von Anne Corvey

Impressionen von der Frankfurter Buchmesse und Marion Poschmanns SchwarzWeissRoman

Das Schlendern über die Frankfurter Buchmesse zum Zwecke der Entdeckung neuer lohnender Bücher, interessanter Verlage und Autoren, das früher zum wesentlichen Bestand meines "literarischen Lebens" gehörte, erwies sich in diesem Jahr einmal mehr als Bad in der Menge, das klebrige und unangenehme Spuren hinterließ, die sich nicht durch einen Gang auf die Toilette - auch hier ist inzwischen Schlangestehen angesagt - mit anschließendem Händewaschen beseitigen ließen.

 

Nicht nur die mit Kamera und Mikrofon bewaffneten (dieser Ausdruck drängt sich mir nicht zufällig auf, angesichts des Medienspektakels, in das sich heutzutage jede vom Betrieb getragene Veranstaltung verwandelt) Teams eilten von Event zu Event auf der Suche nach einem Highlight oder nach Stoff für eine Glosse.

"Wer ist der Autor, muss man den kennen?" Sätze wie dieser schwirrten durch die zahllosen Gangreihen in denen große und kleine Verlage ihre Produkte mehr oder weniger effektvoll präsentierten. "Keine Ahnung!" Eine solche Antwort verhinderte zuverlässig nicht nur den Impuls das Buch, das dem Frager - warum auch immer, seien es Titel oder Präsentation - ins Auge gesprungen war, in die Hand zu nehmen und darin zu blättern. Sie verhinderte darüberhinaus auch jedes eigene Urteil, und das scheint durchaus zeitgemäß und erwünscht inmitten der Orientierungslosigkeit, die die Unzahl von etwa 104.000 neuen Titeln zwangsläufig produziert. Orientierung geben die vorab erschienenen Literaturbeilagen der großen Zeitungen, die auf die bemerkenswerten Neuerscheinungen der Saison aufmerksam machen. Dass diese fast nur noch in den ebenso großen Verlagen erscheinen, die zum großen Teil gar keine eigenständigen mehr sind, sondern irgendeinem Konzern angehören, ist ebenso auffällig wie die Tatsache, dass die "andere Seite der Sache", nämlich die Vergabe der größeren und kleineren Preise, die die ausgezeichneten Autoren für einen fünf- bis zehnminütigen Ruhm qualifizieren, von Kriterien geleitet wird, die schon seit längerem eher literaturferner Natur sind. Alle wissen es und (fast) alle spielen mit. An irgendetwas muss man sich schließlich halten. Hauptsache einer der eigenen Autoren ergattert früher oder später ein solches Preislein oder wird in den Gazetten besprochen.

Über den neu eingeführten "zentralen" Preis mit Namen "Deutscher Buchpreis" für den besten Roman will ich gar nicht reden. Seine Installierung zum Zeitpunkt des dreißigjährigen Jubiläums des entsprechenden Musikpreises, der die erwünschten Leute in die "Umlaufbahn Markt und Kommerz" schießt, damit "unsere Leute" im Rahmen der Globalisierung auch ihre angemessene Rolle spielen können, spricht selber schon Romanbände und lässt an Tennis denken oder Fussball. Dass auf diese Weise kein dem Prix Goncourt ebenbürtiger Preis entsteht oder entstehen kann, versteht sich von selbst. Was bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass es bei Schriftstellern um Menschen geht, die keine Ausbildung im herkömmlichen Sinne zu dieser Tätigkeit haben und haben können. Es geht aber um Denken, Intelligenz, Gesinnungen und lauter so diffizile und empfindliche Dinge. Aber eine Gesellschaft, die Frau Heidenreich das Lesen überlässt, eine Ministerin hervorgebracht hat, die nur Bücher, die sich wirklich verkaufen, zulassen wollte oder eine andere Politikerin, die Benjamins Antizingarismus resp. Rassismus durch eine Praktikantin nachweisen ließ (auch die Inquisition hat die Leute noch 50 Jahre nach ihrem Tod aus den Gräbern geholt und angeklagt) und Erwachsene produziert, die Harry Potter (nicht Tupper-)Parties besuchen, die sollte sich über gar nichts wundern. Vielleicht kommt ja der Tag, wo wir für "Schriftsteller" Artenschutz einführen müssen.

Doch zurück zur Buchmesse.Angesichts der Massen, die sich spätestens an den allgemeinen Besuchertagen wie eine Schlammflut durch die Gänge ergießen (ich will das jetzt nicht mit den Fernsehbildern vergleichen, die uns durch die zahllosen Flutkatastrophen, derer wir in diesem Jahr ansichtig wurden, natürlich noch auf der Netzhaut kleben, das wäre ja geschmacklos) angenehm, mit leichtem oder ohne Gepäck zu reisen, sprich den Genuss nicht durch ein eigenständiges Urteil zu beschweren.

