Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

 

… neulich im Einstein

waren von überall her wieder einmal Meldungen zu lesen, die die geistig-praktische Disposition berühren, ohne die ein freiheitlich selbstbestimmtes Leben in der Moderne nicht möglich ist: den First Amendment. Dieser krönt seit 1791 den Grundrechtekatalog aller parlamentarisch-demokratischen Gemeinwesen, er macht den spirituellen Kern dessen aus, was wir ›den Westen‹ nennen. – Wenn wir als Freie in Freiheit miteinander leben wollen, sollten wir alle Versuche abwehren, die unbedingte Geltung dieser Norm einschränken zu wollen.

Eine bedingte Meinungsfreiheit ist keine! Weder moralische, noch religiöse Gründe, natürlich auch nicht Mehrheiten oder Stimmungs- und Notlagen dürfen die bedingungslose Geltung von Meinungsfreiheit zur Disposition stellen. Wenn nicht mehr jedem die Freiheit zugestanden wird, zu denken was er will und zu sagen was er denkt, beginnt damit die Zerstörung der geistigen wie der geistlichen Räume unseres Lebens. Das würde uns – als absurdes retour de la nature – in den Zustand natürlicher Gewalt gegeneinander führen (wer mehr Gegendemonstranten aufbringt gewinnt, auf der Straße wie im Hörsaal).

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... neulich im Einstein

war von einem Gespräch zu lesen, dass die Buchvorstellung von Thomas Karlaufs Stauffenberg-Porträt begleitete. – Dabei spreizte sich, wie das Friedrich Georg Jünger genannt haben würde, ›Histrionengeschmeiß auf hohem Kothurn‹; und die – nun grünen – Zeigefinger nach oben sahen exemplarisch im George-Jünger Claus Graf von Stauffenberg bloß eine charakterologisch mittelmäßige Person, die sich eher ihrer eigenen juvenilen NS-Offenheit zuzuwenden habe (halten die das auch dem BDM-Jungmädel Sophie Scholl vor?!), – als … ja als was?

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… neulich im Einstein

las ich, dass höhernorts die von den Schülern sich selbst auferlegten freitäglichen Schulfreistunden als eine sehr gute Sache beurteilt würden. Wollte man sich damit jetzt schon künftigen Wählern angenehm machen (assistiert wurde das justizministeriell vom Vorschlag, das Wahlalter neu bei sechzehn Jahren anzusetzen…)?

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.