Drucken

von Ulrich Siebgeber

Man sollte meinen, zu einem welthistorischen Datum wie dem 8. Mai 1945 sei nach 75 Jahren alles gesagt. Das ist in der Theorie richtig, in der Praxis allerdings ergänzungsbedürftig. So strengen sich einige Profilneurotiker, passend zum Jubiläum und der Berliner Feiertagsposse, richtig an, erneut hierzulande eine Befreiungsdebatte in Gang zu bringen. Wurden ›wir‹ nun befreit oder besiegt oder besiegt und befreit oder teils befreit, teils erneut in die Versklavung getrieben oder teils-nicht-teils-doch oder was? So schludrig wie gedacht wie gesprochen wie geschrieben könnte man es bei diesem eher schwachen Auftrieb belassen – teils-teils, weder-noch, genau, aber andersherum, sicher-nicht, unglaublich, nicht zu fassen. Die Wahrheit steckt…

Ja wo steckt sie denn, die Wahrheit? Ich, um ein Beispiel zu nennen, habe mich mein Leben lang definitiv nicht befreit gefühlt, sondern frei – zuhause in einem System, das fundamentale Freiheiten für meinesgleichen vorhielt: ein gewichtiger Unterschied. Was damals geschehen war, deutlich vor meiner Geburt, was alles damals geschehen war, es war anderen Menschen geschehen, es war an anderen Menschen geschehen, und wenn man diese anderen darauf ansprach, dann wusste man schon, was passierte. Sie wurden wortkarg oder sie kamen ins Reden… Was immer dann aus ihnen heraussprudelte, es war konkret, es handelte von Menschen, von Menschenschicksalen, von Einzelschicksalen, von Gruppenschicksalen, von menschlichen Scheusalen und menschlichen Gesten, darunter nicht wenige noble, dankbar festgehaltene.

Natürlich wussten die Jüngeren, dass hinter diesen Reden andere, in der Regel ungehaltene lagen: Reden über Erfahrungen, die sich für jene Generation, nazi-affin oder nicht, ebenso selbstverständlich wie kaum kommunizierbar anfühlten, während die eigene Alterskohorte, eingeklemmt zwischen Familienmythen und Schulweisheit, anfangs eher nebulöse, abwehrgetränkte Vorstellungen damit verband, um schließlich, peu à peu, ihre vermutlich nicht immer sonderlich realitätshaltigen Formen des Umgangs ›mit der Geschichte‹ zu entwickeln. Dass Franzosen, Niederländer, Belgier, Norweger, Dänen Grund gehabt hatten, über ihre Befreiung zu jubeln und die Jubelfeiern in ihre Kalender zu schreiben, stand für die Erlebnisgeneration der Deutschen, gleichgültig, wie sie einst zum Regime gestanden hatten, außer Frage: Es verstand sich ebenso von selbst wie die Erleichterung der Drangsalierten, der dem Mordsystem von der Schippe Gesprungenen und die ohnehin in ein anderes Register gehörenden Empfindungen der Lager-Überlebenden, die zu entkräftet zum Jubeln waren und angesichts der ermordeten Millionen, mit denen man sich mehr oder weniger durch Verwandtschaft und verwandtes Schicksal verbunden wusste, erst mühsam, falls überhaupt, ins Leben zurückkehrten.

Anders lagen die Dinge, blickte man auf den Osten Europas, die Länder hinter dem Eisernen Vorhang. Hier fiel es schwer, das unerträgliche Gemenge aus nachhallender Nazi-Propaganda, deutschen Großverbrechen, überschießenden, zu unterschiedlichen Zeiten gehegten und zerstörten Hoffnungen, Nachkriegsbrutalitäten der sowjetischen Sieger und dem bleiernen System des panzergestützten real existierenden Sozialismus einigermaßen klar zu sortieren, ohne einander in die Haare zu geraten. Wenn das Wort von der widersprüchlichen Realität einmal einen Sinn besaß, dann hier. Man geriet einander in die Haare, weil der eigene Kopf sich weigerte, es zu fassen. Vollends die DDR, der ungeliebte zweite deutsche Staat: jenseits der offiziellen Sprechblasen und der in mehrfacher Hinsicht linken Sympathien, auf die man in bestimmten westdeutschen Kreisen stieß, ein Kontinent des Schweigens, etwas, wozu die Worte fehlten, es sei denn, man sprach über den Mangel und was man den Verwandten in Gera oder Plauen oder Leipzig ins nächste Paket stecken konnte.

