Ulrich Siebgeber - ©LG
Ulrich Siebgeber
Vergessen hilft. Aber nicht wirklich.
 

 

Siebgebers Kolumne entstand in den späten Jahren der Merkel-Herrschaft, die geprägt wurden durch ein Klima des politischen Konformismus und der Zuspitzung gesellschaftlicher Differenzen nach dem Motto Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich und muss aus der öffentlichen Debatte entfernt, zumindest unsanft an den Rand gedrängt werden. Gleichzeitig wurden politische Entscheidungen getroffen, deren Brisanz für jeden Einsichtigen offenlag und deren verheerende Auswirkungen das Land gegenwärtig nach und nach zu spüren beginnt.
Siebgebers Aufzeichnungen enden am 8. Mai 2020. Zusammengefasst und nach Themen geordnet lassen sie sich nachlesen in dem Buch Macht ohne Souverän. Die Demontage des Bürgers im Gesinnungsstaat, das 2019 erschien und nebenher das Pseudonym, besser, die literarische Maske des Autors aufdeckte. Im Land der Masken wirkt dergleichen Mummenschanz ohnehin wie aus der Zeit gefallen. Was nicht gegen ihn sprechen sollte.
Ulrich Schödlbauer

von Ulrich Siebgeber

André Glucksmann: Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt, München/Wien (Nagel & Kimche - Lizenzausgabe für die WBG Darmstadt) 2005, 286 S. - Titel des französischen Originals: Le discours de la haine (2004).

Hasstiraden, Hassprediger, Hassorgien, Hassdelirien: Sollte das Verdienst dieses Buches darin bestehen, den primären, elementaren, originären Hass als Treibsatz öffentlicher Angelegenheiten wieder entdeckt zu haben - wie der Verfasser andeutet -, dann war der Zeitpunkt seines Erscheinens optimal gewählt. Die Zustimmungsformel Da ist was dran ist ihm sicher: Wer sich erst zögernd in die Regionen des kundigen Hassens hineinbegibt, dürfte für die Handreichung dankbar sein. Und es ist was dran, keine Frage. Was dran ist, erfährt man hier allerdings ebenso wenig wie aus den allfälligen journalistischen Versuchen, das Phänomen vor Ort, also in den Regionen und an den Orten zu erkunden, an denen rituell gehasst wird.

Das wiederum liegt daran, dass die Rede über den Hass - nach eher banalen Erläuterungen zu seiner Verlaufsform und ganz interessanten Bemerkungen über Senecas Medea - abgleitet in eine Rede über anderes, das wahrhaft Abscheuerregende: über den Feind. Der Feind ist wirklich, der Krieg, in den er uns nötigt, ist wirklich, seine Propagandisten sind unter uns, wir selbst sind seine Propagandisten, solange... nun, solange wir unsinnigerweise verstehen wollen, was in seinem Wesen nur Hass, abgrundtiefer, grundloser Hass und ebenso grundlose Bosheit ist. Feind ist, wer mich hasst. Die etwas einfältige Formel steht nicht für 'das Politische' eines Carl Schmitt, sondern für den finalen Einsatz - wer sich nicht entschließen kann, den Feind, diesen Feind an der Wurzel zu bekämpfen, was immer das heißen mag, der steht in Gefahr, sein eigener Feind zu werden, fünfte Kolonne - spucken wir's aus: Hegelianer. Das kurzfristige selige Schweben der Paris-Berliner 'Achse des Friedens' in der Posthistoire ist der eigentliche Stein des Anstoßes, den dieses Buch nimmt. Insofern ist es ein politisches Buch.

Der entgrenzte, der voll entfaltete und universell gewordene Hass richtet sich, so Glucksmann, auf drei Objekte: die Juden, die Amerikaner und die Frauen. "Um göttlich arabisch, französisch, kroatisch, griechisch, brasilianisch, italienisch, russisch, sudanesisch oder auch syrisch arbeiten, vögeln und denken zu können, muss man - es lebe der Hass - das schwache Geschlecht kontrollieren, das jüdische Element eliminieren und den Amerikaner hinauswerfen." (274) Das Emblem dieses Hasses bietet Genets Vision des palästinensischen Kämpfers: überlebensgroß mit Mutter - eine Version der christlichen Pietà, die den Europäern, weniger standhaft gegenüber dem Bösen als die Amerikaner, Tränen in die Augen treibt und ihr Urteilsvermögen dauerhaft trübt. Dass kein Argument seines Buches in den öffentlichen Debatten fehlt, die er der Blindheit - und Bosheit - bezichtigt, ficht den Autor nicht an: versehen mit einem etwas anderen Kanon, nicht ganz so schrill wie seine Kollegin Fallaci, dafür in der Pose des Theoretikers, dem die Theorie auf jeder Seite neu abhanden kommt, bläst er dieselbe Posaune: Aux armes citoyens! Die Geschichte ist nicht zu Ende, irgendwo auf dem Planeten wiederholt sich gerade das uramerikanische Epos, die Landung in der Normandie, wo bleiben die europäischen Allierten? Sie sind saumselig, sie sind boshaft, sie operieren auf eigene Rechnung. Antiamerikaner auf den Schultern der Amerikaner, glauben sie weiter zu sehen als diese. Weit gefehlt! Schon ihr Verstehen ist Verrat. Kein verantwortliches Handeln ohne die Gewissheit: das absolut Böse existiert, es sind die anderen. Insofern ist es ein ideologisches Buch.

