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von Katharina Kellmann

In den späten Nachmittagsstunden des 31. Mai 1916 trafen im Skagerrak, einem Seegebiet zwischen der Nordküste Dänemarks, der Südküste Norwegens und der Südwestküste Schwedens, die englische ›Grand Fleet‹ und die deutsche Hochseeflotte aufeinander. In Deutschland spricht man von der Schlacht im Skagerrak; in England von der »Battle of Jutland«.

Die britischen Seestreitkräfte waren ihrem Feind vor allem bei den schweren Schiffseinheiten klar überlegen: 28 britische Linienschiffe fochten gegen 16 deutsche. 9 britische Schlachtkreuzer hatten 5 schwere Kreuzer auf deutscher Seite zum Gegner. Hinzu kamen kleinere Schiffstypen wie kleine Kreuzer, Torpedoboote oder Zerstörer. 149 britische trafen auf 99 deutsche Schiffe (die Zahlenangaben in der Literatur sind unterschiedlich, aber Einigkeit besteht darüber, dass es die bis dahin größte Seeschlacht der Geschichte war). In London erwartete man nichts weniger als einen vollständigen Sieg.

Die kaiserliche Marine und die ›Weltpolitik‹

England beherrschte seit dem Triumph von Trafalgar 1805 die See. Die britische Weltmachtstellung stützte sich in erster Linie auf die Flotte, die die Verbindungslinien innerhalb des Empire schützte. In Deutschland gab es bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts keine nennenswerten Anstrengungen, eine Marine aufzubauen. Die Küstenstaaten des Deutschen Bundes wie das Großherzogtum Oldenburg, die Hansestädte oder das Königreich Preußen verstanden sich nicht als Seemächte. Als die Frankfurter Nationalversammlung 1848 gegen Dänemark Krieg führte, konnte die kleine dänische Marine mühelos deutsche Handelsschiffe aufbringen und die Operationen der preußischen Landstreitkräfte in Jütland behindern.

Diese Erfahrung führte zum überhasteten Aufbau einer deutschen Reichsflotte, die aber 1853 wieder versteigert wurde, weil nach der gescheiterten Revolution von 1848 keine Einigung über die Finanzierung der kleinen Marine erzielt werden konnte.

In Preußen jedoch begann sich der Gedanke durchzusetzen, dass Seestreitkräfte bei einer wachsenden Handelsflotte nötig seien. Das Königreich baute seit den fünfziger Jahren eine Marine auf, die im Kriegsfall gegen Dänemark und Schweden bestehen sollte. Schützenhilfe kam aus England, das zuerst als unerreichbares Vorbild galt. Preußische Seeoffiziere konnten eine Zeit lang auf britischen Schiffen Dienst tun und wertvolle Erfahrungen sammeln.

Nach der Gründung des Kaiserreiches blieb die Marine neben dem Heer eine zweitrangige Teilstreitkraft. Im Gegensatz zu den Bodentruppen war sie Reichssache. In den militärischen Planungen des Kaiserreiches spielte die Flotte nur die Rolle einer schwimmenden Küstenverteidigung. Die Abhängigkeit zum Heer kam auch darin zum Ausdruck, dass zeitweise Armeegeneräle den Oberbefehl über die Marine führten.

Mit der Thronbesteigung Wilhelms II (1888 bis 1918) änderte sich die Rolle der Marine. Der neue Kaiser war wie viele seiner Zeitgenossen davon überzeugt, dass das Kaiserreich nur dann Großmacht sein könnte, wenn es über eine große Flotte verfügte.

Die deutsche Außenpolitik definierte ihre Ziele in den neunziger Jahren neu: Deutschland – so der Staatssekretär des Äußeren von Bülow im Jahr 1897 – müsse Weltpolitik treiben. Dahinter stand nicht etwa der Anspruch, eine Weltherrschaft zu errichten, aber bei wichtigen Entscheidungen in der internationalen Politik wollte das Kaiserreich mitreden.

Zwei Männer sollten diese Pläne umsetzen: Bernhard von Bülow, zwischen 1897 und 1900 Staatssekretär des Äußeren, danach von 1900 bis 1909 Reichskanzler und Alfred von Tirpitz, ein Marineoffizier, der 1897 zum Staatssekretär im Reichsmarineamt berufen wurde – eine Funktion, die er bis 1916 innehatte (ein Staatssekretär im Kaiserreich ist mit einem heutigen Minister zu vergleichen).