Gibt es eine Befreiung ohne Befreier? Die Sieger jedenfalls hatten damals nicht die Absicht, Deutschland zu befreien. Befreit wurden die Deutschen an jenem 8. Mai vom NS-Regime sowie, per bedingungsloser Kapitulation, von den Qualen des Krieges: Das zumindest gehört zu den unbezweifelbaren Gewissheiten der Geschichte. Zu ihren nicht mehr zu lüftenden Geheimnissen gehört hingegen, wie viele Deutsche damals auch so zu empfinden vermochten. Befreit sein heißt nicht frei sein: Sie sollten die wiedergewonnene Freiheit feiern, die Deutschen. Leider lässt sie sich nicht auf einen bequemen Kalendertermin zusammenschieben. Es ist auch nicht dieselbe Freiheit-von, auf die sich alle einigen könnten, dazu sind die Lebensläufe Ost und West offenbar zu unterschiedlich und in ihren Konsequenzen, jedenfalls in der Menge, zu wenig durchdacht worden. Da sollte die Freiheit-zu umso wichtiger sein.

Zum historischen 8. Mai, dem Tag, an dem für die Deutschen der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, gehört unabdingbar die Trauer. Trauerrituale und selektives Totengedenken prägten den offiziellen Alltag der frühen Bonner Republik. Mit den Ereignissen von 1968 und dem Beginn der sozialliberalen Koalition verblasste vieles davon und an die Stelle der ›Opfer der Gewaltherrschaft‹ sowie der ›Opfer von Krieg und Vertreibung‹ traten die ›Opfer des Nazi-Regimes‹ beziehungsweise, wiederum peu à peu, ›der Deutschen‹. Was viele damals als Ende der von den Mitscherlichs diagnostizierten Unfähigkeit zu trauern, als Durchgangsstadium zu einer neuen Ehrlichkeit und einem geläuterten Selbstbild der Deutschen in der Geschichte willkommen hießen, entwickelte sich zügig zu einem eigenen, bis heute spürbaren Ritualsystem, von dem nicht die Unsensibelsten behaupteten und behaupten, es maskiere, bei aller angestrengten Unangestrengtheit, die neue deutsche Großmannssucht, jedenfalls eine moralische Überheblichkeit der Lebenden, zu der, angesichts der Fakten- und Weltlage, kein Grund vorliege.

Zu dem Weizsäcker-Wort, das die Deutschen auf den 8. Mai als Tag der Befreiung verpflichtete und allgemein, wenngleich unter konservativem Protest, als Erlösung von der Verdruckstheit vorangegangener Sprachregelungen wahrgenommen wurde, mag einer heute stehen, wie er will. Wie vermutlich jede Sprachregelung schließt auch diese ein Schweigen ein – jenes berühmte »Schweigen über so viele Untaten«, auf dem Bertolt Brechts Gedicht mit dem Titel An die Nachgeborenen einst beharrte. Das Bittere wird verdrängt, um Platz zu schaffen: Jede neue Aufführung verlangt neue Helden und neue Texte. Bloß der Subtext bleibt und lässt die für den Alltagsgebrauch so wichtige Eindeutigkeit der Wörter verschwimmen, bis jeder hört, was er – nicht – hören will: »Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein.« – So ist es nicht. Wer heute Weizsäcker zustimmend zitiert, sollte zumindest im Hinterkopf haben, dass zu den damals selbstverständlichen Voraussetzungen seiner Rede die an Amerika orientierte Westbindung samt ihren Ursprüngen und Folgeeinrichtungen gehörte.

Dann aber sollte er wohl auch den Anstand besitzen, Farbe zu bekennen.

 

Rubrik: Der Stand des Vergessens
0
0
0
s2smodern
powered by social2s