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… ein paar Tage weg gewesen, keine deutschen Zeitungen gelesen. Auf Youtube war ich auch nicht. Das hole ich jetzt nach. Das Video mit den Flüchtlingen, die nach Spielfeld eindringen (tausend, Hunderte? Die genannte Zahl habe ich mir nicht gemerkt, aber es waren sehr viele) ist ebenso beängstigend wie die Meinungen derer, die von der »Flut«, »Welle« und »Masse«, von kriminellen Arabern und einem geschlachteten und verspeisten Pferd erzählen. Ich höre, dass ein reiches Telekom-Unternehmen die Flüchtlinge steuert, Araber vor der Haustür oder im Schrebergarten deutscher Bürger pinkeln, sehe hier Horrorszenarien, da eine euphorische Willkommenskultur. Ob ich eine Meinung dazu habe?

In meinem Freundeskreis, in dem sich selbstverständlich nur weltoffene, fortschrittliche Menschen bewegen, wird über Ängste oder zumindest Sorgen geredet, werden Geschichten erzählt, die man gehört, gelesen oder selbst erlebt hat. Schon in diesem kleinen Kosmos kommt alles vor. Komplizierte Anforderungen an die Frau, die Deutsch unterrichten will, Überforderung in den Schulen, anmaßende Asylanten, denen ihr Quartier nicht gut genug ist, ebenso wie hingebungsvolle, engagierte Ehrenamtliche, phantasievolle Lösungen für unlösbare Probleme, die mit dieser Wanderungsbewegung verbunden sind – von Verwaltungsbeamten bis zu den sogenannt einfachen Bürgern, nicht zuletzt Bürgerinnen.

Ich wäre gerne ein guter Mensch, komme selbst aus einer Flüchtlingsfamilie, bin weiblich und tue bislang … gar nichts. Ich weiß noch nicht einmal, wie ich mich in den Gesprächen verhalten soll, wenn die eine Freundin den AfD-Repräsentanten verteidigt, eine andere ihren Kleiderschrank ausräumt oder mir ein Freund von den noblen Aristokratinnen erzählt, die in den Unterkünften Klos für die Flüchtlinge putzen. Ich weiß auch nicht, welche Geschichten stimmen, was Stimmungsmache, was real, was erfunden ist.

Es gibt wohl alles, in meinem Freundeskreis, unter den einheimischen und heimisch gewordenen Altbewohnern der Republik, unter Moslems, die schon länger hier sind und sich gut integriert haben, sowie unter den Flüchtlingen. Und wie immer, gibt es solche und solche. Streiten ist schwierig, weil es weniger um Argumente als um Gefühle geht.

Obwohl es ein Luxus ist, versuche ich nachzudenken. Zu zwei Themen, die bei meinem Zappen durch die neueren Berichte mehrmals erwähnt wurden, habe ich bereits eine Meinung. Das Eine betrifft das Spucken. Ja, sie spucken, nicht nur die Neuen, auch die Jungs, die zum Teil hier geboren sind und sich damit ihrer arabischen Identität versichern. Da denke ich an die Zeit, in der wir Kulturwissenschaftler (+ .. ich würde gern ein Emoticon für weiblich einführen, habe das aber nicht auf meiner Tastatur) Norbert Elias, Prozess der Zivilisation gelesen haben. Spucken war darin ein zentrales Thema, an dem der Verfasser den langen Weg der Domestizierung der Sinne erklärt. Erst wurde überall hingespuckt, dann wurden Spucknäpfe eingeführt und schließlich das Taschentuch, in das sich der zivilisierte Mensch seiner Säfte entledigt. Zu dieser Verinnerlichung und Regulierung gehörte auch der Umgang mit sexuellen Trieben, mit Trieben überhaupt. Wir haben das damals als Unterdrückung der Sinnlichkeit interpretiert, weil man ja frei und hedonistisch leben wollte. Natürlich war das Blödsinn und dass Männer heute Frauen nicht mehr bespringen ist gewiss ein Fortschritt. Der Prozess hat lange gedauert und soviel Zeit haben wir nicht. Aber diese Reminiszenz hilft mir bei der Relativierung der anstehenden Probleme, sorry, Herausforderungen, es gibt ja keine Probleme mehr. Ich hole damit das Verhalten aus der arabischen Ferne in den europäischen Raum und schon ist wieder eine Zuordnung durcheinandergeraten.

