seine Behandlung der Tradition anderer ist dagegen weit weniger beeindruckend. Hier verschandelt ein Manko an Großzügigkeit zu viele seiner Urteile. Das Problem beginnt bereits in dem Augenblick, in dem er zu erklären versucht, warum er die Partei 1956 nicht verließ. Ehe er zu den berechtigten biografischen Gründen seines eigenen Entschlusses gelangt, setzt er, als wäre das die notwendige Vorbereitung auf seine eigene Rechtfertigung, jene herab, die die entgegengesetzte Entscheidung getroffen haben.

Sein Porträt von Raphael Samuel – »dieser quirlige Vagabund, die absolute Negation einer planenden und ausführenden Effizienz«, widmete seine »geballte Ladung Energie«, um »dieses verrückte Projekt« eines Londoner Kaffeehauses in die Tat umzusetzen – veranlasst Hobsbawm, »dieses wahnwitzige Unternehmen« ebenso zu beklagen wie seine eigene, ohne jeden Sinn für Proportionen gewährte Unterstützung dafür. Wer das liest, würde nicht denken, dass Samuel, der sechs Jahre Mitglied der CPGB war, eine politische Anthropologie der Partei geschaffen hat, The Lost World of British Communism [veröffentlicht in New Left Review], deren Wert die Erinnerung Hobsbawms daran, der achtmal so lange Mitglied war, ziemlich dürftig erscheinen lässt.

Von Edward Thompson erfahren wir, dass ihm ein »eingebauter Kompass« fehlte und dass er, nachdem er 1962 Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse verfasst hatte – ein geniales Werk »trotz der fast provozierend kurzen behandelten Zeitspanne und des enggefassten, beschränkten Gegenstands« – seine Zeit mit einer theoretischen Auseinandersetzung (gemeint ist Thompsons umfangreiche Kritik an Louis Althusser) verschwendete – »fast ein Verbrechen« und trotz der Warnung durch Hobsbawm –, anstatt empirisch zu forschen. Thompson hätte sich gewundert, auf diesen Seiten als »unsicher« bezeichnet zu werden, was man in gewisser Weise von allen menschlichen Wesen aussagen könnte. Vermutlich hätte er gedacht, dass das eher auf den Autor selbst zuträfe. Praktisch-politisch, so Hobsbawm, sind die verschiedenen Strömungen der Neuen Linken, die aus der Krise von 1956 erwuchsen, zu vernachlässigen. Schlimmer noch, die radikalen Studenten Nordamerikas und Europas in den 60er Jahren – »meiner Generation blieben die 60er Jahre fremd« – waren verantwortlich weniger für einen »schiefgegangenen Versuch zu einer Revolution der bestimmten Art« als für »die wirkungsvolle Ratifizierung einer Revolution anderer Art: einer, die die traditionelle Politik und letztlich die Politik der traditionellen Linken … abschafft«. Vergleichbar die ›Ultralinken‹ in und außerhalb Südamerikas (»deren guevaristische Guerillaversuche spektakulär fehlschlugen«), die sich an der kubanischen Revolution orientierten und »nicht sahen oder nicht sehen wollten, was lateinamerikanische Bauern tatsächlich dazu bewog, zu den Waffen zu greifen« – anders als die FARC in Kolumbien oder der Sendero Luminoso in Peru.

In diesem säuerlichen Rückblick hält kaum eine Aussage einer gründlichen Prüfung stand. Die Neue Linke der späten 50er Jahre war wesentlich an der Kampagne für nukleare Abrüstung beteiligt, die zwar ihre Ziele nicht erreichte, jedoch nicht weniger bedeutungslos als Motor der Veränderung war als die unreformierte CPGB. Die Studentenbewegungen in Europa und den USA haben nicht nur, wie Hobsbawm selbst in einem vergesslichen Augenblick mitteilt, dazu beigetragen, die Regime von De Gaulle und Nixon zu schwächen, sondern waren auch – was er nicht mitteilt – wesentlich daran beteiligt, den US-Krieg in Vietnam an der Heimatfront zu beenden; sie haben ferner Anstoß zur mächtigsten Mobilisierung der Arbeiterklasse in Frankreich und Italien gegeben. In Lateinamerika war die einzig erfolgreiche Revolution in Nikaragua nicht nur direkt von Kuba inspiriert, sondern auch unterstützt worden. Über Peru und Kolumbien sagt Hobsbawm, dass er die Zerschlagung des Sendero Luminoso durch Fujimori nur gutheißen könne; warum dann nicht auch die Niederwerfung der FARC durch Uribe?

Im Kontrast zu solcherlei Sinnwidrigkeiten berichtet Hobsbawm von einer seiner Meinung nach produktiveren Unternehmung zu Anfang der 80er Jahre. Es handelt sich um die Kampagne, die er in Marxism Today führte, um die Labour Party aus der Gefahr des »Bennismus« zu befreien. Hier verweben sich auf merkwürdige Weise legitimer Stolz mit lebensgefährlicher Selbsttäuschung. Wie Hobsbawm zu Recht feststellt, stand hinter der durch die militanten Gewerkschaften verursachten Niederlage der Callaghan-Regierung in den 70er Jahren, ungeachtet ihrer bemerkenswerten Streikerfolge, kein Aufschwung der Kraft und Organisation der Arbeiterklasse; nachdem Thatcher zur Macht kam, genügte die Eroberung eines geschwächten Apparats der Labour Party durch die Linken nicht, um den neuen Konservatismus zu schlagen. Allerdings waren die Schlussfolgerungen, die er aus diesen zutreffenden Beobachtungen zog, erstaunlich simpel: Er sah im Wesentlichen die entscheidende Aufgabe in der Wiedereinsetzung um jeden Preis einer ›gemäßigten‹ Führung, imstande, die Wähler aus den Mittelschichten für die Partei zurück zu gewinnen – ohne Rücksicht auf die offensichtliche Tatsache, dass sich diese Art des traditionellen Labourismus erschöpft hatte, was sich in trostloser Weise Ende der 60er Jahre und in den 70er Jahren erwiesen hatte und den Aufschwung der Linken überhaupt erst ermöglichte.

Mit Genuss berichtet Hobsbawm über seinen von ihm überschätzten Beitrag zum Aufschrei der Medien, der Tony Benn ein Ende bereitete und den bedauernswerten Neil Kinnock ins Amt brachte. Da die gesamte Fleet Street, von Sun und Mirror bis zum Guardian und dem Telegraph, Benn schlachten wollte, ist es zweifelhaft, ob Hobsbawms Aufschrei von so großer Bedeutung war. Er versichert uns, dass die Zukunft der Labour Party »endgültig gesichert« war, nachdem Kinnock die notwendigen Säuberungen der Partei durchgeführt hatte. Aber selbst nachdem Thatcher keine Rolle mehr spielte, erwies sich der neue Führer bei den Wahlen 1992 als ein Fiasko. »Ich stehe nicht allein«, trauert Hobsbawm, »wenn ich jene Wahlnacht als die traurigste und verzweifeltste in meinem politischen Leben in Erinnerung habe.« Man fragt sich, was dann der März 1933 bedeutete. Eine solche Überbewertung zeigt den zeitweiligen Realitätsverlust, den der Historiker durch seinen Kreuzzug zur Rettung der Labour Party – Hugh Gaitskells alte Losung neu aufgefrischt – erlitt. Weit entfernt davon, in dem von ihm gemeinten Sinn gerettet zu werden, wurde die Partei umgestülpt und zu einem »Thatcher in Hosen«.

Wenn er feststellt, dass die Labour-Linke seit seiner Rettungsaktion der Partei nicht mehr existiere, scheint er nicht zu begreifen, dass eben dies eine der Voraussetzungen für den Aufstieg des Blairismus war, den er jetzt beklagt. Offensichtlich spielte Marxism Today – eine journalistisch lebendige Zeitschrift, der es aber an intellektuellem und politischem Rückgrad fehlte (sie verschwand 1991 mit der Partei, der sie gehörte) – auf niedrigerer Ebene die Rolle des Zauberlehrlings, der nicht zuletzt dem Thatcherkult als Modell einer radikalen Regierung den Weg ebnete, was dann mit Aplomb von New Labour übernommen wurde.

Hobsbawm bedauert am Ende, dass das Blair-Regime »uns aus der ›Realpolitik‹ vertrieb«, und zitiert bedauernd die Rüge, die ihm ein altgedienter Marxism-Today-Kämpe verpasste, der inzwischen in Downing Street gelandet war, dass Kritik nicht mehr genüge, seit New Labour »in einer Marktwirtschaft operieren und sich nach deren Erfordernissen richten« müsse. Wozu er nur »Alles schön und gut« antwortete, welcher bescheidenen Replik lediglich protestierend hinzufügte, dass die Führung doch ein übertriebenes Vertrauen in die neoliberale Ideologie habe. Diese Episode ist keineswegs der ganze Hobsbawm, sie zeigt lediglich, was aus dem Teil seiner Vergangenheit geworden ist, von der er immer behauptete, sie habe sein strategisches Denken bestimmt.

Die Volksfront konnte die Massen zwar zu politischer Aktivität erwecken und sie zu echter Begeisterung mobilisieren, aber selbst auf ihrem Höhepunkt in Frankreich und Spanien in den 30er Jahren fehlte ihr ein realistisches Machtbewusstsein und so endete alles in der Katastrophe. Dass ihr Erbe an sentimentalen Illusionen in die Nachkriegszeit mitgeschleppt wurde, ohne dass dahinter eine vergleichbare Mobilisierung von Massen gestanden hätte, hatte weitere banale Folgen: das verwirrende Verschwinden einer Kommunistischen Partei nach der anderen aus den Regierungen auf dem Kontinent zwischen 1946 und 1947, die vergebliche Bemühung um einen historischen Kompromiss in Italien in den 70er Jahren und schließlich der trostlose Versuch in den 80ern, die brüchige Hülle des Labourismus – jener erkalteten Asche der glühenden Hoffnungen von 1936 – zusammenzukleistern.

Im letzten Drittel von Gefährliche Zeiten ändert sich erneut der Stil. Hobsbawm verzichtet auf eine zusammenhängende Erzählung und bietet stattdessen eine Übersicht über seine berufliche Laufbahn und seine Reisen. Das Tempo lässt nach, und das Buch erscheint jetzt konventioneller, wenngleich die alten kreuzgescheiten Blitze selbst flachere Passagen erhellen. Es folgt ein interessanter Bericht über die Entwicklung der analytischen Sozialgeschichte, wie sie mit den Zeitschriften Annales und Past & Present verbunden ist und die ältere, rein politische Geschichtsschreibung ablöste. Der Autor bedauert deren späteren Rückzug, der mit der kulturellen Wende der 80er Jahre einherging.

Die Historiker, die diese vorantrieben, nennt Hobsbawm »Modernisierer«, eine allzu vage und bürokratische Bezeichnung, von deren übrigen Konnotationen einmal abgesehen (»Das Hauptschienennetz, auf dem die Züge der Historiografie fahren sollten, war fertiggestellt«), als dass sie von wirklichem theoretischen Nutzen wäre. Hier verkauft er sich unter Preis. Will man erkennen, wie originell sein eigenes Herangehen an das Studium der Vergangenheit ist – und da übertrifft er Fernand Braudel, von dem er, wie er sagt, immer ein wenig überwältigt war –, dann muss man sich seinem Sammelband Wieviel Geschichte braucht die Zukunft? zuwenden. Dieser dritte Teil der Gefährlichen Zeiten macht einmal mehr sinnfällig, wie wenig Einblick diese Autobiografie in Hobsbawms Beschäftigung mit der Welt der Ideen vermittelt. In dem ganzen Buch erwähnt er kaum ein philosophisches Werk, das ihn ernsthaft beeinflusst hat. Alles, was wir über seinen Marxismus erfahren, ist, dass er das Kommunistische Manifest auf dem Gymnasium in Berlin gelesen hat. Er erwähnt, dass in der Abiturklasse in England Literatur Austauschfach für Philosophie war; er sei, wie andere britische marxistische Historiker auch, durch eine ursprüngliche Leidenschaft für Philosophie zur Geschichte gekommen. Die St. Marylebone Grammar School habe ihm »die erstaunlichen Wunder der englischen Lyrik und Prosa« nahe gebracht; darüber hinaus erfahren wir nichts über seine tatsächliche Lektüre. Was die Politik anlangt, so zitiert er Passagen von Brecht und Neruda – über seine Weltanschauung folgt nichts. Diese Zurückhaltung mag vielleicht auch mit Blick auf die für solche Probleme desinteressierte Leserschaft erfolgt sein.

Ein anderes Feld ist das Reisen. Das Buch schließt mit Hobsbawms Reiseerlebnissen in Frankreich, Spanien, Italien, Lateinamerika und den USA. Über die ersten vier schreibt er mit uneingeschränkter Zuneigung und ohne besondere Sachkenntnis für sich in Anspruch zu nehmen. Er gibt vielmehr zu, dass er über die Entwicklung dort verschiedentlich erschüttert oder enttäuscht gewesen sei und die Politik und Kultur der Fünften Republik im Vergleich zum Frankreich der 40er und Ende der 30er Jahre als unkongenial empfunden habe. Die Geschwindigkeit, mit der der Kapitalismus Spanien transformierte, habe ihn überrascht; der Erfolg Craxis und Berlusconis in Italien habe ihn verblüfft wie auch das Schrumpfen der kommunistischen Bewegung, die ihm am nächsten gestanden habe; mit dem Fehlen jeglichen wirklichen politischen Fortschritts trotz gewaltiger sozialer Veränderungen in Lateinamerika habe er sich abgefunden. In anderer Beziehung sind diese Kapitel vergnügliche Berichte über Freuden und Freundschaften in Gesellschaften, die er genoss.

