Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

… neulich im Einstein,

aber diesmal wieder bei Einstein Bros. in Boulder/Co, las ich bei meiner Tischnachbarin auf der Rückseite einer sie augenscheinlich amüsierenden Lektüre: He is an asshole, the problem with Taleb is that he is right. Es war der gerade erschienene Band Skin in the Game. Hidden Asymmetries in Daily Life von Nassim Nicholas Taleb.

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… neulich im Einstein

las ich von einer Initiative deutschsprachiger Literaturinstitute, die im Vorfeld der Leipziger Buchmesse um die Vielfalt in einer offenen Gesellschaft warb. In einem ›Offenen Brief‹ [ND, 10/11.3.18, S.9] war da über die Achtung der Meinungs-Vielfalt zu lesen, es sei fatal anzunehmen, dass sich rechte Positionen erübrigen, wenn man ihnen auf der Buchmesse mit Argumenten begegnet. Diesen anderen Meinungen sei der Raum zuzuweisen, den sie verdienen: außerhalb des demokratischen Meinungsspektrums, außerhalb von dem, was zur Diskussion steht. – Also soll Vielfalt durch eine qualifizierte Vielfalt gewährt bleiben. Hat da einer aus dem Archiv der Bezirksleitung der SED eine alte Messedirektive für den Umgang mit Westverlagen ›abgekupfert‹?

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… neulich im Einstein

bemerkte ich wieder einmal, wie erhellend die alte hermeneutische Praxis, Dinge, die sich noch nie begegnet, miteinander konfrontiert und so begriffen zu haben, fürs Alltagsverstehen sein kann. Zwei aktuelle Fälle von (Putativ-)Notwehr – die Zerstörung eines Kunstwerks und die eines Menschen …– lassen sich aus ein und demselben Motiv heraus erklären: der Angst, dem Vorwurf, den Anfängen doch nicht rechtzeitig gewehrt zu haben (neudeutsch: Initialophobie). – Das bewegt den Akademischen Senat einer Berliner Hochschule, die spanischen Verse (Gomringers, von 1950) avenidas y flores y mujeres y un admirador vom Giebel ihrer Hochschule abzukratzen.

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