Anton Erkelenz

von Katharina Kellmann

Anton Erkelenz (1878 bis 1945) war ein liberaler Gewerkschafter und Parteipolitiker. Nachdem er lange Jahre im organisierten Liberalismus aktiv gewesen war, trat er 1930 zur SPD über. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Als sozialer Demokrat war er davon überzeugt, dass eine Demokratie nur dann bestehen kann, wenn Freiheit und Gleichheit in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.

Anfänge in der Gewerkvereinsbewegung

1902 trat Erkelenz eine hauptamtliche Stelle als Arbeitersekretär in Düsseldorf an. Aufgewachsen in einer Handwerkerfamilie, entschied er sich nach einer technischen Berufsausbildung und dem Wehrdienst für die Gewerkschaftsarbeit. Er wollte nicht den väterlichen Betrieb übernehmen, sondern sich in der Arbeiterbewegung engagieren. 1897 schloss er sich dem liberalen Gewerkverein der Metallarbeiter an.

Erkelenz war kein Sozialist. Die politische, wirtschaftliche und soziale Gleichberechtigung der Arbeiterschaft leitete er aus demokratischen Grundüberzeugungen ab, die ihm Gottfried Stoffers, ein linksliberaler Journalist am Ende des 19. Jahrhunderts, vermittelt hatte. Stoffers sammelte in seiner »Volkswirtschaftsschule« in Düsseldorf junge Gewerkschafter um sich, die größtenteils den liberalen Gewerkvereinen angehörten. Noch im Alter erinnerte sich Erkelenz an den 18. März 1898, als in der »Volkswirtschaftsschule« des 50. Jahrestages der Berliner Barrikadenkämpfe gedacht wurde. Dieses Datum macht deutlich, dass Erkelenz sich zu einem demokratischen Liberalismus bekannte. Für die Mehrzahl der Liberalen stellten die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe im März 1848 keinen Bezugspunkt dar.

Demokratie verstand Anton Erkelenz zeit seines Lebens als Teilhabe aller Bevölkerungsschichten am politischen Geschehen, im Betrieb und in der Gesellschaft. Die Sozialdemokraten lehnte der liberale Gewerkschafter ab, weil das zumindest in der Theorie verfochtene Prinzip der Herrschaft einer Klasse für ihn undemokratisch war. 1908 legte er seinen Standpunkt in seinem »Arbeiterkatechismus«dar: »Die Arbeiterbewegung kämpft für die Erringung und Aufbesserung ihrer Stellung in der Gesellschaft. Sie kämpft aber nicht gegen die anderen Gesellschaftsklassen, sondern lässt jeder derselben ihre berechtigte Stellung in der Gesellschaft. Die Arbeiterschaft will die anderen Klassen nicht beherrschen, von diesen aber auch nicht, wie es vielfach der Fall ist, beherrscht werden, sondern mitherrschen.«