Eine andere interessante Variante von Bekanntem ist die Geschichte mit dem Pferd, das angeblich geschlachtet und gegessen wurde. Sie erinnert mich an das Schlachten und Verspeisen von Christenkindern, das Juden angedichtet wurde. Juden unterstellt man das nicht mehr, aber Pferde sind als Haustiere des zivilisierten Deutschen auch ein wenig christlich. Natürlich stimmt die Geschichte nicht, es gibt Wanderlegenden, die quer durch Zeiten und Kulturen immer wieder auftauchen.

Auch über das Pinkeln gegen Häuserwende und in Vorgärten habe ich nachgedacht. Wenn nun, was u.a. vorgeschlagen wurde, Benimmregeln für Asylsuchende in Umlauf gebracht werden, könnte das einen interessanten Nebeneffekt haben. Vielleicht lernen nach und nach auch all die deutschen, russischen, spanischen oder irischen Männer, die sich dieser Sitte befleißigen, ihr Urin in die dafür geschaffenen Schüsseln zu entsorgen? Was aber wird aus den (deutschen) Hunden? Werden sie in Zukunft auch nicht mehr in Schrebergärten und an Hauswände pinkeln? Überhaupt lässt diese Sache mit den Benimmregeln an Hundeschulen denken. Nach deren Modell werden die bewillkommneten Männer neben der Schulung in Sprachen, in Demokratie und Toleranz lernen, dass sie nicht bellen sollen, wenn sie gleichgeschlechtlichen Paaren begegnen und nicht beißen dürfen, wenn sie halbnackte Mädchen sehen.

Eine klare – politisch nicht korrekte – Meinung habe ich zur Totalverschleierung, sie kommt allerdings in Deutschland nicht oft vor, weil die meisten Zuwanderer, Asylbewerber, Schutzsuchenden (ich weiß noch nicht einmal, wie ich sie nennen soll) junge Männer sind, voller Erwartungen, Hoffnungen und Testosteron. Frauen in Burkas machen mich aggressiv, ich habe allerdings in Berlin weit weniger gesehen, als bei meinem letzten Besuch in London, wo reiche Saudis ihre Frauen spazieren führen. Wenn ich sie sehe (bzw. nicht sehe), habe ich Lust, den Frauen in den Schleier zu greifen. Ich will nicht jeder Frau in die Augen schauen, aber wissen, was sich hinter den Schleiern verbirgt. Auch hinter denen, die jetzt in Artikeln und Talkshows über das Problem gebreitet werden (natürlich ist es ein Problem, und keiner weiß, ob »wir« oder »die da oben« es schaffen). Der Zustrom hält an, die rechten Parteien gewinnen und ich weiß noch immer nicht, was ich dazu sagen sollte, falls ich gefragt würde. Doch! Ich würde erwähnen, dass die nun so unwilligen östlichen Nachbarn aus Tschechien, Slowakei und Polen an der »Koalition der Willigen« im Irakkrieg beteiligt waren.

Die Flüchtlingsdebatten sind so laut und allumfassend, dass andere »Herausforderungen« untergehen. Nur in einer kurzen Notiz fand ich bei meinem Nachlesen und -zappen, dass nach neueren Messungen das Ozonloch größer ist als je. Vielleicht lässt sich die eine oder andere Aggression verunsicherter Aus- und Einländer umlenken – z.B. auf Besitzer dieser großen schweren Angeberautos, auf Vielflieger, Konsumtrottel und sonstige Energieverschwender, die ja auch einiges dafür tun, dass die Zukunft nicht nur des Abendlands bedroht ist, weil demnächst nicht nur Syrer, sondern die Bewohner all der niedrig liegenden Länder und Inseln zu uns kommen, die vor Tsunamis, Überschwemmungen und Luftverpestung fliehen.

 

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Prägend: aufgewachsen in der damals noch sehr katholischen Wiener Vorstadt als Tochter von (exjüdischen) Kommunisten. Mitte der 60er Jahre kopfüber in Studentenbewegung gestürzt. Germanistik, Soziologie, Empirische Kulturwissenschaften in Berlin und Tübingen studiert. Arbeit für Rundfunk und Zeitungen, in Verlagen und Kulturbetrieben, als Autorin und Redakteurin, forschend und lehrend an verschiedenen Universitäten. Zuletzt Redakteurin der »Gegenworte-Hefte für den Disput über Wissen« (hg. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften).

Monographien und Essays zu den Schwerpunkten: Zeit um 1800, Wissenschaftsvermittlung, Frauen, Juden, Außenseiter.

Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik (2012)

Wikipedia-Eintrag

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.