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Berlin Kammermusiksaal Kulturforum Tiergarten & Sony-Center.jpg
Von Pedelecs by Wikivoyage and Wikipedia, CC BY-SA 3.0, Link

von Wolfgang Thierse

„Der Kulturinfarkt“ heißt ein Buch, das seit einigen Wochen heftig und kontrovers diskutiert wird. Es kritisiert die öffentliche Kulturförderung und plädiert schlicht und radikal für eine Halbierung der subventionierten Kulturinstitutionen in Deutschland.

Erst einmal ist es ja nicht schlecht, wenn über die Rolle von Kunst und Kultur und deren Förderung debattiert wird, denn Kulturpolitik ist immer Wertentscheidung, die sich öffentlichem Gespräch stellen muss. Auch sind einige Aussagen in diesem Buch nicht falsch. Beispielsweise der Hinweis, dass strukturelle Anpassungen nötig sind, wo Bevölkerung und staatliche Mittel sinken.

Dennoch ist „Der Kulturinfarkt“ kein Beitrag besonderer kommunikativer Rationalität, von der einst Jürgen Habermas sprach, sondern typisch für die Aufmerksamkeit heischende Medienlogik: Alarmismus, Vermengung von Kritisierbarem mit populistischen Vorurteilen, lockerer Umgang mit Zahlen, Vereinfachung und radikale Forderungen. Es erinnert an die Methode Sarrazin - ein Bestseller-Rezept, das Schule macht.

Die Schärfe der Debatte und die Entschiedenheit, mit der Künstler, Kulturschaffende und Kulturpolitiker das Buch kritisieren, richten sich gleichwohl weniger gegen die Form der Darstellung als vielmehr die zugrundeliegende Auffassung, Kunst und Kulturförderung seien vornehmlich nach marktökonomischen Kriterien zu bewerten.

Der Ausschuss für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag hat sich in einer Protokollerklärung gegen diese Sichtweise ausgesprochen. Auch die Berliner Akademie der Künste hat einen Protestbrief verfasst.

Die Autoren des Buches fordern den Abschied von einer „Kultur für alle“. Dies aber können sich nur Gebildetere, Besserverdienende und Eliten leisten. Weil trotz finanziellen und institutionellen Ausbaus nur etwa die Hälfte der Bevölkerung am eigentlichen Kulturleben partizipiert, sollen wir unser Gerechtigkeitsziel und Bildungsideal aufgeben - welch zynische Forderung!

Dabei bedarf es auch und gerade der Kultur und der kulturellen Bildung, um soziale Exklusion zu bekämpfen. Ob neue Migranten-Arbeiterschaft oder bildungsferne deutsche „Unterschicht“: die anhand sozialer Kriterien bestimmbaren Spaltungen der Gesellschaft haben unübersehbar eine zutiefst kulturelle Dimension. Soziale Exklusion hat auch kulturelle Ursachen, kulturelle Exklusion verfestigt sich zur sozialen Exklusion. Sozialtransfers allein werden die Situation nicht verbessern, es kommt vielmehr gerade auch auf Teilhabe an Bildung und Kultur an!

Kunst und Markt

Wie ein roter Faden ziehen sich durch das Buch Schlüsselbegriffe wie Markt, Nachfrage und der Künstler als Unternehmer. Das propagierte Ende des Kulturstaats wird zur Durchsetzung der - seit der Finanzkrise doch eigentlich erledigten - neoliberalen Ideologie. Aber wollen wir in der Kulturpolitik in der Breite wirklich britische oder amerikanische Verhältnisse? Kulturpolitische Verantwortung des Staates wahrnehmen heißt doch, Freiheit gerade dort zu ermöglichen, wo sich Kunst und Kultur nicht schon durch wirtschaftlichen Erfolg oder zivilgesellschaftliche Nachfrage behaupten. Kulturpolitik muss vielmehr Orte, Möglichkeiten des gesellschaftlichen Selbstgesprächs neben und jenseits von Kunstmarkt und Kulturindustrie verteidigen und stärken. Nur mit Kultur, mit Kunst und Wissenschaft, öffnen sich besondere Erfahrungsräume menschenverträglicher Ungleichzeitigkeit, Erfahrungsräume des Menschen jenseits seiner Marktrollen als Arbeitskraft und Konsument.