Der wachsende Anteil Deutschlands am internationalen Handel, seine politische und militärische Stärke führten zweifellos dazu, dass es zu einer Konkurrenz mit England kam. Aber die ›Erben Bismarcks‹, also jene Politiker und Militärs, die als junge Männer die Reichseinigung erlebt hatten, dachten in anderen Kategorien als der erste Kanzler des neuen Kaiserreiches. Bismarck war sich der Gefahren für Deutschland in Europa bewusst; als halbhegemoniale Macht war es zu schwach für eine Führungsrolle und zu stark, um sich wie Preußen als kleinste Großmacht auf dem Kontinent zurückzuhalten. Mit einem System von Bündnisverträgen versuchte er, das 1871 Erreichte zu bewahren. Sein Plan, ein Bündnis zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland zu schmieden, scheiterte. Der 1879 geschlossene Zweibund mit dem Kaiserreich der Habsburger führte zu Problemen mit Russland. Die Annexion von Elsass-Lothringen im Jahr 1871 belastete die Beziehungen zu Frankreich.

Als Bismarcks Nachfolger Caprivi 1890 den Rücksicherungsvertrag mit Petersburg nicht mehr verlängerte, war eine Annäherung zwischen Frankreich und Russland nur eine Frage der Zeit. Die Diplomaten in der Wilhelmstraße, dem deutschen Außenministerium, glaubten lange Zeit nicht daran, dass auch England sich dieser antideutschen Koalition anschließen könnte; zu groß waren in ihren Augen die kolonialpolitischen Reibungspunkte zwischen Paris, London und Moskau. Sie gingen davon aus, dass Deutschland sich um die Jahrhundertwende nicht auf ein Bündnis mit der Weltmacht festlegen müsste, in dem es nur die Rolle des Juniorpartners gespielt hätte.

So entstand eine moderne Kriegsflotte, die nach dem Willen ihres Schöpfers, Alfred von Tirpitz, den Bündniswert des Kaiserreiches sichern sollte. Deutschland, so seine Argumentation am Ende des 19. Jahrhunderts, könne erst damit rechnen, als Großmacht respektiert zu werden, wenn es eine starke Flotte besäße. Nur dann sei Berlin als gleichberechtigter Bündnispartner für London interessant. Und da Deutschland nur wenig Kolonien besäße, käme auch keine Kreuzerflotte in Betracht, die von überseeischen Stützpunkten aus operiert, sondern mehrere Geschwader von Linienschiffen, deren Aktionsradius auf die Nordsee beschränkt bliebe. Besäße Deutschland eine Marine, die für England eine Gefahr darstellte, dann müssten – so das Kalkül von Tirpitz – die verantwortlichen Politiker in London mit Berlin auf gleicher Augenhöhe verhandeln. Der Staatssekretär im Reichsmarineamt gehörte zu einer Generation, die glaubte, dass die Beschränkung auf kontinentale Interessen dem Reich schade und nur eine energische und entschiedene Außenpolitik Deutschlands Stellung in der Welt sichern würde. Das von Bismarck gefürchtete Zusammengehen von Frankreich und Russland nahm er – wie Bülow – hin. Sein Politikverständnis war typisch für die europäischen und amerikanischen Eliten zwischen 1890 und 1914. Außenpolitik beruhte auf der Fähigkeit, Macht zu demonstrieren, nach Möglichkeit ohne es zum Krieg kommen zu lassen. Die Vorstellung, Deutschland hätte sich mit dem 1871 Erreichten begnügen und seine Position auf dem Kontinent festigen sollen, war in Teilen der deutschen Gesellschaft nicht mehrheitsfähig. Gerade die Nationalliberalen und eine neue Generation von Linksliberalen begrüßten die ›Weltpolitik‹. Die Konservativen und das katholische Zentrum gaben ihren Widerstand bald auf.

Dass England damit herausgefordert wurde, war der kaiserlichen Führung bewusst, aber man vertraute darauf, dass es nicht zu einer ernsthaften Annäherung zwischen London, Paris und Petersburg kommen würde. Tirpitz plädierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts für eine zurückhaltende Außenpolitik: »Maul halten und Schiffe bauen«, so lautete sein Credo.