Immerhin gibt es soviel an Prospektmaterial, Werbegeschenken und vor allem für deren Transport vorgesehenen Tüten, die in Massen an die Massen verteilt ein Heer von kostenlosen Werbeträgern erzeugen, das nicht zu verachten ist, dass man nicht mit leeren Händen ausgehen muss. Die häufig gestellte Frage am Stand von Arte, das in diesem Jahr seine schwarzen Stoffbeutel in der Geiz-ist-geil-Farbe mit seinem Namen zierte, wann es dieses oder andere attraktive Werbegeschenke wieder zu ergattern gäbe, die die Teilnahme an den Veranstaltungen oder das Zuhören bei den Diskussionen eher zum Sekundärereignis zur Überbrückung der Wartezeit herabstilisierte, ist da nur ein kleines Beispiel.

Manch einer oder eine drohte früher oder später unter den Lasten zusammenzubrechen. Und so konnte man allerorten "Mutti" - falls man das so noch sagen darf, zumindest waren es meist Frauen - an einem strategisch günstigen Punkt stehen und die reiche Beute parken und verteidigen sehen, in freudiger Erwartung dessen, was die restliche Familie oder die zum Messebesuch zusammengefundene Gruppe noch so alles herankarrte. Gottseidank gab es auch genügend leibliche Nahrung abzustauben, um nicht ausschließlich auf die an den allgemeinen Messetagen mit nochmals erhöhten Preisen aufwartenden Imbissstände angewiesen zu sein, die sich natürlich nicht als solche, sondern mit durchaus dem modernen Gourmetvokabular angepassten Namen präsentierten.

Man macht sich so seine Gedanken, was mit dem in den Stunden des Messebesuchs gesammelten Zeug anschließend geschieht. Angesichts der Fülle bietet es für den ein oder anderen sicherlich abendliche Beschäftigung bis zur nächsten Messe. Oder es harrt dieser, um dann kurz vor dem nächsten Messebesuch entsorgt zu werden, damit Platz für die neue Ladung geschaffen wird. Wie dem auch sei.

Kaum ein Stand, an dem nicht früher oder später, die mehr oder weniger bekannten Autoren auftauchten und zumindest die bei Lesungen zu erwerbenden Bücher signierte.

Was aber hat das alles mit Marion Poschmanns neuem und auf den Klappen des Schutzumschlages enthusiastisch gefeiertem SchwarzWeiß Roman zu tun? Das in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienene Buch fiel mir bei einem wider besseres Wissen versuchten Schlender- und Orientierungsgang in die Augen und ich blätterte darin und las mich für eine kurze Weile fest. Auf die Frage nach dem zu entrichtenden Preis, erhielt ich Auskunft nicht nur über diesen, sondern auch darüber, dass ich großes Glück habe. Die Autorin sei heute am Stand anwesend und könne mein zu erwerbendes Exemplar demzufolge signieren. Ich war leicht bis mittelschwer irritiert. Was für eine Art von Glück wurde mir da offeriert? Ich schien nicht auf dem Laufenden, ebensowenig wie über den Preis, den dieses Buch erhalten hatte. Der lapidare Hinweis "Literaturpreis 2005" suggerierte weit Höheres, als die nachfolgende Recherche ergab. Aber seis drum, jeder schlägt sich so gut er kann.

Meine Antwort, die eine zarte Ablehnung des günstigen Angebots ebenso beinhaltete wie den schüchternen Hinweis, dass ich dieses Buch zu erwerben gedenke, um es zu lesen, schien wiederum die Verlagsdame zu irritieren. Und so sind wir dann nicht ins Geschäft gekommen und ich habe das Buch ganz ordinär an einem der auf die Messe folgenden Tage in einer Buchhandlung meiner Heimatstadt erworben und mich tatsächlich daran gemacht es zu lesen. Ich bin so altmodisch.

SchwarzWeiß. Roman. Ich möchte nicht den Inhalt dieses Romans wiedergeben, der in den Gazetten ausreichend besprochen wurde. Er spielt in Russland. Er handelt von Menschen, die die Arbeit dorthin verschlagen hat und solchen, die diese wiederum besuchen. Er behandelt die modernen Themen der Orientierungslosigkeit und Verunsicherung und die Autorin spielt das Titelmotiv als Spiel mit den Farben elegant aus. Er handelt nicht zuletzt vom Besuch einer Tochter bei ihrem Vater, einer Tochter, deren Verunsicherung angesichts der väterlichen und gesellschaftlichen Forderungen im letzten Drittel des Romans nebenher eindrücklich wiedergegeben wird.

