Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

 

Neulich im Einstein...

… überraschte mich das jüngste Wahlergebnis in Tschechien: die Nachricht war, dass es offensichtlich in einer ausgeprägten parlamentarischen Demokratie nicht alternativlos zugehen muss. Dass die parlamentierenden Parteien sich nicht einbilden dürfen, naturrechtlich eingehegt – und existenzgesichert – zu wirken. Der Souverän in Tschechien hat das (nachtotalitäre) wohlstandsgenerierte

Parteienspektrum – links-grün-ultralinks-linksliberal – in den Orkus geschickt. Fast schien es, dass das Beispiel des großen Bruders (der diesmal die saturierte Bundesrepublik ist) mit seinem inzwischen unentwegt linksdrehenden Malstrom das spöttische Völkchen in Böhmen & Mähren – wie einst vom Osten her – gelähmt hätte. Aber das jüngste Wahlergebnis zeigt, das eine übergreifend linke (numerische) Wählermehrheit mitnichten das entropische Schicksal saturierter, hysterisch verängstigter, linksegalitärer Wohlfühlgesellschaften sein muss. 

Was sich da in Prag zu Wort gemeldet hat, namentlich Schwarzenbergs couragierte konservative Stimme, findet eine qualifizierte Mehrheit gerade in der gebildeten Jugend des Landes – eine freiheitliche Frische, die man inzwischen hierzulande vergebens sucht. Es ist ein aus Schwejkscher Ideologieskepsis gespeister säkularer Individualismus, der sowohl alle völkischen Attitüden (reines Magyarentum, Tylko Polska [Nur-Polen]) als auch fideistische Gemeinschaftstümelei (eine Nation als Christus unter den Nationen) seiner östlichen Nachbarn entbehren kann. Der Aufbruch an der Moldau hat das Zeug, wieder – diesmal ganz ohne rechte oder linke politische Theologie der Erlösung von der Entfremdung! – als Prager Frühling unsere mitteleuropäische politische Kultur zu beleben. 

Steffen Dietzsch

Dietzsch Steffen Google Plus

Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

0
0
0
s2smodern
powered by social2s
POLITIK GESELLSCHAFT KULTUR GESCHICHTE
Deutschland Modelle Fluchten Zeitgeschichte
Europa Identitäten L-iteratur Personen
Welt Projektionen Medien Entwicklungen
Besprechungen Besprechungen Ausstellungen Besprechungen
    Besprechungen  

Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.