Erkelenz hoffte zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf die Gründung einer demokratischen Arbeiterpartei nach dem Vorbild der englischen Labour Party. Doch schon bald musste er einsehen, dass das nicht möglich war und konzentrierte sich auf die Mitarbeit in der linksliberalen Freisinnigen Vereinigung mit dem Ziel, dort den sozialliberalen Flügel zu stärken. Solange die SPD sich einem marxistischen Politikverständnis verpflichtet fühlte, sah er im organisierten Liberalismus größere Chancen für sein Konzept einer demokratischen Arbeiterpolitik. Anton Erkelenz hoffte, dass die Linksliberalen im 20. Jahrhundert die Partei der Arbeiter sein würden und nicht mehr nur die Partei des Bürgertums wie im 19. Jahrhundert. Wie andere Sozialliberale seiner Zeit glaubte er nicht mehr, dass ein ungehemmter Kapitalismus auf Dauer zu mehr sozialer Gerechtigkeit führen würde. Staatliche Eingriffe hielt er für sinnvoll, wenn dadurch die Freiheitsrechte einzelner geschützt oder erst hergestellt werden könnten. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Widerstand gegen staatliche Sozialpolitik in den liberalen Gewerkschaften oder in Teilen des organisierten Liberalismus immer noch stark. Erkelenz kritisierte diese Haltung 1903 in einer liberalen Gewerkschaftszeitung: »Jene alte Herren basieren auf dem lendenlahmen Manchestergrundsatz, sie überhören das Pochen einer neuen Zeit. Jedweder staalicher Zwang ist von ihnen in Acht und Bann getan, ein jeder helfe sich selbst und sehe zu, wie er durchkommt, ist ihr Hauptprinzip. Allerdings in manchen Punkten haben sie ihr Programm revidieren müssen; einen staatlichen Arbeiterschutz mussten sie anerkennen und mit einer staatlichen Versicherung hat man sich, wenn auch missmutig, abfinden müssen...Die Ansichten der Leute stehen auf dem Boden des Individualrechtes, bewusst oder unbewusst; das Recht des einzelnen ist der angelegte Maßstab, nach dem sich alles einrichten muss. Freiheit in ihrem Sinne ist, wenn jeder ohne Beschränkung machen kann, was er will, aber sie vergessen, dass die schrankenlose Freiheit des einzelnen vielfach die größte Unfreiheit und Sklaverei für eine ganze Reihe anderer Leute bedeutet.«

Sozialpolitik sollte in seinen Augen dem Einzelnen eine Chance geben, seine Situation zu verbessern. Hier wird sein sozialliberaler Ansatz deutlich: Der Kampf um die Gleichberechtigung der Arbeiterschaft war für ihn keine Klassenfrage, sondern eine Sache des Individuums; aber dieses Individuum sollte sich mit anderen zusammentun und im solidarischen Handeln – in Gewerkvereinen und Genossenschaften – seine Ziele erreichen. Liberale Sozialpolitik zeichnete sich für Anton Erkelenz dadurch aus, dass sie im Einzelfall prüft, welches Instrument am besten geeignet ist, um auch die Freiheitsrechte sozial Schwächerer zu erweitern. Den Sozialdemokraten warf er vor, sie verharrten in einer Fundamentalopposition, die den Arbeitern nur Nachteile bringe. Mit ihrem marxistischen Weltbild nähme die SPD »den Menschen auch einen Teil ihrer Selbstbestimmung und Gedankenfreiheit«.

1907 ging er nach Berlin, wo er eine Stellung in der Gewerkschaftszentrale der liberalen Gewerkvereine annahm, aber sein Interesse galt immer mehr der Parteipolitik. Denn die Zeit schien günstig für eine inhaltliche Neuorientierung des Liberalismus.

Vor dem Ersten Weltkrieg diskutierten die Linksliberalen oder Freisinnigen noch einmal ihr Verhältnis zur Arbeiterschaft. Sie wollten nicht, dass der Linksliberalismus auf Dauer zu einer Zwangsehe mit den Nationalliberalen und den Konservativen verdammt sei. Außerdem war die SPD mittlerweile so stark geworden, dass die vom Staat praktizierte Politik der Ausgrenzung und Behinderung sich schädlich auf die deutsche Innenpolitik auswirkte. Ohne eine reformerisch orientierte SPD war eine Parlamentarisierung des Kaiserreichs nicht möglich. Und die Linksliberalen brauchten einen Bündnispartner gegen die Konservativen und das katholische Zentrum.

1910 schlossen sich die drei kleineren linksliberalen Parteien, unter ihnen auch die Freisinnige Vereinigung, zur Fortschrittlichen Volkspartei zusammen. Aber der große Durchbruch gelang dem Freisinn nicht. Die programmatische Erweiterung ging nicht so weit, dass Teile der Arbeiterschaft sich bei den Reichstagswahlen 1912 für den Freisinn entschieden. Und selbst der gemäßigt sozialliberale Kurs war an der Parteibasis umstritten. Einem Parteisekretär der Fortschrittlichen Volkspartei aus Pommern fiel dies immer wieder auf: »Meiner Erfahrung nach haben die liberalen Leute stets das Streben, nur nicht mit den Arbeitern in Berührung zu kommen.«

Erkelenz kandidierte bei den Reichstagswahlen 1912, aber er schaffte nicht den Sprung in das Parlament. Im gleichen Jahr gab er auch seine Stelle als Gewerkschaftsfunktionär auf. Als Journalist und Publizist wollte er sich stärker auf die Parteiarbeit konzentrieren. Trotz aller Rückschläge glaubte er, dass ein reformerischer Liberalismus die deutsche Innenpolitik verändern könnte.