Doch Frankreich und England legten um die Jahrhundertwende ihre Differenzen bei und auch London und Petersburg einigten sich 1907 über kolonialpolitische Fragen. Die maritime Aufrüstung des Kaiserreiches spielte dabei eine große Rolle. 1908, am Ende seiner Amtszeit, begriff Reichskanzler von Bülow endlich, in welche Sackgasse der Flottenbau Deutschland geführt hatte. Auch Tirpitz war sich im klaren darüber, dass die deutsche Marine ihren englischen Gegner nicht schlagen konnte. Allerdings zog er daraus nur die Schlussfolgerung, dass das Kaiserreich seine Rüstungsanstrengungen konsequent durchhalten müsse, um die sich abzeichnende außenpolitische Isolation in Europa zu überwinden.

Bülows Nachfolger von Bethmann-Hollweg hingegen versuchte, in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in der Flottenfrage eine Annäherung an England zu erreichen. In London und Berlin gab es Politiker, die auf einem Ausgleich hin arbeiteten. Doch die Flottengespräche von 1912 scheiterten, da beide Seiten zu hohe Bedingungen stellten. Deutschland wollte sein Bauprogramm nur begrenzen und England stand gegenüber seinen Verbündeten im Wort. Letztlich erwies sich das deutsche Flottenbauprogramm als schwerer politischer Fehler, der das Kaiserreich zwischen 1900 und 1912 auf dem Kontinent isolierte und England an die Seite Frankreichs und Russlands trieb.

1914 bis 1916: Das große Warten

Die deutschen Stahlkolosse, die mit dazu beigetragen hatten, dass der Erste Weltkrieg ausbrach, lagen meist untätig in ihren Häfen. Die deutschen Überseestreitkräfte konnten einzelne Erfolge erzielen, aber auf Dauer hatten sie gegen die zahlenmäßige Übermacht der Engländer keine Chance. Mit dem Unterseeboot schien das Deutsche Reich eine Waffe in der Hand zu haben, um England in die Knie zu zwingen, aber der so genannte uneingeschränkte U-Bootkrieg hätte den Kriegseintritt der USA nach sich gezogen, so dass die Reichsführung diese vermeintliche Trumpfkarte in den ersten Jahren noch nicht ziehen wollte. Die britische Flotte hielt sich 1914/15 oft außerhalb ihrer Stützpunkte auf, weil sie die U-Boote fürchtete. Die Häfen der ›Grand Fleet‹ mussten erst gegen Angriffe dieser neuen Waffe gesichert werden.

1916 trat ein neuer Oberbefehlshaber an die Spitze der kaiserlichen Hochseeflotte: Vizeadmiral Reinhard Scheer. Scheer setzte sich dafür ein, durch gezielte Flottenvorstöße die Engländer zu provozieren. Sein Konzept beruhte darauf, Teile der englischen Marine zur Schlacht zu stellen, denn angesichts der zahlenmäßigen Unterlegenheit der kaiserlichen Marine sah er keine Siegeschance, sollte das Gros beider Flotten aufeinander treffen. Die kaiserliche Marineführung wusste, dass die britische Flotte auf mehrere Stützpunkte verteilt war, so dass sich daraus theoretisch die Möglichkeit ergab, einen entscheidenden Schlag gegen einen Teil des Gegners zu führen.

Aber auch in England wurde man ungeduldig: Die Öffentlichkeit erwartete von der ›Grand Fleet‹ nichts weniger als ein zweites Trafalgar.

An der Spitze der Flotte stand ein Mann, der die Stärken und Schwächen der britischen Marine kannte wie kein zweiter: Admiral John Jellicoe. Der 1859 geborene Berufsoffizier hatte seit 1904 daran mitgewirkt, die Flotte zu modernisieren. Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurden Zielschießübungen mit scharfer Munition als lästiges Übel betrachtet. Das Leben eines Seeoffiziers bestand neben dem Dienst an Bord hauptsächlich aus gesellschaftlichen Verpflichtungen. Schon der legendäre Ruf der Navy sicherte ihr den Respekt anderer Flottenmächte. Man hatte sich auf den Lorbeeren von Trafalgar ausgeruht.