Die USA, wo Hobsbawm mehr Zeit als in allen anderen Ländern zusammen zubrachte, seien anders. Manhattan ist da eine Ausnahme. Wie er sagt, lernte er in ein paar Monaten 1960, in denen er die Jazz-Szene studierte, mehr über das Land als in den Dutzend Jahren während der 80er und 90er Jahre als Gastprofessor. Diese haben offenbar seine Distanz – eine Antipathie ohne das für ihn charakteristische Quantum Neugier – gegenüber den USA eher verstärkt. Wiewohl Amerikas Errungenschaften beeindruckend sind, schreibt er, so sind doch die Ungleichheit und politische Lähmung, die Selbstbezogenheit und der Größenwahn in den USA Eigenschaften, die ihn froh machen, einer anderen Kultur anzugehören. Diese Bemerkung erinnert daran, dass das Land, das Hobsbawm am meisten bedeutet, in dieser Übersicht gar nicht auftaucht. In Gefährliche Zeiten schildert er Kindheitserinnerungen, darunter eine kurze Episode in Wales, aber er kommt nicht wieder auf England zurück. Das darf keineswegs als Zeichen von Gleichgültigkeit gewertet werden. Zeitgenossen bestätigen, dass Hobsbawm sich bereits in Cambridge für sie unerwartet stark als Engländer fühlte und patriotische Gefühle hegte, die später in der energischen Verteidigung der Integrität des Vereinigten Königreichs zum Ausdruck kamen und vielleicht auch in seinen gemischten Gefühlen zum Falkland-Krieg. Sein Verhältnis zu seiner gesetzlichen Heimat und seinem kulturellen Adoptivland ist ein kompliziertes Feld, das er in diesem Selbstporträt auslässt.

Gefährliche Zeiten endet mit einem großartigen Finale über den 11. September und die politische Vereinnahmung dieses Ereignisses, vor allem mit der »Dreistigkeit, mit der sie die Errichtung des US-Weltreichs als die defensive Reaktion einer Zivilisation ausgeben, die kurz davor stehe, von namenlosen barbarischen Schrecken heimgesucht zu werden, wenn sie den ›internationalen Terrorismus‹ nicht vernichte«. Aus historischer Perspektive, stellt er fest, wird das neue amerikanische Imperium gefährlicher sein, als es das britische war, weil es eine weitaus größere Macht darstellt. Es sei aber unwahrscheinlich, dass es sich länger halten werde. Wieder einmal, meint Hobsbawm, macht sich der Kapitalismus der Jugend unglaubwürdig, da gewaltige Kräfte sozialen Umschwungs die Welt über alles bisher gekannte Maß auf den Kopf stellen. Hobsbawm versteht sich als ein Historiker, der davon profitierte, nie ganz einer Gemeinschaft angehört zu haben und dessen Ideal jener Zugvogel ist, »der in der Arktis ebenso zu Hause ist wie in den Tropen und über den halben Globus fliegt«. Er appelliert an die jüngeren Generationen, den Fetisch der Identität zu meiden und mit den Armen und Schwachen gemeinsame Sache zu machen. »Doch wir wollen nicht die Hände in den Schoß legen, auch nicht in unbefriedigenden Zeiten. Soziale Ungerechtigkeit muss immer noch angeprangert und bekämpft werden. Von selbst wird die Welt nicht besser.« Am Schluss der Memoiren, ungeachtet aller formalen Verschiedenartigkeiten und der Überlegungen, die diese auslösen, ist der bleibende Eindruck der eines großen Geistes und der komplexen Einzigartigkeit des Lebens, über das er berichtet. Sie werden der Leistung des Historikers gerecht. Ein kompromisslos vitaler Mensch trotzte den Jahren.

Geschichtsschreibung der bürgerlichen Gesellschaft

Auf welche Weise erhellt Gefährliche Zeiten, das Selbstporträt, das dem geschichtlichen Hintergrund gegenübergestellt und als Pendant zu dem Buch Das Zeitalter der Extreme präsentiert wird, Eric Hobsbawms Sicht auf das 20.Jahrhundert? Ergibt sich aus beiden eine Übersichtsdarstellung der Moderne? Was die übergreifende Konzeption betrifft, kann man The Age of Revolution (dt.: Europäische Revolutionen, München 1962, Köln 2004), The Age of Capital (dt.: Die Blütezeit des Kapitals. Eine Kulturgeschichte der Jahre 1848-1875, München 1977), The Age of Empire (dt.: Das imperiale Zeitalter 1875-1914, Frankfurt/New York 1989) und Age of Extremes (dt.: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München/Wien 1995) als ein einziges Projekt ansehen – als eine Tetralogie, die als systematischer Bericht über die Entstehung unserer heutigen Welt unübertroffen ist. Alle Bände zeigen dasselbe erstaunliche Zusammentreffen positiver Eigenschaften wie Ökonomie der Synthese, lebhafte Schilderung der Einzelheiten, globale Orientierung bei scharfsinniger Wahrnehmung regionaler Differenzen, eine Universalität, die über landwirtschaftliche Erträge ebenso Bescheid weiß wie über Börsengeschäfte, über Nationen oder über Klassen, über Staatsmänner oder Bauern ebenso wie über die Wissenschaft und die Künste; da zeigt sich breite Sympathie für die verschiedenen sozialen Gruppen, analytische Fähigkeiten und nicht zuletzt ein Stil von bemerkenswerter Klarheit und Kraft, charakterisiert durch das unerwartet plötzliche Auftauchen elektrisierender Bilder inmitten einer auf der ebenmäßigen Oberfläche so kühlen wie treffenden Argumentation. Erstaunlich, wie oft solche bildliche Blitze aus der Natur bezogen werden, von der Hobsbawm sagt, sie sei ihm in seiner Jugend so nahe gestanden.

Innerhalb der epischen Spanne dieser vier Bände gibt es jedoch einen deutlichen Bruch zwischen den drei ersten, ursprünglich als Trilogie konzipierten, und jenem letzten Band, der eigentlich auch für sich stehen kann und Eigenschaften aufweist, die ihn von seinen Vorgängern unterscheiden. Die Trilogie, die die Periode von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg behandelt, folgt einem konsequenten Plan. Sie ist in ihrer Logik ein Werk des klassischen Marxismus: Jeder Band beginnt mit der Darstellung der wirtschaftlichen Grundlagen der Periode, der ein Bericht über die politischen Konflikte (in den ersten beiden Bänden werden sie »Entwicklungen« genannt) und eine Panoramabeschreibung der Gesellschaftsklassen folgen. Dem schließt sich eine Übersicht über die kulturelle und intellektuelle Szene (betitelt »Ergebnisse«) an. Hier wird nicht mit theoretischen Waffen geklirrt; Basis und Überbau werden nie erwähnt. Innerhalb dieser Anordnung werden bestimmte Themen besonders hervorgehoben: Es gibt sehr schöne Kapitel über die napoleonischen Kriege, die Romantik, den weltweiten Aufschwung in den 1850er Jahren und seine Verlierer, die Ursachen des Ersten Weltkriegs und über zahlreiche andere Themen. Zehn Jahre bevor der Terminus allgemein üblich wurde, ist »Globalisierung« bereits ein Thema im Imperialen Zeitalter.

Die politischen Sympathien in der Trilogie sind eindeutig. Man wird kaum einen anderen Historiker finden, der (wie Hobsbawm in der Blütezeit des Kapitals) schreiben würde: »Der Verfasser dieses Buches kann einen gewissen Widerwillen, ja vielleicht Verachtung angesichts des hier behandelten Zeitabschnitts nicht verhehlen; diese Abneigung wird freilich gemildert durch Bewunderung für dessen titanische materielle Leistungen und durch das das Bemühen um Verständnis selbst dessen, was er nicht leiden mag.« Hobsbawms allgemeine Urteile sind oft schneidend: »Die Einführung des Liberalismus war wie eine Art stillen Bombardements, das die soziale Struktur, in der der Bauer stets gelebt hatte, zerschmetterte und an seiner Stelle nichts als den Reichen übrigließ: eine Freiheit genannte Einsamkeit.« Aber Urteile haben stets ein individuelles Flair und sind selten vorhersehbar. Wer hätte gedacht, dass ein Linker den Wiener Kongress als vernünftig und realistisch bezeichnen könnte, oder erwartet, der Autor würde Louis Napoleon positiver bewerten als Proudhon oder Bakunin?

Die drei ersten Bücher stießen auf ziemlich uneingeschränkte Bewunderung, haben aber weniger kritische Debatten ausgelöst, als sie es verdient hätten, wie das in solchen Fällen oft geschieht. Zum Teil liegt das an ihrem thematischen Umfang, der faktisch eine Gesamtschau nicht zulässt. Wenn das wegfällt, erscheinen spezifische Streitpunkte oder Überlegungen ein wenig willkürlich oder marginal. Wenn aber das Wesentliche jedes großen Werks in den Fragen besteht, die es aufwirft, so lohnt es sich vielleicht, ein paar ungeordnete Gedanken auf jene spiegelglatt polierten Oberflächen fallen zu lassen. Die Achse, auf der die Trilogie die Geschichte des »langen 19. Jahrhunderts« – die von 1776 oder 1789 bis 1914 reicht – ruht, ist in Hobsbawms Worten »der Siegeszug und die Umwälzung des Kapitalismus in der historisch spezifischen Form einer liberalen bürgerlichen Gesellschaft«. Hier haben wir, in nuce, das Trio der Untersuchungsgegenstände – das Ökonomische, das Soziale und das Politische –, das die Entwicklung in jedem der Bände bestimmt.

Kapitalismus und Bürgertum

Ziel seines Werkes sei »keine detaillierte Darstellung, sondern eine Interpretation von der Art, die von den Franzosen ›haute vulgarisation‹ genannt wird«, und Hobsbawm lässt die Frage offen, inwieweit dies auch eine Erklärung ist, eine für seine Leistung nicht irrelevante Frage. Zu Beginn seines Unternehmens stellt er fest, dass er in Europäische Revolutionen die im 16. und 17. Jahrhundert liegenden Ursprünge des Kapitalismus nicht erklären, sondern den Durchbruch der industriellen Revolution in England von den 1780er Jahren an behandeln will. Er hält sein Versprechen und präsentiert einen genial auf den Punkt gebrachten Bericht über die imperialen Grundlagen des britischen Industrialismus. »Vom Kolonialhandel, an den sie gebunden war, hochgezogen, flog die Baumwollindustrie gleich einem Segelflugzeug ab.« Die Baumwollindustrie – deren Rohstoff im Wesentlichen von Sklaven geliefert wurde und deren Märkte von Seemächten gesichert wurden – repräsentierte den Triumph des Exports über die einheimische Konsumtion. Spätere Historiker haben den relativen Vorteil der britischen, auf Kohle basierenden Energie als Hauptvoraussetzung der industriellen Revolution hervorgehoben. Diese Überlegung haben andere wiederum vollständig zu widerlegen versucht. Niemand hat aber bisher Hobsbawms Hervorhebung des Empire als Rahmenbedingung in Frage gestellt.

Wenn wir andererseits zur zweiten großen Epoche der industriellen Expansion kommen, zum weltweiten Aufschwung der 1850er Jahre, mit dem Die Blütezeit des Kapitals beginnt, setzt allmählich ein Abfallen des Erklärungsdrucks ein. »Warum hat sich die ökonomische Expansion unserer Zeit so spektakulär ausgeweitet?«, fragt Hobsbawm und meint, »die Frage sollte eher umgedreht werden« und bestünde eher darin, warum dies nicht schon früher eintrat. Dieses fin de non-recevoir scheint mir eine Ausflucht zu sein und wird auch nicht weiter verfolgt. Stattdessen bietet uns der Autor einen Mix von Faktoren an, die Eisenbahn, verbesserte Verbindungen, neue Goldreserven, die zum Ausmaß der Veränderung in keinem Verhältnis stehen; schließlich erwähnt er beiläufig die Ausbreitung des Wirtschaftliberalismus (»inwieweit die weltweite Liberalisierungsbewegung Ursache, Begleiterscheinung oder Folge der ökonomischen Expansion war, muss eine offene Frage bleiben«).

Für den Abstieg in die Große Depression von 1873, das nächste entscheidende Ereignis der Weltwirtschaft, gibt es noch weniger verbürgte Ursachen. Eine Grafik zeigt die ungleiche Entwicklung in der Depression, gibt aber kaum Begründungen dafür. Den erneuten Aufschwung in den 1890ern kommentiert Hobsbawm einfach nur mit der Vermutung, dass die gesamte Periode des »imperialen Zeitalters« sich in einem Kondratjewschen Rhythmus bewege – rund zwanzig Jahre Rezession gefolgt von zwanzig Jahren der Expansion. Aber »da wir sie nicht angemessen erklären können, helfen uns die Kondratjew-Phasen auch nicht viel weiter«. Wir erfahren kaum mehr über mögliche Gründe für den Aufschwung, als dass die Kaufkraft in den Großstädten nach der Deflation in der Abschwungphase wuchs. Vielleicht ist das Fehlen tieferer Untersuchungen solcher schwieriger Fragen der Preis für die stromlinienförmige Eleganz der Trilogie, deren Tempo mit geduldigen wirtschaftswissenschaftlichen Ausgrabungen nicht vereinbar, wie sie Hobsbawm in Aufsätzen wie »The Crisis of the 17th Century« (1954) praktizierte.

