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von Katharina Kellmann

Die Nachfahren regierender Fürstenhäuser haben es nicht leicht. Besonders schlimm trifft es die Hohenzollern. Vor allem der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II. (1888 bis 1918) zieht immer noch das Interesse der Forschung auf sich.

Ein britischer Historiker, John C. G. Röhl, wählte den letzten Hohenzollern auf dem Thron zu seiner Lebensaufgabe. Drei Bände mit circa 4200 Seiten brachte Herr Röhl zu Papier. Ich hatte die zweifelhafte Ehre, einen dieser Bände für eine Fachzeitschrift rezensieren zu dürfen.

Am Schluss empfand ich fast so etwas wie Mitleid mit Wilhelm II. Wäre er 1913 gestorben, dann würden man ihn zwar nicht als großen Kaiser würdigen, aber eine halbwegs durchschnittliche Bilanz könnte man ihm bescheinigen. Natürlich hatte der hohe Herr seine Marotten. Aber wer schon in seiner Kindheit von einem calvinistischen Erzieher gepeinigt wird, der hat sein Päckchen zu tragen. Doch Wilhelm II. war eben nicht Herr Müller aus der Buchhaltung, der seinen Kollegen und seiner Familie auf die Nerven geht, weil er Neurotiker ist. Er war Kaiser eines der mächtigsten europäischen Staaten. Die Verfassung billigte ihm keinen geringen Einfluss zu. Die Ausführungen über private Eskapaden der Familie hätte Röhl sich verkneifen können.

Noch einmal: Wilhelm II. war nicht der große Unhold und Völkerverderber. Noch nicht einmal das, könnte man sagen. Er war einfach überfordert, konnte sich schlecht konzentrieren und fühlte sich gestört, wenn man von ihm Entscheidungen verlangte. Dass ein Herr auch sein Haus zu führen hat, begriff er nie. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, erlitt Wilhelm einen Nervenzusammenbruch. An der Front sah man ihn selten. Ab und zu verteilte er Orden. Im November 1918 verließ der Oberste Kriegsherr die Truppe und floh nach Holland, wo er 1941 im Exil starb. Das nennt man Fahnenflucht.

Dass es unter seinem Sohn besser gelaufen wäre, ist kaum anzunehmen. Der Kronprinz hieß ebenfalls Wilhelm und fiel dadurch auf, dass er ebenso lebenslustig wie Eduard VII. war. Einige politische Äußerungen lösten selbst im konservativen Lager Stirnrunzeln aus. Als sich 1913 ein deutscher Offizier in seiner Garnisonsstadt wie ein frecher Lümmel aufführte, telegrafierte der Kronprinz zustimmend: »Immer feste druff«.

Immerhin blieb durch die Abdankung seines Vaters dem deutschen Volk ein Kaiser Wilhelm III. erspart. Zu Beginn der Zwanzigerjahre kehrte er nach Deutschland zurück. 1932 wollte er angeblich für die republikfeindlichen Kräfte als Reichspräsident kandidieren, aber sein Vater verbot ihm das. Wilhelm von Hohenzollern unterstützte daraufhin Adolf Hitler, der aber die Wahl verlor. Ob der politische Einfluss des ehemaligen Kronprinzen mit dazu beitrug, dass die Nationalsozialisten salonfähig wurden, ist unter Historikern umstritten. 1951 starb er.

Da gab es keinen deutschen Nationalstaat mehr, sondern eine ›Bundesrepublik Deutschland‹. In dieser Bundesrepublik interessierten sich vor allem Rentnerinnen für die europäischen Fürstenhäuser. Eine Reihe von Gazetten berichteten über die persische Kaiserin, die Affären so mancher Namensträger von Geblüt oder über die Heirat einer deutschen Diplomatentochter mit einem schwedischen König. Die Hohenzollern machten wenige Schlagzeilen – sie hatten ja auch nichts mehr zu sagen.

Das hat sich seit einigen Jahren geändert. Als der jetzige Chef des Hauses Hohenzollern heiratete, berichtete ein deutscher Fernsehsender davon. Vorher gab es noch einige Dokumentationen auf ›Phönix‹, einem an sich seriösen Fernsehkanal. Da erfuhr man, dass das Brautpaar eine ganz normale Ehe führen wollte. Jetzt kann man sich fragen, was die Republik davon hat – immerhin wissen wir es jetzt, und in China ist wieder ein Sack Reis umgefallen.

Wenn da nicht die Raumnot wäre. Denn das junge Paar hat Kinder. Also versucht der Chef des Hauses Hohenzollern, für seine Familie ein kostenloses Wohnrecht auf Lebenszeit im Schloss Cecilienhof vor Gericht zu erstreiten. Immerhin soll es da 176 Zimmer geben. Dieses Schloss gehörte den Hohenzollern einmal, aber 1945 überführte die sowjetische Besatzungsmacht das Gebäude in Gemeineigentum. In der DDR nutzte es der ›Demokratische Frauenbund‹ teilweise als Schulungszentrum. Die UNESCO hat das Schloss 1990 zum Weltkulturerbe erklärt.

Auch der Bürger Hohenzollern hat das Recht, bei Gericht seine Ansprüche geltend zu machen. Das Rechtsstaatsgebot nach Art. 20 Abs. 3 des Grundgesetzes gilt auch für ihn. Jetzt müssen Richter entscheiden.

Aber irgendwie scheint das kein normaler Rechtsstreit zu sein. Ich denke, wir sollten die Angelegenheit nicht auf die Spitze treiben. Wenn das Haus Hohenzollern sich vor Gericht durchsetzt, dann ist das so. Deutschland wird eine Republik bleiben.

Und was das Haus Hohenzollern mit den erstrittenen Liegenschaften und Bildern tut, ist seine Sache. Kritiker meinen, es ginge um Fragen der ›Deutungshoheit‹. Ich begreife das nicht. Im Grunde hat Georg Friedrich von Hohenzollern bewiesen, dass wir froh sein können, in einer Republik zu leben. Die deutschen Rentnerinnen sollten sich lieber auf Königin Maxima von Holland oder Prinz Charles von England konzentrieren. Und für den öffentlich-rechtlichen Hofberichterstatter Rolf Seelmann-Eggebrecht wäre es doch eine Zumutung, über den Lebensstil von Neureichen ohne Thron zu berichten.

Und wenn es Mühe bereitet, die Liegenschaften zu pflegen, kann die Chefin des Hauses Hohenzollern ja putzen. Als moderner Familienvater hilft der Chef sicher gerne mit. Wie sagt man so schön: Arbeit adelt.

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Katharina Kellmann ist Historikerin und Publizistin. Das Spek­trum ihrer The­men umfasst die deut­sche und euro­päi­sche Geschichte seit 1648, mit Beiträgen zur Revo­lu­tion von 1918/19, zur Geschichte des Libe­ra­lis­mus und der See­fahrt bis zum Bereich Mode und Kul­tur. – Homepage

Katharina Kellmann: Rubikon

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.