Die Admiralität hatte erkannt, dass Reformen dringend notwendig waren, zumal in Deutschland eine moderne Flotte entstand, die sich nur gegen England richten konnte. Die deutschen Offiziere hielten Gefechts- und Manöverübungen nicht für überflüssigen Luxus. In den letzten zehn Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde die britische Marine deshalb teilweise neu organisiert, so dass sie ihre Leistungsfähigkeit steigern konnte. Es gelang in der kurzen Zeit aber nicht, einen Mentalitätswandel im Offizierskorps zu erreichen. Die Flotte blieb geprägt durch ein zentralisiertes Entscheidungssystem, das die Eigeninitiative der Kommandanten lähmte. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg warteten die Offiziere auf die Befehlssignale, die am Flaggenmast des Admiralsschiff erschienen. Außerdem fehlte in der Royal Navy ein Admiralstab, der als strategisches Planungszentrum wirkte. John Jellicoe, der bei Kriegsausbruch den Oberbefehl über die ›Grand Fleet‹ übernahm, verkörperte diese Marine fast idealtypisch: Er war ein harter Arbeiter und guter Organisator, aber er neigte dazu, sich zu sehr in Details zu verstricken.

Die Schlacht: Wer hat gewonnen?

Jellicoe wurde am 30. Mai 1916 über den Inhalt abgehörter deutscher Funksprüche informiert, die einen Vorstoß in die Nordsee erwarten ließen.

Die Deutschen liefen in den ersten Morgenstunden des 31. Mai 1916 aus Wilhelmshaven aus. An der Spitze der deutschen Flotte dampfte das Geschwader der Schlachtkreuzer unter Vizeadmiral von Hipper. Etwa anderthalb Stunden dahinter folgte das Gros der deutschen Schlachtflotte.

Die Briten hatten bereits vor Mitternacht, also noch am 30. Mai 1916, ihre Stützpunkte im Norden Englands verlassen. Mehrere Geschwader steuerten auf einen Zielpunkt in der Nordsee zu, an dem sie sich gegen Mittag des 31. Mai 1916 vereinigen sollten. Jellicoe wusste, dass die ganze deutsche Hochseeflotte die Anker gelichtet hatte, während Scheer damit rechnete, lediglich einen Teil der ›Grand Fleet‹ zum Gefecht zu stellen.

Die Schlacht begann am Nachmittag des 31. Mai 1916 mit einem Aufeinandertreffen der beiden Vorhuten. Zwischen 16.25 Uhr und 21.00 wurde das Skagerrak zum Schlachtfeld der wohl größten Seeschlacht, die noch ohne Flugzeugträger ausgetragen wurde. Das Treffen der Vorhut entschieden die Deutschen für sich: zwei britische Schlachtkreuzer explodierten. Als schließlich gegen 19.00 Uhr die beiden Hauptflotten aufeinander trafen, konnte Vizeadmiral Scheer nur durch waghalsige Manöver die Hochseeflotte aus der britischen Umklammerung befreien. In dieser Phase waren die Gegner einander ebenbürtig. Um 21.00 Uhr gab Jellicoe bei hereinbrechender Dunkelheit den Versuch auf, den Gegner zu stellen. Als am 01. Juni 1916 der Morgen über der Nordsee herauf dämmerte, war die deutsche Hochseeflotte auf dem Rückmarsch.

Wie ist der Ausgang zu werten?

Trotz einer zahlenmäßigen Überlegenheit bei den Linienschiffen und Schlachtkreuzern waren die britischen Verluste eindeutig höher: Drei britische Schlachtkreuzer und drei Panzerkreuzer gingen verloren. Teilweise waren es Totalverluste: Treffer in die schlecht gepanzerten Munitionskammern führten zu Explosionen, die nur wenige Besatzungsmitglieder überlebten. 14 britische Einheiten sanken in der Schlacht; 6094 Angehörige der Royal Navy starben.