Der zweite Aspekt des Trilogieprogramms – das Soziale – unterscheidet sich vom ersten dadurch, dass es um andere, eher konzeptionelle denn empirische Fragen geht. Man könnte sagen, sie beginnen mit der berühmten Vorstellung von der dualen Revolution – »Zwillingskrater eines größeren regionalen Vulkans«. Das Problem ist ganz einfach folgendes: Während am Ende des 18. Jahrhunderts in England die industrielle Revolution stattfand, war es in Frankreich die politische Revolution. Warum fielen die beiden Ereignisse auseinander?

Gemäß traditionellen marxistischen Prämissen kommt es zu einer politischen Revolution, wenn der Fortschritt der neuen ökonomischen Produktivkräfte die Fesseln der überholten Produktionsverhältnisse sprengt. Aber in dem einen Land erschütterte die Kraft der modernen Industrie weder die Monarchie noch die Oligarchie; in dem anderen zog der Aufbruch des Volkes keine Beschleunigung fortschrittlicher Technologie nach sich, sondern, wie Hobsbawm feststellt, eher eine Konsolidierung des traditionellen bäuerlichen Eigentums. Für einen marxistischen Historiker hätte diese reziproke Asymmetrie eigentlich nach mehr als nur einer empirischen Feststellung verlangt. Es wirkt leicht überkritisch, wenn man einem größeren Werk das vorwirft, was nicht in ihm steht, anstatt von dem zu profitieren, was darin enthalten ist. In diesem Fall jedoch mussten sich aus der Eleganz, mit der Hobsbawm in seiner histoire raisonnée über das gleitet, was man analytisch dünnes Eis nennen kann, an späterer Stelle Schwierigkeiten ergeben. Es geht schließlich um eine Präzisierung des Verhältnisses von Kapitalismus und bürgerlicher Gesellschaft, über das die trinitarische Definition der drei ›Zeitalter‹-Bände nicht mehr aussagt, als dass ersterer eine spezifische historische Form der zweiten ist, ohne dass auf weitere Einzelheiten eingegangen wird.

Der neuralgische Punkt liegt in der Entwicklung der europäischen Bourgeoisie als politischer Klasse. In seinem ersten Band schreibt Hobsbawm, nachdem er die restaurativen Beschlüsse von 1815 dargestellt hat, über die revolutionäre Welle 1830 folgendes: »In Westeuropa führte sie zum endgültigen Sieg der bürgerlichen über die aristokratischen Kräfte. Während der nächsten fünf Jahrzehnte lag die Macht bei der ›Großbourgeoisie‹, den Bankiers und Großindustriellen, zu denen in manchen Fällen auch die Spitzen der Staatsbürokratie gerechnet werden müssen. Die Aristokratie nahm es hin, zeigte sich bereit, die zweite Geige zu spielen oder aber eine in erster Linie von bürgerlichen Interessen bestimmte Politik zu führen. Die Herrschenden fühlten sich noch nicht von der Gefahr des allgemeinen Wahlrechts bedroht, obgleich sie unter dem Druck unzufriedener Geschäftsleute, des Kleinbürgertums und der ersten Arbeiterbewegungen standen.«

Das scheint verfrüht. Wenn die Bourgeoisie zur Zeit von Lola Montez und König Bomba bereits in Westeuropa geherrscht hätte, wozu dann die Erhebungen von 1848? Warum schlussfolgert der Autor am Ende einer bewundernswerten Übersicht über diese Ereignisse, dass nun »die Bourgeoisie aufhörte, eine revolutionäre Kraft zu sein«? In dem halben Jahrhundert nach 1830 war schließlich sowohl in Frankreich als auch in Deutschland das allgemeine Wahlrecht für Männer eingeführt worden. Waren aber deshalb Bismarck und MacMahon einfach Bürgerliche?

Der zweite Band verweist auf eine andere Periodisierung, die jedoch die Unsicherheiten eher steigert als auflöst. Der Zeitraum 1848–1875 stellt sich vor allem als »die Ära des triumphierenden Bourgeois« dar, dessen Aufstieg »unbezweifelbar und unangefochten erscheint«. Zur gleichen Zeit jedoch, räumt Hobsbawm ein, dass das Bürgertum in den meisten Ländern »gleichgültig wie man es definieren will, ganz eindeutig weder direkt noch als Kontrollinstanz politische Macht ausübte, es sei denn in untergeordneten Bereichen oder auf Gemeindeebene. Allerdings besaß die Bourgeoisie anderswo das Übergewicht [hegemony] und bestimmte damit zunehmend auch die Richtung der Politik. Es gab keine Alternative zum Kapitalismus, sobald es um ökonomischen Fortschritt ging.«

Diese Beschreibung impliziert, ohne es direkt auszusprechen, dass zwischen den Feldern der Ökonomie und der Politik keine Übereinstimmung, sondern eine Verwerfung befand. Die Herrschaft des Kapitals bedeutete nicht notwendigerweise die Herrschaft der Bourgeoisie. Das stellt ein zentrales Paradox dar, das eigentlich einer Erklärung bedarf. Einer solchen geht der Autor aus dem Wege, in diesem Fall zum Teil mittels Auseinanderreißen der Zusammenhänge. Die großen politischen Erhebungen der Zeit sind Teile eines Ganzen, Elemente einer epochalen Verwerfung: die Vereinigung Deutschlands und Italiens, der amerikanische Bürgerkrieg und die Meiji-Restauration in Japan. Sie alle werden in der Blütezeit des Kapitals behandelt, aber in verschiedenen Kapiteln – »Konflikte, Krieg«, »Nationen im Aufbau«, »Gewinner« –, die sie in keinerlei Zusammenhang stellen, der dem ihnen zugrunde liegenden historischen Problem Rechnung tragen würde.

Wenn die europäische Bourgeoisie auf dem Höhepunkt ihrer Macht niemals wirklich an der Macht war, aber den Staat beherrschte, worin bestand dann ihre Entwicklung nach dem »kurzen und vorübergehenden« Augenblick ihres Triumphs? Im Imperialen Zeitalter wechselt der Fokus zum dritten Aspekt des Programms – zur Politik. »Dieses Buch untersucht jenen historischen Augenblick, in dem deutlich wurde, dass die Gesellschaft und die Zivilisation, wie sie vom westlichen liberalen Bürgertum für sich geschaffen wurde, nicht die endgültige Form der modernen Industriewelt darstellte, sondern nur eine ihrer frühen Entwicklungsphasen.« An dieser Stelle trennt Hobsbawm zum ersten Mal ausdrücklich die ökonomische Form von den gesellschaftlichen Kräften. Er erläutert tiefgründig die fließende Zusammensetzung und die Grenzen der Klasse und stellt fest, dass »das Problem, die Bourgeoisie als eine Gruppe von Männern und Frauen ebenso zu definieren wie die Grenzlinie zwischen ihr und den ›unteren Mittelschichten‹, demnach keine unmittelbaren Konsequenzen hatte für die Analyse der kapitalistischen Entwicklung in dieser Phase … denn die ökonomischen Strukturen der Welt des 20. Jahrhunderts sind, auch wenn sie kapitalistisch sind, nicht mehr jene des ›privaten Unternehmens‹ in dem Wortsinn, wie ihn ein Geschäftsmann 1870 akzeptiert hätte.«

Das Zeitalter des Empire hält sich nicht mit dem weiter bestehenden Einfluss aristokratischer und agrarischer Eliten auf die Spitzen des Staates und der Gesellschaft in der Belle Epoque auf, wie es der Historiker Arno Mayer (Adelsmacht und Bürgertum. Die Krise der europäischen Gesellschaft 1848–1917, München 1984) tat. Wohl aber stellt Hobsbawm eine »Auflösung der festen Konturen der Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts« an Hand der Herausbildung der modernen Verwaltung, der Frauenemanzipation und vor allem der Krise des Liberalismus fest – eine moralische und ideologische Selbstzerstörung, die zu 1914 führte. »Während das bürgerliche Europa inmitten eines wachsenden materiellen Wohlstands seiner Katastrophe entgegentrieb, beobachten wir das eigenartige Phänomen einer Bourgeoisie oder zumindest eines beträchtlichen Teils ihrer Jugend und ihrer Intellektuellen, der sich freiwillig, ja sogar begeistert in den Abgrund stürzte.« Auf diese Weise kappt der Autor in der Trilogie die Verbindungen zwischen den Bestandteilen, aus denen diese besteht. Der Kapitalismus braucht diese Bourgeoisie nicht, vielleicht sogar gar keine. Die Bourgeoisie benötigt diesen Liberalismus nicht, vielleicht sogar überhaupt keinen. Die Demonstrativpronomina bleiben unbestimmt und der Unterschied zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen bleibt in der Schwebe.

Das Zeitalter der Extreme nimmt den Faden der Erzählung chronologisch dort wieder auf, wo das vorangegangene Werk endet, beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Diese Kontinuität wird durch die Vorschau auf einige der damit verknüpften Schlüsselthemen und auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts im Epilog am Ende der Trilogie unterstrichen. Dennoch liegt dazwischen ein konzeptioneller und struktureller Bruch. Der vierte Band, um die Hälfte länger als die vorangegangenen Bände, ist in größeren Proportionen verfasst. Ist man schließlich nach den ersten drei Bänden bei ihm angelangt, kommt es einem vor, als wäre man nun auf dem Kamm eines großen Bergmassivs und sieht plötzlich einen Gipfel in den Proportionen der Anden emporragen. Ohne Zweifel ist Das Zeitalter der Extreme Hobsbawms Meisterwerk. Seine Darstellung und Strukturiertheit lohnen genaue Betrachtung. Auch die Protagonisten sind andere. Die auffallendste Diskontinuität im vierten Band ist das völlige Verschwinden der Bourgeoisie, die nicht einmal mehr wie Schach, Drogen oder Fußball im Index auftaucht. Verschwand sie aus der Geschichte im August 1914? Man muss als Historiker nicht auf frühere Themen zurückgreifen, und ein Neuanfang ist immer lobenswert. Eine so scharfe Zäsur ist aber wohl kaum ein Themenwechsel ohne Bedeutung für die weitere Richtung.

Das Zeitalter der Extreme

Die grundlegende Struktur von Das Zeitalter der Extreme geht aus der Periodisierung hervor. Das »kurze 20. Jahrhundert" zwischen 1914 und 1991 könne in drei Phasen geteilt werden. Die erste, das »Zeitalter der Katastrophe« reicht von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs über die Große Depression und das Aufkommen des Faschismus bis zu den Kataklysmen des Zweiten Weltkriegs und seinen unmittelbaren Folgen, einschließlich des Untergangs der europäischen Reiche. Die zweite, das »Goldene Zeitalter«, dauerte etwa von 1950 bis 1973: In dieser Zeit gab es neuartige Wachstumsraten, einen neuen Wohlstand für die Bevölkerungen der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder sowie die Ausbreitung gemischter Wirtschaftweisen und sozialer Sicherungssysteme. Der Lebensstandard im Ostblock stieg, und in der Dritten Welt endete das Mittelalter, als die Bauern in den postkolonialen Staaten vom flachen Land in die modernen Städte strömten. Die dritte Phase, der »Erdrutsch«, begann mit der Ölkrise und dem Beginn der Rezession 1973 und reicht bis in unsere Gegenwart. Sie legt Zeugnis ab von wirtschaftlicher Stagnation und politischem Verfall im Westen, vom Zusammenbruch der UdSSR im Osten, von soziokulturellen Anomien im gesamten Norden und der Ausbreitung brutaler ethnischer Konflikte im Süden. Die Zeichen der Zeit sind: Wachstumsschwund, weniger Ordnung, weniger Sicherheit. Das Barometer menschlicher Wohlfahrt sinkt.

Das ist eine beeindruckende Sicht auf das Jahrhundert. Der vom Autor sichtbar gemachte Kontrast zwischen den beiden Phasen ist ausgesprochen krass und erfüllt den Titel des Werks mit Leben. Was den Unterschied zwischen den Teilen 2 und 3 betrifft, so blieb Hobsbawm hier offensichtlich seinen marxistischen Ursprüngen treu, insofern die wichtigste Zäsur zwischen beiden die Ökonomie ist. Jede Periode entspreche einer langen Kondratjewschen Welle – eines dynamischen, ein Vierteljahrhundert dauernden Aufschwungs, gefolgt von einem zähflüssigen Abschwung. Erneut hebt Hobsbawm hervor, dass es diese Kondratjew-Bewegungen gebe, die man sich nicht erklären könne. Das Zeitalter der Extreme beginnt mit einer deutlicheren Hervorhebung, dass »es jedoch mein Ziel ist zu verstehen und zu erklären, weshalb die Dinge eben den Gang genommen haben, den sie nahmen«, als bei der in der Trilogie versprochenen »Interpretation«. Das Vertrauen des Autors in dieselben unergründlichen Mechanismen könnte man aber als ein ernsthaftes Eingeständnis eigener Grenzen betrachten, da der Zusammenhang der gesamten Darstellung in gewisser Weise von diesem deus absconditus abhängt.

