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6. November 1913

Meldung bei Herrn Oberst. Ich hätte in einer Instruktionsstunde vor einheimischen Rekruten die elsässische Bevölkerung beleidigt und 10 Reichsmark jedem Soldaten versprochen, der bei einem Streit einen Zivilisten umbringt. Da ein deutscher Mann zu seinem Wort steht, räumte ich die ungeschickten Äußerungen ein. Leider hatte ein Schwein von Rekrut meine etwas hitzigen Worte an die Presse weitergegeben. In Zabern sei man empört; das Generalkommando in Straßburg würde einen Bericht verlangen. Er sehe sich daher gezwungen, mich mit vier Tagen Stubenarrest zu bestrafen. In Zukunft solle ich vorsichtiger sein. Nahm Haltung an und meldete mich zum Stubenarrest ab.

9. November 1913

Drei Tage Stubenarrest liegen hinter mir. Dienst könnte nicht härter sein. Nach Dienstschluss besuchten mich Kameraden. Dann tranken wir einen ordentlichen Schluck auf die »Wackese«. Während ich nur beim Morgenappell im Zimmer geradestehen muss, traten die Kameraden dann ihren Dienst an. So etwas gibt es nur in der preußischen Armee.

15. November 1913

Wieder im Dienst. Kann die Kaserne allerdings nur in Begleitung von vier Soldaten verlassen, die mich in die Mitte nehmen. Diese Elsässer sind es nicht wert, Deutsche zu sein. Jugendliche Bummler pöbeln uns auf der Straße an. In einer solchen Situation kommt es darauf an, Haltung zu bewahren. Ich besuchte mein Stammcafé. Der Inhaber bediente mich mit eisiger Miene. Natürlich bekamen auch die vier Soldaten ein Bier. Sind ja schließlich Kameraden.

20. November 1913

Feuchtfröhlicher Abend im Kasino. Ein Reservist und Reserveoffizieranwärter stellte sich vor. Ausnahmsweise kein Jurist, sondern angehender Pauker. Im Laufe des Abends erwies er sich als Gehirnfatzke. Zu Herrn Oberst bemerkte er, dass man die sozialen Belange der Arbeiter ernst nehmen müsse. Herr Oberst meinte nur, schon Bismarck und unser Kaiser hätten die Idee eines sozialen Königtums vertreten, aber die Sozialdemokratie würde immer unverschämter. Der Zivilunke vertrat dann die Auffassung, man müsse den Arbeiter vom Industrieuntertan zum Industriebürger machen und berief sich dabei auf einen Pfarrer, dessen Namen ich vergessen habe. Um weiteren Skandal zu vermeiden, lud Major XY zum Stiefeltrinken ein. Allgemeine Besoffenheit bis in die Frühe. Sogar der Gehirnfatzke hielt durch. Miese Gesinnung – aber saufen kann er. Vielleicht wird aus ihm ja doch noch ein brauchbares Subjekt.

30. November 1913

Oberst von Reuter hatte die örtlichen Behörden in den letzten Tagen mehrmals gebeten, weitere Provokationen meiner Person zu unterlassen – leider vergeblich. Am 28. November rottete sich der Pöbel dann vor der Kaserne zusammen. Leutnant Schadt rückte mit einem Kommando aus, und verhaftete an die dreißig dieser Lumpen. Sie wurden in der Kaserne arretiert. Darunter sollen sich auch einige Juristen vom Landgericht befunden haben. Oberst Reuter ließ den Belagerungszustand verhängen. Mittlerweile soll sich auch Seine Majestät mit den Vorfällen hier beschäftigen. Ein preußischer Monarch schützt eben den Rock seiner Diener. Bleibt nur zu hoffen, dass S.M. hart bleibt. Wie ich höre, will der Generalstatthalter, General von Wedel, mich in das Reich versetzen lassen. Leute wie er haben mit ihrer schlappen Haltung dem Deutschtum im Elsass nur geschadet. Jahrelang glaubte man, die Bevölkerung durch Nachgiebigkeit zu mehr Vaterlandsliebe erziehen zu können. Jetzt haben wir den Mist! Im Grunde ist ein Elsässer noch gefährlicher als ein Sozialdemokrat.

3. Dezember 1913

Gestern wieder ein unerfreulicher Zwischenfall. Hielt mit meinem Zug außerhalb der Stadt eine Übung ab, die vorzüglich verlief. Wenn er straff geführt wird, kann auch der Elsässer als Soldat etwas leisten. Da versammelte sich am Feldrand eine Gruppe von Arbeitern aus einer nahe gelegenen Schuhfabrik. Sie riefen uns beleidigende Worte zu. Ich befahl der Truppe äußerste Konzentration. Die Schmährufe rissen nicht ab und richteten sich nun auch gegen Seine Majestät. Daraufhin befahl ich, dieses Gesindel zu verjagen. Mein Zug machte vorschriftsmäßig Front und die feigen Lumpen nahmen ihre Beine in die Hand. Nur ein impertinenter Kerl blieb zurück und schmähte unseren Kaiser. Ich versetzte ihm mit der flachen Klinge meines Säbels einen Hieb. Er humpelte davon. Am Abend erfuhr ich von Oberst Reuter, ich hätte einen gehbehinderten Hilfsarbeiter schwer verletzt und müsse mich vor einem Truppengericht verantworten. Natürlich würde er für mich aussagen. Auch er hätte mit einem Verfahren zu rechnen. Der Herr Oberst machte einen niedergeschlagenen Eindruck. Ein Staat, der seine Armee öffentlich im Stich lasse, dem sei nicht mehr zu helfen. Er wünschte mir alles Gute. Wir salutierten und verabschiedeten uns. Der deutsche Mann hat Gefühl, aber er macht keine großen Worte darum.

14. März 1914

Wurde nach Bromberg in der Provinz Posen versetzt. Am Sonntag spielt die Militärkapelle und die Bürger freuen sich. Wenn ich mit meinem Zug in der Frühe zum Truppenübungsplatz marschiere, winkt so manche schöne Maid uns zu. Hier gilt der Soldat noch etwas. Die wenigen Polen verhalten sich ruhig.

Vom Truppengericht wurde ich in zweiter Instanz freigesprochen. Es gibt also noch Richter in Deutschland, die vaterländische Gesinnung haben! Da dieses verkommene Subjekt, ein Hilfsarbeiter, Majestätsbeleidigung begangen hätte, wäre mein Einschreiten gerechtfertigt gewesen. Oberst Reuter und Leutnant Schadt erhielten ebenfalls ihren Degen zurück. Der Kronprinz soll geäußert haben: »Immer feste druff.« Famos!

Der Reichstag – diese Schwatzbude – maßte sich im Dezember an, über die »sogenannten Vorgänge in Zabern« zu debattieren. Dummschwätzer, verkrachte Abiturienten und sonstige Gesinnungslumpen waren sich nicht zu schade, der eigenen Armee in den Rücken zu fallen. Einige davon sollen noch Reserveoffiziere sein! Ein schmieriger Skribent, Maximilian Harden, machte sich über mich lustig! Hätte ihn am liebsten gefordert, aber mein Regimentskommandeur meinte, so ein Schmutzfink sei nicht satisfaktionsfähig.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.