Die ersten hundert Seiten habe ich mit Genuss gelesen. Nicht weil die Sprache der Autorin - wie man immer wieder hören konnte - so innovativ ist. Diese Entdeckung konnte ich mit meiner Kenntnis der ambitionierten deutschen Literatur der zwanziger und dreißiger Jahre weder bei diesem noch bei einem der vielen anderen auf diese Weise angepriesenen Romane machen. Er gefiel mir, da er eine Weise der Rede und der Bebilderung der Rede - also des Metapherngebrauchs - reaktiviert, die angesichts der platten und direkten Erzählung zwischenmenschlicher Begegnungen in so manchem Buch des literarischen Marktes, wohl auf die Leute neu - sie sind so gedächtnis- oder kenntnislos diese Leute - und erfrischend wirkt. Die Darstellung zum Beispiel des Sexualaktes anhand von auf- und abschwellenden Naturmetaphern, das Einstreuen von fabel- oder märchenhaft konstruierten kleinen Geschichten, die erst einem hintergründig orientierten Lesen den Bezug zum restlichen Text offenbaren und selbst die Zwischenüberschriften, die sich nicht sogleich erschließen, haben mir gefallen. Konsequent durchgezogen ergibt sich aber nach einiger Zeit ein Ermüdungseffekt, der dann durch die zum Vorschein kommenden Motive und Hintergrundinformationen im letzten Drittel des Romans halbwegs wieder eingefangen wird.

Auffallend ist für mich die Performanz, sprich die Übereinstimmung der Titelwahl, mit der Darstellung der Gegenstände. Schwarz-weiß eben. Nuancierungen ergeben sich zwar in den Bildern, aber sie führen nicht zu einer Nuancierung, der hinter diesem Text verborgenen - oder eben nicht - Urteile und Einstellungen. Ein Text, den man früher von seiner Thematik her als hochpolitischen hätte einstufen mögen, verrät eher politische Orientierungslosigkeit oder Indifferenz. Er ist weder schwarz noch weiß, weder rechts noch links, vertritt keinerlei dezidierte Position außer der, dass sich in der Weite der Möglichkeiten alles irgendwie verliert und auch die Handlungen von eher beliebigen Motiven gesteuert sind. Nun muss ein ästhetischer Text nicht unbedingt - wie "die Linke" es früher zum Teil vehement forderte - politisch engagiert sein. Aber wenn er politisch hochbesetzte Themen anspricht (Russland, sprich Magnitogorsk, also nicht irgendeine Stadt, Stalin, Arbeitspolitik, Atomkraft, Umwelt, gesellschaftliche Einstellungen zu Familie und "Beziehungen" usw. usw.), erwarte ich zumindest ästhetisch eine ausgeformte Haltung zu ihnen und nicht nur Schilderung der Kontingenz. Vielleicht findet sie sich im letzten, in dieser Hinsicht erfreulich zweideutigen Satz: "...dann blieb ich stehen, genau an dem Punkt, bevor alles durchsichtig wurde." Man weiß nicht genau, was dieses Buch will oder soll, aber das wird schön vorgetragen. Nun sagen Sie nicht, das sei Nichts. Zumindest ist die "Nennung" all der Dinge ihre Installierung als Bühne für die Autorin, um sich in die Gesellschaft einzusprechen und sich zum nächsten Preis durchzuarbeiten. Das ist doch was.

Fazit, um die Sache zu runden: Was mich vielleicht doch dazu bewegen könnte, auch im nächsten Jahr wieder auf die Frankfurter Buchmesse zu gehen und die stattgefundene Depression zu vergessen, sind die allem Spektakel zum Trotz mit dem ein oder anderen Menschen geführten Gespräche, die mir ein wenig Hoffnung machten. Leider endeten sie meist abrupt mit der Durchsage, dass der heutige Messetag in wenigen Minuten zu Ende gehe, denn spätestens dann besann sich der Gesprächspartner der Einladung zu einem Empfang bei einer Zeitung oder einem Verlag, die er in der Tasche trug und die er nicht versäumen wollte, galt es doch, dort nicht nur bedeutende Zeitgenossen zu treffen und sich in ihrem Dunstkreis wenigstens für einen Abend ein bisschen wichtiger zu fühlen, sondern es schoss unmittelbar die Erinnerung an die schmackhaften Kanapees oder Salate hoch, die an die bedürftige Menge großzügig verteilt wurden. Schließlich sind die leiblichen Bedürfnisse nicht gering zu achten, vor allem angesichts der auch in Frankfurt euroerzeugten Preisniveaus der Restaurants. Nicht nur Bücher fatum habent.

Um das ganze auch intellektuell zu runden, könnte man an Rorty erinnern, der 1991 formulierte, was nunmehr als Aufgabe nicht nur auf der Frankfurter Buchmesse und im literarischen Betrieb endgültig begriffen wurde: 'Ironie' hatte er die Haltung einer Person genannt, die der Tatsache ins Gesicht sieht, dass ihre zentralen Überzeugungen und Bedürfnisse kontingent sind, dass der eigene Lebensentwurf den stets veränderten Verhältnissen immer neu angepasst werden muss. Also: seien wir modern, seien wir ironisch. Schließlich braucht der Mensch eine Aufgabe, selbst auf der Buchmesse und Anpassung wird schon längst nicht mehr als Negativvokabel gehandelt...

 

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