1918 bis 1921: Hoffnung auf einen neuen Liberalismus

1914 unterbrach der Erste Weltkrieg die politische Laufbahn von Anton Erkelenz. Nach drei Jahren konnte er die Uniform ausziehen; für die Fortführung des elterlichen Betriebes wurde er unabkömmlich gestellt. Doch schon ab dem Herbst 1918 sollte die Politik wieder im Vordergrund stehen und innerhalb weniger Jahre konnte sich Anton Erkelenz in der ersten Reihe des organisierten Liberalismus etablieren.

Im November 1918 standen die Linksliberalen vor der Frage, wie sie auf die veränderte Situation reagieren sollten. Deutschland schien sich von einem monarchistischen Obrigkeitsstaat in eine sozialistische Räterepublik zu verwandeln. Linksliberale Intellektuelle gründeten Mitte November die Deutsche Demokratische Partei (DDP). Die Demokraten erkannten die Republik an und hofften auf ein Bündnis mit der Mehrheitssozialdemokratie. In den nächsten Wochen schlossen sich immer mehr Parteivereine der Fortschrittlichen Volkspartei der DDP an. Anton Erkelenz hatte den Vorsitz der Düsseldorfer Organisation übernommen und kandidierte mit Erfolg für die verfassunggebende Versammlung, die im Februar 1919 in Weimar zusammen trat. In der linksliberalen Fraktion machte er durch Sachkenntnis und Fleiß auf sich aufmerksam. Er warb mit Unterstützung von Friedrich Naumann für ein sozialpolitisches Programm, das die Verstaatlichung des Bergbaus und der Energieindustrie, ein Arbeitsschutzgesetz für Arbeiter und Angestellte, die Einführung der betrieblichen Mitbestimmung sowie eine Bodenreform beinhaltete.

Doch wie schon vor dem Krieg stand der größte Teil der Linksliberalen sozialpolitischen Reformen skeptisch gegenüber. Wenige Monate nach der Revolution hatten die freisinnigen Honoratiorenpolitiker beinahe ihren alten Einfluss zurückgewonnen. Die 18 Prozent, die die DDP bei den Wahlen im Januar 1919 erhalten hatte, waren vor allem bürgerlichen Wählern zu verdanken, die in der neuen Partei ein Bollwerk gegen den Sozialismus sahen.

Anton Erkelenz gehörte zu den Parteimitgliedern, denen es ernst war mit einem inhaltlichen Neuanfang. In den nächsten Jahren beteiligte er sich intensiv an den parteiinternen Auseinandersetzungen. 1919 diskutierte die DDP über ein Parteiprogramm. Der linke Flügel, dem Erkelenz angehörte, wollte die Demokraten als nicht-sozialistische Reformpartei etablieren. Sie sollte eine Partei der Arbeiter und Bürger sein, ein Ziel, das er schon vor 1914 angestrebt hatte. Der linksliberale Journalist Georg Bernhard, Chefredakteur der Vossischen Zeitung und Mitglied der DDP, unterstützte diesen Anspruch: »Die Demokratie kennt nur Staatsbürger aller Berufe. Sie vertritt aber keine Klasseninteressen. Als politische Partei muss daher die demokratische Partei auch die besonderen Forderungen der Arbeiter und Angestellten nachdrücklich vertreten, soweit sie mit dem Allgemeininteresse vereinbar sind, und zumal dann, wenn ihr Schutz im Allgemeininteresse geboten ist.«

Dass im Dezember 1919 verabschiedete Parteiprogramm lag auf einer gemäßigt sozialliberalen Linie. Die DDP strebte demnach einen »demokratischen Staat sozialen Rechts« an, ohne aber genau zu sagen, wie dieses Ziel erreicht werden sollte.