Hobsbawm bietet jedoch wenigstens teilweise eine Erklärung der Großen Krise der 30er Jahre, des Aufschwungs im »Goldenen Zeitalter« und sogar, wenngleich weniger transparent, des langen Abschwungs. Die erstgenannte begründet er im Wesentlichen mit der ungenügenden Nachfrage (Lohnstagnation) in den USA im Zeitalter des Jazz, die damals ohnehin zu isolationistisch waren, um eine verantwortungsbewusste Rolle in der Weltwirtschaft zu spielen. Der Aufschwung sei dem effektiven Umgang mit der Nachfrage in den gemischten Ökonomien des hart geprüften Nachkriegskapitalismus geschuldet; dieser sah regelmäßige Lohnerhöhungen vor, durch die die Produktion absorbiert wurde, sowie eine weit bessere internationale Koordinierung von Handel und Investitionen. Ursache des Abschwungs sei die exzessive Nachfrage gewesen, die entstand, als in den späten 60er Jahren die Löhne die Arbeitsproduktivität überflügelten und eine allgemeine Inflation auslösten, wie damals, als in der Zeit von Bretton Woods das Gold-Dollar-System zusammenbrach. Sinn und Zweck dieser Hinweise ist klar. Hobsbawm erwähnt sie eher beiläufig mit der skeptischen Miene eines Historikers, der den Dogmen von Ökonomen aller Couleurs misstraut und mutmaßt, es sollte ihnen nicht zu viel Bedeutung zugemessen werden. Sie sind jedoch konventionell und erstaunlich frei von Hinweisen in die entgegengesetzte Richtung. Robert Brenner hat überzeugend ausgeführt, wie wenig sich der Ausbruch der Depression durch Lohndrückerei erklären lässt oder das Ende des Nachkriegsbooms durch Lohnexplosionen. Er hat auch eine echte theoretische Erklärung vorgeschlagen, wie sie Kondratjew nicht liefern konnte, und hat die lange Niedergangsperiode durch sehr viel detailliertes empirisches Beweismaterial erhärtet. (Robert Brenner: »The Economics of Global Turbulence. A Special Report on the World Economy 1950–98«, New Left Review, I/239, 1998; ders.: Boom & Bubble. Die USA in der Weltwirtschaft, Hamburg 2002) Die Blackbox ist eben nicht ganz so schwarz, wie Hobsbawm meint.

Brüche und Kontinuitäten

Unbestritten ist jedoch, dass sich die Wirtschaftsgeschichte des fortgeschrittenen Kapitalismus in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aus welchen Gründen auch immer in der von Hobsbawm beschriebenen Weise teilt. Aus der bemerkenswerten Veränderung Anfang der 70er Jahre entwickelt Hobsbawm jedoch einen viel weiter reichenden Epochenkontrast, der alle Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens und alle Teile der Welt zu umfassen scheint. Wie solide ist der Überbau, der auf dieser Grundlage ruht? Fast schon per definitionem ist jedes Goldene Zeitalter der Legende verdächtig. In diesem Fall bediente sich Hobsbawm einer Feststellung der linken anglo-amerikanischen Ökonomen Andrew Glyn, David Gordon u.a. beim Beschreiben des Nachkriegsbooms im OECD-Bereich und übertrug sie auf eine ganze Phase der Weltgeschichte. Wie immer geschieht dies, wie er selbst zugibt, im Rückblick: Der Fund wird erst hinterher als ein Schatz wahrgenommen. Erst an den Trümmern des Erdrutsches erkennt man, dass diese aus Metall waren. Diesen Kontrast kann man auf verschiedene Weise bewerten. Wenn wir uns allerdings auf die wesentlichen Fragen beschränken, die Hobsbawm behandelt, dann drängen sich vor allem drei auf.

Erstens: Gab es in der Zeit nach 1973 für die Mehrzahl der Weltbevölkerung wirklich weniger materielle Verbesserungen als in der Zeit davor? Langsamere Wachstumsraten, mäßigere Löhne, mehr Arbeitslosigkeit und wachsende Ungleichheit in den reichen atlantischen Zonen und ihren Antipoden bedeuten nicht zwangsläufig, dass das überall der Fall war. In der Periode des langen Niedergangs gab es auch eine dramatische Veränderung des relativen Wohlstands der dichtest besiedelten Gegenden der Erde. Allein in China ist die Bevölkerung zahlreicher als die Nordamerikas, Europas und Russlands zusammen. Ihre Wachstumsraten in der Zeit des Erdrutsches lassen die des Goldenen Zeitalters zwergenhaft erscheinen. Trotz der akuten Wirtschaftskrise von 1997/98 hat sich Südostasien mit einer weitaus größeren Bevölkerung als Südamerika seit den 70er Jahren schneller entwickelt als in den 50er und 60er Jahren. Selbst Indien beschleunigte in diesem Zeitabschnitt sein Entwicklungstempo in gewissem Umfang. In all diesen Teilen der Welt, wo drei Fünftel der Menschheit leben, wurde überall das Elend erheblicher vermindert als in den glücklichen Zeiten des atlantischen Booms.

Selbst wenn wir das tiefe Loch berücksichtigen, in dem der größte Teil der früheren Sowjetunion versank, den unbeschreiblichen Abgrund, in den riesige Regionen in Afrika südlich der Sahara fielen, und das allgemeine Anwachsen der Ungleichheit, wäre, was Wohlstand anlangt, selbst bei mäßiger Berechnung nach Benthamschen Maßstäben die spätere Periode ihrer Vorgängerin vorzuziehen. Dabei können wir uns zur Bestätigung Hobsbawms eigenem, trefflichem Bildes menschlichen Fortschritts bedienen. Die Bauernschaft verschwand im Goldenen Zeitalter nicht und verschwand erst recht nicht nach drei Dekaden Abschwung. Sie umfasst immer noch etwa 45% der Weltbevölkerung. Der bei weitem größte Schwund erfolgte jedoch in den vergangenen 30 Jahren halsbrecherischer Urbanisierung der Dritten Welt. In diesem Sinne endete das Mittelalter für den größten Teil der Menschheit im Zeitalter von Reagan, nicht in dem von Eisenhower.

Ein zweites zentrales Thema im Zeitalter der Extreme st die politische Gewalt des Jahrhunderts – die 187 Millionen Kriegstoten, Massaker-, Hinrichtungs- oder Hungeropfer, die Hobsbawm an den Anfang seiner Geschichte stellt. Wie verhalten sich das Goldene Zeitalter und der Erdrutsch zueinander in dieser Frage? Die Form, die ersteres annahm, war durch den Kalten Krieg geprägt, dem Hobsbawm ein knappes Kapitel widmet, in dem er im Wesentlichen die USA und nicht die UdSSR oder beide dafür verantwortlich macht. Der apokalyptische Ton und der Kreuzzugseifer, mit dem der Konflikt betrieben wurde, stammten nach Meinung des Autors ausschließlich aus Washington. Es bestand jedoch keine unmittelbare Weltkriegsgefahr, beide Seiten akzeptierten nach 1945 die Teilung der Welt, und die irrational aufgehäuften und strategisch folgenlosen Atomwaffen wurden nie eingesetzt. Eine solche Darstellung der Höhepunkte des Kalten Krieges führt zur Bagatellisierung der Gefahr gegenseitiger Vernichtung, die zur damaligen Zeit so sehr gefürchtet wurde, denn sie könnte ja das Bild des Goldenen Zeitalters beschädigen. Gefährliche Zeiten ist darin konsequenter und aufrichtiger und spricht vom Leben »unter der schwarzen Wolke der atomaren Apokalypse«.

Selbst ohne diesen Aspekt war es eine Zeit von Mord und Totschlag. Von 1950 bis 1972 fanden der Koreakrieg, die französischen Kriege in Indochina und Algerien, drei Kriege im Nahen Osten, die portugiesischen Kriege in Afrika, der Biafra-Konflikt, die Massaker in Indonesien, der große Sprung und die Kulturrevolution in China sowie der amerikanische Vietnamkrieg statt. Gesamtzahl der Toten: etwa 35 Millionen. Während des Erdrutsches gab es einen steilen Abfall der globalen Mordrate. Von 1973 bis 1994, als Das Zeitalter der Extreme erschien, waren der Krieg zwischen dem Iran und dem Irak, die Massaker in Kambodscha, der Völkermord in Rwanda, der konterrevolutionäre Terror in Süd- und Mittelamerika, der vierte und fünfte Krieg im Nahen Osten und die ethnischen Säuberungen auf dem Balkan die schlimmsten Episoden: etwa 5 Millionen Tote. Die Barbareien der Gegenwart sind zwar noch lange nicht vorüber. Es gibt in dieser Hinsicht aber keine Ursache, sich nach früheren Zeiten zu sehnen.

Warum führt die im Zeitalter der Extreme verwendete Methode der Analyse bei den zwei entscheidenden Kriterien für die Bewertung des Jahrhunderts so weit weg von den historischen Tatsachen? Die Ursache ist in beiden Fällen die Bedeutung Ostasiens und vor allem Chinas, die den entscheidenden Unterschied ausmachen. Dort gab es im Goldenen Zeitalter die höchste Zahl der Opfer und im Erdrutsch die höchsten Wachstumsraten. In seiner Autobiografie schreibt Hobsbawm: »Bis auf den heutigen Tag beobachte ich an mir, dass ich das Gedächtnis und die Tradition der UdSSR mit einer Nachsicht und Zärtlichkeit behandele, die ich gegenüber dem kommunistischen China nicht empfinde, da ich der Generation angehöre, für die die Oktoberrevolution die Hoffnung der Welt in einer Weise repräsentierte, wie China das nie getan hat.« Das ist ein bisschen zu viel Verallgemeinerung. Brecht, aus einer älteren Generation, oder Althusser aus Hobsbawms eigener empfanden das anders. Man darf es also als eine individuelle Eigenart ansehen, die den Historiker interessieren sollte. Unter Berücksichtigung des Internationalismus, der Hobsbawms Persönlichkeit besonders stark geprägt hat, sowie der Mischung von politischer Erfahrung, professioneller Kompetenz und einfühlsamer Sympathie wäre es absurd, ihm seine europäische Ausrichtung vorzuwerfen. Das Zeitalter der Extreme erhält sich die aus Hobsbawms Ursprüngen in Wien, Berlin und London stammende Sichtweise, die in der Autobiografie reflektiert wird.

In der Darstellung des Jahrhunderts bekommt China nicht den ihm gebührenden Platz. Auch Japan spielt eine geringere Rolle als angemessen wäre, nicht zuletzt während des Goldenen Zeitalters bzw. als sich aus seiner Rolle in der Blütezeit des Kapitals ergeben würde. Der einzige Japaner, der dem Autor erwähnenswert erscheint, ist der japanische Filmregisseur Akira Kurosawa. Hier zeigt sich Hobsbawms kulturelle Distanz. Als er nach einer Reise nach Japan gefragt wurde, wie er das Land finde, starrte der Historiker eine Weile vor sich hin und sagte dann lediglich: »Mars«. Vorlieben sind stets Geschmacksache: wer sich tiefgründig auf bestimmte fremde Kulturen einlässt, ganz gleich auf wie viele, wird mit anderen unweigerlich weniger enge Kontakte unterhalten.

Das dritte Hauptthema, das Hobsbawms Darstellung der letzten fünfzig Jahre begleitet, ist »die Auflösung der alten Sozial- und Beziehungsstrukturen und, Hand in Hand damit, das Zerbersten der Bindeglieder zwischen den Generationen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart also«. Der soziokulturelle Vergleichsmaßstab ist nicht so eindeutig oder so vernichtend wie das vorgestellte Material; in der Darstellung jedoch werden die »Krisendekaden« der 70er und 80er Jahre als die Periode bezeichnet, in der moralische Werte, die seit Menschengedenken den Zusammenhalt der Menschen bestimmten – Familie, Geburtsort, Arbeit, Religion, Klasse, ethische Solidaritäten –, am deutlichsten verfielen. Die Folge war die Ausbreitung »eines absolut asozialen Individualismus«, dessen psychologische Schäden immer mehr durch deformierte kollektive Fixierung auf Identitätspolitik kompensiert wurden. An dieser Stelle scheint es in der Tat plausibler, von einer allgemeinen Entwicklung in einer bestimmten Richtung auszugehen als beim Wirtschaftswachstum oder bei den Gewaltverbrechen. Da Hobsbawm aus nachvollziehbaren Gründen den Beginn der gegen alle Traditionen gerichteten Kulturrevolution im Westen in die 60er Jahre verlegt, ergibt sich, dass die umfassenderen Wirkungen dieser Transformation in den darauf folgenden Jahrzehnten stattgefunden haben müssen.

Die Datierung solcher Veränderung ist die eine Sache, ihre Bewertung eine andere. Hobsbawms Beschreibungen der 60er Jahre und ihrer Folgen sind sowohl im Zeitalter der Extreme wie in Gefährliche Zeiten durchwegs unwirsch. Ihre Richtung ähnelt der, die unter Linken Régis Debray erstmals skizzierte und die dann von dem Rechten Mark Lilla weiterentwickelt wurde, nämlich, dass der hedonistischen Freizügigkeit dieser Periode dieselbe Moral zugrunde liege wie dem ungezügelten Neoliberalismus der nachfolgenden. Wer alle Hemmungen beseitigt, erst die sexuellen, dann die der Besitzgier, wird schließlich nur noch dem unverhüllten individuellen Lustgewinn streben. Hobsbawm stellt diesen Bezug nicht ganz so deutlich her; er betont vielmehr die Verselbstständigung der Jugend als historisch neuartiges Phänomen, aber sein negatives Urteil über die »Kulturrevolution« ist eindeutig.

