von Ralf Willms

Von E. H. Bottenberg erschienen in den letzten drei Jahren drei Gedichtbände: Tau-Verlust – Versuchsanordnungen: Naturlyrik (2004), Atem-Schaltungen – Naturlyrik: In-Zwischen (2005) und Tal: Unschärferelationen – Naturlyrik (2006). Alle drei Bände haben das gleiche Format, auf Hochglanz dominieren zwei Grautöne, die Seitenzahl variiert zwischen 57 und 69. Besondere Aufmerksamkeit schenkt der Autor dem ›Tal‹. In ihm sammeln sich die Motive und Themen, Bilder und Figuren, das, was der Lyriker E. H. Bottenberg zu sagen hat. Das erste Gedicht von Tal: Unschärferelationen beginnt: »die Saite den Morgen stimmend«.

Die innere Saite, die den Gedichtband stimmt, »getrennt vom Steg des / beginnenden Laubes / entkehlt«. Ohne Nennung des Subjekts, wie zumeist in den drei Bänden, nähert sich die Stimme, »getrennt«, »entkehlt«, ob es dem »beginnenden Laub« gilt oder dem verborgenen Subjekt (oder beidem), gehört zur Mehrdeutigkeit.

»das Tal geklärt ausgefräst / in die Lichtordnung« – fast in jedem Gedicht erscheinen diese brutalen Bilder, in denen sich die Technik geradezu restlos der Natur bemächtigt hat: »zum Sendetermin / an dem Rande / da sie entschattet«. »Lichtordnung« und »entschattet« gehören zusammen, die Lichtmetaphorik bei Bottenberg verweist sicher auf eine ›leergeräumte, entseelte‹ Welt, leergeräumt und entseelt wurde das Tal: der Kindheitsort, das Leben. Das Tal als Großmetapher. Ein 1994 von Bottenberg erschienener Band trägt den Titel Seele im Lichtzwang, den Neologismus »Lichtzwang« übernimmt er von Paul Celan. Auch andere Wortschöpfungen und Stilzüge erinnern an Celan, z. B. Bottenbergs Umgang mit dem Präfix »ent-«, Adjektiv-Neologismen wie »entkehlt« oder »entworden«. ›Leergeräumt‹ und geprägt wurde die Welt Celans durch die Shoah; blickt man bei Bottenberg nun auf die hoch verdichtete Brutalität vieler Bilder, Technik und Planung betreffend, kann man nach dem Unterschied fragen. »die tastende Hand den Spiegel störend«, Inversionen: hier stört eindeutig der Mensch. Bereits der Band Tau-Verlust schließt mit dem ›Tal‹: Das letzte Gedicht trägt den Titel »tal-los Kein.Wortsteg«. Der Band Atem-Schaltungen beginnt und endet ebenfalls mit ihm: »der Kindheitslaut / in dem sich öffnet / das verendete Tal«.

Man hätte denken können, dass es sich mit Atem-Schaltungen um den lyrischen Abschied des emeritierten Sozialpsychologen und Dichters handelt. Doch der Abschied hält an. Tal: Unschärferelationen trägt das ›Tal‹ jetzt im Titel und fast jedes Gedicht handelt davon, enthält dieses Wort. Das Sprechen wird zum Thema: »aufsteigend vom Grunde der Brust / über die Lippen gesprochen«, Sprachskepsis und das Versagen der Sprache gekennzeichnet: »Worte dicht [...] / versagt im Sediment des Vergangenen«, verknüpft mit Rationalitätskritik: »eingefordert die Daten / in die Analysekammern«. Die Rede ist, über drei kurze Zeilen, vom »meteorologischen Sein«, offen für ironische Anspielung auf die Rede vom Wetter, das sich tatsächlich verschiebt und zuspitzt, »Gaskörper Termine«, wieder in Erinnerung gerufen: der Planet Erde, der Gaskörper, »Verfrachtungen«, sicher auch: Verschleppungen. Die ganze Erd-Geschichte. »DAS HANGENDE-DES-SATZES«, neben dem Terminus aus der Bergmannssprache sicher auch lesbar als Hang-Ende, sich ganz hinab begeben zu haben, zuende gesprochen haben. »das Tal / [...] ausgestreckt / in die Fahrten und Ziele«, benutzt, für Erholung, für Erkundungen, von Schulklassen etc., »DIE SCHRITTE IN DEN ZUGANGS-KODE«. »WAHRLOS DAS HANGENDE-DES-SATZES«, ebenso wahrheitslos, nicht nur die Sprache, »Wort / [...] verbraucht im Begriff«, auch die Kreatur, das Tier: »WAHR-LOS DIE ALGENSCHLANGE«. »Bergend«, ein Schlüsselbegriff: »bergend-sagend«, »stumpf abgestorben«, »Welteinschlüsse der Bilder«. »Rohnester«, »abgebraucht die Gunst«, »sanfte Reaktoren«.

Egal welche Seite man in den drei Gedichtbänden aufschlägt: dies ist der Ton, die verbliebene Stimme. Zersetzt durch den Nominalstil und voll Wärme, registrierend, »ERSPÜREND DIE SCHWERE«, »GEHÜLLT IN DAS LAUB-JETZT / DER EIGENEN FÜHLE / [...] pulsend nach innen / empfindend den stern / in der unteren höhe / DIE FERNEN NAMEN«, »Spuren.auch der / Wärme-der-Haut«. Hier findet sich die Stimme: »im Fühlen der Erde«. Von daher: Naturlyrik. Natur-Verletzungen. Personverletzungen: »da sich öffnet die blinde Wunde«, »GEWÄHRT.MIR / dunkel-verwundet unter der Lichtnarbe«, »an den rändern-taub der abgrund / der verletzungen der zerbrüche / nicht-zu-eratmen«.

Es fällt auf, dass die Lyrik Bottenbergs nicht von Menschen bevölkert ist, sondern von der Wirkung von Handlungen, außer dem transzendierfähigen Textsubjekt, das, wie erwähnt, weitestgehend nicht genannt wird, gibt es keine Person-Ansätze: es gibt kein Du.

Wortkaskadenhaft, überfallartig, endlos, analog dem Alltag, geht es weiter: »Warenmusik«, »Ernte-Logo«, »ohne Gesicht« und: »gen-horizonte«, »erkenntnis-quadrate«, »gerinsel der lippen«, »im dröhnen«, »NAMEN ERSTICKT« oder: »schwachdaten«, »unverfolgt / GETILGT«, »entschimmernde ufer«, »in die eigene nacht«.

So bringt Bottenberg auch diesen Band zu Ende, eine präzise Stimme, die – wie keine bzw. wie niemand – abzusehen vermag, welche Wege die Erde / die Natur nehmen wird: »gerüstete-Städte«, »Befund-in-dem-Blau«, »unter den steten Augen / zehrend«, »ausgehöhlt die Schritte«.

Und zuletzt: »entbehrt / das Tal«.


Tau-Verlust: Versuchsanordnungen: Naturlyrik, Regensburg (S. Roderer Verlag), 2004, 57 S.
Atem-Schaltungen - Naturlyrik: In-Zwischen, Regensburg (S. Roderer Verlag), 2005, 69 S.
Tal: Unschärferelationen - Naturlyrik, Regensburg (S. Roderer Verlag), 2006, 67 S.

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