Auf deutscher Seite ging ein Schlachtkreuzer verloren; er musste in der Nacht beim Rückmarsch aufgegeben werden. Der Teil der Besatzung, der die Schlacht überlebt hatte, wurde von Torpedobooten übernommen. Das Linienschiff Pommern, sowie kleinere Einheiten sanken ebenfalls; insgesamt hatte die kaiserliche Marine 11 Schiffsverluste und 2551 Tote zu beklagen. In taktischer Hinsicht könnte man von einem deutschen Sieg sprechen. Die Hochseeflotte erwies sich einem zahlenmäßig überlegenen Gegner als zumindest ebenbürtig. In einer für die Deutschen sehr prekären Phase der Schlacht, als Jellicoe für einen kurzen Moment seine zahlenmäßige Überlegenheit ausspielen konnte, bewies Scheer kühle Entschlossenheit und ließ seine Geschwader Manöver durchführen, die man in der Navy nicht beherrschte. Hier zeigten die Deutschen, dass ihr seemännisches Können den Briten in nichts nachstand.

Während der Nacht, als es zu vereinzelten Gefechten kam, demonstrierte die kaiserliche Marine, dass ihre Artillerie unter diesen Bedingungen dem Gegner eindeutig überlegen war. Doch Tatsache ist auch, dass die Deutschen sich zurückzogen. Sie hatten sich gegen einen doppelt so starken Gegner mehr als achtbar geschlagen, wären aber wohl kaum in der Lage gewesen, die Kampfhandlungen am 01. Juni 1916 mit Aussicht auf Erfolg fortzusetzen.

Die strategische Ausgangslage blieb bestehen; England konnte seine Blockade aufrecht erhalten. Und das war aus Sicht der Briten ein sehr wichtiges Ergebnis. Die ›Grand Fleet‹ beschränkte weiterhin den Handlungsspielraum der deutschen Marine auf die Deutsche Bucht. Doch in England reagierte man in den ersten Junitagen des Jahres 1916 geschockt. Jellicoe blieb im Schatten Nelsons. Die Deutschen waren keineswegs von der See gefegt worden, sondern hatten sich zumindest behauptet. Dass die britische Seite einen größeren strategischen Nutzen aus der Schlacht zog, war der englischen Öffentlichkeit schwer zu vermitteln. Sie feierte dagegen Vizeadmiral David Beatty, den Kommandeur der britischen Vorhut, der im Skagerrak mehr Schneid als Überblick bewies und schwere Fehler beging, dafür aber dem Idealbild eines gut aussehenden Haudegens entsprach.

Analysiert man den Verlauf der Schlacht genauer, treten alle Mängel, an deren Beseitigung Jellicoe seit 1904 mitgearbeitet hatte, zu Tage. Die britische Vorhut unter Beatty war im Gegensatz zur deutschen nicht in der Lage, den genauen Standort des Gegners festzustellen und ihren taktischen Auftrag zu erfüllen, nämlich die deutschen Kräfte an das Gros der ›Grand Fleet‹ heranzuführen. Zwischen 17.00 und 18.00 Uhr erhielt Jellicoe widersprüchliche Meldungen über den Kurs der deutschen Flotte.

Während Scheer von Hipper richtig informiert wurde (das hinter der britischen Vorhut das Gros der Engländer folgte, konnte auch Hipper nicht wissen), musste der britische Admiral seine Entscheidungen aufgrund eines unvollständigen Lagenbildes treffen. Die Sicht war schlecht und Radar gab es noch nicht.

In dieser Situation reagierte Jellicoe richtig: Seine Befehle führten dazu, dass Scheer und die Hochseeflotte sich gegen 18.30 Uhr einer feuerspeienden Wand britischer Linienschiffe gegenüber sahen, denen er nur durch ein waghalsiges Wendemanöver entkommen konnte. Die aussichtslose Lage des deutschen Admirals zu diesem Zeitpunkt war das Ergebnis der überlegenen Taktik des britischen Flottenführers.

Vizeadmiral Reinhard Scheer erwies sich dann aber als ebenbürtiger Gegner: Er ließ seine Flotte im gegnerischen Feuer abdrehen, um dann 45 Minuten später wieder plötzlich Kurs auf den Feind zu nehmen. Das erneute Aufeinandertreffen verunsicherte die Briten und führte noch einmal zu einigen Schusswechseln, ehe Scheer sich entschloss, die Schlacht endgültig abzubrechen. Unter dem Schutz der deutschen Schlachtkreuzer und der Torpedoboote, die einen Entlastungsangriff fuhren, zog die Hochseeflotte sich zurück.