Kultur ist elementare Basis von Demokratie als politischer Lebensform der Freiheit. Sie ist ein Laboratorium sozialer Fantasie, in dem über das Woher und Wohin der Gesellschaft nachgedacht, gespielt, debattiert wird, in dem die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt konstitutiven Normen, Werte, Vorstellungen, Visionen tradiert, verlebendigt, aufgefrischt, neu erfunden werden.

Ohne Bildung, ohne Freiheit und eben ohne Überschuss ist das alles nicht zu haben. Deshalb ist das „von allem zu viel“ der neoliberalen Streitschrift vom Kopf auf die Füße zu stellen: von Kultur, von den Künsten können wir gar nicht genug haben!

Foto: Ulrich Horb

Besprechungen

Der grüne Raum von Saint-Leu

von Ulrich Schödlbauer

»In diesem Moment machte ich zwei Fotos. Das erste Foto war Abasse, wie er mich als ein blutig geschlagener Clown verwirrt ansah. Das zweite Foto war Abasse, wie ihn eine Faust im Gesicht traf.« Eine Personverdoppelung in zwei Sätzen, die wie ein missing link die Person dazwischen erraten lässt, ein Schemen, ergänzt aus Eigenem, ergänzt durch Material aus einer anderen Welt, einer Welt, in der es gewalttätig zugeht, auch wenn kein Blut fließt und gerade keine Fresse poliert wird, weil die Interessen ein scheinbar gesitteteres Verhalten nahelegen. Dagegen setzt der Erzähler den grünen Raum von Saint Leu, eine Strecke inmitten der Brandung, nur dem Surfer zugänglich, der am Strand von La Réunion seine Künste spielen lässt.

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Axel Weipert/Salvador Oberhaus/Detlef Nakath/Bernd Hüttner (Hg.): »Maschine zur Brutalisierung der Welt«. Der Erste Weltkrieg – Deutungen und Haltungen 1914 bis heute, Münster 2017 (Verlag Westfälisches Dampfboot), 363 S.

von Gerhard Engel

Den Titel für ihren von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderten Sammelband liehen sich die Herausgeber bei Eric Hobsbawm, der den Ersten Weltkrieg mit diesem Begriff gekennzeichnet hatte. Doch in den achtzehn durchweg lesenswerten Beiträgen des Bandes, zumeist hervorgegangen aus wissenschaftlichen Veranstaltungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wird weit mehr abgehandelt als der Brutalisierungseffekt dieses bis dahin unbekannten industrialisierten Massenmordens. Denn sie ziehen eine Zwischenbilanz der seit 2014 geführten Debatten über Kriegsschuld und Verantwortung, verfolgen Fortwirkungen des Ersten Weltkriegs bis in die Zeit des Zweiten und bereichern unsere Kenntnisse über das Geschehen auf Kriegsschauplätzen, die seit 2014 in den Debatten über den ›Großen Krieg‹ weniger Beachtung fanden als die Fronten in Ost- und Westeuropa.

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Arbeit - Bewegung - Geschichte. Zeitschrift für historische Studien, Heft 2017/III

von Holger Czitrich-Stahl

Heft III von Arbeit – Bewegung – Geschichte erschien Ende September 2017 und widmet sich dem Schwerpunkt »An den Rändern der Revolution: Marginalisierung und Emanzipation im europäischen Revolutionszyklus ab 1917«. Wie auch in anderen Zeitschriften, die sich hundert Jahre nach den beiden russischen Revolutionen vom Februar und Oktober 1917 mit dem Revolutionszyklus von 1917-1923 beschäftigen, bemüht sich auch das hier betrachtete Periodikum um einen erweiterten Blickwinkel auf die Ursachen, Triebkräfte, Ereignisse und sozialen Träger der Umwälzungen jener Jahre nach dem herannahenden Ende des Ersten Weltkrieges und dem Abflauen der revolutionären Kämpfe 1922/23.

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