Auf solches Klagen gibt es allerdings eine nahe liegende Replik: Gab es jemals in irgendeiner großen Umwälzung ein einziges Ergebnis von so allgemeiner und tief greifender Tragweite wie den weltweiten Fortschritt in der Frauenemanzipation? Diese Entwicklung fiel maßgeblich in die Zeit des Erdrutsches. Die moderne feministische Bewegung und die massenhafte Einbeziehung von Frauen in die Erwerbstätigkeit unter, im Verhältnis zu Männern, weniger ungleichen Bedingungen, beginnt in den 70er Jahren. Hobsbawm hebt die soziologische Bedeutung all dieser von ihm natürlich begrüßten Entwicklungen in angemessener Weise hervor. Aber in seiner moralischen Bewertung der Auflösung traditioneller Bindungen spielen sie kaum eine Rolle. Die bürgerliche Familie mit ihren Patriarchen, die im Imperialen Zeitalter einer vernichtenden Analyse unterzogen wurden, ließ der Autor nun fast kommentarlos aus seinem Blickfeld verschwinden. Ihr Ableben wurde stillschweigend nicht mehr als Befreiung angesehen.

Damit sind wir zu den fehlenden Akteuren des kurzen 20. Jahrhunderts zurückgekehrt. Die veränderte Lage der Frauen wird der »sozialen Revolution« zugeschrieben, die sich von der im folgenden Kapitel behandelten schädlichen Kulturrevolution unterscheidet. Im erstgenannten Kapitel beschreibt Hobsbawm die bedeutenden kollektiven Kräfte der heutigen Welt und präsentiert ein Panorama, ähnlich dem Klassenpanorama, das er für das 19. Jahrhundert vorlegte. Darin behandelte er nacheinander die (schwindende oder bereits verschwundene) Bauernschaft, die (wachsende) Zahl von Studierenden und die (im Niedergang befindliche) Arbeiterschaft. Es fehlt eine Darstellung der Bourgeoisie, die dieser einen ähnlichen oder vergleichbar hohen Stellenwert einräumt wie in der Trilogie. Ist sie ausgestorben? Die Struktur von Gefährliche Zeiten verschleiert das Problem, weil ein Querschnitt der westlichen Gesellschaften zwischen 1914 und 1950 fehlt. Vielmehr macht der Autor einen großen Sprung aus der Mitte der Belle Epoque, mit der Das imperiale Zeitalter endet, über die Zwischenkriegsperiode zum Ende des Goldenen Zeitalters bzw. sogar des Erdrutsches. Das verdeckt und vertieft sogar den Bruch innerhalb der ganzen Trilogie. Die westlichen Bourgeoisien haben sich nach Versailles selbstverständlich nicht aufgelöst, sondern durch das gesamte Zeitalter der Katastrophe hindurch eine enorme Rolle gespielt – was Hobsbawm, der zur Zeit Premierminister Baldwins nach England kam, sehr wohl wusste. Warum hat er sie dann ausgesondert?

Eine Antwort mag darin liegen, dass Das Zeitalter der Extreme eine räumliche Anomalie aufweist. Wirtschaftlich, politisch und kulturell sind, ob man will oder nicht, die USA das Land, das diesen historischen Zeitabschnitt ganz eindeutig dominiert; das kurze 20. Jahrhundert ist sogar oft einfach nach ihnen benannt worden. Eine dem entsprechende Hervorhebung im Buch wäre daher zu erwarten gewesen. Tatsächlich ist den USA jedoch überhaupt keine Priorität zugebilligt worden. Amerika kommt an relevanten Stellen in dem Text vor, im Ersten und Zweiten Weltkrieg, in der Großen Depression, im Kalten Krieg, in den Krisendekaden usw. – in Passagen, die fast immer scharfsichtig sind, es gibt jedoch keinerlei zusammenhängende Überlegungen dazu. Der Unterschied zur Behandlung Russlands ist auffallend. Im Index gibt es für die UdSSR doppelt so viele Eintragungen wie für die USA, aber der Unterschied zwischen der den beiden geschenkten Aufmerksamkeit ist insgesamt weitaus größer. Drei ausführliche Analysen sind der UdSSR gewidmet: eine über die Zeit der Gründung durch die Bolschewiki, eine über den Höhepunkt des Stalinismus und eine über den Niedergang unter Breschnew und die Implosion unter Gorbatschow und Jelzin. Niemand würde für eine gekürzte Darstellung der Oktoberrevolution und ihrer Folgen plädieren. Die zentrale Position des Verlierers lässt die relative Marginalisierung des Gewinners aber umso deutlicher hervortreten.

Gefährliche Zeiten deutet zwar auf biografische Ursachen eines hintergründigen Unbehagens an den USA. Die Gründe, warum die Bezüge auf dieses Land im Zeitalter der Extreme so sporadisch sind – es scheint meist, als gehöre es gar nicht dazu –, sind aber doch eher struktureller Art, eine Folge des Aufbaus des Werks ebenso wie der Entfremdung. Die USA haben an dem Triptychon, als das Hobsbawm das Jahrhundert sieht, nur einen sehr geringen Anteil. In der Zeit der Katastrophe wurden die USA nur im Zusammenhang mit der Depression behandelt; das war zwar wesentlich, wurde aber schnell von jenen sentimentalen Legenden über den New Deal und den erfolgreichsten amerikanischen Präsidenten verdrängt, gegen die Hobsbawm selbst nicht ganz gefeit ist (Roosevelts Regime »wurde zur Regierung der Armen und Gewerkschaften«). Die beiden Weltkriege stellten sich als Galoppritte ins Ausland dar, die zu Wohlstand im vom Kriegselend unberührten Heimatland führten. Im Goldenen Zeitalter ging der Kriegsboom weiter, wie Hobsbawm in Gefährliche Zeiten feststellt. Im Erdrutsch erreichten die USA das bis dahin höchste Ausmaß ihrer Macht. Wenn China in die eine Seite der Darstellung nie ganz integriert ist, so die USA nicht in die andere. Das Verschwinden der herrschenden Klasse, deren Weg die früheren Bände verfolgten, mag im Zeitalter der Extreme sehr wohl mit diesem verschobenen Fokus zu tun haben.

Welchen Wechselfällen immer die europäische Bourgeoisie ausgesetzt gewesen sein mag, die US-amerikanische Ober- und Mittelschicht war jedenfalls in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zweifellos an der Macht. Wir brauchen nur an so unterschiedliche Gestalten wie Robert Taft oder Woodrow Wilson, Calvin Coolidge, Andrew Mellon, Henry Stimson, Cordell Hull, Dean Acheson und die Gebrüder Dulles zu denken, ganz abgesehen von den beiden Roosevelts. Europa fehlte es selbst nach dem Krieg nicht an ihnen gleichrangigen Persönlichkeiten – Adenauer, Antoine Pinay oder Mario Scelba. Die USA waren aber das Land, in dem dieser Menschenschlag am robustesten auftrat. Können wir fünfzig Jahre später noch in der gleichen Weise von der Bourgeoisie des Westens sprechen? Wenn Hobsbawm sie aus seinem Personenverzeichnis entfernt, wird er das wohl kaum getan haben, um die inzwischen ungeliebten Konnotationen des Begriffs zu vermeiden. Wahrscheinlicher hat ihn, was in gewisser Weise verständlich ist, verwirrt, was ihr zustieß. Eine der Folgen der »sozialen Revolution«, die in den 60er Jahre einsetzte, waren Mutationen der Charaktermasken des Kapitals selbst, wie Marx es nannte. Einen gewissen plebejischen Trend in Stil und Personal hat es unstrittig gegeben. Der bedeutendere Wandel lag jedoch nicht im Lebensstil, sondern in den Maßstäben. Niemals seit dem Goldenen Zeitalter haben Finanzhaie und Industriemagnaten auf so großem Fuß gelebt und sind mit ihrem Reichtum und ihrer Macht in einem Ausmaß, das sich Gould oder Morgan kaum hätten vorstellen können, derart über die Arbeitenden hinweg gewalzt, um sich großmäulig der Kultur zu bemächtigen. Ein Blick in die Presse oder ins Fernsehen zeigt die Allgegenwärtigkeit dieser Leute. Indem Das Zeitalter der Extreme sie unerwähnt lässt, bietet das Buch ein unvollständiges Bild der zeitgenössischen Gesellschaft.

Fortschritte der Demokratie

Was ergab sich politisch aus den sozialen und kulturellen Umwälzungen, die im Zeitalter der Extreme geschildert werden? Jedenfalls keine ihnen entsprechende Revolution. Wenn der Abbruch jener Landschaft des Reichtums und der Macht überhaupt Auswirkungen hatte, dann war es die Entstehung einer Welt, die dem von Lutz Niethammer erinnerten, aber nicht von ihm geprägten Satz entsprach: Die Herrschenden haben aufgehört zu herrschen, aber die Sklaven sind geblieben. So würde sich Hobsbawm aber nicht ausdrücken, wenngleich darin eine relevante Frage enthalten ist: Worin besteht sein Bild der Demokratie des 20. Jahrhunderts? Denn das ist natürlich das endgültige und von jedem Mainstream-Standpunkt schlüssigste Argument gegen seine Zäsur zwischen dem Goldenen Zeitalter und dem Erdrutsch. Wie konnte er den erheblichsten aller menschlichen Fortschritte übersehen, der sich in der letztgenannten und weit weniger in der erstgenannten Periode weltweit ausgebreitet hatte? Dem Freedom House (Hauptsitz in Washington) zufolge erhöhte sich die Zahl der »liberalen Demokratien« auf der Welt von 22 im Jahre 1950 auf 44 im Jahre 1972; zwischen 1973 und 2000 wuchsen sie aber auf 85 an. »Parlamentarische Demokratien«, eine elastischere Kategorie, gibt es inzwischen 119. Sie sind nicht mehr auf Westeuropa und seine überseeischen Ausgründungen in der Neuen Welt und auf den südlichen pazifischen Raum beschränkt. Diese Regierungsform hat inzwischen alle lateinamerikanischen Staaten, Südafrika, Osteuropa und den größten Teil der früheren Sowjetunion, Thailand und Indonesien, Taiwan und Südkorea erfasst; jedes Jahr gesellen sich diesen Länder n neue Anwärter hinzu. Reicht das nicht aus, um festzustellen, dass eigentlich nur die Gewaltherrschaften der einen oder anderen Art zugrunde gegangen sind? Von diesem Standpunkt aus waren die vergangenen 25 Jahre weniger eine Periode, in der Gewinne und Verluste in etwa mit denen der vorangegangenen Periode gleichzusetzen wären, sondern eine, die vielmehr eine unvergleichlich freiere und bessere Welt mit sich brachte.

Bereits die Trilogie weist aus, dass Hobsbawm eine solche Sicht nicht teilt; er betrachtet die Entstehung der Wahlrechtsbewegungen im 19.Jahrhundert durchgehend mit großer Distanz. Im Imperialen Zeitalter stellt er fest, dass Lenins bekannte Äußerung, dass die demokratische Republik »die denkbar beste politische Hülle des Kapitalismus« – die frühere Generationen von Revolutionären erschreckt hätte – jenen den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs plausibel klang, als die herrschenden Klassen in Europa entdeckten, »dass die parlamentarische Demokratie sich entgegen ihren Befürchtungen als durchaus vereinbar mit der politischen und wirtschaftlichen Stabilität kapitalistischer Regime erwies«. Nach dem Krieg jedoch erwies sich die Bindung zwischen beiden als höchst fragil und in dem Maße, in dem sich der Faschismus ausbreitete, erklärten die Kommunisten im Gegenteil, dass »der Kapitalismus zwangsläufig die bürgerliche Demokratie aufgeben muss«. Dies erwies sich ebenfalls als unzutreffend, wie sich in der Zeit nach 1945 zeigen sollte. Aber obwohl die Demokratie dann zum bevorzugten System wohlständiger und stabiler kapitalistischer Gesellschaften wurde, bestand sie real in nur wenigen der mehr als 150 Staaten in der Welt. Das war Hobsbawms Haltung 1987, zwei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer.