Beispielhaft für die starken Meinungsverschiedenheiten gerade in Fragen der Sozialpolitik war die parteiinterne Auseinandersetzung über das Mitbestimmungsgesetz von 1920. Dabei entsprach das Gesetz, mit dem erstmals Betriebsräte vorgeschrieben wurden, der alten linksliberalen Forderung, aus dem Industrieuntertan den Industriebürger zu machen. Doch großen Teilen der Partei gingen die Zugeständnisse an die Mehrheitssozialdemokratie und die Gewerkschaften zu weit. Bei der Schlussabstimmung in der Weimarer Nationalversammlung votierte nur ein Teil der Parlamentarier der DDP für das Gesetz.

Am 6. Juni 1920 fanden die ersten Reichstagswahlen der Weimarer Republik statt. Die DDP verlor 10 Prozent der Stimmen; die rechtsliberale Deutsche Volkspartei (DVP) übertraf die Demokraten deutlich und sollte fortan bei allen Reichstagswahlen vor den Linksliberalen liegen.

Bei den Demokraten wurde der rechte Flügel immer einflussreicher. In einigen Landesverbänden gab es eine offene Diskussion über eine Fusion mit der DVP. Der linke Flügel kämpfte darum, die DDP weiterhin als eine Partei der linken Mitte zu erhalten. Das Kaiserreich war für diese Demokraten am Gegensatz zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum gescheitert, und je stärker die SPD sich wieder nach links orientierte, desto wichtiger war für Anton Erkelenz eine politische Kraft wie die DDP, die eine Brücke bilden konnte zwischen beiden Lagern. Im Laufe des Jahres 1921 äußerte er sich immer skeptischer über den rechten Flügel seiner Partei. Im September 1921 machte er vor liberalen Gewerkschaftern keinen Hehl aus seiner Enttäuschung: »Und wenn irgendwann, dann war nach der so unblutig verlaufenen und schnell vorüber gerollten Revolution die Stunde gekommen, in der eine große, demokratische und soziale Partei in Deutschland eine neue Zukunft hatte. Man muss erkennen, dass das deutsche Bürgertum diese Probe nicht bestanden hat. Als der Zwang der Ereignisse schwächer wurde, als die Lebensgefahr geschwunden war, kehrte der alte spießbürgerliche Sinn wieder zurück, der, politisch gesehen, den deutschen Bürger von jeher ausgezeichnet hat.«

Der Bremer Parteitag der Demokraten im November 1921 stand im Zeichen dieses Richtungskampfes. Anton Erkelenz wurde zum Vorsitzenden des Parteivorstandes gewählt und gehörte damit der Führungsspitze an. Die Linken konnten verhindern, dass die DDP sich weiter der rechtsliberalen DVP annäherte.

1921 bis 1929: In der ersten Reihe des organisierten Liberalismus

Erkelenz stand auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Als Vorsitzender des Parteivorstandes hatte sein Wort Gewicht in der Partei. Im Reichstag gehörte er zeitweilig dem Fraktionsvorstand an. Zwischen 1920 und 1930 vertrat er den Wahlkreis Düsseldorf im Parlament.

