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10. Mai 1914

Abendgesellschaft bei einem der örtlichen Honoratioren. Ein Oberst a. D. meinte, die Armee könne stolz sein auf junge Offiziere wie mich. Da mischte sich ein Zivilist in das Gespräch ein. Mitglied der Liberalen, wie ich später erfuhr. Der Herr stellte sich als »Dr. XY« und Hauptmann der Reserve vor. Er rührte in seinem Mokka und meinte dann, ob ich einmal bedacht hätte, welchen Schaden ich in Elsass-Lothringen angerichtet hätte. Im Falle eines Krieges mit Frankreich – und der sei ja wohl kaum zu vermeiden – wäre die Provinz als Aufmarschgebiet wichtig. Und wenn die Bevölkerung mit den Franzosen sympathisieren würde, müssten Truppen die Nachschubwege sichern, Truppen, die an der Front fehlten. Ich entgegnete diesem Fibelstrategen, er möge erst einmal seinen Beruf erlernen, bevor er mir den meinen erklären würde. Er lächelte nur und meinte, zumindest hätte ich ja Schneid im Nahkampf bewiesen. Das Wort »Nahkampf« sprach er mit spöttischem Unterton aus. Da ich einen Skandal vermeiden wollte, brach ich die Konversation ab. Zum Glück handelt es sich bei diesem Herrn um eine Ausnahme. Die örtlichen Honoratioren haben eine tadellose vaterländische Gesinnung. Sozialdemokraten gibt es kaum.

7. August 1914

Die Stunde der Bewährung ist da! Wir ziehen in den Krieg. Einmütig ist die Stimmung im Volke – die Reservisten rücken freudig ein. Am Abend vor dem Ausmarsch an die Front nimmt das Regiment auf dem Truppenübungsplatz vor der Stadt Aufstellung. Der Regimentskommandeur hält eine Rede. Sie ist mir noch in Erinnerung geblieben:

»Soldaten des 3. pommerschen Regiments Nr. 14:

Frankreich, Russland und England haben sich gegen uns verschworen. Wir ziehen in einen Krieg, den das deutsche Volk nicht gewollt hat. Nun ist es an uns, zu beweisen, dass wir der Traditionen unserer Väter und Großväter würdig sind. Sie haben das Reich erkämpft, zu dessen Verteidigung wir nun das Schwert ziehen. Erweisen wir uns ihrer würdig. Denn wir Deutsche fürchten nur Gott und sonst niemanden in der Welt!«

Echt deutsch, wahr und klar und ohne viel Worte gesprochen. Als ich mich umsah, spürte ich, wie ergriffen alle waren. Nun sind wir ein Volk – ohne Parteienhader und Bruderzwist.

25. August 1914

Unser Regiment gehört zur 1. Armee unter General von Kluck. Unsere Offensive im Westen scheint zu gelingen. Die Hitze ist mörderisch, aber wir treiben die Franzosen wie Hasen vor uns her. Die Engländer konnten wir ebenfalls schlagen. Mitte September müsste Frankreich am Boden liegen!

11. September 1914

Wir haben den Rückzug angetreten. Niemand von uns versteht die Entscheidung der Obersten Heeresleitung. Angeblich wären die Briten bereits in unserer Flanke gewesen. Die ganze Schweinerei liegt an dem alten Bülow, der mit seiner 2. Armee zuerst unseren Vormarsch behinderte, sich dann aber plötzlich zurückzog. Dadurch wäre eine Lücke in der Front entstanden. Gleichgültig, wie der Krieg ausgeht: Die 1. Armee hat Marschleistungen vollbracht, die in der Geschichte der preußischen Armee einmalig sind. Aber noch ist nichts verloren!

10. November 1914

Scheußliches Wetter. Wir marschieren nicht mehr, sondern hocken in elenden Schützengräben. Überall nur Dreck und Ungeziefer. Die Verluste werden immer höher. Als Leutnant führe ich nun eine Kompanie; es gibt nicht mehr genug Offiziere im Rang eines Hauptmanns. Der Krieg wird wohl noch eine Weile dauern. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir siegen werden, und dann muss Frankreich büßen.

12. Mai 1915

Sind im Herbst vergangenen Jahres an die Ostfront verlegt worden. In Galizien verfolgen wir die geschlagenen Russen. Unsere österreichischen Verbündeten wären ohne uns verloren. Das Offizierkorps ist gut, aber dieses Pack von Ruthenen, Bosniaken und Tschechen läuft einfach zum Feind über.

Nach dem Sieg stehen schwere Aufgaben vor uns. Bin dankbar für die harte Schule, die ich in Zabern durchmachen musste. Nur ein gesundes Deutschtum kann in Mitteleuropa für Kultur sorgen. Selbst die Sozis scheinen mittlerweile eingesehen zu haben, dass preußische Ordnung und Disziplin für die Welt eine Welt eine Wohltat sind. Der deutsche Soldat ist der wahre Kulturträger, nicht diese miesen Skribenten oder abnorme Künstler. Da sind mir die Sozis lieber – natürlich nicht dieses jüdische Weibsbild, dieses Fräulein Luxemburg. Und mit den anständigen Sozis werden wir nach dem Sieg ein neues Reich gründen. Über Nordfrankreich bis zur Kanalküste, über Belgien und der der noch zu Russland gehörende Teil Polens muss die deutsche Fahne wehen. Viel zu lange haben Politikaster wie Bethmann-Hollweg geglaubt, man könne durch Rücksichtnahme den Neid und die Rachgier unserer Feinde beschwichtigen. Jetzt ist das Schwert gezogen und durch das Schwert werden wir herrschen. Hart und gerecht.

Damit schließen die Aufzeichnungen. Leutnant von Forstner fiel am 29. August 1915 bei Kobrin im heutigen Weißrussland.

 

Abb.: Feuersalamander. Von Didier Descouens - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18182805

 

Ulrich Siebgeber: Leutnant Forstner und der Abfall

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.