Welche Rolle spielt die Demokratie im Zeitalter der Extreme? Hobsbawm beschränkt sich auf zwei Überlegungen, zu Beginn und am Ende des Buches. Die erste ist Teil einer allgemeineren Analyse des »Niedergangs des Liberalismus« im »Zeitalter der Katastrophe« der Zwischenkriegszeit, deren Kernstück eine geniale Analyse der Entstehung verschiedener Arten von rechtsautoritären Systemen ist, deren extremstes der Faschismus war. Die Demokratien purzelten reihenweise, weil sie, wie Hobsbawm erklärte, Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit, soziale Harmonie und wenig Ansprüche an den Staat benötigen, was unter Bedingungen massenhafter wirtschaftlicher Umwälzung und sozialer Spannungen kaum der Fall sein könne. Im Jahre 1940 hatten von etwa 27 europäischen Staaten nur 5 als Demokratien überlebt. Das ganze Kapitel ist eine Tour de force bitterer Diagnose. Sobald der Autor sich jedoch der Nachkriegsperiode zuwendet, bietet er keine äquivalente Erklärung für die Wiederherstellung der Demokratie in Europa und Japan, die noch dazu meist auf einem umfassenderen Wahlrecht basiert als zuvor. Stattdessen führt er uns direkt in den Kalten Krieg und verliert kaum ein Wort darüber, dass die »Freie Welt« das Banner war, das der Westen dabei vor sich her trug. Wann immer von Demokratie die Rede ist, wird sie rüde behandelt. In einem Kommentar über die rivalisierenden Supermächte schreibt Hobsbawm: »Wie die UdSSR waren die USA eine Macht, die eine Ideologie vertraten, an die die meisten Amerikaner aufrichtig als Modell für die Welt glaubten. Im Unterschied zur UdSSR waren die USA eine Demokratie. Leider muss man sagen, dass letztere wahrscheinlich die gefährlichere war.«

Dass Hobsbawm der Ausbreitung der Demokratie als politischer Ordnungsform während des Erdrutsches kaum Aufmerksamkeit schenkt, entspricht der Art und Weise, wie er das Thema im Goldenen Zeitalter behandelt. Aber am Schluss des Zeitalters der Extreme kommt Hobsbawm mit einigen bemerkenswerten Aussagen noch einmal darauf zurück: »Nur, wohl kein vernünftiger Beobachter konnte in den frühen 90er Jahren mit derselben Zuversicht auf die liberale Demokratie blicken wie auf den Kapitalismus.« In einer Weltwirtschaft, die mit Hilfe eines Amts oder auch durch Zusammenarbeit verschiedener Behörden immer weniger zu steuern war, würde der Nationalstaat durch die Globalisierung der Finanz- und Produktenmärkte ständig geschwächt. Die Demokratien seien Systeme geworden, in denen die Regierungen über immer weniger und weniger Macht verfügten und dabei immer mehr Entscheidungen von technischer Komplexität jenseits des Verständnisses ihrer Bürger fassen müssten, während die Politiker unter dem ständigen Druck jener Medien stünden, die inzwischen zu einem bedeutsameren Teil des politischen Systems geworden seien als die Parteien oder das Wahlsystem. Heute könnten sich die Völker in keinem realistischen Sinne mehr selbst regieren; sie können aber auch von den Regierungen, die selbst nicht mehr wirklich regieren können, nicht ignoriert werden. Die Folge dieser Blockade sei unweigerlich eine Politik des offiziellen Ausweichens, der Verdunkelung oder der Meinungsmanipulation. So seien zeitgenössische Wahlen in großen Teilen des Westens wenig mehr als »Wettkämpfe im Leisten von fiskalpolitischen Meineiden«. Die historische Wahrheit sei, dass »die repräsentative Demokratie eine kaum überzeugende Art, Staaten zu regieren«, sei.

Gegenüber dem derzeit herrschenden formalistischen, akademischen und journalistischen Demokratiegeschwätz ist solche Schärfe ein erholsames Korrektiv. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass Hobsbawms Arbeiten Welten von affirmativer Gemütlichkeit entfernt sind, diese herben Urteile würden ihn liefern. Sie beschreiben den ständigen Substanzverlust der parlamentarischen und Wahlsysteme zur Zeit ihrer größten Verbreitung. Das ist gewiss ein Charakteristikum des Zeitalters. Analytisch gesehen signalisieren sie aber auch eine Wende in der Rolle, die die Demokratie in der Trilogie spielt. Das Imperiale Zeitalter verknüpft die Funktion demokratischer Systeme mit den Strukturen der Klassengesellschaft und den Bedürfnissen des Kapitals in der Epoche europäischer Weltherrschaft. Wenn die damalige Demokratie zu kritisieren war, dann aus der Sicht der Volkssouveränität und Gleichheit, die sie verhinderte. Das war das Wesen der Leninschen Maxime. Die Stoßrichtung im Zeitalter der Extreme unterscheidet sich davon. Ein Jahrhundert später ist es nicht mehr die Ungleichheit in postmodernen Demokratien, die im Fokus der Kritik steht, sondern ob sie noch regierbar sind. Der Klassencharakter der repräsentativen Ordnung als Struktur systematisch verzerrter Macht ist nicht mehr gefährdet. Die bürgerliche Demokratie ist zusammen mit der Bourgeoisie längst abgetreten. An ihre Stelle trat so etwas wie eine radikale Version des üblichen konservativen Diskurses. Die »Krise der Regierbarkeit« war ja sogar das Stichwort jener Trilateralen Kommission, die von David Rockefeller und Zbigniew Brzezinski 1973 eingesetzt worden war, um »Spitzenpolitiker und Geschäftsleute« aus den USA, Europa und Japan zusammenzubringen; sie sollten sich Gedanken machen, wie man gemeinsam die Welt beherrschen könne. Wenn Hobsbawm im Zeitalter der Extreme darauf besteht, dass das Hauptproblem der Weltwirtschaft nicht so sehr das langsame Wachstum wie die »Unkontrollierbarkeit« sei, so erinnert das an ein Motiv, das aus eben diesem Umfeld stammt: Brzezinski nannte eines seiner Bücher (das Hobsbawm in anderem Zusammenhang erwähnt) Out of Control.

Die Probleme, auf die das Zeitalter der Extreme in solchen Abschnitten aufmerksam macht, sind keineswegs fiktive. Die inhärente Instabilität der internationalen Finanzmärkte und die wissenschaftliche Komplexität vieler Umweltfragen bedeuten für die bestehenden Regime tatsächlich die großen Schwierigkeiten, von denen Hobsbawm schreibt. Ein Überblick über die demokratischen Defizite, der sich jedoch aus einer zu technokratischen Kritik speist, übersieht die ideologische Potenz der gegenwärtigen Ordnung. Es macht wenig Sinn, von der unverzichtbaren Rolle der Demokratie als Siegespfand im Kalten Krieg zu sprechen: nicht sie war die Trumpfkarte in der Hand des stärkeren Westens, sondern die bessere Versorgung. Aber eine wesentliche Karte im Spiel war sie dennoch. In Übereinstimmung mit der Logik der Trilogie behandelt Das Zeitalter der Extreme ausführlich den Niedergang des Liberalismus in der Zwischenkriegszeit. Über sein Wiederaufleben im Goldenen Zeitalter, ganz zu schweigen von der Bedeutung seiner Mutation in der Zeit des Erdrutsches wird dagegen nichts berichtet. Der Neoliberalismus, dessen Ausbreitung in den vergangenen zwei Dekaden über alle Kontinente ihn zur vielleicht universalsten Ideologie in der Weltgeschichte machte, wird gewissermaßen zwischen zwei Kommata gepackt, als eine vorübergehende utopische Laune.

Leerstelle Neoliberalismus

Solche Bagatellisierung enthüllt eine signifikante Leerstelle im Wesen des abschließenden Bandes. Die Trilogie folgt einem klaren Schema: Sie behandelt zunächst die Wirtschaft, die Klassen und Staaten, dann die Künste und Ideologien. Diesem Schema zufolge ist der den Künsten und Wissenschaften zugedachte Raum durch alle drei Bände hindurch konstant und taucht entsprechend auch im Zeitalter der Extreme wieder auf, das im letzten Teil (auf verschiedene Weise) bemerkenswerte Kapitel zu diesen Themen enthält. Betrachten wir andererseits die Ideologien, so sind sie unverkennbar eine Parabel. Europäische Revolutionen enthält zwei Kapitel, von denen eines den religiösen, das zweite, 42 Seiten lang, den weltlichen Ideologien gewidmet ist. In der Blütezeit des Kapitals ist es ein 22 Seiten langer Teil eines Kapitels. Im Imperialen Zeitalter ist es ein ganzes Kapitel von 13 Seiten. Im Zeitalter der Extreme, das viele Leute als eine Zeit der Ideologien par excellence betrachten, gibt es dazu gar nichts. Die Ideen haben in der Menschheitsgeschichte offenbar ihre Rolle eingebüßt. Wie soll man diese scheinbare Gleichgültigkeit einem zuvor so hervorgehobenen Interesse gegenüber deuten?

Eine Erklärung könnte in dem zu Grunde liegenden methodologischen Ansatz liegen. Es liegt in der Tendenz jedes historischen Materialisten, die Geistesgeschichte lediglich als Hilfswissenschaft für die Wechselwirkungen zwischen den bedeutsameren ökonomischen und sozialen Kräften anzusehen, die die Entwicklung einer Periode eigentlich bestimmen. Da sich jedoch allzu viele Marxisten auf die Geschichte der Ideen spezialisiert haben, kann dies nicht überzeugen. Auch Hobsbawms eigene ursprüngliche Absicht war, wie er uns in Gefährliche Zeiten berichtet, die Verbindungen zwischen Überbau und Basis und nicht die Entwicklung der Basis selbst herauszuarbeiten; in gewisser Weise ist er dieser Absicht offensichtlich treu geblieben. Eine andere Erklärung könnte das Wesen der Ideen sein, die in den aufeinanderfolgenden Teilen seiner Geschichtsdarstellung auftauchen. Der erste Band bietet dem großen Erbe der Aufklärung und ihren Folgen, der klassischen politischen Ökonomie von Smith und Ricardo, der radikalen Hinterlassenschaft Rousseaus, den philosophischen Synthesen Kants und Hegels sowie dem Höhepunkt dieser Traditionen bei Marx großen Raum. Der zweite lässt kein gutes Haar an Comte und Spencer, behandelt kurz abwägend den Marginalismus, bewertet abschätzig die Anfänge der wissenschaftlichen Historiografie und hält sich lange bei den verschiedenen Manifestationen des Rassismus um die Mitte des Jahrhunderts auf. Der dritte Band setzt sich mit der Verbreitung des Marxismus auseinander, mit der sinkenden Popularität der Evolutionstheorien und eher kurz mit dem Aufkommen der Psychoanalyse und der klassischen Soziologie.

Der vierte Band, der sich mit einem doppelt so langen Zeitabschnitt beschäftigt, enthält eine Seite über Postmodernismus, ein bis zwei Sätze über den Neoliberalismus und das war’s. Man ist versucht, daraus zu schließen, dass der Seitenumfang den Vorlieben des Autors geschuldet ist. Er wird erst allmählich geringer und nimmt dann aber immer schneller ab, in dem Maße, in dem wir uns der undankbaren Gegenwart nähern. Gewiss ist das nicht ganz abwegig. Eines der Verdienste Hobsbawms ist, dass er aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Das kann aber nicht alles sein, weil sich die gleiche Logik nicht auf die Künste anwenden lässt. Das Zeitalter der Extreme enthält ein umfangreiches Kapitel über deren Entwicklung im 20. Jahrhundert, einen zornigen Angriff auf die Selbstdarstellungen der Moderne und die sinnlosen und dekadenten Avantgardeprojekte, in denen Hobsbawm »den Geruch des herannahenden Todes« entdeckt – eine Philippika, die er 1998 in seiner Neurath-Vorlesung »Behind the Times: The Decline and Fall of the 20th-Century Avant-Gardes«, noch ausweitet. Abneigung an dieser Front ist kein Hinderungsgrund für entschlossenes Engagement. Der Grund, warum Ideen übersehen werden, muss daher anderswo liegen.

Könnten adoptierte Nationalgefühle am Werk sein? Wo Hobsbawm undurchschaubare Doktrinen oder hochkomplizierte Denkfiguren ungeduldig abweist, entdeckt man zuweilen den schroffen Engländer. Der abwertende Terminus ›Guru‹ taucht in Gefährliche Zeiten allzu oft auf; er bezieht sich auf Denker wie Raymond Williams oder Gramsci. Vielleicht gibt es auch bei ihm ein aus der Vergangenheit stammendes grobes Raster. Dieses könnte die seltsame Abstinenz Ideen gegenüber in seinem Selbstporträt erklären helfen. Sieht man von den kulturellen Faktoren ab, so könnte, einfacher ausgedrückt, sein Temperament, seine No-nonsense-Rationalität, die allem abhold ist, was außerhalb eindeutiger Logik liegt, eine wesentliche Komponente sein. Wenn so viele Kernideen und -episoden des 20. Jahrhunderts in einer einzigen Kategorie zusammengefasst und als jenseits des Sachverstands eines Historikers eingeordnet werden, dann spielt das gewiss eine Rolle. Im Ersten Weltkrieg war das Ziel der bedingungslosen Kapitulation »absurd und kontraproduktiv«. In den 30er Jahren war der stalinistische Terror »eine mörderische Absurdität«. Im Zweiten Weltkrieg gibt es »keine angemessene Erklärung« für Hitlers Torheit zunehmender Feindseligkeiten mit den USA. Während des Kalten Krieges war die Überzeugung des Westens von der sowjetische Bedrohung »absurd« und das atomare Wettrüsten des Kalten Krieges war eine »finstere Absurdität«. Den »mörderischen Absurditäten« von Mao Zedongs Großem Sprung folgten die »surrealen Absurditäten« der Kulturrevolution. Der amerikanische Krieg in Vietnam ist »vollkommen unmöglich, zu verstehen«. Reagans Aufrüstung war »offenkundiger Wahnsinn«. Das Recht auf nationale Selbstbestimmung beschränke sich heute auf »wilde und tragische Absurdität«.