In der eher bürgerlich geprägten DDP war Erkelenz eine Ausnahme. Auch wenn er als Vertreter des linken Flügels in das Amt gewählt wurde, so wollte er doch der ganzen Partei gerecht werden. Das führte dazu, dass Erkelenz sich nicht mehr nur mit Sozialpolitik beschäftigte, sondern auch zu grundlegenden Fragen der Innen- und Außenpolitik Stellung nahm. Außerdem versuchte er seine Parteifreunde von der Notwendigkeit einer modernen und effizienten Parteiorganisation zu überzeugen. Schon die regelmäßige Zahlung von Mitgliedsbeiträgen wurde zum parteiinternen Problem. Die Spenden aus der Industrie finanzierten zwar den Parteibetrieb, machten die DDP aber abhängig von ihren Gönnern. In der DDP setzte sich die Tradition der liberalen Honoratiorenpolitik aus der Vorkriegszeit fort. Die Demokraten hätten zwar herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in ihren Reihen, aber das alleine würde nicht reichen, wie er 1922 feststellte: »Im Gegensatz zu den besten Parteisoldaten der anderen drei Parteitypen fehlt es uns meist an Draufgängertum, am Willen zur Macht.«

Erkelenz gehörte zu den entschiedenen Befürwortern der Republik. Bis in die letzten Wochen des Krieges hinein hätte er auch eine parlamentarische Monarchie in Zukunft für möglich gehalten, aber mit dem Sturz der Hohenzollern war für ihn die Frage der Staatsform entschieden.

Wichtig war ihm auch, dass die Demokratie als Regierungsform akzeptiert wurde. Liberalismus und Demokratie stellten für ihn keine Gegensätze dar. Teile seiner Partei taten sich da schwerer. Was der rechte Flügel der DDP dachte, brachte Reichswehrminister Otto Gessler im November 1922 zum Ausdruck, als er im Parteivorstand bemerkte, für ihn stünde nicht die Republik im Vordergrund, sondern das Vaterland.

Erkelenz hielt diese Vorbehalte für fatal und warb in der Mitgliederzeitschrift der DDP dafür, Weimar eine Chance zu geben: »Die Demokratie ist die einzige Staatsform, die auch den wahren nationalen Gedanken zur innerlich erlebten Selbstverständlichkeit des Volkes machen kann. In England, in den Vereinigten Staaten, auch in Frankreich haben hundert Jahre demokratischer Praxis und Erziehung diese Aufgabe gelöst. Es ist kein Grund anzunehmen, dass die Demokratie in Deutschland diese Aufgabe nicht lösen könnte.«

Mit Sorge beobachtete er, dass Arbeiterschaft und Bürgertum sich voneinander entfernten. Die Deutsche Demokratische Partei hatte in seinen Augen hier eine wichtige Brückenfunktion zu erfüllen. Für ihn war nur der linke Flügel des Zentrums demokratisch; die DVP war seiner Auffassung nach noch halbherziger in ihrem Bekenntnis zur Republik, und die SPD schätzte er als reine Gewerkschaftspartei ein. Die junge Republik konnte nach Auffassung von Erkelenz nur überleben, wenn sie in der Gesellschaft als Staats- und Regierungsform akzeptiert wurde. Deshalb wollte er den in Bremen erzielten Kompromiss zwischen dem sozialliberalen und dem bürgerlich-liberalen Flügel in der Partei erhalten. Einige Weggefährten kritisierten ihn dafür, aber Anton Erkelenz fürchtete, dass eine linksdemokratische Politik zu einer Spaltung der DDP führen könnte: Der gemäßigte Flügel würde mit der DVP fusionieren, die sich unter der Führung von Gustav Stresemann allmählich in die Mitte bewegte, während der sozialliberale Flügel als eigenständige Partei zur Bedeutungslosigkeit verdammt sei. Entschieden wehrte er sich auch gegen die Versuche, aus der DDP eine reine Mittelstandspartei der Handwerker und der Beamten zu machen. Zum einen widersprach das in seinen Augen dem Gründungsgedanken der Partei und zum anderen sah er hier in Konkurrenz zu den anderen bürgerlichen Kräften kein ausreichendes Wählerreservoir.