Es mangelt ihm nicht an sympathischen Einlassungen und pathetischen Gesten. Wenn es die Verwüstung Tschetscheniens beklagt, wenn es die Seltsamkeiten des "Weltgewissens" ausbreitet, wenn es die zivilen Geister einer blutbefleckten Vergangenheit zitiert, die Sokrates, Montaigne, Pascal, Clausewitz, Unamuno und immer wieder Montaigne, wer wollte ihm widersprechen? Wer wäre dieser Niemand? Woran es ihm mangelt, ist Konsistenz: kaum erwehrt sich der Leser der Flut des gut Gemeinten. Es ist Prahlerei, die den Selbstmordattentäter zum Schrecken jenseits der Wasserstoffbombe, zum globalen Schrecken aller Schrecken stilisiert, es ist Prahlerei, die mit der in die rhetorische Frage gekleideten Behauptung hausieren geht, ob "der terroristische Krieg" uns "zwingt, den Rahmen des Kriegsdiskurses zu verlassen und uns... direkt mit dem Diskurs des Hasses auseinander zu setzen?" (248) Der Krieg der Diskurse findet statt, sofern man ihn führt. Auch ein aufgenötigter Krieg bleibt ein Krieg, die 'Allianz gegen den Terror' wurde von Staaten geschlossen. Es ist schon eine Weile her, dass die Nachfolger der 'großen Mächte' ihr Interesse an Friedensverträgen mit einem 'souveränen' Feind zurückgefahren haben, es ist keine ganz neue Erfahrung, dass aufgepfropfte Regime unter Legitimationsproblemen zu leiden haben (insofern lohnte auch Schillers Tell eine erneute Lektüre), es ist nicht notwendig das Kennzeichen eines 'radikal' neuen Weltzustandes, dass Gewalt Gewalt zeugt, es ist eine Binsenweisheit, dass, wer sich des Hasses bedient, vielleicht ein Fanatiker ist, selbst jedoch nicht zwangsläufig nach den simplen Maßgaben des Hasses funktioniert, es ist ein historisches Märchen, dass in den Jahrhunderten nach dem Westfälischen Frieden in Europa und der von den 'Mächten' beherrschten Welt die staatliche Hegung des Krieges so glanzvoll gelungen sei, dass der heutige Terror als präzedenzlos betrachtet werden müsse. Der Not gehorchen – das ist eine vertraute Maxime in einer nicht ganz gewendeten Welt.

Insofern stellt sich mit jedem Zuwachs an Wissen die Frage erneut - und ein bisschen anders -, ob die US-Regierung nach dem elften September 2001 genötigt war, den einseitig erklärten Krieg einer islamistischen Guerilla als Krieg zu interpretieren und ihrerseits zu führen, ob sie in der Folge genötigt war, die Taliban-Regierung als Kriegspartei anzusehen, ob sie in der Folge genötigt war, das Saddam-Regime als Kriegspartei anzusehen usw. Und der Katalog an Fragen reicht weiter: Von welcher Art Nötigung ist hier die Rede? Welches Geflecht von Fakten, Interessen, Machtfaktoren, polizeilichen, geheimdienstlichen und militärischen Erwägungen, von öffentlichen Emotionen, nationalen und religiösen Erregungszuständen muss bedacht werden? Ist dieser Krieg als 'begrenzter' oder als 'umfassender' Krieg zu führen und welche Begrenzungen und Totalitäten sind dabei im Spiel? Welche Kombattanten stehen 'im Feld' und auf welchen Feldern? Gibt es einen 'Diskurs des Islam', der nicht betroffen, und einen 'westlichen Diskurs', der nicht involviert ist? Was heißt 'Unterdrückung' im interkulturellen Feld, wie lässt sie sich feststellen, ohne in die Stolperfallen der Deutungskonkurrenz zu geraten? Wo verlaufen die Trennlinien zwischen Fakten und Propaganda? Gibt es eine Befreiung ohne das Bewusstsein der Befreiung? Ist es zweckmäßig, jedes grausame Regime als 'faschistisch' zu bezeichnen, um an ihm nach Bedarf den antifaschistischen Kreuzzug zu wiederholen, in der Hoffnung auf neue Wirtschaftswunder und Volkswagen? Was bedeutet es, wenn freie Wahlen zur Wahl zwischen Pest und Cholera, zwischen Gewalt und Gewalt mutieren? Bedeutet es überhaupt etwas? Welchen Stellenwert hat, neben der inneren, die äußere Integrität eines Staates und seiner Organe für das Selbstwertgefühl seiner Bewohner? Gibt es ein unbegrenztes Interventionsrecht der Guten? Wer stellt es fest? Wer stellt die Guten fest und wer lässt sie auf die anderen los? Und, furchtbarste aller Fragen: welche Opfer, welche Grausamkeiten darf ich begehen oder durch meine Handlungen auslösen, um meine Vision einer friedlichen, befreiten und prosperierenden Welt bei anderen durchzusetzen? Die Pulverisierung wie vieler Menschen darf ich billigend in Kauf nehmen, ohne mich in meiner Schlafruhe gestört zu fühlen? All diese Fragen werden seit Jahren unaufhörlich gestellt und werden weiter gestellt werden. Keine von ihnen findet Glucksmann, dessen Polemik schon bessere Tage gesehen hat, einer Erwähnung wert. Sein Thema ist der - gesäte und geerntete - Hass, dessen erste und gefährlichste Eigenschaft - die Reziprozität - er nicht sehen will, dessen erste und primitivste Keule er unentwegt selbst schwingt: die unbegrenzt verallgemeinernde Aussage. Hier gilt, hübsch hegelisch, eine Versicherung wie die andere - wer vorgibt, den Hass zu verlachen, sollte die Rauheit seiner Stimmbänder prüfen, bevor er als Friedensfürst zwischen die Parteien tritt. Insofern ist es kein politisches Buch.