Jellicoe wiederum, dem auch U-Boote gemeldet worden waren, setzte nicht nach. Er hoffte, am nächsten Morgen die Schlacht wieder aufnehmen zu können, doch da befanden sich die kaiserlichen Schiffe schon auf dem Weg nach Wilhelmshaven.

Gemessen an der strategischen Situation Englands und seiner Verbündeten tat Jellicoe am Abend des 31. Mai 1916 das Richtige: Er ging kein Risiko ein. Ein deutscher Sieg hätte die Lage des Kaiserreiches deutlich verbessern können.

Die Führung des britischen Admirals an diesem Tag mag nicht spektakulär gewesen sein; er kannte die Vorzüge, aber auch die Mängel der ›Grand Fleet‹, und er beging nicht den Fehler, die Deutschen zu unterschätzen. Sein Pech bestand darin, dass er an den Leistungen eines Nelson gemessen wurde, und dass er Kritiker hatte, die in den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg deutlicher in Erscheinung traten als Jellicoe: Winston Churchill und Vizeadmiral David Beatty. Hinzu kam, dass die letztlich positiven Auswirkungen für England, die Jellicoe zu verdanken waren, nicht in das Bild passten, das die Briten von ihrer Flotte hatten. Skagerrak war ein wichtiger, aber unscheinbarer Erfolg.

Winston Churchills Kritik an der Führung des Admirals beeinflusste die Öffentlichkeit lange. Immerhin musste auch er einräumen, dass Jellicoe der einzige alliierte Oberbefehlshaber war, der den Krieg an einem Nachmittag hätte verlieren können – womit er indirekt zugab, dass die vorsichtige Handlungsweise des Admirals ihre Gründe haben mochte.

Beatty, der 1916 die Nachfolge von Jellicoe als Oberbefehlshaber der ›Grand Fleet‹ antrat und 1919 Erster Seelord wurde, verhinderte nach dem Krieg das Erscheinen eines Untersuchungsberichtes, der seine Fehler als Kommandeur der britischen Vorhut benannte und in der Öffentlichkeit sicher zu einem positiveren Bild von Jellicoe geführt hätte. Der englische Oberkommandierende im Skagerrak ging 1920 als Generalgouverneur nach Neuseeland und konnte sich nur mit einem schriftlichen Beitrag in die Debatte einschalten, die in den frühen zwanziger Jahre beinahe zu einer schädlichen Parteibildung im Offizierskorps geführt hätte. Daran war die Regierung nicht interessiert.

Der Historiker Corelli Barnett würdigte Jellicoe als den »Seemann mit dem schartigem Degen«, der am 31. Mai 1916 das Optimum dessen erreicht habe, was möglich gewesen sei. Die Schlacht habe gezeigt, dass die Industriemacht England sich bereits im Niedergang befunden habe. Die deutschen Linienschiffe seien den britischen von der Qualität her überlegen gewesen; die Entfernungsmesser der deutschen Richtschützen hätten die optischen Geräte der britischen Artilleristen deutlich hinter sich gelassen. Im Skagerrak zeigte sich der technische Vorsprung der deutschen Industrie gegenüber der veralteten britischen Technik. Was Englands Ingenieure den Nachfahren Nelsons an die Hand geben konnten – so Barnett – das waren schartige Degen. Damit mochte man sich tapfer schlagen und ein wichtiges Unentschieden erreichen, aber ein zweites Trafalgar wurde so unmöglich.

Auf deutscher Seite wiederum erkannte man 1916, dass die Hochseeflotte bei aller Tüchtigkeit den Krieg nicht zu Gunsten des Kaiserreiches entscheiden konnte. Die Öffentlichkeit feierte noch den vermeintlichen Triumph, als Vizeadmiral Scheer dem Kaiser einen Bericht vorlegte, der im uneingeschränkten U-Bootkrieg die einzige Chance sah, die britische Blockade zu brechen. Zu einer weiteren Seeschlacht wie im Skagerrak sollte es im Ersten Weltkrieg nicht mehr kommen.

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Katharina Kellmann ist Historikerin und Publizistin. Das Spek­trum ihrer The­men umfasst die deut­sche und euro­päi­sche Geschichte seit 1648, mit Beiträgen zur Revo­lu­tion von 1918/19, zur Geschichte des Libe­ra­lis­mus und der See­fahrt bis zum Bereich Mode und Kul­tur. – Homepage

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.