In der Weimarer Republik griff er vergeblich ein Projekt auf, das ihn schon zu Beginn seiner politischen Laufbahn beschäftigt hatte: die Entstaatlichung der Sozialpolitik. Die Bismarcksche Sozialpolitik passte für ihn in die Zeit der konstitutionellen Monarchie. Nun – in einer demokratischen Republik – sollten die Sozialversicherungssysteme in den nächsten zwanzig Jahren in eine von Gewerkschaften und Unternehmern getragene soziale Selbstverwaltung überführt werden. Das Vorhaben setzte eine politische Konfliktkultur und einen Konsens über wirtschaftliche und soziale Fragen voraus, der in dieser Form in Weimar nie bestand. Es zeigt aber, wie stark Erkelenz sich einem demokratischen und sozialen Liberalismus verpflichtet fühlte.

Die Reichstagswahl von 1928 brachte nur noch 4,8 Prozent der Stimmen für die DDP. Innerhalb der Partei kam es nun zu einer intensiven Diskussion über den zukünftigen Kurs. Eine Verschmelzung mit der DVP stand wieder zur Diskussion. Auch für Erkelenz schien die Zeit abgelaufen zu sein. Der Parteivorsitzende, Erich Koch-Weser, wollte ihn ablösen lassen. Erkelenz war durch eine langwierige Erkrankung daran gehindert, sich entschiedener an dem Machtkampf zu beteiligen. Im August 1929 trat er von seinem Amt zurück und wurde stellvertretender Parteivorsitzender – ein Abstieg in der parteiinternen Hierarchie. Über die Zukunft der DDP machte er sich keine Illusionen mehr. Er wollte bleiben, um im Falle einer Fusion mit der DVP Teile des sozialliberalen Flügels in die SPD zu führen.

Am 27. Juli 1930 gründete die DDP mit dem Jungdeutschen Orden, einer nationalistischen Organisation, die alles andere als liberal war, die Deutsche Staatspartei. Ein Zusammenschluss mit der DVP war nicht zustande gekommen. Zwei Tage später gab Erkelenz seinen Wechsel zur SPD bekannt.

In der Sozialdemokratie

Seit 1929 hatte Anton Erkelenz mit dem Gedanken gespielt, sich der Sozialdemokratie anzuschließen. Nicht, dass er Sozialist geworden wäre, aber angesichts der Wirtschaftskrise und des desolaten Zustands der politischen Mitte sah er sich vor die Wahl gestellt. Er entschied sich für eine Organisation, die in seinen Augen stark genug war, die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu vertreten und die Republik zu schützen. Erkelenz war kein Gesinnungsethiker, der lieber mit einer Splitterpartei Schiffbruch erlitten hätte, statt in einer größeren Partei Zugeständnisse zu machen.

Einem Freund schrieb er im August 1930, die SPD sie »vom politischen Schicksal – gewollt oder ungewollt – dazu verurteilt, die große liberale Reformpartei zu sein, die das deutsche Bürgertum nie hat auf die Beine stellen können«.

Natürlich steht hinter solchen Formulierungen auch der Versuch, die Kontinuität der politischen Biographie zu wahren. Noch ein paar Jahre zuvor hatte Erkelenz anders geurteilt. Die wichtige Rolle der SPD bei der Festigung der Weimarer Demokratie hatte er immer gewürdigt, aber die sozialistische Tradition der Partei hielt er für einen Fehler. 1925 hatten die Sozialdemokraten in Heidelberg ein marxistisch orientiertes Programm beschlossen. Doch wie schon im Kaiserreich handelten sie in der Praxis als soziale Reformpartei. In der Weltwirtschaftskrise stützte sie die Präsidialkabinette des Zentrumpolitikers Heinrich Brüning, denn nun ging es um den Fortbestand der Demokratie überhaupt.

Erkelenz wollte sich in seiner neuen Partei nicht mit der Rolle eines Zaungastes begnügen. Zwar besaß er seit den Reichstagswahlen 1930 kein Abgeordnetenmandat mehr, aber als politischer Publizist meldete er sich wieder zu Wort. Erkelenz gehörte seit 1931 zu den Kritikern der Brüningschen Deflationspolitik. Der Reichskanzler wollte zwischen 1930 und 1932 aus außen- und finanzpolitischen Gründen den Haushalt konsolidieren und schränkte die Ausgaben stark ein. Die Industrie reagierte mit Lohnkürzungen auf die Wirtschaftskrise. Erkelenz setzte sich öffentlich für eine Politik der Kaufkraftstärkung ein. Hier konnte er an Forderungen anknüpfen, die er schon in der DDP vertreten hatte. Er glaubte nicht, dass mit Lohnkürzungen die Arbeitslosigkeit bekämpft werden könne.