Solche Bemerkungen stehen Voltaire näher als Marx. Ihre Verbindung zum Zentrum des Zeitalters der Extreme deutet auf die letzte Ursache hin, weshalb Ideen ausgewichen wird. Auf den ersten Seiten des Werks erklärt Hobsbawm, dass der das kurze 20. Jahrhundert beherrschende binäre Gegensatz zwischen dem westlichen ›Kapitalismus‹ und dem Sowjet-›Sozialismus‹ eine willkürliche und künstliche Konstruktion war und dass der Konflikt zwischen ihnen von begrenztem historischen Interesse sei – vergleicht man ihn aus längerfristiger Sicht mit den Religionskriegen oder den Kreuzzügen. Hobsbawm kehrt zu diesem Thema in seinen Schlussfolgerungen zurück und erklärt, »dass die Debatte, die den Kapitalismus und den Sozialismus als sich gegenseitig ausschließende, konträre Gegensätze darstellte«, »sich für das dritte Jahrtausend als ebenso irrelevant erweisen könnte, wie sich der Streit zwischen Katholiken und verschiedenen Reformern im 16. und 17. Jahrhundert um die Grundlagen des wahren Christentums als irrelevant für das 18. und 19. Jahrhundert erwiesen hatte«.

Diese Feststellung ist keine Formalie. In einem Kapitel ist sie sogar der tragende Pfeiler der Darstellung. »Gegen den gemeinsamen Feind«, erheblich länger als die Darstellung des Faschismus selbst, handelt von den antifaschistischen Bündnissen zwischen 1935 und 1945, den Volksfrontbündnissen vor dem Krieg, dem Widerstand nach 1941, vor allem aber vom Militärbündnis zwischen der UdSSR, Großbritannien und den USA, das schließlich die deutsche Wehrmacht besiegte. Hier verlief Hobsbawm zufolge die Grenze nicht zwischen Kapitalismus und Kommunismus, sondern zwischen den Nachkommen der Aufklärung und ihren Gegnern. Der gemeinsame Kampf gegen den Faschismus mobilisierte ein außergewöhnliches Kräftebündnis und »war positiv, nicht negativ und in gewisser Hinsicht auch von Dauer«; er basierte ideologisch auf den gemeinsamen Wertvorstellungen des Fortschritts, der Wissenschaft und Bildung, und de facto auf aktiver Einwirkung des Staats auf die Wirtschaft. In vielerlei Hinsicht bildete der Sieg dieser gemeinsamen Front »den Angelpunkt des 20. Jahrhunderts«.

Das Element des Wunschdenkens in diesem idealisierten Bild der Partner von Jalta und Potsdam, die in ihrem Innersten insgeheim einer Meinung seien, ist klar erkennbar. Die geschichtliche Wahrheit ist, dass die kapitalistischen und ›kommunistischen‹ Regime während der ganzen Zeit ihres Zweckbündnisses einander mit kühler Distanz begegneten. Stalin bedeutete das Bündnis mit den USA nicht mehr und nicht weniger als sein früherer Pakt mit Deutschland (er verrechnete sich in beiden Fällen). Truman hatte den Überfall der Nazis auf die Sowjetunion begrüßt, weil er beide Mächte schwächen würde. Die Pläne für den Eventualfall eines atomaren Blitzkriegs gegen die UdSSR begannen nur Wochen nach Kriegsende. Die »dauerhafte Einheit« des Antifaschismus dauerte nicht länger als der Faschismus selbst. Der Kapitalismus und der Kommunismus waren tödliche Feinde, wie beide Seiten wussten. Der Kalte Krieg war keine Verirrung. Die verworrenen Analogien in Hobsbawms Darstellung, in der er das 18. und 17. Jahrhundert auf den Kopf stellt – fünf Jahre Aufklärung gefolgt von 45 Jahren Religionskriegen – sagen genug. Die im Kalten Krieg gegeneinander antretenden Ideen waren irdischer, nicht theologischer Natur: Es ging um Organisationsformen der Gesellschaft, die sich in dieser Welt aneinander maßen, nicht um Glaubensfeinheiten eine übernatürliche Welt im Jenseits betreffend. Sie können nicht einfach nachträglich vom Tisch gewischt werden, als handle es sich um Irrelevantes.

Das Zeitalter der Extreme selbst beweist dies nur allzu deutlich. Der Kalte Krieg hinterließ nichts weniger als eine von überholten Parteiungen befreite, befriedete Welt, die in den ruhigen Gewässern eines neuen Utrechter Friedens kreuzte. Er stürzte uns vielmehr, wie auch Hobsbawms Bericht zeigt, in einen Katarakt unvorhersehbarer Gewalt und sozialen Elendes. Das ist, genau genommen, die schreckliche Botschaft des Werkes. Der Sieg des Westens über die Sowjetunion war geschichtlich kein Neutrum, keine einfache Beseitigung irreführender Etiketten der Differenz, noch war er ein Segen, der die Freiheit und das Wohlstandsversprechen in Länder trug, die unter der Diktatur zitterten. Die Auflösung der UdSSR war, im Gegenteil, »eine ungemilderte Katastrophe«, die Russland in einen Niedergang stürzte, von einer Größenordnung wie in der Zwischenkriegszeit. Sie schuf in Eurasien eine riesige Zone des Chaos, des Konflikts und der tödlichen Krise. Weltweit hatte die Oktoberrevolution den Kapitalismus zweimal vor sich selbst gerettet. Einmal, indem sie die Nazis auf dem Schlachtfeld schlug, und zum anderen, indem sie die westlichen Gesellschaften nach dem Krieg zu prophylaktischen Reformen zwang. Diese Sperre gegen seine wilden Instinkte ist jetzt, zum Schaden aller, aufgehoben.

Fünf Jahre nach Erscheinen des Zeitalters der Extreme, erschien ein bemerkenswertes Interview Hobsbawms mit Antonio Polito: Das Gesicht des 21. Jahrhunderts (1999, dt.: München/Wien 2000), das man als Anmerkung dazu lesen kann und das nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit erlangte. Hobsbawm erklärte, er habe das Ausmaß der Katastrophe unterschätzt, die der Zusammenbruch der Sowjetunion nach sich zog: »Das Ausmaß der menschlichen Katastrophe, von der Russland betroffen wurde, ist etwas, dass wir im Westen einfach nicht verstehen … Ich glaube nicht, dass es im 20.Jahrhundert etwas Vergleichbares gegeben hat.« Der historische Bruch von 1991 ist seiner Meinung nach von größerer langfristiger Bedeutung als 1918 oder 1945. Es wäre schwierig, Hobsbawms Überzeugung von dem schweren Rückschritt, den die Zerstörung des Sowjetsozialismus nach sich zog, zu überbieten.

Wie auch immer, hier liegt die innerste Widersprüchlichkeit des Zeitalters der Extreme. Es enthält zwei unvereinbare Visionen des kurzen 20. Jahrhunderts, die im Konflikt miteinander stehen. Die erste besagt, dass die von 1917 bis 1991 dauernde Konfrontation zwischen den beiden Gesellschaftssystemen sich letztlich als Schimäre erwiesen hätte: die positiven Übereinstimmungen seien immer prägender gewesen als die feindlichen Kontraste, welche weitgehend eine Erfindung der beiden gleichermaßen anachronistischen Lehrmeinungen gewesen seien. Die zweite Vision besagt, dass der Kampf zwischen dem revolutionären Sozialismus und dem Kapitalismus mit der Vernichtung des einen durch den anderen in einer Katastrophe geendet habe, deren Ausmaß zeige, was mit der Beseitigung der Systemunterschiede zwischen ihnen verloren ging. Welche der beiden Konstruktionen die plausiblere ist und für die Struktur des Werkes die größere Bedeutung hat, ist offenkundig. Unheil, nicht Versöhnung ist sein beherrschendes Thema. Die Aussichten, mit denen das Jahrhundert endete, beherrschen die dreiteilige Struktur des Buches. Wenn wir uns fragen, warum der Erdrutsch als Ganzes dem Goldenen Zeitalter entgegengestellt wird, ungeachtet der vielen Hinweise, die einer solchen Bewertung des Erst- wie des Letztgenannten entgegenstehen, so ist der Grund für das Gefälle in der Darstellung eindeutig im zunächst sehr langsamen, dann aber rasantem Niedergang des sowjetischen Experiments zu sehen.

Hobsbawm enthüllt mit charakteristischer Offenheit die Veränderungen im Aufbau des Zeitalters der Extreme, die er im Verlauf der Arbeit vornahm. Ursprünglich, erläuterte er in einer Vorlesung, die er ein Jahr vor Erscheinen des Buches hielt, hatte er es als ein zweiteiliges Werk konzipiert. Zuerst sollte das Zeitalter der Katastrophe vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges bis zu den Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges behandelt werden und dann vom Ende der 40er Jahre bis in die Gegenwart »das genaue Gegenteil«, die Reform des Kapitalismus und das Fortbestehen des Sozialismus unter den Bedingungen eines noch nie da gewesenen »Großen Sprungs« der Weltwirtschaft, unter dem selbst die Russen unter Breschnew besser lebten als irgendeine vorangegangene Generation. Wie er sagte, veränderten zwei Entwicklungen seine Perspektive: Der Zusammenbruch des Ostblocks um die Wende der 90er Jahre und die gleichzeitig einsetzenden schweren wirtschaftlichen Probleme des Westens. Es lässt sich denken, welches dieser Probleme das Entscheidende war. Der lang währende Abschwung der kapitalistischen Weltwirtschaft hatte sich mindestens seit Mitte der 70er Jahre deutlich bemerkbar gemacht, wie Hobsbawm selbst feststellt: Das Ende der finanziellen Seifenblase in Japan und die amerikanische Rezession von 1991/92 waren nur dessen letzte Auswirkungen. Er habe bereits in der zweiteiligen Konzeption den Kondratjewschen Aufschwung als einen eigenen Teil vorgesehen. Der Untergang der UdSSR hat alles geändert.

Am endgültigen Aufbau des Werkes lässt sich das nachweisen. Die Verortung des Kapitels »Gegen den gemeinsamen Feind« und dessen Voraussetzungen machen nur Sinn unter der Konzeption des ursprünglich geplanten Zweiteilers. Als die historische Entwicklung nach den Schlachten von Kursk und Bastogne aus einem Extrem in das andere fiel – aus bisher unvorstellbarem gemeinsamen Fortschritt in die unvorhersehbare kollektive Katastrophe – hätte das oben genannte Kapitel dann als Bindeglied für die Darstellung des 20. Jahrhunderts dienen können. Nachdem der Autor sich zu einem Dreiteiler entschlossen hatte, überdauerte diese frühere Konzeption als Teil einer ganz anderen Darstellung. An anderer Stelle wurden Themenfelder zusammengefasst, die das Gleiche aussagen. So beschränken sich die langen Kapitel über die soziale und kulturelle Revolution der Nachkriegszeit im Goldenen Zeitalter überhaupt nicht auf die Zeit von 1950 bis 1973, sondern gehen bis ans Ende des ursprünglichen Zweiteilers. Das erste führt bis ins Jahr 2000, somit über den zeitlichen Rahmen des Buches hinaus. Die für den Dreiteiler vorgesehene Periodisierung wurde somit über die darunter liegenden Ablagerungen gestülpt.

Die Niederlage ernstnehmen

Wenn in der endgültigen Fassung des Zeitalters der Extreme die beiden Sichten des Jahrhunderts koexistieren und die zweite die erste nicht völlig überdeckt, so liegt das an den beiden sichtbar gewordenen politischen Seelen des Autors. Die erste ist voll nostalgischer Gefühle zur Volksfront und deren Hoffnung, dass Lamm und Löwe friedlich beisammen liegen können. Die zweite Seele ist der Oktoberrevolution in Treue verbunden, deren Schwert die Welt entzweite. Die Art und Weise, in der beide das Buch prägen, haben etwas gemein. In seinem Vortrag erklärte Hobsbawm seinen Zuhörern: »Ein großer Teil meines Lebens, wahrscheinlich der größte Teil meines bewussten Lebens, war einer Hoffnung gewidmet, die schlicht enttäuscht worden ist, und einer Sache, die schlicht gescheitert ist: der von der Oktoberrevolution eingeleiteten Sache des Kommunismus. Aber nichts kann den Verstand eines Historikers so sehr schärfen wie eine Niederlage.«

Er unterstreicht dies mit einem Zitat aus einer bemerkenswerten Aussage eines Historikerkollegen, Reinhart Koselleck, eines Veterans der Armee General Paulus', eines Zeitzeugen der Niederlage von Stalingrad: »Der Historiker der siegreichen Seite neigt leicht dazu, kurzfristige Erfolge in Begriffen einer nachträglichen langfristigen Teleologie zu interpretieren. Nicht so der Historiker der unterlegenen Seite. Seine primäre Erfahrung besteht darin, dass alles anders geschah, als er gehofft oder geplant hatte. Er hat ein größeres Bedürfnis zu erklären, warum es anders gekommen ist … Oberflächlich betrachtet mag Geschichte von den Siegern gemacht werden, auf lange Sicht sind die Fortschritte im Verständnis der Geschichte den Niederlagen geschuldet.«

Hobsbawm verweist darauf, dass die Niederlage keineswegs immer Einsichten gewährleistet, diese jedoch seit Thukydides erheblich befördert. Das Zeitalter der Extreme hat er zu Recht in diesen Kontext gestellt. Es ist gewiss die beachtlichste zeitgenössische Illustration dafür. Bei aller Stimmigkeit von Kosellecks Argumentation ist sie einseitig. Die Betonung des Erkenntnisbonus der Geschlagenen übersieht die Versuchungen, vor allem die Verlockungen des Trostes. An dieser Stelle treffen sich die beiden unterschiedlichen Betrachtungsweisen des ›kurzen 20. Jahrhunderts‹.