Die Sozialdemokraten stützten den Reichskanzler, weil er in ihren Augen das kleinere Übel darstellte. Die Republik kämpfte um ihr Überleben, wobei von rechts und links Gefahr drohte. Die Gefahren von rechts bestanden nicht nur in der rechtsradikalen NSDAP, die bei den Reichstagswahlen 1930 mit 18 Prozent zur zweitstärksten Kraft nach den Sozialdemokraten geworden war, sondern auch in einem rechtskonservativen Block unter Einschluss der Nationalsozialisten, die aus der Präsidialdemokratie Weimars auf schleichendem Weg eine Präsidialdiktatur machen wollten. Die KPD als drittstärkste Kraft sah in der SPD ›Sozialfaschisten‹ und verweigerte sich einer aktiven Politik zum Schutz der Demokratie. Diese Tolerierungspolitik wurde von den Sozialdemokraten nur widerwillig unterstützt. Anton Erkelenz fürchtete, dass die Partei dabei auf Dauer zu Schaden käme und der Republik keine Dienste mehr leisten könnte.

Im Juni 1932 gehörte er neben Käthe und Karl Kollwitz, Heinrich Mann, Albert Einstein und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu den Unterzeichnern eines Aufrufs, der das Zusammengehen von SPD und KPD im Wahlkampf zum Aufbau eines Aktionsbündnisses gegen die Nationalsozialisten forderte. Gegenüber dem sozialdemokratischen Reichstagspräsidenten Paul Löbe rechtfertigte er sein Vorgehen mit dem Ziel, Teile der kommunistischen Wählerschaft zu den Sozialdemokraten hinüberzuziehen.

In einer Broschüre mit dem Titel »Der Rattenfänger von Braunau« warnte Erkelenz 1932 vor den Folgen einer nationalsozialistischen Herrschaft – die NSDAP stellte in diesem Jahr erstmals die stärkste Fraktion im Reichstag. Am Schluss äußerte er sich optimistisch, was die Zukunft anging: »Dennoch: Der Siegeszug der Demokratie ist unaufhaltsam. Selbst wenn die Nazis ihren Blutrausch nach der ›Nacht der langen Messer‹ erfüllt sehen sollten: Die Demokratie schreitet siegreich weiter. Die Unterwelt hat den Weg zum Licht nicht aufhalten können. Auch die braunen Dunkelmänner können es nicht. Wir wollen die Demokratie erweitern. Vom Klassenstaat zur Freibürgerschaft geht unser Weg. Unser Weg ist der der friedlichen Umwandlung, der völkischen Freiheit jeder Nation in der Gemeinschaft aller. Nur Demokratie führt zur nationalen Freiheit. Sie zwingen uns nur, neu zu rüsten, und wer etwas eingerostet war den rüttelt das Schicksal wieder wach. Soviel Schafe kann es nicht in der Welt geben, dass sie sich dauernd zum Schlachten drängen. Die Nacht geht vorüber. Der neue Tag kommt.«

Die Nacht sollte 12 Jahre dauern. Das Ende erlebte er noch, aber die Befreiung vom Nationalsozialismus kostete ihn das Leben: Anton Erkelenz wurde am 25. April 1945 in seinem Berliner Haus von marodierenden russischen Soldaten ermordet, als er sich schützend vor seine Haushälterin stellte.

Anton Erkelenz – was bleibt von ihm?

Erkelenz gehört nicht zu den Großen der Geschichte. Heute erinnert sich kaum noch jemand an ihn. Warum lohnt sich die Beschäftigung mit diesem streitbaren Politiker trotzdem?