Die beiden zugrunde liegende Botschaft handelt von der Überwindung der Niederlage. Im Rückblick auf den Traum von der Volksfront gab es keinen Sieg der einen über die andere Partei; schließlich waren wir doch alle auf derselben Seite. Während des Erdrutsches kann es keinen Sieg gegeben haben, da in Wahrheit auch die andere Seite verlor. Die beiden Strategien des Trostes, eine euphorisch, die andere bedrohlich, unterscheiden sich durchaus. Für jede von ihnen gibt es ein Eponym: Pollyanna oder Kassandra. Obwohl die Feststellungen »Es gab keine Verlierer« und »Die anderen haben auch verloren« psychologisch sehr ähnlich sind, sind sie historisch gesehen sehr unterschiedlich. Der ersten fehlt das Standbein, denn nur die zweite Feststellung gibt dem Zeitalter der Extreme Konturen und Richtung. Wiewohl man deren Überstrapazierung kritisieren mag, die Vorstellung eines Erdrutsches trifft zumindest auf den lang andauernden wirtschaftlichen Niedergang der OECD und auf die tiefe gesellschaftliche Krise der GUS zu. Weder dem fortgeschrittenen Kapitalismus noch dem Postkommunismus geht es derzeit besonders gut.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Herrschaftsordnung, die in Malta und Paris hergestellt wurde, schwach oder instabil wäre. Vorläufig sind die Alternativen dazu kaum mehr als phosphoreszierende Spuren in einer stockdunklen Umgebung. Alles andere wäre politischer Selbstbetrug. Für diesen ist die dauernde Unterschätzung des Neoliberalismus als dem beherrschenden Idiom der Periode symptomatisch. Im Zeitalter der Extreme tröstet sich der Autor damit, dass keine Regierung jemals konsequent Doktrinen des reinen Laissez-faire praktizierte, denn diese würden sich als kurzlebige Fantastereien erweisen. Tatsächlich habe der »neoliberale Triumphalismus die weltökonomischen Rückschläge der frühen 90er nicht überlebt«. Vier Jahre später, nach der Finanzkrise in Asien, verkündete Hobsbawm erneut den Tod des Neoliberalismus (dt.: »Der Tod des Neoliberalismus«, Supplement der Zeitschrift Sozialismus, Nr.1, 1999, S.7-21). Gefährliche Zeiten enthält dieselbe Botschaft, wenngleich sich der Autor nicht mehr so sicher ist. Jetzt heißt es: »vielleicht« würde das Platzen der jüngsten Seifenblasen der Spekulation das Ende des Marktfundamentalismus nach sich ziehen. Dem fügt Hobsbawm bedauernd hinzu: »Das Ende der Hegemonie des weltweiten Neoliberalismus ist oft genug ausgerufen worden – mehr als einmal auch von mir.«

Diese scheinbare Schwierigkeit, den Gegner ernst zu nehmen, entspricht der allgemeinen Tendenz der Unterschätzung des Geistigen, auf die bereits hingewiesen wurde. In Marxism Today gab es in den 80er Jahren zwischen den beiden leitenden Kommentatoren stets einen Unterschied. Beide waren der Kritik der traditionellen Linken verpflichtet, aber für Stuart Hall bestand »der Weg zur Erneuerung« in der Anerkennung der ideologischen Stärke des Thatcherismus, dessen Konstruktion eines neuen britischen Alltagsverstandes er große Aufmerksamkeit schenkte. Nur durch ein volles Verständnis für diese Hegemonie konnte es seiner Meinung nach zu einer Reform kommen. Für Hobsbawm andererseits war Thatchers kulturell-politischer Vormarsch nicht entscheidend; er bestand darauf, dass sie nur schwach in der Wählergunst stand, dafür aber ihre Gegner sehr gut spalten konnte. Zurück an die Macht könne man seiner Meinung nur kommen, wenn man die Mittelschichten zurück gewinne, die im »Winter der Unzufriedenheit« und durch Tony Benns Politik entfremdet worden waren. Der Schlüssel dazu wäre eine pragmatische Politik, ein förmlicher oder informaler Pakt zwischen den Liberalen und der Labour Party.

Erst die Folgezeit gestattet es, die beiden Sichtweisen zu beurteilen. Blair gewann die Mittelschichten und gelangte durch stillschweigende Übereinkunft zwischen Liberalen und Labour an die Macht. Weit entfernt davon, den Thatcherismus zu bekämpfen, übernahm er ihn als ideologische Voraussetzung des Comebacks der Labour Party. Jene pragmatische, die Rolle der Ideologie bagatellisierende Politik, führte lediglich zu einer Mutation dessen, was ihr Vertreter am stärksten abgelehnt hatte. Im Zeitalter der Extreme geht der Autor noch weiter in seiner Abwertung ökonomischer Theorien und behauptet, dass der Unterschied zwischen dem Keynesianismus und dem Neoliberalismus nicht mehr sei, als »ein Kampf zwischen unvereinbaren Ideologien«; jede von ihnen gehe von einer vorgefassten Meinung über die Gesellschaft, also von Positionen aus, die »vernünftigen Argumenten kaum zugänglich« seien – eine Auffassung seiner Wissenschaftsdisziplin, die in den Zeiten, als Hobsbawm am Kings College lehrte, erhebliches Erstaunen ausgelöst hätte.

Die Unterschätzung der Kraft neoliberaler Theorien – man denke nur an Umfang und Kohärenz des Werks von Friedrich von Hayek – bedient auch eine weit verbreitete politische Sehnsucht: Das Bedürfnis nach guten Nachrichten in schlechten Zeiten. Es wäre möglich, dass das auf dem Höhepunkt der Regierungen von Reagan und Thatcher installierte System unter dem Druck eines globalen Abschwungs endgültig zusammenbricht. Wenn das allerdings das Ergebnis der gegenwärtigen Schrumpfung wäre, wäre es mit einer Kondratjewschen Bewegung nicht zu erklären, denn der Abschwung begann 1973 und geht inzwischen in seine dritte Dekade über das Vierteljahrhundert, die er dauern dürfte, hinaus. Ohne die Entwicklung einer konzeptionellen philosophischen, technischen und auch politischen Alternative zum Neoliberalismus für dieses Gebiet werden sich die Verbesserungen, die Hobsbawm wünscht, nicht einstellen. Gefährliche Zeiten beschränkt sich darauf, die Strohhalme von Josef Stiglitz und Amartya Sen zu ergreifen, als wären Nobelpreisträger intellektuelle Hoffnungsträger.

Ganz ähnlich behandelt der Autor im Zeitalter der Extreme das internationale Staatensystem. Wenn der Neoliberalismus weiterhin die hegemoniale Ideologie unserer Zeit ist, dann müssen die USA auf ganz neue Weise Hegemonialmacht sein. Da die UdSSR aus dem Rennen ist und der IWF und die UNO den Amerikanern unterstehen, hat in der bisherigen Geschichte kein Staat eine derart globale Vorherrschaft inne gehabt. Diese noch nie da gewesene Stellung hatte sich bereits herauskristallisiert, als Hobsbawm die Tetralogie beendete, wird aber darin nicht reflektiert. Alles, was Das Zeitalter der Extreme dazu zu sagen hat, ist, dass »der einzige Staat, der noch als Großmacht im 1914er Sinne des Wortes gelten konnte, die USA waren. Doch was das in der Praxis bedeutete, war alles andere als klar.« Die in den abschließenden Seiten des Werks dargestellte Welt ist ein System ohne Herrscher – und weniger denn je irgendeiner Kontrolle unterworfen. Gefährliche Zeiten erkennt die Realität »einer einzigen globalen Supermacht« an, besteht aber immer noch, und gegen alle Plausibilität darauf, dass »das US-Empire nicht weiß, was es mit seiner Macht anfangen will«. Die Vorstellung, dass die Pläne der USA undurchschaubar sind, läuft darauf hinaus, dass es in der internationalen Staatengemeinschaft keine wirkliche Führung gibt.

Das tägliche Geschehen zeigt, dass das nicht der Fall ist. Alle Hegemonien haben ihre Grenzen und keine politischen Absichten werden jemals buchstabengetreu implementiert. Der entscheidende Aspekt gegenwärtiger Politik ist jedoch nicht, dass die Welt außer Kontrolle geraten ist, sondern dass sie noch nie zuvor in einem solchen Ausmaße von einer einzigen Macht gelenkt und, wie wir heute sehen, verteidigt und gestärkt wurde. Die US-amerikanischen Ziele, durch die Staatsstrategen überall popularisiert, könnten nicht transparenter sein: Es geht wo immer möglich darum, die allgemeine weltweite Expansion des neoliberalen Kapitalismus und seiner Organisation in Übereinstimmung mit den nationalen Normen und Interessen der USA durchzusetzen. Diese Ziele sind nichts Irrationales, sie gehen auf die Zeit von Cordell Hull und Acheson zurück und schließen natürlich gelegentliche Fehlkalkulationen nicht aus. Der Unterschied zwischen damals und heute besteht darin, dass Amerika seine Ziele heute weit unangefochtener verfolgen kann. Daraus resultiert die derzeitige Serie müheloser Militärexpeditionen am Golf, im Balkan, am Hindukusch und zweifellos jetzt auch in Mesopotamien.

Über diese Fragen hat sich Hobsbawms Meinung nicht geändert. Bezüglich der westlichen Innenpolitik neigte er dagegen oft zu ganz und gar nicht radikalen Ansichten: So konnte er von Clinton enttäuscht werden, beurteilte Lafontaine als viel zu weit links und staunte darüber, dass die Finanzmärkte New Labour für keine große Gefahr hielten. Wie er selbst sagt, werden seine politischen Instinkte von der Volksfront gespeist. Aber in der internationalen Arena ist es der andere Teil seiner Denkstruktur, der gewöhnlich zum Tragen kommt. Im letzten Jahrzehnt zeigten sich bei ihm auf diesem Feld nur wenig reformistische Neigungen. Die klassischen Leninschen Reflexe blieben unverändert. Er lehnte den Golfkrieg ab, erklärte seinem italienischen Interviewer, dass der Balkankrieg keine humanitäre Intervention sei, verglich den Afghanistanfeldzug mit früheren Luftangriffen auf die Region durch den britischen Imperialismus und kritisierte den Krieg gegen den Terrorismus und den bevorstehenden Angriff auf den Irak vernichtend. Es gibt wenige britische Intellektuelle von vergleichbarem Status, die sich als so standhaft erwiesen.

Bedenkt man die weitaus größere Bedeutung des eindeutigen Wiederauflebens imperialistischer Ansprüche im Vergleich mit den innenpolitischen Verlogenheiten, so ist die Bedeutung der Hobsbawmschen Linie völlig klar. Aber Das Zeitalter der Extreme enthält noch eine allgemeinere Lehre. Vergangene politische Niederlagen führen fast unweigerlich dazu, dass man positive Perspektiven sucht. Weltweit hat ein großer Teil der Linken fast ein Jahrzehnt wenig anderes getan. Die beiden Standardwege, die dabei beschritten wurden, hat Hobsbawm ausgezeichnet verdeutlicht. Er hat das siegreiche System umbenannt, um es erträglicher erscheinen zu lassen, und er hat die Brüchigkeit seines Sieges übertrieben, damit es verletzlicher erscheine. Das Motiv war in beiden Fällen das gleiche: Das Bewusstsein, dass jede wirksame Opposition gegen die bestehende Ordnung die Erwartung von deren baldiger Überwindung braucht; wenn man diese Ordnung hingegen für etwas Perfektes und Starkes hält, wird man sie schließlich auch akzeptieren. Das ist jedoch ein Fehler. Genaue Kenntnis des Feindes ist mehr wert als Verlautbarungen zur Stärkung einer zweifelhaften Kampfmoral. Ein Widerstand, der auf Tröstungen verzichtet, ist allemal stärker als einer, der sich darauf verlässt.

Solche Überlegungen tun der Größe des Zeitalters der Extreme keinen Abbruch. Das Buch ist wie ein Palast, dessen Architekt seine Baupläne veränderte; daraus ergaben sich strukturelle Inkonsequenzen, die das Werk seltsam, aber nicht weniger großartig erscheinen lassen, als zunächst erkennbar. Es enthält Räume voll von Gemälden in verschiedenen Genres; jedes hat seinen eigenen Zauber, viele sind Meisterwerke. Wie in jeder ›Eremitage‹ kann man nicht alles gleichzeitig genießen; man muss sich mehrmals daran machen. Auch sind die Räume keineswegs harmonisch gestaltet. Die Kunst lebt davon, dass sie provokativ ist. Die enorme Erbschaft, die Hobsbawm uns gegeben hat, sollten wir in seinem Geiste entgegen nehmen, mit Warmherzigkeit, Leidenschaft und Kritik.

Das Original dieses Beitrages erschien in zwei Teilen im Oktober 2002 in der London Review of Books. Die deutsche Fassung (Übersetzung: Hanna Behrend) entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung den Sozialistischen Heften für Theorie und Praxis, Köln, Heft 5, Dezember 2003). Die Zitate wurden fast vollständig nach den deutschen Veröffentlichungen Hobsbawms zitiert.

 

Anderson Perry

Anderson ist Professor für Geschichte und Soziologie an der University of California in Los Angeles. Als politischer Essayist veröffentlicht er regelmäßig in der London Review of Books und in der New Left Review, die er von 1962 bis 1982 und 2000 bis 2003 herausgab.

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