Erkelenz war ein überzeugter Anhänger einer sozialstaatlich verfassten Demokratie. Als Liberaler setzte er auf die Kraft des Individuums; als Demokrat war er davon überzeugt, dass der Einzelne diesen Freiraum am ehesten in einer parlamentarischen Demokratie erreichen kann. Die Vorbehalte mancher Linksliberaler gegen Mehrheitsentscheidungen teilte er nicht. Demokratie bedeutete für ihn Mehrheitsherrschaft verbunden mit dem Minderheitenschutz.

Zur Demokratie gehörte für ihn aber auch die soziale Teilhabe in Wirtschaft und Gesellschaft. Als Gewerkschafter stritt er für Betriebsräte und ein modernes Arbeitsrecht. Hier blieb er bis zum Schluss ein Liberaler: Kein Liberaler im Sinne Eugen Richters, sondern Friedrich Naumanns. Der Industrieuntertan sollte zum Industriebürger werden; die Sozialpolitik ohne ›Vater Staat‹ auskommen. Verstaatlichungen stand er kritisch gegenüber; aber der Staat hatte in seinen Augen nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zum Eingreifen, wenn nur so Freiheitsrechte gesichert oder erweitert werden konnten.

Mit diesen Plänen vermochte er sich in der Deutschen Demokratischen Partei nicht durchzusetzen; in der SPD stellte er sie gar nicht erst zur Diskussion.

Ein anderes Projekt von ihm wurde nach dem Zweiten Weltkrieg realisiert: die Einheitsgewerkschaft. Erkelenz war spätestens seit den zwanziger Jahren davon überzeugt, dass die Existenz politisch dominierter Richtungsgewerkschaften der Arbeiterschaft schade. Nach 1945 wurde diese Spaltung im Deutschen Gewerkschaftsbund überwunden.

Erkelenz war kein origineller politischer Denker. Sucht man nach historischen Vorläufern, dann stößt man auf die Demokraten des Vormärz und der 48er Revolution. Sie unterschieden sich von den Liberalen dadurch, dass sie Freiheitsrechte nicht nur als Abwehrrechte gegenüber dem Staat definierten; es ging vielmehr um die Freiheit breiter Bevölkerungsschichten. Die Arbeit, so formulierten sie in Offenburg 1847, sollte von der Gesellschaft »gehoben« und »geschützt« werden. Das »Missverhältnis« zwischen Arbeit und Kapital sollte ausgeglichen werden. Eine progressive Einkommenssteuer würde die Lasten für die Gesamtheit gerechter verteilen. Die Rede war nicht vom Staat, wohl aber von der Gesamtheit oder der Gesellschaft. Die Betonung der sozialen Dimension von Freiheitsrechten unterschied die Demokraten von den Liberalen; die Vorstellung, dass die Gegensätze zwischen Arbeit und Kapital ausgeglichen werden könnten, von marxistisch orientierten Sozialisten dieser Zeit.

Auch Erkelenz strebte eine demokratische Ordnung an, in der unterschiedliche Bevölkerungsgruppen versuchten, ihre Interessen friedlich durchzusetzen. Für Erkelenz gab es keine Klassenkonflikte, die sich naturgemäß im Kommunismus auflösten. Zur Demokratie gehörte für ihn die Möglichkeit der Zusammenarbeit von Arbeit und Kapital, aber auch der soziale Konflikt. Demokratie setzte für ihn Realitätssinn und verantwortungsethischen Pragmatismus voraus.

Es scheint, dass unserer politischen Klasse heute ein Erkelenz gut tun würde.

Kellmann Katharina Google Plus

Katharina Kellmann ist Historikerin und Publizistin. Das Spek­trum ihrer The­men umfasst die deut­sche und euro­päi­sche Geschichte seit 1648, mit Beiträgen zur Revo­lu­tion von 1918/19, zur Geschichte des Libe­ra­lis­mus und der See­fahrt bis zum Bereich Mode und Kul­tur. – Homepage

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